Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1984: Blockhausbrief Nr. 28

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Gedanken zur Zeit - Gedanken eines Blockhausgastes
Predigt am 19.8.1984
Erinnerungen - Wiederannäherung an das Blockhaus
Predigt
zu Lukas 19, 1-10
Psalm einer Pusteblume
Ein (letztes?) Wiedersehen mit Blockhaus Ahlhorn
Texte von "Kippenbergern"
Brief von H. Kiausch
Jahresablauf in der Teichwirtschaft
Ein Blick hinter die Kulissen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 5.1.1983 bis 18.12.1983
Werdegang eines Chorsängers
 

Sonja Latusseck

Der Oberzöllner Zachäus [Lukas 19, 1 - 10]

  1. Und er kam nach Jericho hinein und wollte hindurchziehen.
  2. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war Oberzöllner und war reich.
  3. Und er suchte Jesus zu sehen, wer er sei, und er vermochte es nicht wegen der Volksmenge, weil er von Gestalt klein war.
  4. Da lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn er sollte auf jenem Weg hindurchziehen.
  5. Und als Jesus an den Ort kam, blickte er zu ihm auf und sprach: Zachäus, steig eilends herab! denn heute muss ich in deinem Hause bleiben.
  6. Und er stieg eilends herab und nahm ihn mit Freuden auf.
  7. Und als sie es sahen, murrten sie alle und sagten: Bei einem sündigen Mann ist er eingekehrt, um Herberge zu nehmen.
  8. Zachäus aber trat hin und sagte zum Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich [nunmehr] den Armen, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, gebe ich es vierfach zurück.
  9. Da sprach Jesus zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, wie denn auch er ein Sohn Abrahams ist.
  10. Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu retten.
6: Joh. 1,12 / 7: 5,30; 15,2; Mat. 9,11 / 8: 2. Mos. 22,1.9 / 10: Ez. 34,16 ; Mat. 18,11; Joh. 3,17.


Predigt zu Lukas 19, 1 - 10

Man könnte diese Geschichte mit einem Witz vergleichen. Nicht nur, weil allerhand Lächerliches passiert.

Wenn man sich vorstellt, wie der "Herr Zachäus" reich und sicher gut gekleidet, aber von kleiner Gestalt versucht, über die Köpfe der Vorderleute zu gucken, sich auf die Zehenspitzen stellt, einen Zwischenraum zu erhaschen sucht, und er sieht doch nichts. Und wie er dann, der, der doch seinem Geld nach zu den besseren Leuten gehört, auf einen Baum klettert, um besser sehen zu können, das hat etwas Lächerliches an sich.

Der kleine reiche "Herr Zachäus", eine lächerliche Figur.

Und wenn Jesus unter dem Baum stehenbleibt, auf dem der lächerliche Mensch sitzt, nicht um ihn anzuschauen, sondern um sich bei ihm einzuladen, dann sagen die Leute von Jericho etwa: "Das soll doch wohl ein Witz sein." - Ein schlechter Scherz, ein schlimmer Spaß - bei dem lädt er sich ein?

Nein, ich finde, man könnte die Geschichte noch in einer anderen Hinsicht mit einem Witz vergleichen. Es gibt Witze, da kennt jeder schon nach dem ersten Satz die Pointe, den Höhepunkt. Der Überraschungseffekt ist hin, da gibt es nicht mehr viel zu lachen, solche Witze haben einen langen Bart. Wie diese Geschichte. Das Ende ist keineswegs überraschend. Der Sünder wird gerettet, die Leute von Jericho sind dumm, überheblich und blind Zachäus wird ein guter Mensch, die moralische Weltordnung wird wieder hergestellt.

Wie können wir in diese Geschichte wieder hineinkommen, so daß wir merken, hier wird eine Sache verhandelt, die uns alle angeht?

Oder auch: in den Figuren dieser Geschichte können und sollen wir uns wiedererkennen?

Das Ende ist doch anders, als wir es gemeinhin erwarten; anders als die Enden, bei denen wir normalerweise mitspielen.

Ich rede zuerst noch einmal von der Geschichte, von Jesus, dein kleinen reichen Zollpächter Zachäus und der schweigenden Mehrheit von Jericho.

Ich nenne diese Geschichte eine Dreiecksgeschichte.

Zachäus -
die Leute von Jericho -
Jesus -
alle stehen in einer Beziehung zueinander.

Zachäus als reicher Zollpächter, von der römischen Besatzungsmacht eingesetzt, beutet die Leute aus. Wie anders wäre er zu seinem großen Reichtum gekommen?

Die Leute verachten, milde ausgedrückt, Zachäus als Ausbeuter, als verlängerter Arm der gehaßten Besatzungsmacht. So einer kann und darf doch nicht anders werden. Zachäus wird verachtet und darum in seiner Rolle bestärkt. Er ist so, wie die anderen ihn haben wollen. Er wird nie anders sein, er wird nie dazugehören.

Jesus aber legt keinen in seiner Rolle fest, Zachäus nicht, die Menge nicht. Bei Zachäus lädt er sich zum Essen ein, was - anders als bei uns - keine Unverfrorenheit, sondern eine unglaubliche Ehre war.

