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Jahresablauf in der Teichwirtschaft
Bernhard Tabeling
Es ist ein Erlebnis, im Sommer das Gelände der Fischteiche von Ahlhorn mit dem schön gelegenen Blockhaus in der Mitte zu durchstreifen. Das Wasser der Lethe plätschert besinnlich in Richtung Hunte und weiter zur Weser dahin. Von den Teichen her hört man das besorgte Rufen der Enten und auch der Bläßhuhnmütter, um ihre Jungen bei sich zu halten. Der Nachwuchs wächst heran, er wird von den Eltern gehegt und gefüttert. Bis zum Winter muß er kräftig genug sein, um den Kampf des Überlebens alleine weiter zu bestehen. Wassergeflügel, Reh, Fuchs und anderes Getier kann ein Spaziergänger beobachten.
Durchwandert man das gleiche Gebiet im Herbst, so merkt man, daß sich einiges verändert hat. Die Natur bereitet sich auf die Winterruhe vor. Reiher, Enten und andere Vogelarten werden bald ihre Winterquartiere im Süden aufsuchen.
Wie sind nun die Fischteiche entstanden? Die meisten sind seit der Jahrhundertwende von Menschenhand angelegt. Es sind 40 Fischteiche mit 150 ha Wasserfläche. Die beiden Teiche beim Blockhaus sind natürliche Senken oder tiefe Täler der Dünen; die Lethe hat seit der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren immer Sand vor sich hergeschoben. So sind die Dünen entstanden, und diese natürlichen Senken hat man dann bespannt, d.h. mit Wasser aufgestaut.
Herbst
Wandert der Besucher im Herbst durch das Gelände der Fischteiche, merkt er, wie sich vieles von Tag zu Tag an den Teichen verändert. Es scheint, als schleiche sich das Wasser über Nacht aus den Teichen, um dem kommenden Winter zu entfliehen. Fast ist es so, nur wird das Wasser von der Teichwirtschaft aus den Teichen gelassen. Jedes Jahr um Mitte Oktober beginnt das Abfischen.
Bei jedem Teich ist an der tiefsten Stelle ein Abfluß eingebaut - "Mönch" genannt. In diesem Mönch sind Staubretter eingesetzt. Hier kann der Abfluß des Wassers geregelt werden. Um das Entweichen der Fische zu verhindern, werden je nach Größe der Fische Siebe eingesetzt. Ist das Wasser bis zu einer gewissen Tiefe abgesenkt, kann das Abfischen beginnen. Vor dem Mönch ist eine tiefere Rinne ausgehoben, in der sich die Fische ansammeln, Hier werden sie mit Keschern gefangen, in Tragekübel gegeben, zum Sortiertisch gebracht und nach Größe, Alter und Qualität sortiert. Auf einem Lastwagen bereitstehende, mit Wasser und Sauerstoff versorgte Transportbehälter nehmen die Fische dann auf. So gelangen sie zum Hof der Teichwirtschaft in das Fischhaus, in dem sich große Hälterbecken befinden. Hier werden sie in fließendem Wasser bis zum Verkauf gehältert. Das ist besonders für Speisekarpfen wichtig, da so der erdige Geschmack vom Karpfen gespült wird.
Mönch - Schleuse zwischen zwei Teichen
Foto: B. Tabeling
Verkauf
Der Verkauf der Fische findet durchweg an jedem Samstagvormittag und Mittwochnachmittag statt. Gefragt sind heute hauptsächlich Besatzfische. Das ist der Fisch, der noch zwei oder drei Jahre braucht, bis er geangelt werden kann. Verkauft werden hauptsächlich Karpfen, SchIeie, Hecht, Zander und Forelle. Die drei- und viersömmerigen Karpfen sind zu Weihnachten und Silvester besonders als "Speisefisch" gefragt.
Überwintern
Ein großer Teil der Fische, die ein- und zweisömmerigen, werden nicht verkauft. Wir brauchen sie zum Aussetzen für das nächste Jahr. Man nennt sie "Sömmerige", weil die Fische nur in der warmen Jahreszeit Futter aufnehmen und wachsen. Im Winter halten sie Winterruhe.
