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Dr. Michael Trensky Predigt am 19.8.19841. Pt. 4; 7-11 [1. Petrusbrief, 4; 7-11] Blockhaus Ahlhorn Liebe Gemeinde! Hier bei uns in Deutschland, Teil des allerchristlichsten Abendlandes, mag es einem weniger passieren, daß man als Christ sehr direkt darauf angesprochen wird, was es denn mit dem Christsein auf sich habe. In der Gegend, in der ich die letzten 6 Jahre gelebt und gearbeitet habe, im Vorderen Orient, in Ägypten und im Sudan, passiert einem das öfter. Die Religion ist dort, bei Christen wie bei Moslems, viel selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens und Austausch darüber ergibt sich, gerade auch im Gespräch mit Muslimen, schnell. So wird man dann bald und immer wieder, spätestens wenn die Berufsbezeichnung "Pfarrer" ins Gespräch eingeflossen ist, gefragt, worin eigentlich das Wesentliche, das Besondere des christlichen Glaubens liege. Zumindest zu Anfang ist man als solchen Diskussionen entwöhnter Mitteleuropäer ein wenig überrascht und muß ein bißchen nachdenken. Aber natürlich lernt man auch dazu bei jedem dieser Gespräche, lernt vor allem dazu, wenn man das, was man da manchmal sehr spontan und aus dem Augenblick heraus sagt, an der Bibel zu prüfen sucht. Ohne Bibel geht es nicht, auch darauf wird man von den Gesprächspartnern schnell hingewiesen. "Buchbesitzer" nennen im Arabischen die Moslems die Juden und die Christen. Sie haben zwar in den Augen der Moslems nicht so ganz das richtige Buch, aber sie haben immerhin eins, in dem auch von Gott, von den Propheten, von den Menschen die Rede ist. Und im Koran kommt Jesus immerhin auch, wenn auch nur als einer der Propheten, vor. Ich sagte, Antwort auf das, was den christlichen Glauben für uns heute ausmacht, ist zu erproben und zu sichern an dem, was uns die Bibel sagt. Und die Erinnerung an viele solcher Gespräche über den Glauben drängt sich mir auf, wenn ich den Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief lese, der uns heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Das innere Leben der endzeitlichen "Gemeinde", so hat diesen kurzen Abschnitt ein Kommentator überschrieben. Ein anderer sagt etwas allgemeiner, aber ebenso zutreffend: "Besinnung auf das Wesentliche." Und damit klingt schon an, daß damit nicht nur das gemeint ist, was für die noch kleine christliche Schar am Ausgang des ersten christlichen Jahrhunderts wesentlich war. Lesen wir den Abschnitt aus dem 4. Kapitel des 1. Petrusbriefes also:
Besinnung auf das Wesentliche! Nehmen wir diese Überschrift ruhig auf. Ich könnte mir denken, daß die innere Reaktion beim Hören sehr zwiespältig ist. Ja, das ist es, so die einen: Gebet, Dienst, Gnadengaben, Gottes Wort und in dem allem Verherrlichung Gottes durch Jesus Christus. Das soll es sein? die anderen. Das kann doch nicht alles sein, das ist doch wohl nur etwas für die Eingeweihten. Keine Weltverantwortung, nicht Friedensbewegung, nicht Pershing, nicht Buschhaus, nicht Mittelamerika. Besinnung auf das Wesentliche? Ja, was wir eben gehört haben, das ist Besinnung auf das Wesentliche. Knapp, aber deutlich. Die Gemeinde ist angeredet, die Menschen also, die schon zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Ihnen wird gesagt, was nottut. Wenn wir uns den Inhalt noch einmal vor Augen führen, dann wird 1. aufgerufen zum Gebet, 2. zur Verwirklichung der Bruderliebe, insbesondere zur Gastfreundschaft und zum gegenseitigen Dienen mit den Gaben der Verkündigung und der Diakonie. Abschließend richtet der Verfasser dann 3. den Blick auf das letzte Ziel, die Verherrlichung dessen, dem alle positiven Lebensäußerungen der Gemeinde zu danken sind, Jesus Christus. Folgen wir den drei Stichworten Gebet, Bruderliebe, letztes Ziel. Zum Ersten: Das