Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1983: Blockhausbrief Nr. 27

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Zeit-Zeichen
Erläuterungen zum Gottesdienst am 25. September 1983
Zum Gottesdienst am 10. Juli 1983
"Der Moment, da die Liebe in die Welt kam"
Menschen im Evangelischen Jugendheim Blockhaus Ahlhorn
So kam ich ins Blockhaus
Mit Götz Maltusch in den ersten Nachkriegsjahren in Ahlhorn
Erinnerungen von Dorothea Orth
Frühe Erinnerungen an das Blockhaus Ahlhorn
Schöne Vergangenheit
Erinnerungen an Freizeit für Jungen im Januar 1947
Blockhaus Ahlhorn 1948
Unsere Freunde in Ahlhorn
Mädchenfreizeit im Blockhaus im Juli 1947
Masuren im Oldenburger Land
Erinnerungen an das Blockhaus aus dem Jahre 1947
Oldenburger Jugendkulturbund im Blockhaus
Erinnerungen an das Blockhaus
Erinnerungen nach 35 Jahren
Singefreizeit im Blockhaus Ahlhorn 24./25. April 1948
Die Schwalben im Blockhaus
Liebe Blockhäusler - Weihnachtsgrüße einer Praktikantin
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. Januar 19 und 31. Dezember 1983
 

Menschen im Evangelischen Jugendheim Blockhaus Ahlhorn

Erinnerungen - Gedanken - Streiflichter

Rolf von der Dovenmühle

mit Texten von Kirchenrat Wintermann sowie Landesjugendpfarrer, später Bischof Götz Maltusch


In dem Bericht des letzten Blockhausbriefes: "Das Blockhaus wird kirchlich" berichtet Dr. Carl Ballin, welche Pläne man im Landkreis Oldenburg mit dem früheren Gaukameradschaftsheim der NSDAP hatte. Nun habe ich weitergeforscht: Kirchenrat Wintermann, nach dem Krieg Gemeindepfarrer in Cloppenburg, erinnert sich an einen Anruf des juristischen Oberkirchenrats der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Dr. Hermann Ehlers:

"Die Militärregierung in Oldenburg will die Gebäude des ehemaligen Gaukameradschaftsheimes unter bestimmten Auflagen der Kirche zur Verfügung stellen. Das Gelände mit allen Baulichkeiten soll nicht in den Besitz der Kirche übergehen. Es ist eine symbolische Pacht von einer Reichsmark je qm festgesetzt. Auch nichtkirchliche Gruppen sollen aufgenommen werden. Dieses ist der Wunsch der Militärregierung.

Oberkirchenrat Dr. H. Ehlers bat darum, mich zum Blockhaus zu begeben und zu prüfen, ob es sich für Jugendarbeit der Ev-luth. Kirche eigne. Die ganze Angelegenheit sei eilbedürftig, weil die Militärregierung auf eine Antwort warte.

Wie sich später herausstellte, hatten die Engländer zunächst der Katholischen Kirche unter denselben Bedingungen das Blockhaus angeboten. Sie hatte aber abgelehnt.

"Son Dübelskrom wüllt wi nich!" soll der betagte Dechant Hackmann aus Cloppenburg gemeint haben.

Auch gehörte wohl eine Portion Mut dazu, die "Ruine" Blockhaus zu übernehmen.

Allerdings läßt sich nicht mehr feststellten, ob das Angebot der Militärregierung wegen der Auflagen abgelehnt wurde, die vorsahen, daß das Blockhaus auch nichtkirchlichen Gruppen zur Verfügung gestellt werden sollte.

Der Ev-luth. Oberkirchenrat war bereit, die Auflagen zu erfüllen, auch nicht-kirchliche Gruppen im Blockhaus aufzunehmen, weil sie die evangelische Jugendarbeit nicht gegen eine anders orientierte abschotten wollte, denn evangelische Jugendarbeit könne nicht im Ghetto betrieben werden, sondern nur im lebendigen Dialog. So bat ich meinen damaligen Mitarbeiter in der Jugendarbeit, den späteren Missionsinspektor und jetzigen Pfarrer in Visbek, Gerhard Bergner, mit mir zusammen zum Blockhaus zu fahren. Es war eine herrliche Fahrt, die uns aber nicht zum Ziel brachte, da wir das Blockhausgelände nicht betreten durften. Der Wachdienst wurde zwar von Deutschen versehen - Mitgliedern des sogenannten Objektschutzes - stand aber unter dem Befehl der englischen Militärregierung. Diese hatte versäumt unser Kommen der Wache mitzuteilen. Über eines aber waren Bergner und ich uns jetzt schon klar: Dieser Ort ist so herrlich gelegen, daß man für evangelische Jugendarbeit -insbesondere Jugendfreizeiten - kaum einen besseren finden würde.

