Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1985: Blockhausbrief Nummer 29

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Die Heide blüht wieder
Vom Charakter der Begriffe
Gottesdienste im Blockhaus Teil 1
Gottesdienste im Blockhaus Teil 2
Gedanken zu Gottesdiensten in der Blockhauskirche
Das Marmorkreuz in der Blockhauskirche und andere Zeichen mahnen zu Frieden und Versöhnung
Edmund Haake, Schicksal eines Freundes
Eltern und Abendmahl
Liebe Chefin!
Ein später Liebesbrief
Blockhaus Ahlhorn - Ein Seemannstraum
Erinnerungen an das Blockhaus Ahlhorn
Blockhausgeschichten
Ahlhorner Teiche
"Betreten für Unbefugte verboten"
Die staatlichen Fischteichanlagen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 3.1. bis 20.12.1984
 
Flötengruppe Sonja Latusseck während des Gottesdienstes

Gottesdienste im Blockhaus

In der Blockhauskirche werden Gottesdienste verschiedener Art gehalten. Sie sind zusammen gesehen wie ein bunter Blumenstrauß.

Es ist schon Tradition im Blockhaus, daß die anwesenden Gruppen mit ihren jeweiligen Leitern am sonntäglichen Gottesdienst teilnehmen. Diese Gottesdienste sind so gehalten, daß Erwachsene und Kinder gemeinsam ihren Ablauf miterleben und mitgestalten.

Zwei Beispiele möchte ich Ihnen mit den folgenden Gottesdiensten vorstellen:


Blockhausgottesdienst am Sonntag, 14. 7. 1985

Der Gottesdienst hat die Menschenfreundlichkeit Jesu Christi zum Leitthema. Der Liturg liest eine neue Ubersetzung des 1. Psalmes vor, worauf Frau Sonja Latusseck einen Abschnitt in den Gottesdienst einfügt, den sie selbst "Aktion" nennt:

"Bitte benutzen Sie die verteilten Zettel und Stifte, überlegen Sie sich, was für Sie Freundschaft ist, und schreiben Sie mit dem Anfangssatz:

Ein Freund ist jemand, der [z. B.: mir zuhört]."

Im Anschluß daran trägt sie eine überarbeitete, erzählte Form einzelner Textstellen des Neuen Testamentes vor, die sie mit eigenen Predigtausführungen erläutert.


Psalm 1

Glücklich die Kirche,
die nie aufhört zu fragen,
die nie aufhört zu suchen.

Glücklich die Kirche,
die sich selber in Frage stellt,
die über sich selber lächeln kann.

Glücklich die Kirche,
die Freiheit verbreitet aus ihrem Glauben,
die Freude ausstrahlt aus ihrem Leben.

Glücklich die Kirche,
die den Menschen neue Zuversicht schenkt,
die den Frieden und die Gerechtigkeit in die Tat umsetzt.

Glücklich die Kirche,
die ein Ort der Menschlichkeit ist in einer unmenschlichen Welt,
sie könnte selber Modell sein für eine gute Zukunft.

Glücklich die Menschen dieser Kirche,
sie brauchen keine Angst zu haben,
von Gott und den Menschen verlassen zu sein.



Ein Freund ist jemand, der ...

  • da ist
  • er ist für mich eine Kraft
  • er ist für mich erreichbar
  • Ein Freund ist für mich eine stützende Schulter
  • eine warme Hand
  • ein offenes Gesicht
  • Ein Freund hat warme, freundliche Augen
  • er hält seine Arme geöffnet
  • er sieht mich an
  • er ist fühlbar und zart
  • Ein Freund zeigt mir nicht seine Stärke, sondern seine Schwäche
  • Er läßt mich nicht seine starke Hand spüren, sondern er streichelt mich
  • Ein Freund verschließt sein Herz nicht, er läßt mich Einblick haben und Anteil nehmen.

Sie sagt dann selbst, was für sie Freundschaft ist:

FREUNDSCHAFT ist etwas Wohltuendes

Bewahrendes,
Schützendes und Wärmendes.

Freundschaft kann trösten
- stützen
- helfen
- heilen

Freundschaft macht Freude, sie läßt mich lachen, sie macht mir und Dir Leben möglich.

Oft erlebe ich, wie schwer es mir fällt, das Wort Freund und den Begriff der Freundschaft mit Leben zu füllen und es wirklich zu leben.

