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Persönliche ErinnerungenErich Henoch Schon am 19. Juni 1945 war ich als Landarbeiter entlassen worden. In Ruttelerfeld konnte ich in der Landwirtschaft mithelfen. Da ich durch den Kriegseinsatz nur den Reifevermerk bekommen hatte, nahm ich mir vor, für ein Jahr in Varel zum Gymnasium zu gehen. 1946 machte ich das Abitur. In diesem Jahr entschied ich mich, Theologie zu studieren, nachdem ich im Schülerheim in der Ofener Straße und im Blockhaus Ahlhorn an Rüstzeiten teilgenommen hatte, die von dem Landesjugendpfarrer Maltusch durchgeführt wurden. Am Ahlhorner Bahnhof sammelte sich die Gruppe und marschierte los mit Sack und Pack in Erwartung einer kräftigen Mahlzeit. Da wurden wir nie enttäuscht, denn wir hatten immer Hunger. Je näher wir dem Blockhaus kamen, umso romantischer wurde die Wald- und Seelandschaft, und dann lagen die Gebäude vor uns: Die Jungenburg, ehemals ein Domizil des Gauleiters; wichtiger für uns das Gebäude mit der Küche und dem Eßsaal, daneben ein Wohn- und Versammlungshaus; dort sollen auch mit U-Bootbesatzungen die Siege gefeiert worden sein. Nachdem jeder seine Koje oben oder unten bezogen hatte, kam Punkt 1 der Tagesordnung: Holzsammeln. Im Wald lag genug herum und auch die hohen Pfähle von dem Gefangenenlager für kanadische Offiziere standen noch. Dann kam der 2. Punkt der Tagesordnung: Essenholer heraustreten, schon beim Militär der zweitbeste Befehl, der erstbeste hieß: Postausgabe. Bei der Marine heißt es: Backen und Banken. Ja, es ging unbekümmert, frei und fröhlich zu. Wir wurden begrüßt auch vom Heimleiter und selbstverständlich ermahnt, nicht die Nacht zum Tage zu machen. Höhepunkte waren für mich die Bibelarbeiten. Wir hatten keinen Religionsunterricht gehabt und kaum Konfirmandenunterricht. Als ich in Bethel anfing zu studieren, besaß ich keine Bibel. Ich bekam eine geschenkt aus amerikanischen Spenden. Ein Schreibheft war eine Kostbarkeit, ein theologisches Buch unerschwinglich. Die meisten von uns hatten geglaubt, daß die national-sozialistische Bewegung eine gute Sache sei. Wir wollten weder den westlichen Kapitalismus noch den östlichen Bolschewismus, sondern einen nationalen und später einen europäischen Sozialismus. Wir hatten auch Kritik an manchen Vertretern der Partei und meinten, wenn wir so weit wären, dann würden wir es besser machen. Daß das Gute gesiegt hätte und nun ohne Hitler und die Deutschen endlich Friede auf Erden käme, davon konnten uns die Sieger schon 1945 nicht überzeugen. Wie ein Schock aber traf es mich, als ich von dem Ausmaß der Greuel in den Konzentrationslagern erfuhr. Was wir dem Bolschewismus ohne weiteres zutrauten, aber auch den Westmächten, deren Luftangriffe gegen Frauen und Kinder wir miterlebt hatten, das war in unvorstellbarem Maße im deutschen Namen geschehen. Ich danke Gott, daß mir in diesem seelischen Zusammenbruch Menschen begegnet sind, die wie Pastor Maltusch nicht von oben herab als solche, die natürlich schon alles hatten kommen sehen und immer schon dagegen und alles besser gewußt hatten, sondern die, ob schon keine Anhänger Hitlers, überzeugend mit uns einen Weg zum Glauben suchten. Wenn Menschen fähig waren, den gerechten Gottes Sohn zu kreuzigen, dann sind sie eben zu allem fähig, auch zur Vergasung von Millionen oder zur Vernichtung von 100 Millionen in einem Atomkrieg. Damit müssen wir rechnen. Aber wir dürfen auch rechnen mit der Macht Gottes. Besonders die Andachten von Pastor Maltusch über die Psalmen brachten das immer wieder zum Ausdruck. Weil Gott seine Macht Ostern bewiesen hat, darum kann ich nun trotz Auschwitz oder trotz eines künftig drohenden Euroschima singen: Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret. Am Abend saßen wir am offenen Kamin zusammen. Wir sangen und hörten zu, auch dem, was sich im und um das Blockhaus herum begeben hatte. Im Halbdunkel und beim Knistern der Flammen wurden Geister wach und wollten uns noch im Schlaf erschrecken. Auch ohne Komfort, gesäumte Säcke waren die ersten Gardinen, oder gerade deshalb, denn wir wohnten ja zu Hause meist auch behelfsmäßig, war es gemütlich und heimelig im Blockhaus Ahlhorn. |
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