Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1986: Blockhausbrief Nr. 30

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Es strahlt so schön
Predigt über 1. Korinther 13

1. Juni 1986
Einführung des Ehepaares Tiedemann und Verabschiedung des Ehepaares von der Dovenmühle durch Bischoff Dr. Sievers
Rede Oberkirchenrat Friedrich Ristow
Rede Rolf von der Dovenmühle
Rede Chris Tiedemann
Kirche, wache doch einmal als Ganzes auf

40 Jahre Evangelisches Jugendheim
Arbeitsberichte des Blockhauses Ahlhorn
Von der Übernahme bis 1951
1952 bis 1954
1955 bis 1957
1958 bis 1960
1961 bis 1963
1964 bis 1967
1968 bis 1971
1972 bis 1975
1976 bis 1979
1980 bis 1985
Über Pflanzen und Blumen rund um das Blockhaus
Der erste Küchengarten
 

Predigt über 1. Korinther 13

P. Appelstiel

Keiner muß lieben. Gott zwingt keinen Menschen zur Liebe. Jeder Tag, den Gott werden läßt, lehrt eindeutig, wie viele Möglichkeiten zu leben es gibt - Liebe ist nur eine davon. Keiner muß lieben - aber jeder muß wissen, was ihm entgeht, auf was er freiwillig verzichtet, wenn er nicht liebt und Liebe nicht sucht. Dazu lese ich das 13. Kapitel aus dem 1. Brief an die christliche Gemeinde der griechischen Stadt Korinth.

Paulus schreibt (Textverlesung):


[im Blockhausbrief nicht abgedruckt]
  1. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.
  2. Und wenn ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
  3. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
  4. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht,
  5. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
  6. Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit;
  7. Sie verträget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.
  8. Die Liebe hört nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird.
  9. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk.
  10. Wenn aber kommen wird das Vollkommne, so wird das Stückwerk aufhören.
  11. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, that ich ab, was kindisch war.
  12. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenn ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt werden.
  13. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Das sind große Worte. Sind sie zu schön, um wahr zu sein?

Nein, ich denke, sie sind so schön, weil sie wahr sind. Ich denke, viele schätzen diese Worte gerade darum so sehr, weil sie zutiefst wissen, daß diese Worte wahr sind, und weil sie sich nach der Wirklichkeit dieser Wahrheit für ihr Leben sehnen: Nun weiß ich, daß niemand vollkommen ist und keiner dies alles kann. Aber hätte ich nur ein Zipfelchen, ein einziges Steinchen, ein winziges Steinchen aus dem großen Mosaik dieses Kapitels - ich wär es unendlich zufrieden. Schon ein Steinchen ist ja ein unverwechselbarer, unverzichtbarer Teil vom Ganzen, denn Liebe ist der Sinn alles Tuns.

Dies ist mir aufgefallen, liebe Gemeinde, und ich war richtig erstaunt über diese Entdeckung: die Sinnfrage - die so oft laut oder leise gestellte Frage nach dem "Was soll's?" - diese Frage wird häufig gestellt in großer Lieblosigkeit, in starker Verzweiflung. Sinnlos, das meint fast immer auch lieblos. Jugendliche, die von Herzen kommend, zu Herzen gehend fragen: was soll's?, haben fast immer Lieblosigkeit erlebt mit Freunden oder in der Familie. Erwachsene, die nach dem Sinn fragen, fragen so nach erlebter Enttäuschung, nach Lieblosigkeit in Familien oder Beruf.

Wo geliebt wird, fragt jedoch kaum jemand nach dem Sinn. Da, wo geliebt wird, ist Sinn. Da versteht sich Sinn offenbar von selbst. Da, wo umarmt wird, geküßt, gepflegt, gesorgt wird, wo Liebe in ihrer mancherlei Gestalt buchstäblich am eigenen Leibe erfahren wird, da ist Sinn so stark erlebt, daß kaum jemand nach ihm fragen muß. Ohne Liebe also hat Tun wenig oder keinen Sinn.

Ein Pfarrer, der kraftvoll seiner Gemeinde die Liebe predigt, diese Gemeinde aber nicht liebt, ist vielleicht ein Schäferhund, aber bestimmt kein Hirte. Menschen, die ihre Kinder nach allen Regeln der Kunst unter Verwendung namhafter und dickleibiger Bücher erziehen, ihre Kinder aber nicht lieben, sind Erwachsene, aber keine Eltern. "Und hätte der Liebe nicht..." Ohne Liebe fehlt meinem Tun der Zusammenhang, der Sinn hinter allem Zweck. Ohne Liebe klinge ich bestenfalls anständig, nicht aber schön. Wo hingegen Liebe ist, hat mein Tun schon Sinn vor allen Dingen, braucht nach dem Sinn nicht mehr gefragt zu werden. Und Sinnlosigkeit, Trostlosigkeit und Verzweiflung kann von Liebe ertragen, getragen und auch überwunden werden.

