|
||
|
|
Die Spuren GottesHermann Müller Ich hoffe, daß das Manuskript noch ein bißchen von dem wiedergibt, was wir in dem Gottesdienst zusammen erlebt haben, denn das gesprochene Wort ist ja immer etwas anderes als das geschriebene Wort. Aber ich denke, daß die Hörer von damals beim Lesen das Gesprochene dann auch wieder im Ohr haben werden. Predigt über Jesaja 6,1 -13 am 6. Juni 1982 zur Einweihung der Kirche für das Blockhaus AhlhornLiebe Gemeinde! Wenn - wie in diesem Abschnitt aus dem Propheten Jesaja - einer zu uns sagt: "Ich habe Gott gesehen! Ich sah einen Engel! Ich habe Stimmen gehört!", dann denken wir wahrscheinlich: das ist unmöglich! Vielleicht meinen wir auch: wer so redet, der ist ein bißchen komisch oder sogar krank. Und mancher wird sich auch fragen: Was geht uns das heute noch an? Ich denke, daß hier etwas berichtet und bezeugt wird, das auch für uns heute wichtig ist: Gott bleibt nicht für sich! Gott ist auf dem Weg zum Menschen! Es gibt Augenblicke der Gottesbegegnung! Darüber möchte ich mit Ihnen nachdenken. Vielleicht wird uns dabei deutlich, warum und wozu wir eine Kirche errichten und Gottesdienste feiern. I. Ein Mensch entdeckt die Spur Gottes in seinem Leben, das ist das Erste, was ich in diesem Bericht entdecke. Es wird erzählt, daß der Prophet "Gott sieht". Aber wenn man genauer hinsieht, entdeckt man, er sieht gar nicht Gott selbst. Er sieht nur Spuren, Andeutungen Gottes: Den Saum des Gewandes Gottes, engelartige Wesen; und er spürt das Beben der Erde. Es ist, als wenn sich Gott zeigt und sich zugleich verhüllt. Gibt es auch in unserem Leben Spuren Gottes? Wo können wir solche Spuren entdecken? Vielleicht ist es eine "Spur Gottes", wenn ein Kind nachts weinend aufwacht und seine Mutter an sein Bettchen tritt und sagt: "Ich bin ja da! Es ist alles gut!" Im Grunde hat sich nichts geändert. Die Nacht ist genauso dunkel und die Welt ist genauso schlimm wie vorher. Und doch schafft diese Mutter ihrem Kind mit ihren Worten Geborgenheit. Ich glaube, daß wir von einer Spur Gottes sprechen können, wo immer ein Mensch dem anderen durch seine Worte oder seine Taten einen Raum der Ruhe, des Friedens und des Vertrauens schafft. Für mich ist eine Spur Gottes in jedem Gespräch da, in dem ich alles sagen kann, in dem ich sein kann, wie ich bin, und in dem mich der andere so annimmt, wie ich bin. Wir alle machen die Erfahrung, daß wir uns vor etwas fürchten oder daß wir uns gräßliche Sorgen vor einer bestimmten Aufgabe oder einer besonderen Situation machen, aber dann kommt alles ganz anders, als wir es erwarten oder fürchten. Vielleicht ist das auch eine Spur Gottes, daß die Dinge sich anders gestalten oder entwickeln als wir es erwarten. Ich glaube, daß es die Spur Gottes in all' den Dingen und Erfahrungen ist, die mich fassungslos macht, im Glück und in der Liebe, in manchen Schmerzen und in mancher Einsamkeit, in schönen und häßlichen Erlebnissen, in einer tiefen Freude und im Weinen, im Haben und im Entbehren. Und ist es nicht auch eine Spur Gottes, daß wir - so lange wir leben - nicht aufhören können zu suchen, zu fragen und zu hoffen. Manchmal ist Gott in einem Wort oder in einem Gedicht, manchmal in einem Stück Brot, manchmal in einem Schluck Wasser. Und ist es nicht eine Spur Gottes, wenn ich eine große Dummheit getan oder eine Schuld auf mich geladen habe und trotzdem