|
|||
|
|
Ein (letztes ?) Wiedersehen mit Blockhaus AhlhornWerner Schulte Als Herr von der Dovenmühle meine Frau und mich im August 1984 telefonisch zum Blockhaus Ahlhorn einlud, sagte ich ohne Überlegung zu, von der Fülle der Erinnerungen bedrängt, die sich sofort und nachdrücklich einstellten. Als der Tag herankam und wir unterwegs waren, beschäftigten mich zwei Verse aus dem Gedicht "Rückkehr" von B. Brecht: "Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?" "Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?" Autobahnabfahrt Großenkneten, schnell lassen wir das hetzende Fahren zurück und finden den verkehrslosen Weg am Helenenteich vorbei zum Blockhaus. Unverändert scheint das Haus der offenen Türen. Uns empfängt niemand, der Hausherr hält Mittagsruhe, wir machen einen ersten Rundgang, die Küche hat eine Anweisung, und wir erhalten Unterkunft und eine Mahlzeit. Zeit zu Reflexionen: das Gästebild wurde von Behinderten bestimmt, das Personal wirkte sehr beschäftigt, Bücher in unserem Zimmer sprachen von Fragen der Bundeswehrbesucher. Das war anders akzentuiert, aber es war kein unvertrauter Rahmen; wir aber waren nicht dieselben, und das veränderte viel. Den Mann im "Ruhestand", ohne Schüler, ohne Programm, ohne Verantwortung, forderten neue Orientierungen. Dann kam Rolf von der Dovenmühle, und wir saßen auf einem Balkon am Kaffeetisch, die Bäume umstanden uns, und der Helenenteich glänzte durch das Laub und die Kiefernnadeln zu uns herauf. Die Unmittelbarkeit des SichWiedererkennens überwältigte, machte Vergangenes zum Gegenwärtigen, artikulierte Lebenserfahrungen, die gewöhnlich im Gepäck verstaut bleiben. Wir hatten Schwierigkeiten mit der Anrede; das Sie, das uns bisher verband, entsprach dem Gefühl des Augenblicks nicht, es forderte das Du. Und dann Informationen und damit wieder mehr Distanz. Wir machten gemeinsam einen Rundgang, zuerst zur Kirche, die ich noch nicht kannte, auf dem Platz, auf dem früher ein Schweinestall war. Rolf erzählte mit berechtigter Genugtuung und mit begründetem Stolz von der Baugeschichte dieses Gotteshauses und von den Anliegen, die ihn mit ihm verbanden. Wir saßen auf der Bank vor dem Altar und waren gefangengenommen von dem Blick über den Altar und durch das große, lichte Fenster dahinter auf den See und das gegenüberliegende Ufer: ein Zusammengleiten und eine Einheit von außen und innen, von unten und oben, von Natur und Sakralem, eine Koinzidenzia vieler Unterschiede, ein Bild, in dem sich Verheißungen verwirklichen. Rolf erzählt von seinen täglichen Wegen mit seinem Hund zum Schließen der Kirche am Abend, zum Öffnen am Morgen und wie sich hier die Worte der Tagungslosung lesen. Am Sonntagmorgen nahmen wir an einem ungewöhnlichen Gottesdienst teil. Ein junger Pastor ließ alle Strophen des Liedes "Geh aus mein Herz und suche Freud" singen und forderte dann die Gemeinde auf, jeder, die Behinderten und die Gesunden, Jung und Alt, möge auf seine Weise in Gegenständen oder schriftlich am Altar niederlegen, was seine Freude an diesem Tag ausdrücke. Dazu hatten wir 15 Minuten Zeit. Das Ergebnis, ein Bootsruder neben Sprudelflasche, Schlafsack und Kuscheltier, Geschriebenes, Gemaltes und Blumen, war so verschieden wie unsere Gesellschaft, es bezeugte Relativität und Verbindendes. Nachher saßen wir im Kaminzimmer im kleinen Kreis bei einer Tasse Kaffee um den runden Tisch und tauschten mit dem Pastor und untereinander unsere Gedanken und Eindrücke im Zusammenhang mit der vorangegangenen Stunde aus. Das war neu, aber ich fand darin das Blockhaus wieder, wie ich es kannte und liebte.
Ich machte mit meiner Frau noch einen Rundgang auf vertrauten Wegen mit vertrauten Aus- und Einblicken, wir saßen noch einmal auf der Bank bei der Bootsanlegestelle am Helenenteich: dann fuhren wir wieder ab; und ein Gewitter mit rauschendem Regen über einer vollen Autobahn erlaubte kein Träumen. Ich habe in den Blockhausbriefen, die mir Rolf mitgegeben hatte, gelesen, und ich dachte, vielleicht findest du einen deutenden, hilfreichen Chronikfaden. Ich las viele Informationen: zur Geschichte des Hauses, seiner Entwicklung und Umgebung, zur Natur, zu den Gästegruppen, Eindrucksvolles und Wissenswertes. Eindringlicher und nachhaltiger aber waren Bekenntnisse von Besuchern, in denen sich Stimmungen, Gedanken, Wertungen, Er-Fahrungen mit und in dem Blockhaus ausdrücken. Und das bestimmt wohl den genius loci: eine Einladung zu einem menschlichen Da- und Miteinander-Sein. Gut, zu wissen, daß es das Blockhaus Ahlhorn gibt; es ist viel in unserer Zeit und sollte Bestand haben. In einem Buch unserer Zimmerbibliothek im Blockhaus las ich von Ingeborg Bachmann: "Innerhalb der Grenzen ... haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten." Das Blockhaus fordert dazu auf und kann dazu beitragen. |
||
| zurück zum Seitenanfang | |||