Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1985: Blockhausbrief Nummer 29

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Die Heide blüht wiedter
Vom Charakter der Begriffe
Gottesdienste im Blockhaus Teil 1
Gottesdienste im Blockhaus Teil 2
Gedanken zu Gottesdiensten in der Blockhauskirche
Das Marmorkreuz in der Blockhauskirche und andere Zeichen mahnen zu Frieden und Versöhnung
Edmund Haake, Schicksal eines Freundes
Eltern und Abendmahl
Liebe Chefin!
Ein später Liebesbrief
Blockhaus Ahlhorn - Ein Seemannstraum
Erinnerungen an das Blockhaus Ahlhorn
Blockhausgeschichten
Ahlhorner Teiche
"Betreten für Unbefugte verboten"
Die staatlichen Fischteichanlagen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 3.1. bis 20.12.1984
 
Der Altbau einmal anders (Foto: Sonja Latusseck

Ein später Liebesbrief

Siegfried Weissinger

Vor fast 40 Jahren sah ich Dich zum ersten Mal, Du herrliches Kleinod in Gottes wunderbarer, weiter Schöpfung. Es war ein lichtvoller Augenblick in allem damals hinter uns liegenden, uns noch umgebenden Dunkel der Herzen und Sinne. Aber in Deinem Angesicht spiegelten sich die Sonne und alles, was sie an bunten Schönheiten in der Natur beschien, Du, mit Deinen Wäldern und Seen. "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn!", das wurde in all den Jahren danach oft gesungen und erlebt bei Tag und bei Nacht, in der Stille allein und in Gemeinschaften. Wie viel Segen ist wohl vom Ev. Jugendheim Blockhaus Ahlhorn ausgegangen in unser Land und über seine Grenzen hinweg, im Schauen, im Sinnen, im Hören auf Gottes Wort und Gesprächen untereinander in mancherlei Sprachen. Nur Einer weiß es - Alles!

Alt geworden kehrte ich kürzlich wieder einmal in einer Gruppe alter Behinderter bei Dir ein. Jung geblieben aber war in mir ein unerfüllter Wunsch. Inmitten so vieler längst vertrauter Wege und Winkel war doch der eine, immer ersehnte, nie betretene, ja, ja, ich weiß, der verbotene Weg!

Es war ein heißer Tag. Die Sonne sank hinter Wald und See. Die Alten schliefen. Die Mitarbeiter saßen noch, den vergangenen Tag bedenkend, den kommenden planend, beisammen. Ich schlich mich davon, nur die Kamera mit mir. Vorbei an dem Verbotsschild! Die längst verlassenen Brutstätten vielleicht auch seltener Vögel milderten nur wenig mein schlechtes Gewissen. Das Riet war höher als ich, das Gras über Kniehöhe. Ich ließ mir viel Zeit. Weiße Wolken am blauen Himmel, letzte Strahlen der untergehenden Sonne. Dann und wann noch Vögel zwitschernd, Frösche quakend, Karpfen plantschend - sie vertieften nur die Stille. Vom Wildwuchs auf stieg das nächtliche Dunkel zum blauen Himmel, an dem der Mond sichtbar wurde. Rund um mich keine Sicht. Wie weit mag der Weg zwischen den Teichen noch sein? Weiter oder zurück? - Dann war es doch geschafft; das heißt, ich stand vor einem hohen Tor, mit - das paßte so gar nicht zu Dir, liebes Ahlhorn - Stacheldraht bespannt. Endlich glücklich, das Überklettern geschafft zu haben, sprang ich hinab - und blieb hängen, mit Haut und Hemd und Jacke an einem rostigen Nagel. Ungeahnte Kräfte befreiten mich. Zu recht bestraft fühlte ich mich. Ich verstand auch das Kopfschütteln der mich verbindenden Schwestern und gestand mir am nächsten Tag das selbst verschuldete Streiken des Herzens auf schneller Fahrt ins Krankenhaus ein.

Zur Fülle schönster Erinnerungen an Dich, liebes Ahlhorn, gesellten sich die Erfahrungen, schnellste Hilfe wird bei Dir dem zuteil, der sie braucht; aber auch spitzbübische Freude eines erfüllten Wunsches und zum Schluß die Hoffnung, daß Du mir mein "Alter schützt vor Torheit nicht" vergeben wirst, zumal ja mindestens die Leser dieses Briefes gewiß nur auf Deinen vielen guten, schönen Wegen wandern werden.

Bleib' wie Du warst und bist, erfreue Viele, die bei Dir einkehren und sei mit Heimweh gegrüßt!

Dein Siegfried Weissinger.

    zurück zum Seitenanfang