Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1984: Blockhausbrief Nr. 28

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Gedanken zur Zeit - Gedanken eines Blockhausgastes
Predigt am 19.8.1984
Erinnerungen - Wiederannäherung an das Blockhaus
Predigt zu Lukas 19, 1-10
Psalm einer Pusteblume
Ein (letztes?) Wiedersehen mit Blockhaus Ahlhorn
Texte von "Kippenbergern"
Brief von H. Kiausch
Jahresablauf in der Teichwirtschaft
Ein Blick hinter die Kulissen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 5.1.1983 bis 18.12.1983
Werdegang eines Chorsängers
 
Gottesdienstschild
Foto: Hans Raderschatt

Psalm einer Pusteblume

Den Duft der Rosen verbreite ich nicht,
köstliche Früchte reifen nicht an mir,
die Größe der Königskerze ist nicht mein Maß,
die Farbenpracht der Lilien nicht meine Zier.
Nie wurde ich zum Blumenstrauß geflochten,
nie in einen Blumenladen begehrt.
Keinen Dichter brachte ich zum Reimen,
keinem Sänger entlockte ich ein Lied,
und auch Paul Gerhardt hat mich nicht erwähnt.


Kein Mensch hat an Veredelung gedacht,
mir gilt auch kein besondrer Schutz -
im Gegenteil!, man nennt mich Unkraut,
und emsig werd' von Gärtnern ich vernichtet.
Dennoch: ich schäme und verkriech mich nicht
und lasse mich auch nicht entmutigen,
schon gar nicht meine Lebensfreude schmälern,
den Lebensraum durch keinen Gartenzaun begrenzen.


So wachse ich und blühe überall,
unübersehbar bin ich da nach meiner Art,
nein, Herr, nach Deiner Art, denn Du, mein Gott,
Du hast mich so und anders nicht gewollt.
Erzählen will ich von mir und von Dir,
denn was ich bin, ist Dein Geschenk:
mich kennt ein jeder als den Löwenzahn.


Kinder tauften liebevoll mich Pusteblume',
und diesen Namen hör ich liebend gern -


Ich danke Dir, Herr, für meinen Namen!


Ich wachse auf Wiesen und an Straßenrändern,
auf Müllplätzen und in Gärten,
ich genieße die Sonne auf den Höhen der Berge
und scheue nicht die Schatten der Täler.
Jedes Stück Erde lädt mich ein zum Leben.
Mein Platz ist da, wo ich wachse und blühe.


Ich danke Dir, Herr, daß ich überall Heimat finde!


Ich suche die Nähe der Pflanzen und Tiere,
denn ich bin nicht gerne allein.
Mit Gräsern und Hahnenfuß, Klee und Vergißmeinnicht
teile ich die Erde, den Himmel, das Wasser, die Luft.
Es ist schön, mit anderen zusammen zu wachsen.


Ich danke Dir, Herr, für die Gemeinschaft der Pflanzen und Tiere!


Meine Blüte leuchtet wie die Sonne,
und überall strahlt ihr Licht zurück.
Wer genau hinsieht, entdeckt in mir die kleine Sonne,
voller Strahlen und Farbe und Wärme.


Ich danke Dir, Herr, für die Sonne!


Am Nektar meiner Blütenkörbe laben sich die Bienen
und Schmetterlinge, Hummeln und Käfer.
In meinen Blättern finden Kaninchen und Hühner,
Kühe und Enten würzige Speisen und stärkendes Mahl.


Ich danke Dir, Herr, daß ich anderen Nahrung sein kann!


Apotheker und Ärzte entdeckten heilende Kräfte,
und Tee aus meinen Wurzeln vertreibt den Husten
und befreit von lästigen Reizen.
Zu den Hellpflanzen werde ich darum gezählt,
das ist meine stille Freude und heimlicher Stolz.


Ich danke Dir, Herr, daß ich heilen kann!


Ausreißen kann man mich nicht so leicht,
denn meine Wurzeln sind stark und tief.
Darin liegt das Geheimnis meiner Kraft.
Standhalten kann nur, wer tief verwurzelt ist.


Ich danke Dir, Herr, für meinen festen Grund in der Erde!


In Blumensträußen findet man mich kaum:
zum Welken in der Vase bin ich nicht geboren.
Ich liebe die Freiheit mit Wolken und Wind,
Schmetterlingen und Kindern, Sonne und Regen.


Ich danke Dir, Herr, für mein Leben in der Natur!


Ich bin nicht verliebt in mein eigenes Bild,
kann Abschied nehmen von Bienen und Schmetterlingen,
kann von der goldenen Farbe mich trennen,
bin bereit, mich zu ändern.


Ich danke Dir, Herr, daß ich mich ändern kann!


Was blüht, verblüht und muß welken.
Ich sträube mich nicht dagegen
und nehme das Welken an
und lasse mich zu neuem Leben verwandeln.


Ich danke Dir, Herr, für das Alt- und Neuwerden!


Meine goldgelbe Blüte verliert ihren Schein,
ich verschließe mich und warte still auf den Weckruf der Sonne,
um mich als Pusteblume neu zu entfalten.


Ich danke Dir, Herr, daß ich warten kann!


Nun strecke ich mich dem Wind entgegen,
wachse Blumen und Gräsern über den Kopf.
Der Wind ist mein rauher, doch herzlicher Freund.
Er bläst mir ins Gesicht und trägt meine winzigen
Samenkörner wie kleine Fallschirmchen davon.


Ich danke Dir, Herr, für meinen Freund, den Wind!


Jedes Fallschirmchen soll eine neue Pusteblume werden,
an ihrem Platz, nach ihrer Art, nach Deiner Art!
Ich halte keines fest und springe keinem nach.


Ich danke Dir, Herr, daß ich loslassen kann!


Wer mich findet, darf mich pflücken,
pusten und lachen,
denn Du, Herr, hast mich zum Nutzen der Tiere
und zur Freude der Kinder erschaffen.


Ich danke Dir, Herr, daß ich Freude schenken kann!



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