Den mißlungenen ersten Besuch meldeten wir nach Oldenburg wo man sehr ungehalten war und das Nötige veranlassen wollte. Als Gerhard Bergner nun das nächstemal zum Blockhaus kam war die Wache wieder nicht unterrichtet worden, und man sperrte ihn in einem kleinen Haus ein - später Schweinestall und Waschküche -,wo jetzt das Seehaus steht. Erst nach geraumer Zeit wurde Bergner wieder freigelassen und konnte sich auf dem Gelände und in den Gebäuden umsehen."

Die Engländer hatten auf der Blockhausinsel auf dem Gelände des jetzigen Hüttendorfes ein Lager für straffällige englische Soldaten gebaut.

Über die Anfänge des Hüttendorfes ist bereits in einem früheren Blockhausbrief berichtet worden.

"Man erzählte mir später," so berichtet Kirchenrat Wintermann weiter, "es sei dort nicht viel anders zugegangen als in deutschen Konzentrationslagern. Jedenfalls hätten die dort festgehaltenen straffälligen Soldaten in der einen Ecke des Platzes schwere Felssteine auf eine Karre laden, sie in die andere Ecke des Geländes fahren und dort wieder eingraben müssen; danach mußten sie sie wieder ausgraben und sie in die andere Ecke des Platzes befördern, wo dasselbe Spiel von neuem anfing."

Der Stab dieses Lagers wohnte in den Blockhäusern, und das jetzige Büro war in eine "Holzfällerbar" umgewandelt worden. Als ich im Juli 1947 ins Blockhaus kam, zierten die typischen Bilder einer Bar noch den Raum. - Zunächst mußte man auf dem Gelände des Blockhauses gründlich aufräumen: man kann sich leicht vorstellen, wie die Gebäude aussahen, die von Soldaten bewohnt wurden. Es wurde nun die Cloppenburger evangelische Jugend mobilisiert. Sie fand sich auch bereit zu einem intensiven Aufräumdienst. So sammelten sich etwa 20 Jungen und Mädchen vor der Kirche in Cloppenburg, um zum Blockhaus zu fahren und dort Aufräumungsarbeiten zu leisten.

Auch in Oldenburg war man in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Man hatte einen ostvertriebenen Diakon namens Thadewald zum Heimleiter für das Blockhaus ernannt. - Ihm ist es wohl zu danken daß die ersten Jugendgruppen schon vor der Einweihung des Hauses hier aufgenommen werden konnten.

Wer erinnert sich noch an den kalten Winter 1946/47?

Er kam mit einem kleinen Pony und einem Wagen mit den Habseligkeiten eines Flüchtlings zum Blockhaus. Die evangelische Jugend aus Cloppenburg war schon vorher eingetroffen. Die erste Frage war natürlich. "Wie bekommt man Wasser, bietet Schlafgelegenheit und verpflegt die Jungen und Mädchen?"

Alle diese Fragen waren nicht leicht zu lösen. Gegen Kriegsende war das Blockhaus total ausgeraubt.

Mancher Bauernhof ging noch in den letzten Kriegstagen in Flammen auf. Da fuhr man eben zum Blockhaus und nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war.

Manches fand sich wieder ein, weil man sehr leicht nachweisen konnte, daß die betreffenden Möbelstücke aus dem Blockhaus stammten."

Mir wurde berichtet: Ein Bauer aus der Umgebung brachte den Grotrian-Steinweg-Flügel zurück. "De stunn mi in Weg!" meinte er.