Die Leute von Jericho verurteilt Jesus nicht, sondern macht sie darauf aufmerksam, daß auch Zachäus - genau wie sie -
ein Sohn Abrahams ist -
ein Genosse aus dem auserwählten Volk -
ein Glied des Volkes Israel -
wie sie.

Sie gehören mit ihm zusammen, obwohl Zachäus so ist, wie er ist. Obwohl es so aussieht, als gehöre er nicht mehr dazu.

Zachäus und die Leute von Jericho, die schweigende Mehrheit, haben nichts mehr miteinander zu tun. Jeder spielt seine Rolle, ist auf seine Rolle festgelegt. Eine Änderung ist weder vorgesehen, noch in Aussicht. Einer ist vom anderen isoliert.

Die haben nichts miteinander zu tun -
die wollen nichts voneinander wissen -
die können nicht miteinander reden -
zwischen ihnen spielt sich nichts mehr ab.

Jesus aber hat zu beiden, zu Zachäus und der Menge, eine Beziehung, die nicht ins Schema paßt.

Es ist eine Beziehung, die eine Zukunft verspricht, in der nicht alles beim alten bleibt, die eine Änderung in Gang setzt, jedenfalls bei Zachäus.

Ob auch bei der schweigenden Mehrheit oder - ich greife vor - bei uns, bleibt offen.

Die Beziehung, die Jesus aufnimmt, ist die eines Liebenden, der keine Bedingung stellt. Er sieht den Zachäus in seiner Isolierung. Er bleibt bei ihm stehen -
er spricht mit ihm -
er geht neben ihm her -
er kehrt in sein Haus ein -
er sitzt neben ihm -
er ißt von seinem Brot.

Auch die Menge versucht er, aus ihrer Isolierung herauszuholen, indem er sie daran erinnert, daß sie alle mit Zachäus in die gleiche Familie gehören, die Abrahamsfamilie, die gleiche Geschichte haben.

Die einzige Einsicht, die die Zukunft verspricht, ist die, in der erkannt wird, daß die voneinander Isolierten zusammengehören.

Nur wenn aus dieser Einsicht heraus gehandelt wird, gibt es eine gute Zukunft.

Wir gehören mit allen Figuren dieser Geschichte zusammen.

- Mit Zachäus, wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, wenn wir draußen sind, durch eigene Schuld oder das Verhalten der anderen, durch Umstände, die wir nicht zu beeinflussen haben.

- Wir können uns auch in den Leuten von Jericho wiedererkennen, wenn wir andere von oben herab moralisch verurteilen oder beurteilen, wenn wir anderen keine Chance mehr geben, sondern sie ein für alle Mal auf ihre Rolle festlegen, wenn wir eine Änderung der Menschen und Zustände nicht mehr erwarten.

Zachäus ist isoliert von den Leuten -
die Leute haben sich isoliert von Zachäus -
Ich isoliere mich - ich werde isoliert. Dazu brauche ich nicht im Gefängnis zu sein.

  • Die Alten sind isoliert von den Jungen, nicht erst, wenn sie im Altenheim sitzen und auf einen Besuch warten.
  • Die Behinderten sind isoliert von den Nichtbehinderten, nicht erst, wenn sie in Helme geschoben werden.

Und so könnte ich fortfahren, von den Rollen zu sprechen, die gespielt werden, auf die wir festgelegt sind, die uns voneinander trennen: Kranke und Gesunde, Ärzte und Patienten, Sterbende und Lebende, Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen, Farbige und Weiße, Dritte Welt und Industrialisierung.

Jesus hat alle Isolierungen aufgehoben. Er hat sich an dem bösen trennenden Rollenspiel nicht beteiligt. Er hat bedingungslos Menschen zusammengebracht, die voneinander getrennt waren.

Er hat ihnen ihre gemeinsame Herkunft gezeigt: Abrahams Kinder. Wir sagen heute vielleicht: Wir gehören zu der einen Menschheit, die Gott zum Vater hat und die er im Auge hat, denen er Jesus sandte.

Am Ende lädt diese Geschichte ein, uns nicht nur in Zachäus oder den Leuten von Jericho wiederzufinden, sondern auch in Jesus selbst.

  • Wenn wir wie er die alten Rollenspiele nicht mehr mitmachen,
  • uns aus der selbstverschuldeten Isolierung lösen lassen, indem wir andere daraus lösen.

Auf Kirchentagen konnte ich sehen, wie selbstverständlich alte und junge Menschen miteinander umgingen und aufeinander hörten -
wie behinderte und nichtbehinderte Menschen etwas miteinander erlebten, ohne Aufsehen zu erregen -
wie Menschen verschiedener Meinungen oder Glaubens miteinander redeten -
wie mit großem Engagement Hunger und Ungerechtigkeit in der Dritten Welt angegriffen wurden -
wie die Interessen von Isolierten vertreten wurden -
wie Isolierte nicht mehr isoliert wurden, sondern dazugehörten.

Wenn diese Geschichte von Jesus, Zachäus und den Leuten von Jericho wirklich bei uns anschlüge, die Geschichte letzten Endes von Gott, der uns nicht allein gelassen hat, dann könnte vieles anders werden.

Ich bin sicher, diese Geschichte ist noch nicht zu Ende. Amen.


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