Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1984: Blockhausbrief Nr. 28

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Gedanken zur Zeit - Gedanken eines Blockhausgastes
Predigt am 19.8.1984
Erinnerungen - Wiederannäherung an das Blockhaus
Predigt zu Lukas 19, 1-10
Psalm einer Pusteblume
Ein (letztes?) Wiedersehen mit Blockhaus Ahlhorn
Texte von "Kippenbergern"
Brief von H. Kiausch
Jahresablauf in der Teichwirtschaft
Ein Blick hinter die Kulissen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 5.1.1983 bis 18.12.1983
Werdegang eines Chorsängers
 

Gedanken zur Zeit

Gedanken eines Blockhausgastes

Otto Bunnemann

Haben Sie vor kurzem den Fernsehbericht über die Graubündner "Berninabahn" gesehen? Sie führt durch ein Paradies von Pontresina nach Poschiavo. Dann haben Sie mit mir diese majestätische Hochgebirgslandschaft bewundert. Doch unverhofft kommt der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer zu Wort. Seit 27 Jahren hat er in Poschiavo eine Heimat gefunden. Dieser Mann versteht sich als ein Prophet des Untergangs: Die Erde sei verloren, der Menschheit drohten gewaltige Schrecken, Optimismus sei eine ruchlose Auffassung. Er möchte aufrütteln, nachdenklich stimmen, zur Umkehr mahnen. Er wolle nicht mehr schriftstellerisch tätig sein, um damit den Ernst seiner Befürchtungen zu bekräftigen. Äußerlich gelassen scheint er das Ende dieser schönen Welt abwarten zu wollen.

Ein Seelsorger versucht, etwas den Ängsten, Depressionen, der Lebensmüdigkeit entgegenzusetzen, er versucht, alternde, kranke, sterbende und trauernde Menschen aufzurichten. Es gelingt ihm mit einer auf biblischer Erfahrung begründeten Fröhlichkeit, einen eben darauf beruhenden Optimismus. Betreibt er gar ein "ruchloses" Geschäft?

Der Sommer des Jahres 1984 war mehr als mies. Die Großwetterlage nährt jeden Pessimismus. Wie hat der Mensch in den letzten zweihundert Jahren diese Welt verändert - verändert unter dem Banner des Fortschritts zum Wohle und besonders zur Bequemlichkeit des Menschen?! Es ist atemberaubend. Der Zug des Fortschritts fährt auf Hochtouren. Wer will ihn denn jetzt bremsen können? Wer will ihn gar zum Stehen bringen können? Sollte die Endstation nicht heißen: ein "goldenes Zeitalter"? War das Ziel nicht ein Leben zufriedener Menschen, von denen einer den anderen liebevoll mit dem Notwendigen versorgt? Der Zug rollt und rollt, die Anstrengungen sind ungeheuer, - aber - o Schreck! - es will mit aller Gewalt nicht golden werden. Den Bann traf, wer sich rückständig dem ersehnten Fortschritt in den Weg stellte. Jetzt fordern die ernsthaft Nachdenklichen - sind es nicht die Progressiven von einst? - mit Nachdruck: Zieht die Notbremse! Ein Fluch dem, der die rasende Fahrt fortsetzen zu müssen meint. Deiche gegen die "Mordsee" zu bauen, ungebändigte Ströme zu regulieren, dienten dem Dichter der Vergangenheit als Bild für die Herausforderung des Menschen durch die Naturgewalten. Wehe, es plant heutzutage jemand nur den Bau eines Deiches! Was ist denn mit dem heiß ersehnten Ziel einer "goldenen Zeit"? Statt dessen droht der Untergang. Wo liegt die Rettung? Etwa im Stillstand? Kann es Stillstand überhaupt geben? Wenn nicht: Wohin führt dann die Weiterreise? Ich bin ratlos.

War die uralte Sehnsucht nach einem besseren, vollkommeneren Leben eine böse Triebfeder? Oft äußert sich das Verlangen, wunschlos glücklich zu sein.