Die Entspannung von Liebe und Sinn halte ich für wesentlich - wie auch die andere Entsprechung: Liebe ist die Würde des Lebens, der Existenz, des Seins. Ich denke da an eine Geschichte, die eindrücklich von Mutter Teresa erzählt wird: Auf einer Straße in Kalkutta entdeckte sie einen aussätzigen, dreckigen, sterbenden Mann. Sie nahm ihn mit in ihr bescheidenes Sterbehaus. Dort starb er nach kurzer Zeit. Vorher soll er noch gesagt haben: Ich habe draußen leben müssen wie ein Hund, hier drinnen aber sterbe ich wie ein Engel. Dabei hat sich nichts an ihm verändert: seine Armut nicht, sein Aussatz nicht, die Schrecken seines Sterbens nicht. Und dennoch spricht er von seiner Wandlung vom "Hund" zum "Engel". Diese Würde schafft allein die Liebe - für den Geliebten wie auch für den Liebenden. Würde ist nicht eine Sache des Aussehens, der Jugend oder der Gesundheit. Würde ist auch nicht bedingt durch Macht, Einkommen oder gar Besitz. Würde ist überhaupt keine Sache der Dinge.

Würde hat der Liebende und der Geliebte. Die Würde eines Vorgesetzten liegt nicht in seiner Position - die bringt ihm oft genug Spott und Furcht ein. Würdig wird er durch liebevolles Handeln in seiner vorgesetzten Stellung. Einem Lehrer hilft nicht sein Wissen zur Würde. Liebendes Wissen macht ihn würdig, das heißt, meistens gütig. Auch nicht die grauen Haare des Alters machen ihn würdig - ohne Liebe bleibt auch der Senior unwürdig. Würde ist allein eine Frucht der Liebe. Keiner muß lieben. Aber jeder muß wissen, was ihm entgeht, wenn er nicht liebt und Liebe nicht sucht: Würde und Sinn.

Es bleibt demnach immer wieder eine Frage mit den zwei Hälften: Was ist Liebe? Wie kann ich lieben?

Die Antwort ist ebenso einfach zu sagen wie schwer zu leben: Liebe ist sinnvolle, weil zweckfreie, Zuwendung. Liebendes Tun von Mensch zu Mensch verträgt alles bis auf eins: die Frage "Wozu?".

Wozu? - Das ist die Frage nach dem Zweck, nach dem "Was habe ich davon?". Es ist die Frage: "Was hast du mir zu bieten, wenn ich ..."

Diese Frage nach dem "Wozu?" ist das Ende der Liebe und der Beginn eines Geschäfts, eines Tausches. Ein erwartetes Ergebnis oder eine erwartete Reaktion aber ist das Ende einer Liebe. Erwachsene können nicht erwarten, daß ihre Liebe von den Kindern beantwortet, zurückgegeben wird. Wenn Erwachsene etwas tun für Kinder, dann aus Liebe und für die Liebe und nicht, weil sie geliebt werden wollen. "Das habe ich doch nur für dich getan, also..." ist ein gefährlicher Satz, weil er meistens endet mit den Worten "...also solltest du jetzt...". Auch Alte, Kranke können nicht erwarten, können nicht damit rechnen, gepflegt, geliebt zu werden. Liebe ist nur selbstverständlich, wo sie nicht aus Berechnung sondern als Geschenk gegeben und empfangen wird. Zuwendung, die nach nichts fragt, die kein Ergebnis sucht und keinen Zweck verfolgt, Zuwendung, die einzig dem anderen zugewandt bleibt und nicht in sich selbst zurückfragt - das nenne ich Liebe: Sinn, der keinen Zweck braucht. Ich weiß, wie schwer das ist.

Um so erstaunlicher ist es, wie viel solcher Liebe sich tagtäglich ereignet in unseren Häusern, wieviel geschieht im Stillen ohne Orden, ohne Denkmal, wieviel geschieht an Pflege, Fürsorge, Umarmungen, ohne daß wir davon wissen. Es ist mehr, als wir ahnen, und es ist oft herzlicher, als wir wissen. Doch bleibt es schwer, ja manchmal ist es unmöglich. Dann suche ich in meiner Kraftlosigkeit und Müdigkeit wieder einen Weg zu dieser Zuwendung, die ich Liebe nenne. Dann brauche ich neue Kraft, neuen Atem. Und selbstverständlich suche ich da, wo ich geliebt werde, nach neuen Möglichkeiten auch für meine Liebe. Wo sollte ich sonst suchen als da, wo Menschen sich mir zuwenden, ohne zu berechnen, wo Menschen sich anderen zuwenden, ohne nach dem Zweck zu fragen? Wo sollte ich besser nach Liebe suchen können als da, wo Liebe ist?

"Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" schreibt Johannes. Auch bei Gott will ich suchen - in seinen Worten, in seinen Feiern mit Brot und Wein, in all dem, was wir Menschen von ihm erzählen. Auch da will ich immer wieder fragen, hören, suchen nach dem Handeln in Liebe ohne Zweck. Gott wird mich Müden stärken, wenn ich verzage; er wird meinen Lasten Flügel schenken. Ich werde ihn herzlich darum bitten. Amen.


Anleger Helenensee
Am Anleger des Helenensees vor etwa 35 Jahren.
Helene hieß die Ehefrau von Julius Keimer, dem wir die Symphonie der Fischteiche verdanken.
Am Anleger liegen noch die alten Holzboote.
Am Kamin der Jungenburg
Oberprimaner aus Neheim-Hüsten 1948 am Kamin der Jungenburg
Foto: Erich Andres
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