Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1982: Blockhausbrief Nr. 26

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Vernünftig und menschlich leben lernen
Die Einweihung der Kirche
Die neue Kirche - Meditation zu einem ungewöhnlichen Fenster
Die Spuren Gottes - Predigt über Jesaja 6, 1-13 am 6. Juni 1982 zur Einweihung der Kirche
Zelt und Fenster - Predigt zur Einweihung am 19. Juni 1982
Das Blockhaus wird kirchlich
Die ersten Jahre im Blockhaus
Hamburger Gäste im Jahre 1948
Das Kinderheim im Blockhaus
"Oase" Blockhaus Ahlhorn
Persönliche Erinnerungen
Notizen zur frühen Zeit im Ahlhorner Blockhaus nach 1945
Zum ersten Mal im Blockhaus Ahlhorn
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1981 bis 31.12.1981
Blockhaus-Symphonie
Wiedersehen mit dem Blockhaus
 
Abendmahlsbild in der Blockhauskirche
Abendmahlsbild in der Blockhauskirche
von Hermann Oetken


Vernünftig und menschlich leben lernen

Heinrich Höpken

Unser Blockhaus Ahlhorn möchte den Menschen, die hier einkehren, ein wenig zum vernünftigen, menschlichen Leben helfen. Was heißt das?

Am Beispiel des Buches Hiob aus dem Alten Testament sei der Versuch unternommen, das zu umschreiben. Was im Buch Hiob steht, gehört zu den großen und tiefen Dingen des menschlichen Lebens. Wie groß und tief das Alte Testament zu uns spricht, kann man bei dem Philosophen Nietzsche nachlesen, der ja als erster in die Welt hineingerufen hat: Gott ist tot!

Er sagt: "Im Alten Testament, dem Buch von der göttlichen Gerechtigkeit gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stil, daß das griechische und indische Schrifttum ihm nichts an die Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht davor, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den Fortschritt der Menschheit bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich, wer selbst nur ein dummes, zahmes Haustier ist und nur Haustierbedürfnisse kennt, der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern noch gar sich zu betrüben. Der Geschmack am Alten Testament ist ein Prüfstein von groß und klein."

Das Buch Hiob ist etwa 200 Jahre vor Christus entstanden. Es geht in diesem Buch nicht nur um die Frage des Leidens des Menschen und der Spannung zwischen der göttlichen Vorherbestimmung und der Freiheit des Menschen, sondern um das gelebte Leben, das sich selbst vor der Größe Gottes in Frage stellen lassen muß. - Hiob wird mit einer schrecklichen Krankheit geschlagen, man nennt sie medizinisch heute die Lepratuberkulose.

Einen breiten Raum nehmen die Trost- und Erklärungsversuche seiner Freunde ein. Der eine weist auf Gottes Gerechtigkeit hin, der schuldlose Menschen nicht umkommen läßt; darum ist es Torheit, mit Gott zu hadern. Hiob kann das nicht bestreiten; aber diesem Zuspruch fehlt das Herz. Dieser Freund scheint genau zu wissen, warum der Mensch Schweres durchmachen muß. Doch diese Erkenntnis hilft nicht.

Für den anderen spielt das menschliche Verhalten im Leiden die entscheidende Rolle. Wenn es einem Menschen schlecht ergeht, muß es bei ihm selbst irgendwo nicht stimmen, es muß ein Unrecht des Menschen vorliegen. Hiob dagegen kann nicht glauben, daß sein Verhalten bis zu Gott vordringt. Gottes Verhalten ist ihm das unlösliche Rätsel, Gott muß schon immer gegen ihn gewesen sein.

Der dritte Freund spricht von der Beugung unter Gott und von der Buße; Gott handelt doch weise; er spricht auch vom Nutzen der Frömmigkeit. Doch gerade diese Weisheit Gottes ist Hiob unbegreiflich; es versteht sie ja keiner, außer Gott selber; was hilft da Frömmigkeit.

In den drei Reden dieser drei Freunde und in den Antworten des Hiob kann man viele weise und erhabene Gedanken lesen. Aber es bleibt bei den Gedanken der Menschen, und die können ihn nicht vernünftig und menschlich leben lehren. - Das gelingt auch nicht in dem Einschub der Reden eines vierten, des Elihu, vom Unrecht des Menschen und von Gottes Macht und Größe.

Schließlich jedoch nimmt Gott den Hiob in seine Schöpfung mit hinein. Der Weg zum vernünftigen und menschlichen Leben nimmt seinen Ausgang nicht bei der vom Menschen erwarteten oder erzwungenen Antwort. Ein Mensch, der vernünftig und menschlich leben möchte kann Gott nicht anklagen. Er muß erkennen, daß er nur selber von Gott angeklagt werden kann. Der Mensch kann Gott nicht herausfordern und womöglich meinen, er sei unschuldig und müsse unschuldig leiden, er müsse doch endlich recht behalten und könne am Ende Gott auch verstehen.

Der heilige Gott bleibt für den fragenden oder klagenden Menschen letztlich unzugänglich. Erst wenn der Mensch sich von Gott in die anbetende Ehrfurcht mitnehmen läßt, kann er Gottes Gericht als Gnade erleben und merkt, daß das Ende seiner Wege der Anfang der Wege Gottes mit ihm ist. Erst dann kann er vernünftig und menschlich leben.

Das ehrfürchtige Staunen vor der Schöpfung Gottes spielt dabei eine große Rolle. Das geht freilich nicht so vor sich, daß man nur spazieren gehen könnte in der schönen Natur um das Blockhaus Ahlhorn und gelegentlich den Abendhimmel bewunderte oder am Tage die Tiere. Was gibt es da für offene Augen in Ahlhorn zu sehen und zu erleben! Dabei kann man genau so weiter leben, wie man immer schon unvernünftig und unmenschlich lebte und meinte, man lebe doch vernünftig und menschlich. Da liegt ja gerade der Irrtum, dem Hiob erlegen war.

So kann man ohne Gottes Wort, ohne daß Gott uns in Wort und Sakrament mitnahm, in der Natur nicht mehr als einzelne Buchstaben ahnen. Man kann die Schöpfung Gottes erst verstehen, sie wird erst zum Zuspruch Gottes, wenn der Mensch vor Gott kapituliert und sich ihm stellt. Dann weiß der Mensch, wohin er gehört, dann kann er Gott zuhören, dann kann er selbst Gottes Zorn tragen (nicht nur ertragen!) und doch vernünftig und menschlich leben.

Irgendwann kann es in den Gesprächen in Ahlhorn dazu kommen, daß der Besucher erkennt: Das vernünftige, menschliche Leben gewinnt man nicht durch gedankliche Erkenntnis, sondern dadurch, daß man sich in das, was Gott mit uns tut, willig anbetend hineinnehmen läßt.

Daß es jetzt in Ahlhorn eine Kirche gibt, ist mehr als nur ein äußeres Zeichen. Im Gottesdienst will Gott zu uns reden, und wir antworten mit Gebet und Lobgesang.


    zurück zum Seitenanfang