Das benötigte Trink- und Waschwasser mußte von dem damaligen Nachbarn Jupp Janzen mit dem einzigen Boot über den Helenensee geholt werden. Dabei wurde eine Badewanne benutzt, die sich im Blockhaus fand. Die Wasserspülung für die Toiletten funktionierte nicht.

Da in der Küche außer zwei älteren Wehrmachtskesseln und einem alten Kohleherd keinerlei Küchengerätschaften mehr vorhanden waren, konnte nicht gekocht werden. Da denke ich dankbar an Frau Witwe Pieper zurück, der Seniorchefin des Schlachthofes in Cloppenburg, die sich bereit erklärte, der Putzfreizeit im Blockhaus Ahlhorn mit Brühen und verwertbaren Abfällen der Schlachthofproduktion weiterzuhelfen. Die Fa. Pieper stellte auch große Essensbehälter zur Verfügung, die nun gefüllt an Ort und Stelle geschafft werden mußten. Ich nahm nun im Zuge meiner sonstigen Verbindungen mit dem Militärresidenten Verhandlungen auf, die dahin führten, daß kurzerhand ein Fuhrunternehmer beauftragt wurde, täglich rechtzeitig zur Mittagszeit mit der Pieper-Suppe" im Blockhaus zu sein. Das war ein beschwerlicher Weg, denn das letzte Stück - der alte Weg zum Wirtshaus "Zum Karpfen" - war damals noch voller Schlaglöcher so daß meine Frau und ich - die manchmal mitfuhren - alle Mühe hatten, die auf der Plattform des Lastwagens munter herumhüpfenden Essensträger vor dem Herunterfallen zu bewahren. Immerhin war jetzt für einige Zeit das Essen gesichert. Allmählich kam auch die Küche soweit in Ordnung, daß sie benutzt werden konnte.

Was aber schon diese ersten Erbsensuppen der Fa. Pieper bei den ausgehungerten, vertriebenen Jungen und Mädchen bewirkten, zeigt sich daran, daß einer dieser Jungen 7 Teller Erbsensuppe auf einmal aß. Durch "Beziehungen" kamen Lebensmittel dazu, so daß die Verpflegung sichergestellt war. Auch der Oberkirchenrat und das Ev. Hilfswerk haben treu geholfen. Dabei kam es zu einem drolligen Mißverständnis: Bei einer der ersten Freizeiten kam Oberkirchenrat Dr. Hermann Ehlers mit einem alten Opel angefahren, der nur noch einen Sitz hatte und noch den Anstrich trug, wie ihn die deutsche Wehrmacht für ihre in Afrika eingesetzten Truppen verwendete. Er teilte mit, daß in Oldenburg beim Oberkirchenrat eine ganze Tonne Fisch und andere Lebensmittel lagerten, die man sich abholen könne, er wisse aber keine Möglichkeit, diese Ladung zu befördern. Gerhard Bergner verstand es, durch Beziehungen zum Militärresidenten in Cloppenburg - einen Wagen zu bekommen. Dieser Wagen konnte 18 Tonnen laden, war also ein Riesenfahrzeug. Der Hauswart in Oldenburg wollte nicht glauben, daß ein solches Riesenfahrzeug für die eine Tonne Fisch und andere Lebensmittel zur Verfügung gestellt sei. Die Jugendgruppe hat dann aufgeladen, was sie im Keller vorfand: mehrere Fässer Heringe und andere Lebensmittel, so daß der Wagen wohlgefüllt wurde. Kaum aber war dieser in Ahlhorn, kam auch Hermann Ehlers an, weil er erfahren hatte, daß die Jugendgruppe alle Sachen mitgenommen hatte, die im Keller des Oberkirchenrates für die verschiedensten Helme der oldenburgischen Kirche lagerten. Nur mit großem Aufwand konnten die Sachen dann aus Ahlhorn wieder fortgebracht und ihren eigentlichen Bestimmungsorten zugeführt werden. Gerhard Bergner hat bei dieser Gelegenheit eine entsprechende Standpauke zu hören bekommen, von Ehlers aber später doch eine Stange Armeezigaretten erhalten. Ehlers hatte verstanden, daß in einer Aufbausituation solche Dinge einmal vorkommen können.