Gebet. Wieder sind es Erfahrungen aus Ägypten, die sich aufdrängen. Wir waren zu Besuch in einem christlichen ägyptischen Haus. Wir waren 100 km gefahren, um die Deutsche zu besuchen, die seit 30 Jahren, mit einem Arzt verheiratet, in der Oase Fayoum lebt. Sie hat sich gefreut uns zu sehen, mit uns mal wieder ein paar Stunden deutsch reden zu können, und wir hatten wahrhaftig Gastfreundschaft kennengelernt. Es ging ans Verabschieden und sie sagte lächelnd und wissend: Bei mir hat noch kein Pfarrer das Haus verlassen, ohne daß wir zusammen gebetet hätten. Und sie schaute mich, durchaus ein wenig verschmitzt, dabei an. Wir beteten gemeinsam. Und danach sagte sie: Ich habe die Erfahrung gemacht, daß für die ägyptischen Pfarrer die Aufforderung, gemeinsam zu beten, viel selbstverständlicher ist als für die deutschen: Deshalb also kam mir die Aufforderung gleich ein wenig verschmitzt vor. Und dann sagte sie noch: "lch danke Ihnen, Gott behüte Sie auf ihrer Reise zurück nach Kairo." Wir waren ziemlich sprachlos, als wir wieder im Auto saßen. Jeder hatte zu tun damit, diese Erfahrung zu bedenken. Waren wir da - und so war es ja beabsichtigt - nicht tatsächlich auf ein Defizit gestoßen worden? Oder umgekehrt? Waren wir da nicht unmittelbar gestoßen worden auf eine uralte Erfahrung: daß dort, wo Christen versammelt sind, das Gebet seinen hervorragenden Platz hat? So war es gemeint: unsere Gemeinschaft als Christen sollte bestätigt und gefestigt werden im Gebet; daß wir diesen erfüllten und schönen Nachmittag verbracht hatten, dafür sollte Gott gedankt werden; für die vor uns liegende Rückreise sollte Gottes Schutz und Hilfe erbeten, für die nun wieder eintretende Zeit der Einsamkeit Gottes Begleitung und Beistand erbeten werden. All dies floß zusammen in unserem Gebet. All dies und manches andere mehr, was uns bewegt, soll zusammenfließen in unserem Gebet heute morgen: daß wir Gemeinschaft erfahren dürfen hier im schönen Blockhaus Ahlhorn. Daß wir Ruhe finden für das gegenseitige Geben und Nehmen im Gespräch, im Hören aufeinander, im Raten und Planen. Daß wir Rückschau halten dürfen auf Jahre und Jahrzehnte des gemeinsamen Lebens, dankbar sein dürfen für alles, was wir haben aus Gottes Hand empfangen dürfen. Daß wir einander vergeben für alle Verfehlungen, die in diesem Rückblick auch mit hineingehören und daß wir Gott bitten, er möge uns die Kraft geben, alles das gemeinsam zu tragen, was er uns schickt und wovon wir oft nicht wissen, wozu es gut ist. All dies meint das Gebet, zu dem wir als einzelne und als Gemeinde gerufen sind und zu dem wir heute morgen auch hier zusammengekommen sind. Und dies Gebet, so schärft es uns der 1. Petrusbrief ein, ist verständig und nüchtern. Da soll nichts Schwärmerisches und Trunkenes im Spiel sein, sondern verständig ist der, der das ihm gesetzte Maß sieht und es anerkennt. Das Gebet umschließt das Leben der Gemeinde und des einzelnen, es ist Bitte, Fürbitte, Dank und Anbetung im Namen Jesu und d. h. aus Glauben. Nüchtern und verständig, damit wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Aber es will gebetet sein, und darum steht mir das Erlebnis in der Oase Fayoum auch so deutlich vor Augen. Zum Zweiten: Verwirklichung der Liebe. Der Abschnitt beginnt ja mit einer durchaus merkwürdigen Vorstellung: Habt beharrliche Liebe miteinander; denn die Liebe bedeckt der Sünden Menge. Das würden wir ja wohl doch nicht als erstes sagen, wenn wir nach der Liebe gefragt würden. Liebe kann man ja glücklicherweise nicht definieren. Man kann sie nur erfahren und von diesen Erfahrungen weitergeben. Der schöne Satz: Liebe ist, wenn ... trifft die Sache genau. Liebe kann man nur erfahren und von dieser Erfahrung ist in diesem Vers aus dem 1. Petrusbrief viel eingeflossen. Er findet sich