Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1982: Blockhausbrief Nr. 26

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Vernünftig und menschlich leben lernen
Die Einweihung der Kirche
Die neue Kirche - Meditation zu einem ungewöhnlichen Fenster
Die Spuren Gottes - Predigt über Jesaja 6, 1-13 am 6. Juni 1982 zur Einweihung der Kirche
Zelt und Fenster - Predigt zur Einweihung am 19. Juni 1982
Das Blockhaus wird kirchlich
Die ersten Jahre im Blockhaus
Hamburger Gäste im Jahre 1948
Das Kinderheim im Blockhaus
"Oase" Blockhaus Ahlhorn
Persönliche Erinnerungen
Notizen zur frühen Zeit im Ahlhorner Blockhaus nach 1945
Zum ersten Mal im Blockhaus Ahlhorn
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1981 bis 31.12.1981
Blockhaus-Symphonie
Wiedersehen mit dem Blockhaus
 

Zelt und Fenster

Gerhart Orth

Predigt zur Einweihung am 19. Juni 1982


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Seit Bestehen des Evangelischen Jugendheimes hier in Ahlhorn besteht der Wunsch, auf diesem Gelände ein eigenes Haus für Gottesdienste und Andachten zu haben. 35 Jahre lang waren diese Veranstaltungen im großen Kaminsaal, im Linoleumraum und manchmal auch unter freiem Himmel. Bei besonderen Gelegenheiten, etwa beim zehnjährigen Jubiläum 1956, wurde sogar ein Zelt aufgebaut, indem dann die Gottesdienste und festlichen Empfänge stattfanden.

Die Kirche, die von Steinfeld hierher auf das Blockhausgelände transportiert wurde, hat die schlichte Form eines Zeltes. Das Zelt hat in der Bibel nicht nur eine praktische, sondern auch eine symbolische Bedeutung. Es erinnert daran, daß wir ständig unterwegs sind, auf der Wanderschaft zwischen zwei Welten. Das Zelt ist ja immer nur eine vorübergehende Wohnung. Es wird irgendwo aufgebaut, um bald wieder abgerissen und dann an einem anderen Ort neu errichtet zu werden. "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir", sagt der Hebräerbrief im Neuen Testament. Die Hebräer waren einmal Nomaden, also Leute, die mit ihren Viehherden in Bewegung und immer wieder auf der Suche nach neuen Weideplätzen waren. Das Zelt warnt uns davor, daß wir uns in dieser vergehenden Welt allzu sicher und bequem einrichten. Wer weiterkommen und das Ziel erreichen will, braucht ein leichtes Gepäck. Er muß den unnötigen Ballast zurücklassen und sich von allen trennen, was beschwerlich und hinderlich ist. Insofern kann uns auch diese Zeltkirche eine Hilfe und Mahnung sein. Sie kann uns helfen, zwischen dem Wichtigen und Unwichtigen zu unterscheiden. Wir können, wenn wir nachdenklich werden, sortieren lernen zwischen dem, was wir unbedingt auf der Wanderschaft durch das Leben mitnehmen müssen und dem anderen, was unnötig und verzichtbar ist.

Aber nun geht es mir nicht nur um die Zeltform, in der diese Kirche erbaut wurde. Mir geht es noch mehr um das große, schöne Fenster, das den Raum zur Seeseite hin öffnet. Ich bin denen tief dankbar, die den Durchbruch dieses Fensters durchgesetzt und dem Kirchengebäude damit zu einer neuen Perspektive verholfen haben. Und nun möchte ich etwas weitersagen, was mir im Nachdenken über die Bedeutung des Fensters und seine biblischen Bezuge in den Sinn gekommen ist.

Das Wort "Fenster" steht, wenn ich richtig gezählt habe, 26 mal in der Bibel. Zwei Geschichten möchte ich besonders hervorheben:

Das ist einmal die alte Sage von der Sintflut. Noah hat auf Gottes Befehl ein Schiff, die Arche, gebaut, und er hat in das Dach ein Fenster eingelassen. Während der 40Tage der großen Flut fällt das Licht durch dieses Dachfenster in die Arche, so daß sich die Menschen noch zurechtfinden und ein wenig orientieren können.

Nach den sechs Wochen der Katastrophe öffnet Noah das Fenster in der Arche und läßt einen Raben fliegen, später dreimal eine Taube. Er will auf diese Weise erkunden, ob das Wasser gefallen und wo trockenes Land zu erreichen ist. Das Fenster ist für Noah und seine Familie die einzige Verbindung nach außen. Das Fenster verhindert, daß die Menschen in der Arche sich in ihrer Geborgenheit zurückziehen und abkapseln. Das Fenster erinnert sie daran, daß es eine Zukunft gibt und daß "draußen vor der Tür" eines Tages neue Aufgaben auf sie warten - eine Erde, die frisch bestellt und sorgfältig gepflegt werden muß.

Noah und seine Sippe verlassen dann auf Gottes Geheiß die Arche. Sie betreten ein fremdes Ufer und sie bebauen das Land, das unter dem Regenbogen, dem Zeichen der göttlichen Treue, neues Leben verspricht.