Inzwischen war auch der spätere Landesbischof von Schaumburg-Lippe, Johann Gottfried Maltusch, Landesjugendpfarrer in Oldenburg geworden und hatte die Leitung des Heimes übernommen, wobei ihm Gerhard Bergner als Gehilfe zur Seite stand.

Bei den ersten Freizeiten wirkte auch ein Engländer, Mr. Collins, mit, den Bergner kennengelernt hatte. Dieser Mann kannte sehr viele deutsche Volkslieder und sang sie zur Laute mit schöner Stimme. Er hatte sehr viel Schweres im Leben durchgemacht, war kanadischer Offizier gewesen und hatte für sein Land in der ganzen Hitlerzeit als Agent gearbeitet. Diese Liederabende mit Mr. Collins sind wohl allen Teilnehmern dieser ersten Freizeiten unvergessen.

Zur Jahreswende 1946/47 wurde die erste Jahresschlußfreizeit der Ev. Jugend gehalten, und sie sind sicherlich mit manchen Veränderungen bis auf den heutigen Tag fortgeführt worden.

So kann man auch nach 37 Jahren an diese Anfangszeit nur mit großem Dank zurückblicken. Damit diese Anfänge nicht völlig in Vergessenheit geraten, seien sie hier noch einmal festgehalten."

Der Oberkirchenrat hatte Götz Maltusch das Landesjugendpfarramt nach dem Kriege übertragen. Ich machte seine Bekanntschaft 1928 im "Heideheim Ahlhorn" der Inneren Mission. Dort verbrachten wir mit anderen Jungen und Mädchen unvergeßliche Ferien in der weiten Heide. Viele Jahre später trafen wir uns, um nun gemeinsam für das Blockhaus zu arbeiten.

In einem Bericht im Oldenburger Sonntagsblatt "Es begann vor 25 Jahren" sieht er in seiner temperamentvollen Art den Anfang so:

"Es war in den Maitagen 1946 in Oldenburg. Nach dem dunklen und kalten Winter war ein schöner sonnendurchglänzter Frühling in das Land gezogen. Aber die Herzen der jungen Menschen konnte auch dieser Frühling nicht aufrichten. Sie waren zu schwer enttäuscht worden von den Männern, die ihnen Sieg und Ehre versprochen hatten. Niemand wußte, wie es weitergehen sollte. In dieser Lage war es für mich als Landesjugendpfarrer schwer, die Jugend aus ihrer Verzweiflung herauszuholen und sie für eine neue Gemeinschaft im Glauben an Jesus zu gewinnen. Eines war jedenfalls klar: Es mußte ein Zentrum ,gefunden werden für die neu aufzubauende Jugendarbeit.

Bei diesen Überlegungen traf ich öfter mit dem Jugendoffizier Berenson von der Militärregierung zusammen. Uns verband das Interesse an der Jugend. Berenson war von Beruf Erzieher in einem Waisenhaus in Kanada - und unser christlicher Glaube. An einem schönen Maitag trafen wir uns zufällig. Er sagte zu mir: "Herr Pastor, ich habe ein schönes Haus für die Jugend, aber keiner will es haben!" Ich entgegnete: "Geben Sie es mir!" Er schlug in meine hingehaltene Hand ein, und nach kanadischer Holzfällerart gilt das. Ich ahnte zunächst gar nicht was ich da für die Jugend bekommen hatte. Ich machte mich in den nächsten Tagen mit einem Beamten der Regierung auf, um das Haus zu besichtigen. Ich kannte wohl das Heideheim der Inneren Mission in Ahlhorn, aber vom Blockhaus hatte ich noch nichts gehört. So war ich sehr gespannt, als wir über den zerstörten Feldflughafen bei Bissel in die Wälder zum Blockhaus einbogen. Je näher wir dem Hause kamen, desto größer wurde meine Gewißheit, daß dies der geeignete Ort für den Aufbau der Ev. Jugend sein würde. Als ich dann die Häuser selber sah, wußte ich, dies könnte der Mittelpunkt unserer Jugendarbeit werden. Als wir sie näher besichtigten, fanden sich die Gebäude in einem sehr schlechten Zustand.

