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Sonja Latusseck Der Oberzöllner Zachäus [Lukas 19, 1 - 10]
6: Joh. 1,12 / 7: 5,30; 15,2; Mat. 9,11 / 8: 2. Mos. 22,1.9 / 10: Ez. 34,16 ; Mat. 18,11; Joh. 3,17.Predigt zu Lukas 19, 1 - 10Man könnte diese Geschichte mit einem Witz vergleichen. Nicht nur, weil allerhand Lächerliches passiert. Wenn man sich vorstellt, wie der "Herr Zachäus" reich und sicher gut gekleidet, aber von kleiner Gestalt versucht, über die Köpfe der Vorderleute zu gucken, sich auf die Zehenspitzen stellt, einen Zwischenraum zu erhaschen sucht, und er sieht doch nichts. Und wie er dann, der, der doch seinem Geld nach zu den besseren Leuten gehört, auf einen Baum klettert, um besser sehen zu können, das hat etwas Lächerliches an sich. Der kleine reiche "Herr Zachäus", eine lächerliche Figur. Und wenn Jesus unter dem Baum stehenbleibt, auf dem der lächerliche Mensch sitzt, nicht um ihn anzuschauen, sondern um sich bei ihm einzuladen, dann sagen die Leute von Jericho etwa: "Das soll doch wohl ein Witz sein." - Ein schlechter Scherz, ein schlimmer Spaß - bei dem lädt er sich ein? Nein, ich finde, man könnte die Geschichte noch in einer anderen Hinsicht mit einem Witz vergleichen. Es gibt Witze, da kennt jeder schon nach dem ersten Satz die Pointe, den Höhepunkt. Der Überraschungseffekt ist hin, da gibt es nicht mehr viel zu lachen, solche Witze haben einen langen Bart. Wie diese Geschichte. Das Ende ist keineswegs überraschend. Der Sünder wird gerettet, die Leute von Jericho sind dumm, überheblich und blind Zachäus wird ein guter Mensch, die moralische Weltordnung wird wieder hergestellt. Wie können wir in diese Geschichte wieder hineinkommen, so daß wir merken, hier wird eine Sache verhandelt, die uns alle angeht? Oder auch: in den Figuren dieser Geschichte können und sollen wir uns wiedererkennen? Das Ende ist doch anders, als wir es gemeinhin erwarten; anders als die Enden, bei denen wir normalerweise mitspielen. Ich rede zuerst noch einmal von der Geschichte, von Jesus, dein kleinen reichen Zollpächter Zachäus und der schweigenden Mehrheit von Jericho. Ich nenne diese Geschichte eine Dreiecksgeschichte. Zachäus - Zachäus als reicher Zollpächter, von der römischen Besatzungsmacht eingesetzt, beutet die Leute aus. Wie anders wäre er zu seinem großen Reichtum gekommen? Die Leute verachten, milde ausgedrückt, Zachäus als Ausbeuter, als verlängerter Arm der gehaßten Besatzungsmacht. So einer kann und darf doch nicht anders werden. Zachäus wird verachtet und darum in seiner Rolle bestärkt. Er ist so, wie die anderen ihn haben wollen. Er wird nie anders sein, er wird nie dazugehören. Jesus aber legt keinen in seiner Rolle fest, Zachäus nicht, die Menge nicht. Bei Zachäus lädt er sich zum Essen ein, was - anders als bei uns - keine Unverfrorenheit, sondern eine unglaubliche Ehre war. Die Leute von Jericho verurteilt Jesus nicht, sondern macht sie darauf aufmerksam, daß auch Zachäus - genau wie sie - Sie gehören mit ihm zusammen, obwohl Zachäus so ist, wie er ist. Obwohl es so aussieht, als gehöre er nicht mehr dazu. Zachäus und die Leute von Jericho, die schweigende Mehrheit, haben nichts mehr miteinander zu tun. Jeder spielt seine Rolle, ist auf seine Rolle festgelegt. Eine Änderung ist weder vorgesehen, noch in Aussicht. Einer ist vom anderen isoliert. Die haben nichts miteinander zu tun - Jesus aber hat zu beiden, zu Zachäus und der Menge, eine Beziehung, die nicht ins Schema paßt. Es ist eine Beziehung, die eine Zukunft verspricht, in der nicht alles beim alten bleibt, die eine Änderung in Gang setzt, jedenfalls bei Zachäus. Ob auch bei der schweigenden Mehrheit oder - ich greife vor - bei uns, bleibt offen. Die Beziehung, die Jesus aufnimmt, ist die eines Liebenden, der keine Bedingung stellt. Er sieht den Zachäus in seiner Isolierung. Er bleibt bei ihm stehen - Auch die Menge versucht er, aus ihrer Isolierung herauszuholen, indem er sie daran erinnert, daß sie alle mit Zachäus in die gleiche Familie gehören, die Abrahamsfamilie, die gleiche Geschichte haben. Die einzige Einsicht, die die Zukunft verspricht, ist die, in der erkannt wird, daß die voneinander Isolierten zusammengehören. Nur wenn aus dieser Einsicht heraus gehandelt wird, gibt es eine gute Zukunft. Wir gehören mit allen Figuren dieser Geschichte zusammen. - Mit Zachäus, wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, wenn wir draußen sind, durch eigene Schuld oder das Verhalten der anderen, durch Umstände, die wir nicht zu beeinflussen haben. - Wir können uns auch in den Leuten von Jericho wiedererkennen, wenn wir andere von oben herab moralisch verurteilen oder beurteilen, wenn wir anderen keine Chance mehr geben, sondern sie ein für alle Mal auf ihre Rolle festlegen, wenn wir eine Änderung der Menschen und Zustände nicht mehr erwarten. Zachäus ist isoliert von den Leuten -
Und so könnte ich fortfahren, von den Rollen zu sprechen, die gespielt werden, auf die wir festgelegt sind, die uns voneinander trennen: Kranke und Gesunde, Ärzte und Patienten, Sterbende und Lebende, Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen, Farbige und Weiße, Dritte Welt und Industrialisierung. Jesus hat alle Isolierungen aufgehoben. Er hat sich an dem bösen trennenden Rollenspiel nicht beteiligt. Er hat bedingungslos Menschen zusammengebracht, die voneinander getrennt waren. Er hat ihnen ihre gemeinsame Herkunft gezeigt: Abrahams Kinder. Wir sagen heute vielleicht: Wir gehören zu der einen Menschheit, die Gott zum Vater hat und die er im Auge hat, denen er Jesus sandte. Am Ende lädt diese Geschichte ein, uns nicht nur in Zachäus oder den Leuten von Jericho wiederzufinden, sondern auch in Jesus selbst.
Auf Kirchentagen konnte ich sehen, wie selbstverständlich alte und junge Menschen miteinander umgingen und aufeinander hörten - Wenn diese Geschichte von Jesus, Zachäus und den Leuten von Jericho wirklich bei uns anschlüge, die Geschichte letzten Endes von Gott, der uns nicht allein gelassen hat, dann könnte vieles anders werden. Ich bin sicher, diese Geschichte ist noch nicht zu Ende. Amen. |
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