Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1986: Blockhausbrief Nr. 30

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Es strahlt so schön
Predigt über 1. Korinther 13

1. Juni 1986
Einführung des Ehepaares Tiedemann und Verabschiedung des Ehepaares von der Dovenmühle durch Bischoff Dr. Sievers
Rede Oberkirchenrat Friedrich Ristow
Rede Rolf von der Dovenmühle
Rede Chris Tiedemann
Kirche, wache doch einmal als Ganzes auf

40 Jahre Evangelisches Jugendheim
Arbeitsberichte des Blockhauses Ahlhorn
Von der Übernahme bis 1951
1952 bis 1954
1955 bis 1957
1958 bis 1960
1961 bis 1963
1964 bis 1967
1968 bis 1971
1972 bis 1975
1976 bis 1979
1980 bis 1985
Über Pflanzen und Blumen rund um das Blockhaus
Der erste Küchengarten
 

Kirche, wache doch einmal als Ganzes auf

Peter Lehmann

40 Jahre Blockhaus Ahlhorn und Wechsel in der Leitung, das sind die Markanzen in diesem Blockhausbrief.

Über die historischen Einzelheiten zum Werden und Sein des Blockhauses ist immer wieder einmal berichtet worden und wieder beleuchtet wurde die Geschichte des Blockhauses in den zahlreichen Reden, die man in Würdigung dieser Einrichtung und der Verdienste des scheidenden Heimleiterpaares von der Dovenmühle und der Übergabe dieser Aufgabe an das neue Leiterpaar Tiedemann hielt.

Dies alles zu schildern und alle Reden zu bringen, würde den Rahmen eines schlichten Blockhausbriefes bei weitem sprengen. Da wäre dann schon eine umfangreiche Festschrift von Nöten. -

Mich treibt es da eigentlich mehr, meinen Gedanken, die mir während der Verabschiedungs- und Einführungsfeierlichkeiten so kamen, freien Lauf zu lassen. Und da möchte ich dies unter das Motto stellen: Kirche, wache doch einmal als Ganzes auf! - Wie stand es doch damals, als man im Blockhaus begann? - Aufbruchstimmung war in der Jugend und die Männer der Kirche konnten zaubern. - Heute reagiert nur zu oft Unsicherheit und St. Bürokratius. Wer zur Blockhauskirche geht und dort einen Gottesdienst erlebt, der erlebt hier das Wunder fortwährender Erneuerung und, auch wenn es nur Tagesgemeinden sind, immer wieder echtes Gemeindeleben. Das ist der Geist, in dem das Blockhaus entstand, diese Idee der Menschen, die damals nach dem Kriege den neuen Anfang wagten in ungebrochenem Optimismus. Die Generation der Trümmerfrauen und -männer, die Genies waren im Zaubern, Sich-Behelfen und lmprovisieren, die nicht fragten, sondern taten, diese Menschen waren es, die hier am Werke waren. Die tausend erschwerenden Vorschriften unserer heutigen Luxusgesellschaft gab es da nicht. Man freute sich und dankte Gott, daß mit seiner Hilfe alles überstanden war und freute sich des neu geschenkten Lebens. Man lag gerne dafür krumm, dieses befreite Dasein zu gestalten. Man brach auf zu neuem Anfang mit Gott und dem Leben.

Im Gottesdienst ist jedenfalls spürbar: Es ist fast immer eine Gemeinde, die dem ursprünglichen christlichen Gemeindewesen am ehesten in ihrer Lebendigkeit nahe kommt. Diese setzten sich unter Christus zusammen aus allen Schichten und Gliedern jeden Alters. Hier nun kommen Gruppen zusammen ganz verschiedenen Gepräges. Da sind Senioren, Familienrüstzeiten, Rüstzeiten für Diakone, Treffen von Kirchenvertretern, Rüstzeiten für Chöre, Kinderchöre und Erwachsene, Posaunenchöre, Soldatenrüstzeiten, Konfirmandengruppen, Kindergärten, Behindertenrüstzeiten, Schulchöre und -gruppen, kurz alles, was gerade im Hause ist. Alle sind nach Können und Vermögen gefordert, am Gestalten und Gelingen der Gottesdienste teilzuhaben. Es werden in Abstimmung quer durch die ganze Palette der jeweiligen Gruppen die Handlungen und Lesungen aufgebaut. So sieht jeder Gottesdienst dort immer wieder anders aus: Jugendliche oder Senioren halten die Lesung. Ein Pastor, Diakon oder Laienprediger hält die Predigt, wieder jemand anderes spricht ein Gebet. Ist ein Chor da, singt der oder es spielt jemand auf einem mitgebrachten Instrument. Ist ein Posaunenchor da, so tritt der in Aktion, oder aber es wird nur einfach schlicht gesungen, wenn keiner da ist, der ein Instrument zu spielen vermag.