Um die Fische gut über den Winter zu bekommen, werden sie in Winterteiche gesetzt. Das sind Teiche, die zur Mitte hin tiefer ausgehoben und so angelegt sind, daß viel Wasser sie durchströmen kann. Das ist lebenswichtig, weil sich im Winter auf dem Teich eine dicke Eisdecke bilden kann und dann der Sauerstoff unter dem Eis immer knapper wird. Bei älteren Teichen lagern sich im Laufe der Jahre auch viel Schlamm und andere Stoffe am Grund ab, und dadurch bildet sich Faulgas. Sobald nun eine dicke Eisdecke das Wasser abdeckt, kann das Gas nicht austreten und verursacht ein großes Fischsterben. Diesem beugt man vor, in dem man Löcher von bestimmter Größe in das Eis schlägt.
Eislaufen
Das Fischsterben kann auch durch Eislaufen verursacht werden. Der Karpfen und auch andere Fische nehmen die Temperatur des Wassers an, im Winter beträgt sie um 4° C. Der Fisch "steht" im Wasser, hält seine Winterruhe und bewegt sich nur langsam. Ist oben auf dem Eis Lärm von Schlittschuhläufern, erschrickt sich der Fisch und will schnell fliehen. Da das Blut träge ist, kann es nicht so schnell durch die Gefäße. Diese platzen und verursachen den Tod des Fisches.
Winter-Frost
Nach dem Abfischen der Teiche sieht die Landschaft rings um das Blockhaus ganz anders aus, die Teiche sind leer. Wir versuchen möglichst für einige Monate die Teiche trocken liegen zu lassen, damit sie ausfrieren. Ungeziefer wird durch den Frost auch im Schlamm abgetötet.
Ausbessern der Gerate
Im Winter, so sollte man meinen, gäbe es nicht viel zu tun in der Fischerei. Sicher, ruhiger ist es schon. Das Handwerkszeug der Fischer wie: Netze, Kescher, Boote und dergleichen müssen wir ausbessern.
In einer neueren Anlage vermehren wir Forellen im Winter. Doch darüber möchte ich im nächsten Blockhausbrief berichten.
März
Im März wird es Zeit, sich um die Karpfenteiche zu kümmern. Sie sind im Laufe des Februars wieder angestaut worden, d.h. das Wasser wurde zugelassen. Bei gutem Wetter sieht man uns auf den Teichen mit einem großen Boot umherfahren. Vom Boot aus streuen wir Kalk und Phosphate ins Wasser, um ihm eine bessere Qualität für die Fische zu geben und auch, um möglichst viel Naturnahrung wie Zooplankton (tierisch) und Phytoplankton (pflanzlich) zu bekommen. Dieses ist gute Nahrung für den Karpfen und für die anderen Fischarten.
Die Zeit schreitet weiter voran. Es regt sich in der Natur. Der Saft in den Bäumen und Sträuchern steigt nach oben, um neues grünes Leben zu wecken. Auf den Teichen kann man den Kampf der männlichen Bläßhühner und Enten, die sich um die Gunst der Weibchen streiten, beobachten. Für uns Fischer gibt es einiges zu tun. Die verschiedenen Fischarten - Karpfen, Schleie und Zander - müssen jetzt aus den Überwinterungsteichen genommen werden und in die großen Abwachsteiche übergesetzt werden.