Zunächst mußte das ganze Haus notdürftig instandgesetzt werden. Hier hat sich die gerade gebildete Jugendgruppe aus Cloppenburg unter der Leitung des späteren Pastors Gerhard Bergner ihre besonderen Verdienste erworben. Zunächst wurde der Unrat aus den Häusern herausgeholt. Die Mädchen reinigten die Räume, es wurde eine große Grube für den gesamten Abfall ausgehoben.

In Verbindung mit dem Bürgermeister von Ahlhorn, Herrn Rohleder, wurde das Straflager abgebaut. Die Nissenhütten übernahmen der Landkreis und die Polizei. Der Stacheldraht wurde sorgfältig abgewickelt, die langen Pfähle zersägt und für die Küche benutzt. Die Militärbetten wurden in die Häuser gestellt, so daß jedenfalls zunächst eine Unterkunft gegeben war. Der Oberkirchenrat sagte seine Hilfe zu, sodaß schon nach kurzer Zeit das Haus soweit eingerichtet war, daß man eine Einweihung wagen konnte.

Die Einweihung

Am 28.8. 1946 war es soweit. Die Verhandlungen mit der Militärregierung hatten ergeben, daß die Häuser wohl der Kirche verpachtet werden konnten, daß aber die Besitzverhältnisse einer späteren Regelung vorbehalten bleiben sollten. Die war für uns nicht entscheidend.

Wir hatten nun unser Jugendzentrum

Schon bei der Einweihungsfeier zeigt es sich, wie groß die Anziehungskraft dieses Hauses war. Aus vielen Gemeinden kamen die neu gebildeten evangelischen Jugendgruppen, um dabei zu sein. Die Besucherzahl war so groß, wohl über 200, daß wir vor der Küche auf den großen Platz am Helenensee gehen mußten. Dort wurde eine Kanzel aus Birkenholz errichtet und der Altar aufgebaut. Der neugegründete Oldenburger Jugendchor sang unter seinem unvergeßlichen Leiter Kurt Wiesemann, und nach der Predigt über den Text vom Zöllner Zachäus (Lukas 19,1-10) sprachen der damalige Ministerpräsident Tantzen, der Militärgouverneur Kell und Bischof D. Dr. Stählin. Alle Ansprachen stimmten darin überein, daß es nun gelte, im Namen Jesu Christi ein Neues zu beginnen zum Wohle der jungen Menschen. Der Nachmittag des Festtages führte die evangelischen Jungen zum ersten Mal nach dem Kriege im großen Kreis zusammen. Jede Gruppe stellte sich vor mit Liedern, kurzen Ansprachen und Gedichten.

Das Zentrum für die evangelische Jugend war gefunden!

Freizeiten für Flüchtlingskinder

Wer sich an die Schwierigkeiten der damaligen Zeit erinnern kann, wird ermessen können, was von allen Verantwortlichen gefordert wurde, um die Häuser bewohnbarer zu machen. Zunächst galt es, Lebensmittel und Stroh für die Unterkunft zu besorgen. Hier halfen die Gemeinden Ahlhorn, Großenkneten und weiter entfernt gelegene Gemeinden in vorbildlicher Weise. Die Konfirmanden gingen von Haus zu Haus mit Handwagen, um bei den Bauern Kartoffeln, Rüben und Stroh zu erbitten.

Dann sollte im Blockhaus die Freizeitarbeit beginnen. In den Sommerferien 1946 fand eine erste Erholungsfreizeit für Flüchtlingskinder statt. Der Ernährungszustand dieser aus den von Polen besetzten Gebieten kommenden Kinder war erbarmungswürdig. Außer den Spenden der Landwirte in der Umgebung des Blockhauses und aus vielen Gemeinden gab hierzu das Evangelische Hilfswerk unter Leitung von Dr. Hermann Ehlers amerikanische Spenden wie Milchpulver Lagerbutter und Käse.

Da es auch an Personal mangelte, wurden Mütter gebeten, an dieser Erholungskur teilzunehmen! Es erschien hierzu auch eine Großmutter, Mutter Kohlheim. Sie war nur 1,60 m groß, erklärte aber, daß sie gut kochen könne. Dies wollte ich ihr auch glauben, da sie die Frau des Berliner Fleischermeisters war. - Aber wie wollte sie an die großen Arbeitsdienstkochkessel herankommen, die in der Küche standen? Dieses Problem löste sie auf einfache Weise. Sie stellte sich beim Rühren auf einen Schemel. Bald ergab sich, daß sie der gute Geist der Küche war.

