Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1985: Blockhausbrief Nummer 29

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Die Heide blüht wiedter
Vom Charakter der Begriffe
Gottesdienste im Blockhaus Teil 1
Gottesdienste im Blockhaus Teil 2
Gedanken zu Gottesdiensten in der Blockhauskirche
Das Marmorkreuz in der Blockhauskirche und andere Zeichen mahnen zu Frieden und Versöhnung
Edmund Haake, Schicksal eines Freundes
Eltern und Abendmahl
Liebe Chefin!
Ein später Liebesbrief
Blockhaus Ahlhorn - Ein Seemannstraum
Erinnerungen an das Blockhaus Ahlhorn
Blockhausgeschichten
Ahlhorner Teiche
"Betreten für Unbefugte verboten"
Die staatlichen Fischteichanlagen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 3.1. bis 20.12.1984
 
Spinnengewebe auf einem Kiefernzweig (Foto: Markus Klöpper)

Predigt am Sonntag, dem 10. März 1985

Evangelium des Lukas 9; 57 - 62

  1. Und sie gingen in einen anderen Markt. Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hingehst.
  2. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege.
  3. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
  4. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; Gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes!
  5. Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind:
  6. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Wer wird klug aus diesen Worten Jesu? Ein Mann scheint von der Sache Jesu überzeugt und begeistert zu sein. Er hat sich für Jesus entschieden. Das verdiente höchstes Lob. Wir hören von Jesus kein Lob, sondern eine Warnung. Das überrascht.

Wer Jesus folgen möchte, bedenke, daß er damit schlechter dran ist, als die Füchse oder die Vögel. Die haben wenigstens noch ihre Höhlen oder Nester. Dem Begeisterten wird nahegelegt, ob er wirklich genau bedacht hat, was ihn erwartet, wenn er sich Jesus anschließt.

Einen zweiten spricht Jesus an. Er fordert ihn auf mitzukommen, doch dieser Mann muß zuvor noch seinen Vater bestatten, einer heiligen Pflicht nachkommen. Er ist grundsätzlich nicht unwillig, aber der tote Vater verlangt seinen Dienst, einen letzten Liebesdienst. Welch eine Zumutung, diesem Mann zu sagen: "Laß die Toten ihre Toten begraben....."?

Ein dritter macht den Eindruck gründlicher Gewissenhaftigkeit. Er scheint genau zu wissen, wenn er mit Jesus geht, muß er sich vor allem, was ihm lieb und teuer ist, lossagen. Er möchte gerne seine Verhältnisse in Ordnung zurücklassen. Wer versteht die Härte Jesu: "Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück....."?

Was mag das für einer sein, der seinen Gefolgsleuten solch Unbegreifliches zumutet, andererseits vor den harten Folgen eines Entschlusses, ihm zu folgen, warnt? Ein radikaler Revolutionär, auf dem Wege zur alles entscheidenden Schlacht, könnte vielleicht so reden. Die Lage ist bitterernst! Es ist Eile geboten! Vorwärts und nicht zurückgeschaut!

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er hat Todfeinde. Aber er will diese Stadt nicht erobern Er ahnt, sein Weg führt ihn in den Untergang. Kurz zuvor waren sie durch eine Ortschaft in Samarien gekommen. die Leute des Dorfes wollten nichts mit ihm zu tun haben Da forderten die Jünger Jesus auf, Feuer vom Himmel regnen zu lassen, um den Bewohnern deutlich zu machen, wen sie beleidigt hatten. Jesus lehnt ab. Er will keine Gewalt, keine Revolution. Sein Vorhaben bringt nicht den Untergang über andere, sondern nur über sich selbst.

Worauf laufen die harten Worte Jesu hinaus? Nichts gegen ernste Worte. Manchmal tun sie uns gut, manchmal jucken unsere Ohren geradezu nach ihnen. Wenn ich mich jetzt entscheiden müßte? Da käm ich in arge Verlegenheit. Hier heißt es, die Bindung an den Vater lösen, an anderer Stelle von Eltern und Geschwistern um Jesu Willen sich loszusagen. Aber der gleiche Jesu will die Entscheidung nicht erlauben. Die Ehe ist eine Ordnung der Schöpfung Gottes. Die Bindung an Eltern und Geschwister muß etwas Gottgewolltes sein. Da beruft sich Jesus einmal auf das Alte Testament: "Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!" Ein anderesmal sagt er: "Ihr habt gehört, was zu den ALTEN gesagt ist, ich aber sage euch....." Jetzt folgen die Worte der Bergpredigt.