Hier ist jeder bei der Sache - Kleinkinder, die umherlaufen oder auch einmal etwas sagen, fragen oder auch einmal Kummer haben, das gehört dazu, und niemand stört sich daran.

Kaminrunde nach dem Gottesdienst
Kaminrunde nach dem Gottesdienst
Foto: Peter Biel

Kein Wunder, daß Konfirmanden aus den umliegenden Dörfern lieber hier zur Kirche gehen und auch andere Leute von hier gerne einmal zum Gottesdienst zur Blockhauskirche kommen.

Ein guter Brauch ist es, nach dem Gottesdienst im Kaminzimmer bei einer Tasse Kaffee oder Tee zusammenzukommen und den Gottesdienst noch einmal im Ausklang durchzusprechen und auch Kritik an zubringen oder zu entkräften. Es wird hier ja eben auch so manches nicht so ganz Übliches einmal gewagt, und das ist gut, ist es doch Leben. So sollten von hier aus Impulse ins Kirchenleben hineinkommen, die es verhindern möchten, daß sich, wie Herr Oberkirchenrat Ristow es formulierte, Ratlosigkeit und Müdigkeit in der Jugendarbeit verspüren läßt, nein eigentlich doch breitmachen kann. -

Wie sieht es denn aus in der normalen Kirchengemeinde im Gottesdienst? Da sitzen Doch meist nur ein paar wenige, meist ältere Leute. Für sie ist die Predigt, die deren Erwartungen entspricht, und außerdem lümmeln sich da in die Pflicht genommene Konfirmanden und Katechumenen herum, die auf nichts sehnlicher warten, als auf das erlösende Amen. Von Gemeindeleben ist da eben nicht viel, und Jugend, soweit sie im Aufbruch religiös verankert ist, wendet sich nur zu leicht Sekten und Guruhs zu; denn hier finden sie das Gemeinschaftsgefühl, das sie in der Gemeinde vermißt. -

Wer nun waren die Männer, die den Blockhausgeist ins Leben riefen und bis heute erhielten? Es war jene Generation knorriger Kirchenmänner, die allen Anfechtungen während der Nazizeit zum Trotz eben Männer der Kirche geblieben waren und hier eben genau die Gemeinschaft gefunden und gelebt hatten: Notgemeinde, aufgenommen, angenommen im Schoße und Schutze Geächteter, die das "Wir-Gefühl" im Dienste am Schöpfer, der sie stark machte und ihnen überwinden half, kennengelernt hatten und nun Kraft und Ausstrahlung besaßen, große Gemeinden entflammter und entflammbarer Mitarbeiter und Mitstreiter um sich zu sammeln, sie konnten Idealismus wecken und so immer auch die richtigen Leute für die rechten Aufgaben finden und für die gute Sache einsetzen. - Solche Pfarrer, Gemeindeschwestern und Diakone gab es nach dem Kriege in großer Zahl, die echtes Gemeindeleben praktizierten. - Leider erkannte man aber auch höheren Orts deren organisatorischen Fähigkeiten und zog sie nur zu oft in die Verwaltung ab, nicht sehend, daß so das eben erblühende Pflänzchen "Gemeindeleben" im Verwaltungswesen erstickte und verkümmerte. Die nachgehende Seelsorge blieb immer mehr auf der Strecke und echt lebendige Gemeinde ist selten geworden.

Im Blockhaus aber blieb dieser Geist erhalten, und er ist über die Jahre zu so etwas wie ein Jungbrunnen der Kirche geworden. Er könnte es jedenfalls sein.

Hoffen wir, daß dieser Geist auch ausstrahle auf das Leben in den Gemeinden und nicht eines Tages im Anspruchsdenken und im Paragraphenwald von Vorschriften, Bürokratie und Dogmen erstickt. Der Kirche und ihren Einrichtungen ist noch nie der Überfluß gut bekommen, weil hier keine Notwendigkeit zum "Wir Miteinander" besteht, in der Einschränkung oder Beschränkung aber gedeiht Besinnung, darum besinnt Euch und wacht auf!

Nicht der größere Luxus und noch mehr Bequemlichkeit machen die Kirche sondern die Besinnung auf die eigentlichen Werte.


    zurück zum Seitenanfang