Ablaichen der Zander
Zuerst werden die großen Laichzander ausgesetzt, da sie Mitte April laichen und schon jetzt voller Laich sind. Als gutes Gewässer eignet sich hier der Lethestau. Hier findet der Zander noch natürliche Bedingungen zum Laichen durch am Ufer überhängende Zweige und Sträucher und einen kiesigen Untergrund. Der Zander klebt seine Eier an unter Wasser hängende Aste und Wurzelwerk. Sobald die Zanderbrut ausgeschlüpft ist und schwimmen kann, zieht sie mit dem Wasser mit, das den Lethestau verläßt und in die großen Karpfenteiche fließt. So schwimmt die Zanderbrut in die großen Teiche um das Blockhaus ein. Sie wächst dort mit den Karpfen bis zum Herbst als Setzling von etwa 10 - 15 cm heran. In einem Teich können dann etwa 40 - 80.000 kleine Zander sein
Nach dem Zander werden die anderen Fischarten wie Karpfen und Schleie ausgesetzt. Da wir die Teiche stark besetzen, können die Fische sich nicht allein von Naturnahrung ernähren. Sobald die Witterung warmer ist, ungefähr Mitte Mai, wird zugefüttert. Geht man als Besucher durch das Gelände der Teiche, sieht man aus dem Wasser kleine Pfähle herausragen. Das sind die Futterplätze der Karpfen und Schleie. Weil die Karpfen und Schleie pflanzliches Futter und Eiweiß verwerten, wird mit Gerste, Roggen, Lupinen und Soja zugefüttert. Wir schroten das Futter grob durch, so kann der Fisch es besser verarbeiten. Rausgebracht wird es mit einem kleinen LKW an den Teich und mit dem Boot an die Futterstellen. Ein Mann ist von Mai bis September jeden zweiten Tag damit beschäftigt, die Fische in den Teichen zu füttern.
Mai/Juni
Man merkt es an der Natur und der Witterung, daß es weiter dem Sommer entgegengeht. Das Wassergeflügel, wie Bläßhuhn, Wasserhuhn und Haubentaucher, hat seine Nester auf dem Wasser, im Schilf schwimmend, fertig gebaut. Eier sind auch schon gelegt. Nun wird ausgebrütet. Ist der Nachwuchs da, haben die Eltern einiges zu tun.
In der Fischerei kommt eine besondere Arbeit auf uns zu.
Ablaichen der Karpfen
Da der Betrieb in Ahlhorn nur Fische in den Handel bringt, die selber erbrütet und erzeugt werden, (um keine Krankheiten einzuschleppen) kommt dieser Arbeit besondere Bedeutung zu. Wir haben an Laichkarpfen einen Stamm von etwa 30 Stück, 10 - 25 Pfund schwer, die um diese Zeit nach Geschlechtern getrennt in kleinen, schnell ablaßbaren Teichen gehalten werden. Sie sind 10 - 20 Jahre alt. Das Ablaichen der Karpfen findet in dafür angelegte 5 x 7 m kleine Teiche statt. Diese Teiche sind mit großem weichen Gras bewachsen. Das Wasser wird aus einem davor gelegenen größeren Teich, dem sogenannten Vorwärmer, eingeleitet. Die Temperatur des Wassers muß 20° C betragen. Anfang Juni, wenn es recht warm ist und wenig Windbewegung, werden die Laichkarpfen -ein Rogner (weiblich) und zwei Milchner (männlich) - in diese kleinen Teiche umgesetzt. Der Vorgang des Laichens: Die Milchner treiben die Rogner im Teich hin und her. Nach einiger Zeit stößt der Rogner dann die etwa 500.000 Eier in Schwallen aus. Die Milchner schwimmen seitlich versetzt hinterher und stoßen hierbei den Samen aus, der wie Milch aussieht. Mit der Schwanzflosse wedeln sie den Samen auf die Eier, so werden diese dann befruchtet. Die Eier kleben am Gras fest, deshalb das lange Gras im Laichteich. Das Gelände um die Laichteiche wird abgesperrt und beobachtet. Man kann sich vorstellen, daß eine Jahresarbeit vergebens ist, wenn die Karpfen beim Laichen gestört oder die Milchner von der Bahn gebracht werden. Haben die Karpfen gelaicht, werden sie aus dem Wasser genommen, um nicht den Laich zu beschädigen. Sie kommen in die großen Teiche zum Erholen.
