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Vom Charakter der BegriffeRüdiger Will
Da kamen wir vom Friedhof. Es war nur eine kleine Beerdigung gewesen. Natürlich alles, was dazugehört, wie man so sagt. Aber ohne den Pomp, der mitunter schon peinlich wirkt, aber von dem manche Familie meint, er sei um des lieben Verblichenen willen unentbehrlich. Nun, wir kamen vom Grabe und, wie das so ist, unterhielten uns in der Gruppe der Trauergäste über den Verstorbenen. Er war mehr als ein Bekannter, er war uns ein guter Freund gewesen. Wie sollte es nun weitergehen, in seiner Familie, im Freundeskreis, an seiner Arbeitsstelle? Lob klang auf. Wir sprachen über seine Art, anderen Menschen zu begegnen, Probleme anzugehen und zu meistern, unkonventionell mitunter, aber auf irgendeine Weise souverän. Von seinem guten Charakter hatte der Pfarrer in seiner Trauerrede gesprochen, und mancher in den Reihen der Zuhörer hatte bestätigend genickt. Ein guter Charakter - damit wird vieles gesagt und positiv gewertet - und zugleich etwas angedeutet, was dem Menschen individuell eigen und unverwechselbar ist. "Charakter" - ist das nicht so etwas wie der Kern einer Frucht, das Leuchten eines Sternes, das Strahlen eines Edelsteins? Das ist dem einen gegeben, kein anderer kann es übernehmen. Du kannst einen Charakter nicht kaufen, und wenn du ihn bloß imitierst, weil es dir so für deine eigene Umwelt passend scheint, wirkt es und wirkst du tölpelhaft und fällst der Verachtung der Ehrbaren anheim... Der Freund war tot, und einer aus unserer Gruppe sprach aus, was die anderen dachten. Und es klang so nüchtern und herzlos, daß wir erschraken - ob der Aussage und Richtigkeit zugleich. "Es wird schon weitergehen. Jeder Mensch ist letztlich ersetzbar". Also auch der Charakter? In seinem Buch "Die Jeromin-Kinder" schrieb Ernst Wiechert folgenden Abschnitt: "...Auch den Leutnant sehe ich, wie er bei Verdun in seinem Trichter lag und ein bißchen lächelte und zu dir sagte: 'Wie ist es jetzt mit der Wahrheit, Jeromin?' Jons seufzte: 'Ich weiß es wohl immer noch nicht, Tobias.' Es ist eine falsche Frage, eine Menschenfrage. Da wird doch sehr deutlich, daß nicht nur Menschen "Charakter" haben. Daß Charakter jedem Ding eignet, jeder von Gott geschaffenen Kreatur, aber auch jeder Begrifflichkeit, mit der zwischenmenschliche Kommunikation wichtig und nötig ist. Und daß die Nennung eines Begriffs zugleich Kenntnis seines ihm eigenen Charakters bedeutet, oft Zustimmung oder seine Ablehnung. Und es scheint, als könnten die Charaktere der Begriffe die der Menschen bei weitem überdauern. Ja, noch mehr: als seien sie untereinander keineswegs austauschbar. Die weisen Bücher der Menschheit können dafür Beispiele liefern. Wer die Bibel etwas näher kennt, erinnert sich an Aufzählungen wie "Weg, Wahrheit und Leben", "Friede Gottes und menschliche Vernunft", "Glaube, Hoffnung, Liebe". Wir haben unsere ganz bestimmten, durch soziales Umfeld oder eigenes Herkommen geprägten Vorstellungen von solchen Begriffen, und wir müssen sie um der Verständlichkeit willen aus dem Astralleib des Abstrakten in konkrete Bilder verwandeln und sie verdeutlichen. Das und das bedeutet für mich Liebe, so und so möchte ich Frieden definieren, damit er für mich und andere wirksam werden kann. Dabei begehen wir keine Vergewaltigung, kein rüpelhaftes Gebahren wird angekreidet. Wir sind in der besten Gesellschaft. Hat nicht Gott selbst "Sein Wort", um es verständlich werden lassen, in die Konkretion des Leibes Jesu Christi verwandelt? Jons von den Jerominkindern seufzt, weil er im Granatenhagel vor Verdun dem Leutnant nicht die Wahrheitsfrage beantworten kann. Als Jesus vor Pilatus steht, tut dieser den Begriff "Wahrheit" etwas von oben herab. "Was ist schon Wahrheit?" fragt der römische Militärpolitiker und eint sich damit mit Gleichdenkenden über Jahrhunderte hinweg. Ist die Frage jemals eindeutig beantwortet worden? Ist Wahrheit nicht vielmehr nur interpretiert und zum jeweiligen nützlichen Gebrauch "kosmetisiert", dem Fragenden zu Gefallen? Doch Menschen fragen immer wieder nach Wahrheit. Forscher forschen, Schreiber schreiben, Denker denken - aber wozu? - Weder der Leutnant noch Jons können die Wahrheit erforschen, die in dem Geschehen vor Verdun verborgen war. Liegt aber Wahrheit nur in den Katastrophen der Menschheitsgeschichte - der vergangenen wie der noch kommenden? Real ist der Streit zwischen Menschen seit Kains und Abels Zeiten, real ist der Hungertod für Millionen in der Dritten Welt heute, real ist die Angst vor von Menschenhand gemachten Umweltkatastrophen. Aber - sind sie "wahr"? Ist Wahrheit nicht eigentlich ein Charakter, der mit dem lebendigen Gott zu tun hat? Und wer das Wort Gottes, nämlich Christus ablehnt, wird "Wahrheit" nie definieren können. Christus ist aber Gottes Liebe. Dann hätte Ernst Wiechert recht. Es könnte zum einmaligen Austausch eines Charakters kommen: "Liebe" einzusetzen für die Wahrheit. Denn auch dieser Charakter "Liebe" bezieht sich auf den Hintergrund eines allmächtigen Gottes. Wer seufzt zeigt Unzufriedenheit, möchte Änderung, Besserung. Geseufzt wurde nicht nur vor Verdun. Millionen Menschen heute seufzen, weinen, schreien über ein unnützes, verdorbenes, kaputtes Leben. Millionen seufzen in einer Welt, die so gar nicht mehr Welt Gottes scheint, seufzen nach Liebe, Verstehen, Gerechtigkeit, Frieden. Soll das alles nur Wunsch bleiben, bestenfalls Vision einer besseren Welt? Viele Menschen, die zum Blockhaus kommen, erfahren Dinge, die in ihrem Leben oft selten geworden sind: Natur, Stille, gemeinsames Nachdenken über Lebensfragen, über Gott. Sie lernen wieder den Charakter der Begriffe kennen. Den Hintergrund, den die Schöpfung hatte, als Gott sein "es werde" sprach. Der Hintergrund, der allein das Bild dieser Welt und unseres eigenen Lebens farbig und plastisch werden läßt. Erst vom Verstehen des Charakters der auf Gott bezogenen Begriffe her lassen sich auch die eigenen individuellen menschlichen Charaktere ordnen und zu einer gottgewollten mitmenschlichen Wirksamkeit führen. Wahrheit oder Liebe? Menschheitsfragen harren immer neu des Nachdenkens. |
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