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Gedanken zur ZeitGedanken eines BlockhausgastesOtto Bunnemann Haben Sie vor kurzem den Fernsehbericht über die Graubündner "Berninabahn" gesehen? Sie führt durch ein Paradies von Pontresina nach Poschiavo. Dann haben Sie mit mir diese majestätische Hochgebirgslandschaft bewundert. Doch unverhofft kommt der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer zu Wort. Seit 27 Jahren hat er in Poschiavo eine Heimat gefunden. Dieser Mann versteht sich als ein Prophet des Untergangs: Die Erde sei verloren, der Menschheit drohten gewaltige Schrecken, Optimismus sei eine ruchlose Auffassung. Er möchte aufrütteln, nachdenklich stimmen, zur Umkehr mahnen. Er wolle nicht mehr schriftstellerisch tätig sein, um damit den Ernst seiner Befürchtungen zu bekräftigen. Äußerlich gelassen scheint er das Ende dieser schönen Welt abwarten zu wollen. Ein Seelsorger versucht, etwas den Ängsten, Depressionen, der Lebensmüdigkeit entgegenzusetzen, er versucht, alternde, kranke, sterbende und trauernde Menschen aufzurichten. Es gelingt ihm mit einer auf biblischer Erfahrung begründeten Fröhlichkeit, einen eben darauf beruhenden Optimismus. Betreibt er gar ein "ruchloses" Geschäft? Der Sommer des Jahres 1984 war mehr als mies. Die Großwetterlage nährt jeden Pessimismus. Wie hat der Mensch in den letzten zweihundert Jahren diese Welt verändert - verändert unter dem Banner des Fortschritts zum Wohle und besonders zur Bequemlichkeit des Menschen?! Es ist atemberaubend. Der Zug des Fortschritts fährt auf Hochtouren. Wer will ihn denn jetzt bremsen können? Wer will ihn gar zum Stehen bringen können? Sollte die Endstation nicht heißen: ein "goldenes Zeitalter"? War das Ziel nicht ein Leben zufriedener Menschen, von denen einer den anderen liebevoll mit dem Notwendigen versorgt? Der Zug rollt und rollt, die Anstrengungen sind ungeheuer, - aber - o Schreck! - es will mit aller Gewalt nicht golden werden. Den Bann traf, wer sich rückständig dem ersehnten Fortschritt in den Weg stellte. Jetzt fordern die ernsthaft Nachdenklichen - sind es nicht die Progressiven von einst? - mit Nachdruck: Zieht die Notbremse! Ein Fluch dem, der die rasende Fahrt fortsetzen zu müssen meint. Deiche gegen die "Mordsee" zu bauen, ungebändigte Ströme zu regulieren, dienten dem Dichter der Vergangenheit als Bild für die Herausforderung des Menschen durch die Naturgewalten. Wehe, es plant heutzutage jemand nur den Bau eines Deiches! Was ist denn mit dem heiß ersehnten Ziel einer "goldenen Zeit"? Statt dessen droht der Untergang. Wo liegt die Rettung? Etwa im Stillstand? Kann es Stillstand überhaupt geben? Wenn nicht: Wohin führt dann die Weiterreise? Ich bin ratlos. War die uralte Sehnsucht nach einem besseren, vollkommeneren Leben eine böse Triebfeder? Oft äußert sich das Verlangen, wunschlos glücklich zu sein. Beruht Glück vielleicht darin, keine Regungen mehr zu verspüren? Warum hat es der Mensch so schwer mit seinem Glück? Ein griechischer Philosoph des Altertums verglich die menschliche Seele - voll sinnlicher Begierden - mit einem Faß ohne Boden. Im Wünschen und Wollen sah ein deutscher Philosoph die Ursache aller Schmerzen. Befriedigung stelle sich doch nie ein, das Leben erweise sich als eine einzige Folge von Unlustgefühlen und daher Leiden. Das Rezept lautet demnach, die Bedürfnisse einzuschränken, Begierden zu unterdrücken, sich abzukehren von allen sinnlichen Genüssen. Die Erlösung liege in der Verneinung des Willens, das erstrebte Ziel heiße: vollkommene Wunschlosigkeit. Es stimmt. Trotz aller Verbesserungen und Erleichterungen der letzten zwei, drei hundert Jahre ist der Mensch nicht zufriedener geworden. Im Gegenteil. Erfüllten sich alle Wünsche der heutigen Zeit, es gäbe wohl kaum glücklichere Gesichter. Alles, was er schöpferisch und genial zustandebringt, ist immer ebenso heilsam wie verderblich. Was aber bliebe von der menschlichen Natur, wenn er sich nicht mehr sehnend ausstreckte, nicht mehr regte, um nach neuen, verheißungsvollen Ufern Ausschau zu halten? Winterstimmung am Helenensee |
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