Auch Frau Thadewald, Frau Glamm und weitere Mitarbeiterinnen gaben ihr Bestes. Ich erlebte Mutter Kohlheim auch noch: "Wenn ich noch jünger wäre," meinte sie öfters, "dann werde ich mit Ihnen an der "Krummen Lanke" in Berlin eine Kaffeewirtschaft eröffnen. Motto: Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen!" So verlief diese Freizeit mit 80 Kindern ohne äußere Schwierigkeiten. Geld gab es genug aus den Hilfswerksammlungen, aber die Lebensmittelmarken waren viel wichtiger. So stand ich jeden Mittag neben dem großen Kochtopf, und gleichzeitig mit dem Essen wurden die Marken eingesammelt. Erfreulicherweise fanden unsere Veranstaltungen auch die Hilfe des Ernährungsamtes, da es immer sogenannte "Spitzen" gab, die nicht in den Verteilungsplan hineinpaßten. Diese "Spitzen" - es handelte sich meistens um Nährmittel wie Haferflocken, Sage, Grieß oder Maismehl - wurden dem Blockhaus zur Verfügung gestellt."

"Auf der Terrasse hinter der Küche hatten wir eine alte "Gulaschkanone" aufgestellt. Dort wurden die berühmt gewordenen Milchsuppen gekocht. Wenn mich jetzt jemand besucht, der damals als Kind im Blockhaus weilte und ich ihn frage: "Was war das Beste in jener Zeit?," dann kommt prompt die Antwort. "Die Milchsuppe, wir konnten uns richtig sattessen!"

Später gaben die Kinder einen sogenannten G-Schein ab, den ihnen das örtliche Ernährungsamt ausstellte. Diese G-Scheine legten wir dem Ernährungsamt Oldenburg-Land vor. Herr Haase hat uns großzügig versorgt.

"Zelte und tausend Schlafsäcke"

Das Blockhaus wurde innerhalb eines Jahres zum Zentrum der gesamten evangelischen Jugendarbeit in der Landeskirche. Schon reichten die Häuser im Sommer nicht mehr aus. So erbaten wir von der britischen Besatzungsmacht Zelte, die auf dem jetzigen Sportplatz aufgestellt wurden. Auch Bettwäsche gab es eines Tages aus britischen Beständen. Ich mußte auf einen Schlag 1000 Schlafsäcke übernehmen. Da dies selbst für das Blockhaus zu viel war, fuhr ich damals durch die Einrichtungen der Inneren Mission und verteilte wie ein Weihnachtsmann Geschenke.

Aluminiumgeschirr aus Herne

Ein weiteres Problem war die Beschaffung von Geschirr. Durch einen Theologiestudenten in Herne hörte ich, daß er Aluminiumgeschirr besorgen könne. Damals bestand zwischen Niedersachsen und Rheinland-Westfalen eine Zollgrenze. Ich mußte also bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Herne fahren, dort die Aluminiumteller, Waschschüsseln und Bestecke in meinem Opel Kadett (Baujahr 1936) verstauen und dann wieder auf Schleichwegen zurück nach Niedersachsen fahren. Da das Wirtschaftsvergehen inzwischen verjährt ist kann ich es ruhig gestehen.

Am Schluß der Freizeit fand ein Deckenappell statt, um festzustellen, ob alle Decken wieder abgegeben waren. Auch diese waren damals große Wertgegenstände, die nur schwer zu ersetzen waren. Viel Sorgen machte uns das Wasser. Da im Blockhaus nur zwei Zisternen vorhanden waren, die natürlich nicht reichten, fuhren die Jungen jeden Tag mit einem Boot zum "Wasser-Janzen" um dort in Milchkannen für die Küche Wasser zu holen. Die Hilfe dieses Hofes darf nicht vergessen werden.