Die zweite "Fenster-Geschichte" wird im Buch Daniel überliefert. Daniel ist ein junger Israelit, der aus seiner Heimat in die Fremde, nach Babylonien, verschleppt wird. Dort ist er zunächst Page, dann Hofbeamter am Sitz des Königs. Später wird er sogar Kanzler des Reiches, weil ihn viele Begabungen auszeichnen. Aber er hat natürlich auch zahlreiche Neider und Rivalen. Sie beschließen, den lästigen Ausländer in eine Falle zu locken. Darum legen sie ihrem König einen Gesetzesentwurf vor, der jede fremde Religionsausübung verbietet. Göttliche Verehrung und Gebete dürfen fortan nur noch dem König gelten. Alles andere ist bei Todesstrafe untersagt. Daniel aber läßt sich dadurch nicht in seinem Glauben beeinflussen. Dreimal am Tage - zu den festen Gebetszeiten Israels - verläßt er die Arbeit, seinen Schreibtisch. Dann steigt er hinauf in das Obergemach seines Hauses. Dort hat er ein Fenster anbringen lassen. Es zeigt hinaus in Richtung auf die Stadt Jerusalem. Dort hatte Daniel sein Zuhause. Dort stand auch der Tempel. Alles liegt längst in Trümmern. Aber Daniel kniet dreimal .am Tage vor dem geöffneten Fenster und betet zu seinem Gott, der ihm in seiner Heimat, im heiligen Tempel, zum ersten Mal begegnet ist. Eines Tages wird der Jude bei seinem Gebet überrascht und sofort vor den König geführt. Der müßte ihn eigentlich zum Tode verurteilen, veranlaßt aber ein sogenanntes Gottesgericht. Daniel wird in eine Löwengrube geworfen. Die Raubtiere verschonen ihn, und der junge Israelit gilt als unschuldig. Gott hat sich zu ihm bekannt und ihn gerettet.

Was besagen die Fenster in diesen beiden Geschichten aus der Bibel?

Bei Noah ist das Fenster ein unübersehbarer Hinweis: Es gibt noch eine Außenwelt; es gibt noch eine Zukunft; es gibt neue Aufgaben, für die sich das Hoffen und Warten lohnt. Bei Daniel ist das Fenster die unzerstörbare Verbindung zu Gott. Durch das Fenster kann Daniel sein Heimweh, seine Klagen herauslassen, aber auch seinen Dank dafür, daß Gott selbst über weite Entfernungen erreichbar bleibt.

Wie Noah und wie Daniel brauchen wir Fenster in den Räumen, in denen wir leben und arbeiten, wachen und schlafen, fragen und feiern, atmen und ruhen. Durch das Fenster kommen Licht und Wärme, Luft und Leben zu uns. Durch die Fenster nehmen wir teil am Wachsen und Welken in der Natur, am Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, am Wind und Wetter, am Werden und Vergehen. Fensterlose Räume können schädlich und geradezu bedrohlich werden.

Es ist schlimm, wenn Menschen sich ständig bei künstlicher Beleuchtung aufhalten und dahinvegetieren müssen, etwa im Bergwerk unter Tage, in einem abgedichteten Bunker oder im Gefängnis. Dennoch gibt es Gefangene, die sich durch einen kaum geöffneten Fensterspalt austauschen und Hoffnungszeichen übermitteln können. Das erlebte beispielsweise der frühere evangelische Bischof Hanns Lilje. Er wurde nach dem Attentat gegen Hitler im Sommer 1944 verhaftet. Am 20. August. ausgerechnet an seinem Geburtstag, hörte er durch das offenstehende Oberlicht des Fensters, wie ein unbekannter Mitgefangener ein Lied aus dem Gesangbuch flötete: "Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit . . ." Hanns Lilje sprang wie elektrisiert von seinem Lager auf, stellte sich an das Fenster und pfiff ein anderes Glaubenslied zurück: "Befiehl du deine Wege und was dein Herz kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt . . ." Durch die Fenster kam es zur Gemeinschaft zwischen zwei Menschen, die ihrer Freiheit beraubt, aber im Gottvertrauen gefestigt und gehalten waren.

- Diese Kirche des Blockhauses ist ein Zelt, und sie hat ein Fenster. Beides kann für die christliche Gemeinde bedeutsam sein, und das will ich zum Schluß zusammenfassen. Unsere Kirche ist nur dann die Gemeinde Jesu Christi, wenn sie immer wieder im Aufbruch ist zu neuen Ufern, wenn sie in Bewegung und Erneuerung bleibt, wenn sie ihr Zeltdasein bejaht. Unsere Kirche ist nur dann Gemeinde Jesu Christi, wenn sie aus sich herausgeht, wenn sie ein Haus der offenen Tür und der weiten Fenster ist. Die Kirche Jesu Christi darf sich nicht als eine geschlossene Gesellschaft von den Problemen und Aufgaben der Gesellschaft zurückziehen. Sie darf nicht die Rolläden an den Fenstern herunterlassen und sich hinter ihren Mauern oder Vorhängen behaglich einrichten. Die Gemeinde Jesu Christi muß sich weit öffnen für alle Menschen, für die Suchenden und Sicheren, für die Frommen und Fragenden, für die Großen und Kleinen. Sie kann diese Offenheit und Weite durchhalten, wenn sie ihr Fenster offen hält für Gott, der uns sein Wort gab, der mit sich reden läßt und der uns Tag für Tag die Kräfte gibt, die wir brauchen. "Erhalt uns in der Wahrheit, gib ewigliche Freiheit, zu preisen deinen Namen durch Jesus Christus. Amen."


Stillleben vor der Kirche
Stilleben vor der Kirche

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