Ich bemerke, daß es gar nicht so einfach ist, mein Leben freundlich zu leben. Freundlich nicht so verstanden, das immerwährende Lächeln auf dem Gesicht zu tragen. So nach allen Seiten gleichbleibend angenehm. Sondern "freundlich", so verstanden, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Ich bin kein Mensch, der sich täglich zu festgesetzten Zeiten einer Bibelpflichtlektüre unterzieht. Ich sehe mich vielmehr als jemand, der versucht, diesen Jesus Christus ernst zu nehmen und das, was er gelebt hat, bruchstückweise zu leben, zu erfahren und weiterzugeben.

Ich möchte Sie heute morgen an die Hand nehmen und mit Ihnen gemeinsam nachdenken, wann und wie Jesus "als der Freund" auftritt. Vielleicht kann das eine oder andere uns Anstoß und Wegzeichen sein.

Matthäus 8

Ein Mensch, der an einer schwer ansteckenden Krankheit litt, kam zu Jesus und sagte: "Mach mich wieder gesund." Jesus sah ihn an, faßte ihn an und sagte: "Du bist gesund."

... er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach.

Jesus nahm den ansteckend Kranken wahr;
er hatte keine Angst, ihn zu berühren, sich vielleicht sogar anzustecken.
Jesus faßt diesen Menschen, der von allen gemieden wird, an;
Er zeigt ihm Nähe und gibt ihm die Gewißheit:
hör zu, du bist nicht alleine.
Seine Zusage ist eindeutig für alle Menschen.

Matthäus 14,22-35

Die Freunde Jesu sind allein. Sie sind in einem Schiff mitten auf dem Meer. Die See ist stürmisch. Die Freunde haben Angst. Es wird dunkel. Plötzlich sehen sie einen Menschen, der auf dem Wasser geht. Sie erschrecken sich sehr. Dieser Mensch spricht sie an und sie erkennen in ihm Jesus. Petrus ist sich seiner Sache nicht so sicher. Er sagt: "Wenn du es wirklich bist, dann laß mich zu dir übers Wasser gehen." Und Jesus sagte: "Komm her." Und tatsächlich konnte Petrus übers Wasser gehen. Als er aber den Wind und die Wellen spürte, bekam er Angst und zweifelte daran, daß Jesus stärker ist als die Naturgewalten und er drohte zu versinken. Jesus ergriff ihn, hielt ihn fest und sagte: "Warum vertraust du mir nicht?"

... Ich glaube, Petrus hat die rettende Hand Jesu deutlich gespürt. Diese ausgestreckte, haltende und letztlich lebensrettende Hand. Da wird Jesus von einem seiner Freunde enttäuscht. Ein Mensch, der lange mit ihm zusammengewesen Nar, zweifelt an dem, was Jesus sagte. Und Jesus? Wie reagiert er? Er tut das einzig richtige. Er springt über den Schatten seiner erlebten Enttäuschung und reigt sich als Freund, der in der richtigen Minute zur Stelle ist und das richtige tut.

Matthäus 20, 33-34

Jesus kam aus Jericho und viele Menschen waren mit ihm zusammen, um ihm zuzuhören. Zwei Blinde saßen am Wegrand und riefen nach Jesus. Die anderen Menschen wollten Jesus weiter ungestört zuhören. Aber die beiden ließen sich nicht davon abhalten, mit Jesus zu sprechen. Jesus blieb stehen. Es jammerte ihn. Er berührte ihre Augen und sie konnten wieder sehen.

... es jammerte ihn und er rührte ihre Augen an.

Jesus fühlt mit diesen beiden, denen so viel durch ihre Blindheit entgeht. Die weder Tag und Nacht unterscheiden, noch die Sterne sehen können. Diesen beiden, die Außenseiter sind, wendet er sich zu; ja noch mehr.
Ihr Schicksal berührt ihn tief im Herzen, er leidet mit ihnen. Er berührt sie. Seine Hände machen sie sehend.
  • Jesus der Freund kann mitleiden, er ist bereit, selbst gegen den entscheidendenden Einspruch seiner Freunde, eine Minderheit wahrzunehmen. Und mehr noch, die wenigen sind wichtig für ihn. Die Not der beiden macht ihn weich und er ist nahe bei ihnen.
  • er sieht, was wir nur zu oft übersehen
  • er hört, was für unser Ohr oft zu leise ist
  • er ist zu erschüttern, durch etwas, das wir oft nicht an uns herankommen lassen.
  • er wendet sich zu, wo wir uns oft abwenden.