einer da ist, der zu mir sagt: Ich habe dich doch lieb! Ich halte zu dir! Vielleicht ist uns das alles viel zu alltäglich, aber damals, zur Zeit des Propheten Jesaja, war auch der Tempel ein Teil der alltäglichen Welt. Wenn Gott der Vater und Schöpfer ist, dann dürfen wir seine Spuren suchen in allen Dingen unseres Lebens. In dem vorgelesenen Abschnitt singen die Engel Gottes: Alle Lande sind voll der Herrlichkeit Gottes. Alle Lande heißt es, nicht ein Land. Und das dürfen wir doch so ergänzen: Jede Zeit ist voll der Herrlichkeit Gottes, nicht nur eine bestimmte Zeit; jedes Menschenleben, nicht nur manche Menschenleben; jedes Lebensalter, nicht nur unsere besten Jahre; jede Erfahrung, nicht nur die guten Erfahrungen; jeder Tag, nicht nur die hellen Tage. Wir sehen aus diesem Raum hinaus auf das Wasser. Ist nicht das Wasser ein Gleichnis für Gott? Wenn wir das Wasser in Gefäße fassen wollen, wird es bald schal oder schlecht. Wenn es gutes Wasser bleiben soll, muß es fließend und bewegt bleiben. Wir können es nicht festhalten. Wenn wir es mit den Händen greifen wollten, würde es uns zwischen den Fingern zerrinnen. Ist es nicht ähnlich mit Gott? Auch ihn können wir nicht greifen. Sobald wir ihn in Worte, Sätze oder Gedanken fassen wollen, wird er tot, leer oder nichtssagend. Wenn Gott für uns lebendig und bedeutungsvoll bleiben soll, wird er zugleich auch immer ungreifbar bleiben, nicht faßbar, lebendig. II. Das Entdecken der Spuren Gottes ist mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden. Das ist das Zweite, daß ich in diesem Abschnitt entdecke: Die Begegnung mit Gott ist schmerzhaft. Alles, was wir als Spuren Gottes glauben, ist ja kein Beweis für Gott. Man kann das alles auch anders sehen und deuten. Darum gibt es keinen Glauben ohne Zweifel und ohne Anfechtungen. Zweifel und Anfechtungen können aus uns selbst kommen, sie können durch andere Menschen erweckt werden, sie können aus schlimmen Erfahrungen erwachsen. Der Prophet sagt, daß Gott selbst es ist, der uns Schmerzen zufügt. Vielleicht sagen manche: Das ist ein schrecklicher Gedanke! Dahinter steckt doch ein sehr dunkles Gottesbild! Ich verstehe solche Einwände, aber ich frage mich, ob dahinter nicht auch die tröstliche Erkenntnis steht, daß Gott auch im Dunkeln, im Schmerzhaften und in den Rätseln unseres Lebens ist. Vielleicht ist die Begegnung mit Gott auch deshalb schmerzhaft, weil Gott an uns arbeitet, uns verändert!? Die Bibel ist jedenfalls voll von der Erfahrung, daß Gott sich sehr oft im Gegenteil versteckt. Das kommt darin zum Ausdruck, daß es oft die erwählten Menschen sind, die es besonders schwer haben; daß gerade die Glaubenden die Abwesenheit Gottes erleben; daß die Beispielhaften vor sich und den Menschen ganz klein werden; daß die Erlösten Zeiten der Verzweiflung erleben; daß die Weisen sich wie Narren vorkommen und daß die Starken vor Gott und den Menschen und auch vor sich selbst schwach sind. Das alles ist in dem Glauben zusammengefaßt, daß Gott in Christus, in dem Menschen Jesus ist. Und doch schwingt in diesem schmerzensreichen Kapitel noch etwas anderes mit! Der Prophet erzählt, daß ein Engel ihn mit einer glühenden Kohle berührt. Das ist der schmerzhafte Vorgang. Und doch wird mit diesem schmerzhaften Geschehen etwas ganz anderes erreicht: Gott überwindet den Abstand, Gott überwindet alles, was zwischen