Beruht Glück vielleicht darin, keine Regungen mehr zu verspüren? Warum hat es der Mensch so schwer mit seinem Glück? Ein griechischer Philosoph des Altertums verglich die menschliche Seele - voll sinnlicher Begierden - mit einem Faß ohne Boden. Im Wünschen und Wollen sah ein deutscher Philosoph die Ursache aller Schmerzen. Befriedigung stelle sich doch nie ein, das Leben erweise sich als eine einzige Folge von Unlustgefühlen und daher Leiden. Das Rezept lautet demnach, die Bedürfnisse einzuschränken, Begierden zu unterdrücken, sich abzukehren von allen sinnlichen Genüssen. Die Erlösung liege in der Verneinung des Willens, das erstrebte Ziel heiße: vollkommene Wunschlosigkeit.

Es stimmt. Trotz aller Verbesserungen und Erleichterungen der letzten zwei, drei hundert Jahre ist der Mensch nicht zufriedener geworden. Im Gegenteil. Erfüllten sich alle Wünsche der heutigen Zeit, es gäbe wohl kaum glücklichere Gesichter. Alles, was er schöpferisch und genial zustandebringt, ist immer ebenso heilsam wie verderblich. Was aber bliebe von der menschlichen Natur, wenn er sich nicht mehr sehnend ausstreckte, nicht mehr regte, um nach neuen, verheißungsvollen Ufern Ausschau zu halten?

Winterstimmung am Helenensee
Winterstimmung am Helenensee
Weihnachtskarte von Pastor Bunnemann

Ich bin kein Prophet. Daß Wälder sterben, ist eine Katastrophe. Bedeutet es den Beginn des Untergangs? Kann es einfach irgendwie so weitergehen? Ich schlage an irgendeiner Stelle die Bibel auf und stelle fest, daß meine Gedanken zu unserer Zeit zu den Erfahrungen früherer Menschheitsepochen gehören. In den Klageliedern des Jeremia äußert ein Mensch sein Leid in schicksalsschwerer Zeit. Sein Volk ist von mächtigen Feinden besiegt und in eine trostlose Fremde verschleppt worden. Es scheint aus zu sein mit ihnen. Da schlägt merkwürdigerweise plötzlich der Ton um: "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht garaus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu . . ." Der Klageliedsänger spricht jemanden direkt an: ". . . und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen." Hier macht ein Mensch die Erfahrung, daß mitten im ärgsten Leid jemand mit ihm ist. Dieser Jemand ist und bleibt unsichtbar, dennoch setzt er alle Hoffnung auf ihn. Die Bibel ist voll von solchen Erfahrungen. Nirgends verheißt sie das große Glück auf Erden. Stets ist das Ende nahe und doch werden Verzweifelnde voller Zuversicht. Die Erlösung wird nicht in Wunschlosigkeit erfahren sondern in Hoffnung, die einen Halt findet.

Ein Schiff gerät während der Nacht auf hoher See in ein Unwetter. Ein Brecher erfaßt einen Mann und spült ihn über Bord. Voller Angst und mit letzter Kraft hält sich der Seemann über Wasser. Er spürt, wie ungetüme Elemente über ihn zusammenschlagen. Ob die übrige Besatzung etwas bemerkt und das "Mann-über-Bord-Manöver" eingeleitet hat? Er weiß es nicht und doch hält er an diesem Strohhalm fest. Biblische Erfahrung geht darüber hinaus. Der um sein Leben Kämpfende glaubt, in der Schwärze der Nacht das Aufleuchten eines Scheinwerfers erblickt und Rufe gehört zu haben. Er weiß nur nicht, ob er sich nicht geirrt hat und das Wahrgenommene nur Einbildung ist. Biblische Erfahrung von Hoffnung geht darüber hinaus. Er ist dem Ertrinken nahe, Erschöpfung befällt ihn, aber da sieht er deutlich das Rettungsboot, er weiß, die Rettungsmannschaft kann es schaffen. Sie meinen ihn. Sie haben ihn vermißt sie haben ihn gesucht und sie haben ihn gefunden. Da wird er weiterkämpfen müssen, noch ist die Bedrohung nicht vorbei, aber die rettende Hand reckt sich dem Sinkenden entgegen.

Willenlosigkeit, mit anderen Worten Pessimismus bedeutete, er wäre rettungslos verloren. Gerettet wird, wer in der Hoffnung Halt findet und nach dem Leben drängt. Er wird dankbar jubeln: "Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen . . . bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht." (Psalm 36,6 und 10)


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