Da ist doch vieles widersprüchlich! Kann man aus den Worten Jesu eine Lehre zusammenstellen? Ich käme dabei in Verlegenheit. Es wird versucht. Doch über diese Versuche gibt es in den Kirchen und an den Hochschulen viel Streit. Was ist richtig oder falsch? Ich denke, die Worte Jesu wollen nicht eine Lehre über das Reich Gottes und wie man sich darin korrekt verhält uns anbieten. Das nicht! Die biblischen Geschichten sind so angelegt, daß mit ihnen der Lebendige uns gleichsam begegnet. Jetzt in diesem Augenblick. Da mag unsereiner spüren, wenn ich dem nahe bin, brauche ich mich nicht mehr an diese arge Welt verlieren.

Die Höhlen der Füchse und die Nester der Vögel.....? Ich wohne in einem festen Steinhaus. Aber ich weiß, einmal muß ich da heraus. Einmal bleibt auch mir noch nicht einmal Höhle oder Nest..... Hier aber spüre ich, einem zu begegnen, bei dem ich zu Hause bin, gleichgültig ob ich nun ein Dach über dem Kopf habe oder nicht.

Ich weiß, alles was ich liebe, werde ich einmal loslassen müssen. Je reicher ich sein werde, umso schmerzlicher wird es. Wie wäre es, wenn ich spürte, daß der, dem ich hier begegne, selbst Sterbende festhält und nicht wieder losläßt?

Im Bilde gesprochen habe auch ich meine Hand an einen Pflug gelegt und ziehe meine Furchen. Woran hängt mein Herz, was habe ich nicht alles vor? Ich weiß, es kann schnell kommen, daß mir alle meine Pläne aus der Hand fliegen. Aber vor einen Pflug gehörte in alter Zeit ein Vorgespann. Was wäre, wenn ich spürte, daß mich schon jemand zieht. Wohin auch immer! Jetzt aber gilt es, sich festzuhalten, sich ziehen zu lassen.

Die biblischen Geschichten wollen mir jemanden begegnen lassen. Dieser Jemand macht auf sich aufmerksam. Der möchte mich ziehen, aufheben und tragen. Er lädt mich ein wie alle, die mühselig und beladen sind. Das ist kein strenger Befehl, das ist eine feste, freundliche Zusage. Wenn ich sie beherzige und mich von ihr tragen lasse, sind die Schwierigkeiten, die mir mein Leben bietet, nicht einmal gelöst. Ich werde meine Furchen in irgendeine Richtung ziehen müssen. Aber ich weiß, daß da jemand mit mir unterwegs ist. Meine Entscheidung, richtig oder falsch, gut oder böse, wird er mittragen und - davon bin ich überzeugt - Unmenschliches wird nicht dabei herauskommen. Amen!

Gesprächsrunde im Kaminzimmer

Aus den Gesprächen im Kaminzimmer, zu denen Heimleiter a. D. Rolf von der Dovenmühle im Anschluß an den Gottesdienst einlädt, kommt kein Prediger "ungerupft" heraus. Dieser hatte sich anerkennenswerterweise nicht vor dem schwierigen Text gedrückt, aber er mußte sich des Vorwurfes erwehren, die Predigt habe die Schärfe der Jesusworte allzu sehr abgemildert und das Geforderte zur Unverbindlichkeit werden lassen.

Otto Bunnemann

Es sollte hier der Versuch unternommen werden. die Vielfalt der Gottesdienste an zwei Beispielen zu verdeutlichen. Die Zusammenführung der unterschiedlichen Gruppen sollen Teil des evangelischen Auftrages des Blockhauses sein und die Gottesdienste zum Treffpunkt für Leute verschiedensten Glaubensrichtungen und Auffassungen werden.

Es bleibt also nur zu hoffen. daß diese Gottesdienste auch weiterhin jedem Teilnehmer einen "Handstock für die kommende Woche", wie Marinedekan Friedrich Ronneberger einmal sagte, in die Hand geben.

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