Lukas 15, 11-32

Ein Vater hatte zwei Söhne, der jüngere ließ sich vom Vater sein Erbe auszahlen, ging von zuhause fort und gab das Geld für lauter unwichtige Dinge aus. Als er kein Geld mehr hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu arbeiten. Da aber im Lande eine Arbeitslosigkeit herrschte, mußte er solche Arbeit verrichten, die kein anderer tun wollte. Er mußte Schweine hüten. Er bekam so wenig Lohn, daß er sich nicht ausreichend ernähren konnte. Er hatte furchtbaren Hunger und sagte zu sich selbst: "Mein Vater beschäftigt so viele Arbeiter, er wird auch für mich eine Arbeit haben. Ich werde mich bei meinem Vater für mein Verhalten entschuldigen."

Er machte sich auf den Weg. Als er in der Ferne sein Elternhaus sah, freute er sich. Sein Vater, der wohl auf ihn gewartet hatte, rannte ihm entgegen, nahm ihn in die Arme und küßte ihn, und veranstaltete ein Freudenfest.

... sein Vater sah ihn an, es jammerte ihn, er lief ihm entgegen und küßte ihn.

Jesus, der Freund, ist wie dieser Vater.

  • er freut sich, jemanden, den er als verloren glaubte, zu sehen.
  • er rennt ihm ohne Vorbehalt entgegen, ohne Vorwürfe u. Strafandrohungen.
  • Jesus, der Freund, bleibt nicht abwartend stehen und wartet auf Erklärungen und Entschuldigungen.
  • er zieht sich nicht in sein Beleidigtsein zurück, sondern öffnet sich und zeigt seine ungebrochene Liebe.
  • er wendet sich nicht ab von den Menschen, die schwere Fehler machen.
  • seine Liebe zu mir ist nicht abhängig von meinen Vorleistungen oder Verfehlungen.

Lukas 23, 32-34

Als Jesus gekreuzigt wurde, sah er die, die ihn umbringen wollten, genau an und betete für sie zu seinem Vater.

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Jesus, der Freund, verurteilt nicht, obwohl er abgeurteilt wird.

  • Er geht noch weiter: er bittet seinen Vater um Vergebung für die, die ihn morden werden.
  • In der Stunde des Todes bekennt Jesus sich zu denen, die ihm Schaden zufügen.
  • Er entlastet sie, statt sie zu belasten.
  • Er ebnet ihren Weg beim Vater.

Jesus der Freund.

Können wir dies Erbe antreten?
Kann es unser Ziel sein, uns so verhalten zu wollen, wie Jesus sich verhielt?

Was können uns diese Freundesgeschichten sagen?
Ob sie uns zeigen wollen, was wir alles falsch machen?
Wo wir unfähig sind?
Wollen sie uns abstempeln?

Ich erlebe diese Freundesgeschichten für mich vielmehr als Richtschnur, an der ich versuche entlangzugehen, um den Weg nicht zu verlieren.

ICH DENKE SIE KÖNNEN UNS MUT MACHEN.

  • Mut zum Schritt auf den anderen zu
  • Mut, die alten gelernten Schemen zu verlassen, wie dies: Auge um Auge,Zahn um Zahn.
  • Mut, sich anders zu verhalten, als es üblich ist:
  • zu reden, wo gerne geschwiegen wird
  • zu bekennen in Eindeutigkeit, wo wir stehen.
  • zu berühren, wo wir Tränen sehen.
  • anfassen, wo Hilfe Not tut.
  • eindeutig und konsequent Freundschaft leben.

Und das heißt dann auch:

  • uneingeschränkt den Frieden in der Welt wollen und etwas dafür tun,
  • uneingeschränkt Machtstreben und Unterdrückung verhindern,
  • konsequent für das Leben und gegen jede Vernichtung desselben eintreten.

Denn Jesus unser Freund sagt uns: liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ich wünsche uns Vertrauen zu diesem Jesus, der Freund war und ist und bleibt. Ein treuer, liebender und zuverlässiger Freund. Wir brauchen sein Vorbild. Amen

(Sonja Latusseck)


Die Kinder beim Fürbittengebet (Foto Gruppe Mühlheim)
    zurück zum Seitenanfang