10 jahre alter Laichkarpfen
Foto: B. Tabeling
Juni
Nach etwa drei Tagen schlüpft die Brut. Nach weiteren drei bis fünf Tagen werden sie mit feinen Gazekeschern abgefangen und in eigens hierfür vorbereitete Teiche umgesetzt. Diese sind mit dem Traktor vorher durchgearbeitet, mit Spezialdünger bestreut und dann langsam angestaut worden, um möglichst viel Naturnahrung für die Karpfenbrut heranzuziehen (Naturnahrung wie Zuckmückenlarven, Schlammröhrenwürmer, Wasserflöhe, Hüpferlinge usw.).
3 Monate alte Karpfen
Foto: B. Tabeling
Reiher
Jetzt kommt auch die große Zeit der Reiher. Sie können nach Belieben den Hunger stillen. Da die Brutteiche sehr flach sind, um möglichst warmes Wasser für diese kleinen Karpfen zu haben, kann der Reiher schnell zu seiner Nahrung kommen. Der angenommene Schaden beläuft sich auf DM 8,- pro Reiher und Tag. Etwa 40 Reiher sind im Durchschnitt im Sommer da! Da viele Flüsse, Bäche und Gräben begradigt sind, fließen sie schnell dahin oder sind so stark vorschmutzt, daß kein Fisch darin leben kann. Wie soll der Reiher da noch Nahrung finden. So weicht er auf Teichanlagen aus. Bei kleinen Teichen kann man ihn abschrecken, bei großen ist dieses nicht möglich.
August
Nach dem Umsetzen der Karpfenbrut wird die Arbeit geregelter. Der Sommer geht seinem Höhepunkt zu. Wer möchte jetzt wohl von uns hier draußen tauschen mit denen, die im Büro oder an den Fließbändern arbeiten? - Wohl keiner! Man möchte den Sommer verlängern. Der Mensch hat überall seine Hände im Spiel, nur gegen den Rhythmus der Natur ist er machtlos.
Für uns in der Fischerei sind jetzt Mäharbeiten vorrangig. Das Schilf im Teich wird mit einem Mähboot abgeschnitten. Es vermehrt sich sonst sehr stark und entzieht dem Wasser viele Nährstoffe und auch Sauerstoff.
So gehen die Tage und Wochen dahin. Bis zum Herbst ist es nicht mehr weit. Es werden jetzt noch Probefänge mit dem Wurfnetz gemacht. Die gefangenen Fische werden auf Gesundheit untersucht und gewogen, ob noch mehr gefüttert werden muß. Wasserproben werden den Teichen entnommen und untersucht. Immer näher rückt wieder der Zeitpunkt des Abfischens. So schließt sich der Jahreskreislauf. Man denkt nur noch: "Mensch, schon wieder ein Jahr vorbei, wo ist es geblieben!!"
P.S. Bade- und Bootsbetrieb
Der Helenensee oder Teich Nr. 20, der dem Blockhaus vorgelagert ist, hat eine Wasserfläche von 11 ha und wird im Sommer gern als Badesee benutzt. Warum auch nicht! Es ist eine schöne Sache, bei warmem Wetter im Wasser zu liegen. Es wird seit vielen Jahren geduldet und schadet den Karpfen nicht. "Nur", die ganzen Begleiterscheinungen, die mit dem Baden verbunden sind, bringen uns Fischer manchmal in Rage. Obwohl genügend Parkplätze im Abstand zum Helenensee vorhanden sind und auch gut angelegte Wanderwege, wird wild geparkt an verbotenen Plätzen. Es werden Boote in allen Größen mitgebracht. Das ist von uns nicht erwünscht, weil diese Boote auch auf anderen Gewässern fahren, und wer weiß, was an Bakterien und Krankheiten auf unsere Fische im Helenensee übertragen werden. Besonders arg ist es mit kleinen Booten. Diese fahren an den Rändern entlang, stören die Karpfen bei der Nahrungsaufnahme und sorgen für viel Unruhe auch gegenüber den Wasservögeln.
Anders ist es mit den Booten vom Blockhaus. Diese fahren nur auf dem Helenensee und dienen auch vielen Menschen für ein paar Stunden, die Natur wahrzunehmen.
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