Die Menschen im Blockhaus

Nun aber zu den Menschen im Blockhaus. Der pommersche Diakon verließ uns, um eine Diakonenstelle anzunehmen, und so waren wir auf der Suche nach einem neuen Heimleiter. Durch Vermittlung des Oberkirchenrates traf ich mit dem seitherigen Heimleiter Rolf von der Dovenmühle zusammen. Zu unserer Überraschung stellten wir fest, daß wir uns bereits im Jahre 1928, während einer Aufenthaltszeit im Kinderheim "Heideheim Ahlhorn", kennengelernt hatten. So war es ein freudiges Wiedersehen. Er kam zum Entschluß, in das Blockhaus zu ziehen.

Dort hatte sich inzwischen eine kleine Gemeinde gesammelt, die alle zwei Wochen zu einem Gottesdienst zusammenkam. So wurde das Blockhaus auch in der Nachbarschaft immer stärker verankert.

Eine besonders tüchtige Helferin fanden wir in der Wirtschaftsleiterin, Fräulein Ufken. Sie hat über ein Jahrzehnt die Küche geleitet und viele junge Mädchen' die sich zur Hilfe meldeten, haben unter ihrer Führung die Wirtschaft erlernt.

So richtete der Heimleiter eine Schweinezucht ein, die uns half, die klaffende Fettlücke in der Ernährung zu schließen.

Besondere Höhepunkte waren die Sommerlager und Jahresschlußfreizeiten. Tausende von jungen Menschen sind in den 25 Jahren durch das Haus gegangen.

Kinderheim Blockhaus Ahlhorn

Als ständige Einrichtung wurde eine Kindererholung in einem Flügel des Blockhauses geschaffen, die vielen unterernährten Jungen und Mädchen geholfen hat, ihre Gesundheit wiederzugewinnen.

Seitdem ich mein Amt als Landesjugendpfarrer 1954 in jüngere Hände gegeben habe, hat sich viel im Blockhaus Ahlhorn verändert. Es sind neue Häuser entstanden, viel ist verbessert worden. Bei gelegentlichen Besuchen habe ich mich darüber gefreut, wie dieses Haus gewachsen ist und wie es jetzt nicht mehr nur der Jugend, sondern der gesamten Landeskirche dient.

Gott segne den Dienst im Blockhaus auch weiterhin."

Aus Mitteilungsblättern des Landesjugendpfarrers an die Kirchengemeinden:

12.8.1946: An Übernachtungsmöglichkeiten bietet das Heim nur ein Strohlager. Betten werden demnächst aufgestellt. Ernährungszuschüsse kann das Haus nicht geben.

25.10.1946: In den Herbstferien ist das Jugendheim von ungefähr 500 Jugendlichen besucht worden.

Die verschiedenen Freizeiten bedeuten einen großen Schritt voran in der Jugendarbeit unserer Kirche. Dann schreibt er: Zur Zeit bemühe ich mich um die Heizung für die Wintermonate. (Das war aber erst im nächsten Winter möglich geworden).

Im Winter sollen im Heim Volkshochschulkurse für die bäuerliche Jugend durchgeführt werden.

3.12.1946: Jahresschlußfreizeit vom 28.12.46 - 2.1.1947. Diese Freizeit ist für die männliche Jugend ab 14 Jahren unter Leitung des Landesjugendpfarrers und des Jugendwartes Gerhard Bergner ausgeschrieben.

In diesem Mitteilungsblatt heißt es zum ersten Mal: Ev. Jugendheim Blockhaus Ahlhorn.

Zur Zeit läuft der erste Dreiwochenlehrgang für die bäuerliche Jugend, der von einer Reihe unserer Dorfgemeinden beschickt worden ist. Die Arbeitsgebiete umfassen Heimatkunde, Geschichte, Deutschkunde und Christliche Unterweisung. Wir wollen durch diese Arbeit in unseren Dörfern christliche Haussitten neu beleben und junge Männer in die Verantwortung für die Gemeinde stellen.

Die Singeleiterfreizeit in Ahlhorn wird in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Oldenburger Jugendchores, Kurt Wiesemann, veranstaltet. Die Freizeit soll der Ausbildung von jungen Männern und Mädchen im Alter von 16 Jahren an zu Singeleitern in Jugendkreisen dienen. Preis: RM 10,-, üblicher Markenbedarf, Kartoffeln sind mitzubringen.


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