ihm und dem Propheten steht. Ich frage mich, ob diese Überwindung des Abstandes nicht für beide schmerzhaft ist, für Gott ebenso wie für den Menschen? Ich glaube, daß in allem, was über das Leiden Christi berichtet wird, auch etwas erzählt wird von den Leiden und Schmerzen Gottes. Wenn wir an diesem Ort eine Kirche errichtet haben, dann deshalb, weil wir darauf warten, daß Gott auch in unserer Zeit immer wieder den Abstand zwischen sich und uns überwinden wird. Manchmal werden wir das als eine große Freude erfahren und manchmal als einen tiefen Schmerz. Manchmal wird uns das mit großer Zuversicht erfüllen und manchmal mit nachdenklichen Fragen und Zweifeln. Manchmal werden wir davon sprechen können und manchmal werden uns alle Worte fehlen. Denn auch unser Glaube ist wie das Wasser: Er ist nie der gleiche, er ist immer in Bewegung, er ist manchmal hell wie das Wasser, das wir heute dort sehen, er ist manchmal dunkel, wie das Wasser an dunklen Tagen sein kann. III. Jede Gottesbegegnung ist etwas ganz Persönliches und zugleich von Bedeutung für alle anderen. Wir erfahren Gott nicht nur für uns selbst, sondern die Gotteserfahrung wird immer zu einem Auftrag. Dabei werden wir bedenken müssen, daß Gott Trost ist, Frieden, Freude, aber Gott bestätigt nicht einfach unsere Hoffnungen, unsere Wünsche und Erwartungen. Das wird deutlich an Jesaja, der einen Auftrag bekommt, der sich gegen sein Volk richtet. Jesaja hat eine schreckliche Vision: Das Land wird verwüstet sein, alles wird wie ein abgeholzter Wald sein. Offensichtlich handelt Gott nicht nach dem Spruch: Heile, heile Segen, alles wieder gut! Ich bin zwar davon überzeugt, daß es unser Auftrag ist, das Evangelium, die gute Nachricht zu verkünden - gerade in einer Zeit, die so voller schlimmer Nachrichten ist -aber ich glaube, daß es ebenso unsere Aufgabe ist, Fragen zu stellen und Kritik anzumelden, Fragen an uns selbst, an unsere Kirche, an unser Volk und an die Weise, in der wir leben. Schrecklich! werden manche bei der unheilvollen Vision des Propheten sagen oder denken. Ja, es ist eine schreckliche Vision, aber ist sie nur schrecklich? Aber wo blieben die Sterbenden, die Gescheiterten, die Verzweifelten und die Unglücklichen, wenn Gott nur im Heilen und im Segen ist? Wo blieben alle diejenigen, deren Leben wie ein verheertes Land ist, von denen nichts übrig geblieben ist als ein Bruchstück, als ein abgehauener Stumpf, in denen nichts mehr lebt an Glaube, an Erwartung und Hoffnung? So aber sagt mir die schreckliche Vision des Propheten, daß Gott auch etwas mit den Katastrophen unseres Lebens zu tun hat - auch wenn viele Fragen offen bleiben, auch wenn ich diese Katastrophen nicht zusammenbringen kann mit dem Glauben an den liebevollen Gott. Und dann taucht etwas ganz Neues auf: Gott wird aus dem Stumpf, aus dem Nichts, aus dem, was tot ist, neues Leben erwecken. Das ist das Vertrauen in Gott, in den Geist, der zum Leben erweckt. Diese Kirche soll ein Ort sein, um die Spuren Gottes zu entdecken, um uns der Spuren Gottes in unserem Leben immer neu zu vergewissern. Diese Kirche soll ein Ort sein, an dem wir immer neu den Auftrag empfangen: Geht hin in eure Welt und seid Zeugen für die Hoffnung, daß Gott aus allem, auch aus dem Nichts, Leben und Glauben wachsen lassen kann und will. Amen |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||