Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1986: Blockhausbrief Nr. 30

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Es strahlt so schön
Predigt über 1. Korinther 13

1. Juni 1986
Einführung des Ehepaares Tiedemann und Verabschiedung des Ehepaares von der Dovenmühle durch Bischoff Dr. Sievers
Rede Oberkirchenrat Friedrich Ristow
Rede Rolf von der Dovenmühle
Rede Chris Tiedemann
Kirche, wache doch einmal als Ganzes auf

40 Jahre Evangelisches Jugendheim
Arbeitsberichte des Blockhauses Ahlhorn
Von der Übernahme bis 1951
1952 bis 1954
1955 bis 1957
1958 bis 1960
1961 bis 1963
1964 bis 1967
1968 bis 1971
1972 bis 1975
1976 bis 1979
1980 bis 1985
Über Pflanzen und Blumen rund um das Blockhaus
Der erste Küchengarten
 

Es strahlt so schön

Rüdiger Will

Ursprünglich sollte über dem folgenden Artikel eine andere Überschrift stehen. "Babylon - noch heute lebendig", "Von der Vollkommenheit unserer Sprache" - oder etwas Ähnliches.

Doch als ich einschlägige Presseerzeugnisse studierte, das Medienangebot wahrnahm, die Summe alltäglicher Begegnungen und Diskussionen zog, wurde mir folgendes klar:

Von einer babylonischen Sprachenvielfalt ist zwar zu reden. Auch mag es im Lande großer Dichter und Denker, deren wir uns ja so oft rühmen, Streben nach sprachlicher Vervollkommnung gegeben haben. Aber wer sich heute mit diesem Thema zu beschäftigen hat, kann nur noch eine Verkommenheit des sprachlichen Ausdrucks konstatieren.

Wieso? Begegnen sich nicht täglich bei uns Menschen vieler Kulturkreise, vieler gesellschaftlicher Gruppen, die ihre eigene Sprache mitgebracht haben und sie untereinander gebrauchen? Ist denn nicht der im Vorteil, dem es gelingt, möglichst viele fremde Sprachen zu erlernen und damit eine Verständigungsbereitschaft zu signalisieren in einer sonst so kontaktarm bezeichneten Umwelt?

Tatsächlich aber wachsen "Untersprachen" heran. Sie entstehen immer deutlicher inmitten eines Sprach-Überbaus. Vokabeln, Worte, Sinngebungen tauchen auf, die man früher nicht kannte. Neben die berühmt-berüchtigte "Sprache Kanaans" der Kirche sind technische Ausdrucksweisen getreten. Da ist die Sprache der jungen Generation mit oft nur ihr eigenen Ausdrücken. Soldaten, Soziologen, Mediziner haben ihren eigenen sprachlichen Bereich. Und wie die Erfahrung zeigt, werden diese jeden Tag nachzuprüfenden Kommunikationsweisen einer typisch gruppenspezifischen Sprache hauptsächlich dazu verwendet, sich und die eigene Gruppe gegenüber anderen abzugrenzen. Dieses Problem ist nicht neu. Sprachforscher kennen es. Soziologen und Pädagogen werden täglich damit konfrontiert. Man könnte damit leben und Abgrenzungen abbauen, wenn eine Gruppe bereit wäre, die Ausdrucksweise einer anderen zu lernen, so wie man eine Fremdsprache erlernt.

Zugleich sollte man aber den Wunsch der Gruppe nach der ihr eigenen Ausdrucksweise respektieren. Das ist schwierig, und die Verstehens- und Verständigungsdefizite etwa zwischen älterer und jüngerer Generation greifen tief ins Familienleben hinein.

Nun ist das aber alles noch keine Verkommenheit, sondern eine neubabylonische Sprachenverwirrung. Es täte ein zweites biblisches Sprachenwunder - wie in der Pfingstgeschichte des Neuen Testamentes beschrieben - allen Beteiligten gut. Aber wer darauf wartet, kann wohl sehr alt werden ...

Neben Vielfalt tritt Einfalt

Doch inzwischen ist neben dieses allgemein erkannte Kommunikationsproblem ein anderes getreten. So behutsam, daß es zunächst gar nicht wahrgenommen wurde: Unsere "Übersprache" verkümmert. Mehr und mehr werden Begriffe und Worte ihrer ursprünglichen Mehrfach-Bedeutung beraubt und erhalten neue Funktionen. Sie werden nur noch in einem ganz bestimmten Sinn gebraucht, und dieser Sinn wird durchweg negativ verstanden. In der Garküche der Sprachenentwicklung gerinnt die quellende Wörterschaft zur klebrigen Gallertmasse.