auch in anderen Schriften der ersten christlichen Gemeinden und soll den Zusammenhalt in der Gemeinde stärken und erhalten. Vor allem anderen ist die gegenseitige Liebe kennzeichnend für Gemeinde. Sehr realistisch wird die Notwendigkeit der Ausdauer und Intensität der Liebe herausgestellt. Liebe, das hat die Gemeinde damals erfahren, bewährt sich, wenn sie mehr ist, als die Begeisterung des Anfangs und momentane Hochstimmung. Sie bewährt sich, weil und indem sie der Sünden Menge zudeckt, d.h. verzeiht. Da ist viel menschliche Erfahrung im Hintergrund, man merkt es. Gemeinde, und das gilt für jeden einzelnen von uns ebenso, kann nur existieren, wenn geschehene Schuld vergeben wird, wenn also Gott dazu bewegt wird, Sünde zu vergeben. Darum geht es ja zuerst, daß Gott uns unsere Sünden vergibt, sie zudeckt, sie ungeschehen sein läßt. Und die Bibel will uns sagen, daß die Liebe, die wir üben, Gott dazu bewegt, so zu handeln. Wer liebt, dem wird viel vergeben, heißt ein christliches Sprichwort der alten Kirche, von Gott zuerst, wie wir durch Jesus Christus wissen, und dann unter den Menschen. Ich muß an manche Gespräche mit alten Menschen denken, die um dieses Problem immer wieder kreisten. Sie hielten Rückschau auf ihr Leben. Da war vieles Schöne, da war auch immer etliches, das Mühe machte, Negativposten in der Bilanz, die sie zogen. Wie, wo soll man Hilfe geben im Gespräch, das viel mehr um diese Negativposten kreist. Wie Mut machen, das Leben, das hinter ihnen liegt, anzunehmen und getrost in die Zukunft zu blicken? So, wie es uns der 1. Petrusbrief heute morgen sagt: Die Liebe ist es, die vor Gott zählt, Gottes Liebe, die die Sünde zudeckt, die Liebe untereinander, die uns zur Vergebung führt. Auch heute hier, ob wir am Anfang, in der Mitte oder am Ende unseres Lebens stehen: Wir stehen in Gottes Hand, sind umschlossen von seiner Liebe, sind befähigt zur Liebe untereinander. Was das für das innere Leben der christlichen Gemeinde bedeutet, wird nun noch mit ein paar Stichworten ausgeführt. Da ist die Gastfreiheit, an die erinnert wird. Es scheint nötig zu sein, denn es heißt: Seid gastfrei ohne Murren. Wohl gab es aus privaten, geschäftlichen oder missionarischen Gründen immer reichlich durchreisende Christen. Aber es gab auch öffentliche Herbergen. Nein, es geht hier darum, daß das Postulat der Liebe nicht nur so dahingesagt, sondern u.a. in der Form der Gastfreiheit verwirklicht und verbindlich wird. Als Form der christlichen Liebe ist Gastfreundschaft ungeteilt und bloßes Geben, das in Enttäuschungen nicht endet. Wiederum auf dem Hintergrund der Erfahrung der Gastfreiheit, die wir im Orient gefunden haben, ist vielleicht für uns heute dieser Hinweis, seid gastfrei ohne Murren, gar nicht so unangebracht. Von den weiteren Gaben, die sich in der Gemeinde finden, ist dann im einzelnen, außer einer, nicht mehr die Rede. Das ist auch nicht notwendig, wenn der leitende Gedanke klar ist. Der 1. Petrusbrief stellt uns eine Gemeinde vor Augen, in der es nicht heißt: die Gemeinde - und gemeint sind dann meist die Hauptamtlichen - solle sich um jeden und alles kümmern, sondern umgekehrt: jeder einzelne soll sich um die Gemeinde kümmern. Seinen Dienst, den er mit seinen Gaben zu leisten imstande ist, bringt er in das Miteinander der Gemeinde ein. So wird daraus eine lebensfähige Gemeinde, in der der einzelne mit seiner Gabe mitträgt, in der er in der Liebe aufgenommen ist und in der mit seiner Hoffnung eingebettet ist. Dies erfordert wohl etwas Phantasie, in unserer Situation vor allem von den Hauptamtlichen. Denn die Gaben in der Gemeinde sind ja vorhanden. Kommen sie auch zum Tragen, zum Mitgestalten? Blick vom Kirchenfenster in den Innenraum der Kirche |
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