Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1983: Blockhausbrief Nr. 27

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Zeit-Zeichen
Erläuterungen zum Gottesdienst am 25. September 1983
Zum Gottesdienst am 10. Juli 1983
"Der Moment, da die Liebe in die Welt kam"
Menschen im Evangelischen Jugendheim Blockhaus Ahlhorn
So kam ich ins Blockhaus
Mit Götz Maltusch in den ersten Nachkriegsjahren in Ahlhorn
Erinnerungen von Dorothea Orth
Frühe Erinnerungen an das Blockhaus Ahlhorn
Schöne Vergangenheit
Erinnerungen an Freizeit für Jungen im Januar 1947
Blockhaus Ahlhorn 1948
Unsere Freunde in Ahlhorn
Mädchenfreizeit im Blockhaus im Juli 1947
Masuren im Oldenburger Land
Erinnerungen an das Blockhaus aus dem Jahre 1947
Oldenburger Jugendkulturbund im Blockhaus
Erinnerungen an das Blockhaus
Erinnerungen nach 35 Jahren
Singefreizeit im Blockhaus Ahlhorn 24./25. April 1948
Die Schwalben im Blockhaus
Liebe Blockhäusler - Weihnachtsgrüße einer Praktikantin
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. Januar 19 und 31. Dezember 1983
 

"Der Moment, da die Liebe in die Welt kam"

Betrachtungen zu dem Probestück
aus einem Zyklus "Schöpfungsgeschichte"

Peter Lehmann

Paradies (Peter Lehmann)

Das Teilstück aus jenem Zyklus wurde von mir so bezeichnet. Nun aber melden sich die Theologen und vertreten die Meinung, das sei der Moment, da das Elend in die Welt gekommen sei. - Was ist nun richtig? Ich meine beides:

Gott gibt den Hinausgestoßenen das große Geschenk bis dahin nicht erkannter mitmenschlicher Liebe, die zum Einsatz für einander befähigt und die jeder, dem sie einmal ward als etwas ganz Großes empfunden hat. -

Ich möchte die Zeiten größten persönlichen Elends in meinem Leben auf gar keinen Fall missen: Welch eine Welle der Hilfsbereitschaft empfing den Heimkehrer nach Krieg und Gefangenschaft? - Wieviel Hilfe wurde uns zuteil, als uns mit drei kleinen Kindern die Frau und Mutter starb? - Welch eine innige, beispiellose Zeit der Kameradschaft mit meinen drei ältesten damals noch kleinen Kindern, durften wir da erleben! -

Nein, Liebe geben können und tausendfach verzinst zurückbekommen, Freude machen können und tausendfach verzinst zurückbekommen, Freude machen können und in der Freude der damit Beschenkten einen Lohn zu sehen, der höher im Wert ist, als jedes Entgelt, das ist das Geschenk Gottes, als er den Menschen aus dem Paradies vertrieb. -

Das Kind im behüteten Elternhaus ist sich der Liebe und Fürsorge der Eltern so sicher, daß es ohne nachzudenken irgendwann, wenn es die Reife danach erreicht hat, sich lösen will, seine eigenen Wege gehen möchte, um dann wenn es sich genügend umgetan hat, erst den Wert des Elternhauses und der uneigennützigen Elternliebe zu erkennen und zu einem guten Verhältnis zu den Eltern zu kommen.

Adam und Eva im Paradiese waren sich der Liebe und Fürsorge des Schöpfers sicher. Ihnen fehlte aber die Fähigkeit zur Erkenntnis. Sie mögen sich auch sicher lieb gehabt haben, doch war ihnen das nicht klar; denn ihnen war das viel zu selbstverständlich, als daß ihnen bewußt gewesen wäre, daß sie auf beides angewiesen seien. So lebten sie einfach in den Tag hinein, eben wie Kinder, die sich ihres Auf-Einander-Angewiesenseins auch erst bewußt werden, wenn eine gemeinsame Gefahr sie bedrängt.

Erst als sie reif dazu geworden, den Gehorsam aufkündigten und vom Baume der Erkenntnis nahmen, sahen sie auch, daß sie nackt waren. Das will sagen, daß sie sich schutzlos fühlten und spürten, daß sie ohne einander preisgegeben waren. Und nun "erkannte" Adam sein Weib (Moses 4 V. 1), und sie ward schwanger. - Also kam da die Liebe der Geschlechter, die Kinder zeugt, in die Welt. Das ist doch auch ein gewaltiges, wundervolles Geschenk Gottes! - Wir können mit unseren Körpern selbst neue, richtige Menschen in die Welt setzen! - Das ist doch ein wunderbares Geschenk! - Sicher, alles ist auch mit einem gewissen Elend verbunden, aber werden wir nicht immer wieder herrlich belohnt, und würden wir das auch erkennen, wenn das nicht der Preis wäre, den wir zahlen müssen? - Nein, der Mensch, dem es immer sorglos gut geht, wird mürrisch und unzufrieden. Keineswegs ist er glücklich, denn er kennt nicht, wieviel Grund er hat, froh zu sein. - Ich wende mich mit aller Entschiedenheit dagegen, unser Erdendasein als "Elend" anzusehen, in das wir hinausgestoßen seien! Das Leben, das Gott uns geschenkt hat, ist "köstlich" nicht nur, wenn es Mühe und Arbeit war und Elend, nein es ist köstlich, weil wir Glück geben und empfangen können und weil wir aus der Erfahrung des Elends als Bruder im Leide, dem, der jetzt das Elend erfährt, beizustehen vermögen und helfen können; denn nur durch selbst erfahrenes Elend wissen wir, worauf es ankommt, und der Bruder, die Schwester im Elend gestehen uns das Recht und die Glaubwürdigkeit zu. Das ist der herrliche Lohn für selbst durchgestandenes Elend! Das alles ist nicht ohne Erkenntnis möglich.

Erkenntnis? - Wem wäre nicht der Moment jähen Erwachens im Gedächtnis, wo er entdeckt und das andere Geschlecht "erkennt"? - Was ist das für ein Zauber, in dessen Bann man sich auf einmal kaum noch vorstellen kann, daß man gestern, oder bis gestern noch ohne dieses Wesen ganz zufrieden sein konnte? - Sicher, auch das kann Elend mit sich bringen, doch sollte man dieses Elend als ein naturgegebenes niemals so tragisch nehmen, daß man daran zu Grunde geht. Irgendwann, wenn man nicht zu voreilig sich bindet, findet der Partner oder die Partnerin, die alles beinhaltende Ergänzung zur eigenen Halbheit bedeuten, Ist es nicht herrlich, so ganz im Vertrauen aufeinander angewiesen durchs Leben zu gehen? - Nein das alles und vieles noch mehr ward uns mit der Erkenntnis von Gott geschenkt, und ich bin dankbar dafür. -

Wir brauchen den Wechsel der Jahreszeiten, um jeder ihre Reize abzugewinnen, wir brauchen die Unbilden der Witterung, um uns der schönen Tage erfreuen zu können. Wir können nicht in der Beständigkeit leben. Wir haben die Erkenntnis und müssen die Konsequenzen bejahen. Hadern wir nicht mit dem Elend, sondern helfen wir uns im Elend, und auf einmal ist es das Glück, helfen zu können und die Dankbarkeit, Hilfe zu bekommen.

Das sind Gottesgaben, und damit sage ich froh ja zu dem Moment, da die Liebe in die Welt kam!


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