Die sich ändernde Umgangssprache wie auch der wachsende Einfluß der Medien haben gleichermaßen an der Wiege dieses Prozesses gestanden. Die Beweise liegen auf der Hand und sollen mit wenigen Beispielen verdeutlicht werden.

Kein Normalbürger unserer Zeit wird sich erlauben, vom fröhlichen Bumsen an die Tür zu reden oder zu schreiben, nachdem dieses Verb seit Jahren vom obszön-sexuellen Sprachgebrauch aufgesogen und fast nur noch zur Darstellung einer bestimmten zwischenmenschlichen Aktivität pervertiert wurde.

Die unschuldige Farbe grün tritt neuerdings immer mehr zusammen auf in Verbindung mit den Ansprüchen jener einst ökologisch orientierten Partei, die sich selbst die Bezeichnung "Grüne" gegeben hat. Wer das Wort hört oder liest, wird es zunächst auf diesen Sinn hin abfragen.

Auch die Welt der Atomwissenschaft mit ihren kühnen Zukunftsversprechungen hat in den Sprachgebrauch Einzug gehalten. Früher strahlte die Sonne vom Himmel, ein junges Mädchen beim Tanz, das berühmte Kinderaug' zu Weihnachten. Wenn heute vom "Strahlen" die Rede ist, fragt man mißtrauisch nach Radioaktivität, Grenzwerten, Bequerel-Einheiten für Obst, Salat und Dünensand. Der linguistische Sündenfall hat das liebliche Strahlen abgeschoben in die düstere Ecke der Zukunftsängste?

Martin Luther, Bibelübersetzer und zugleich Schöpfer der deutschen Einheits-Schriftsprache, dürfte sich mehrfach im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, was unsere Zeit aus dem für fromme Menschen unentbehrlichen Begriff "bekennen" hat werden lassen. Weit abseits der ursprünglichen Bedeutung, gerichtet auf eine bestimmte und feste Glaubenshaltung, die man allen widrigen Umständen zum Trotz öffentlich bestätigt, wird das Wort gebraucht im Zusammenhang mit Angst und Schrecken terroristischer Aktivitäten. Ein "Bekennerbrief", geschrieben von Menschen, die sich zu einem Anschlag "bekennen" ist wohl das Letzte, was der Reformator hinter dem Begriff einer gesunden Frömmigkeitshaltung vermuten würde.

Die Reihe wäre fortzusetzen. Das Ergebnis: vielleicht Frustration und die Meinung "wir können da ja doch nichts dran ändern". Damit, denke ich, machen wir es uns zu leicht. Auch im Garten lasse ich das Unkraut nicht wachsen, nur weil es grün ist. Ich weiß, daß sein Wachstum den anderen Pflanzen, die mir anvertraut sind, nicht bekommt. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten. Wir könnten die Medien, die wir gebrauchen, besser kontrollieren, Reporter und Journalisten um einen sorgfältigeren Gebrauch unserer Sprache bitten.

Wir sollten Theaterstücke, die von der Fäkalsprache ihrer Autoren leben wollen, als das bezeichnen, was sie sind, Mist, und uns nicht von einem pseudokünstlerischen Anspruch irritieren lassen.

Auch Prediger, denen das heilige Wort Gottes anvertraut ist, stehen in Gefahr zu schludern. Sie sollten sich kontrollieren und bereit sein, von anderen Korrektur anzunehmen. Freilich muß gerade da manches "schwache Fleisch der Selbstgefälligkeit" ausgeätzt werden. Wir wollten in Häusern, die der Aussprache und Diskussion dienen, wie etwa die Begegnungsstätte Blockhaus Ahlhorn, im sprachlichen Umgang miteinander sorgfältiger werden und manches nicht mitmachen, was gerade Mode ist. Das hat mit einem sprachlichen Puritanismus nichts zu tun. Wohl aber mit der Chance, über gruppenspezifische Sprachenbarrieren hinweg und gegen die Bequemlichkeit linguistischen Schubladentums anzugehen. Denn nur, wer das menschliche Wort recht gebraucht und seine Schönheit kennt, hat offene Ohren für das lebenschaffende Wort unseres Gottes, das ihn betrifft und betroffen machen will in seiner Existenz.


Blühende Blumenrabatte
Blühende Blumenrabatte - Foto: Herbert Engels
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