Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1982: Blockhausbrief Nr. 26

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Vernünftig und menschlich leben lernen
Die Einweihung der Kirche
Die neue Kirche - Meditation zu einem ungewöhnlichen Fenster
Die Spuren Gottes - Predigt über Jesaja 6, 1-13 am 6. Juni 1982 zur Einweihung der Kirche
Zelt und Fenster - Predigt zur Einweihung am 19. Juni 1982
Das Blockhaus wird kirchlich
Die ersten Jahre im Blockhaus
Hamburger Gäste im Jahre 1948
Das Kinderheim im Blockhaus
"Oase" Blockhaus Ahlhorn
Persönliche Erinnerungen
Notizen zur frühen Zeit im Ahlhorner Blockhaus nach 1945
Zum ersten Mal im Blockhaus Ahlhorn
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1981 bis 31.12.1981
Blockhaus-Symphonie
Wiedersehen mit dem Blockhaus
 

Hamburger Gäste im Jahre 1948

Hans-Otto Wölber

Der Weg zum Blockhaus

Ihr Brief vom 1.5., in dem Sie nach Erinnerungsstücken zu unserer hamburgischen Jugendleiterfreizeit vom 5.6. bis 12.6.1 948 in Ahlhorn fragen, gab mir Anlaß, Kontakt mit einem weiteren damaligen Teilnehmer, nämlich Herrn Pastor Dr. Martin Hennig, aufzunehmen. Wir haben einen brieflichen Gedankenaustausch gehabt. Aber ich muß leider sagen, daß etwas sehr Ahlhorn-Spezielles dabei nicht herausgekommen ist. Was wir Ihnen schreiben könnten, dürfte den allgemeinen Eindrücken aus der Jugendarbeit von damals entsprechen. Pastor Dr. Hennig schreibt z.B.: "Was uns beschäftigte? Wir trieben jedenfalls täglich eine Weile Bibelarbeit, haben gern gesungen, Kanons waren modern . . . Im übrigen bin ich erstaunt, wie gute Handreichungen wir damals für unsere Bibelarbeiten bekommen konnten. Ich hatte gerade beim Aufräumen einen Stoß davon gefunden. Die Sachen sind so gut. daß ich sie einem der jungen Vikare geben möchte. . ."

In der Tat war es so, daß die Dominante der evangelischen Jugendarbeit eben diese Bibelarbeit war. Das war ein typisches Erbe der NS-Zeit. Bekanntlich waren ja alle freien Jugendverbände usw. verboten. Kirchliche Jugendarbeit konnte nur quasi unter dem Dach der Kirche durchgeführt werden, das heißt, im engen Bezug zu dem damaligen "Spielraum" der Gemeinde. Das war Gottesdienst, das war die Bibelstunde, wie man damals vielleicht für die Älteren noch sagte. Das war viel Liedgut, nicht zuletzt bestimmt durch das Burckhardthaus. Wir hatten ja ein spezielles Gesangbuch: für die Mädchen hieß es "Das neue Lied", für die Jungen "Der helle Ton". Und es waren viele Lieder von dem Typ dabei "Herr, wir stehen Hand in Hand", wie wir es heutzutage noch im Anhang unseres Gesangbuches finden. Wenn man dann mit Jugendleitern beieinander war, wurde das als eine sog. "Rüstzeit" verstanden. Das heißt, man arbeitete selbst an der Bibel und gab Hilfen zur Bibelarbeit.

In jenen Jahren war es auch noch ganz ausdrücklich so, daß man sich als "Gemeindejugend" verstand. Jede andere und auch mehr sozial bestimmte oder jugendpsychologisch bestimmte Form der Jugendarbeit stand vor der Frage, ob sie noch "zentral genug' war. Die Jugendpfarrer von damals beschlossen im Zusammenhang mit einer bald entstandenen Jugendkammer der EKD für die kirchliche Jugendarbeit ein Abzeichen, das Kreuz auf der Weltkugel, mit der biblischen Losung: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."

Wir waren mit unseren Hamburger Jugendleitern, die ja noch in einer weitgehend zertrümmerten Stadt arbeiten mußten, nach Ahlhorn gekommen aufgrund meiner Kontakte mit dem Oldenburger Jugendpastor Götz Maltusch, dem späteren Bischof von Schaumburg-Lippe. Er galt als ein sehr versierter Mann auch hinsichtlich seiner organisatorischen Talente, Ich weiß nicht, wie er an das Jugendheim Ahlhorn gekommen war. Vermutlich war dieses Heim ähnlich wie unsere Heideburg zunächst von den Besatzungstruppen beansprucht worden.

Jedenfalls war es ihm gelungen, ein einigermaßen vernünftiges Milieu zu schaffen. Es gab sogar vielleicht etwas verbiesterte Leute, die Ahlhorn in seiner ländlichen Lage und in seinem ganzen Stil so ein bißchen an ein "nachgeahmtes Karinhall" wie mir gesagt wurde, erinnerte. Ich weiß nicht, ob es ein Sondersitz des Gauleiters von Oldenburg oder sonst einer NS-Größe gewesen ist. Es gibt ja manch mal Dinge, die man deswegen besonders erinnert, weil sie etwas kurios sind. Aber damit Sie sehen, wie wir uns dann auch vergnügten: Es wurde eine Schnitzeljagd durchgeführt mit den zum Teil ja auch wesentlich älteren Jugendleitern, die man damals als erste Hilfe für die Jugendarbeit hatte. Jedenfalls empfand man sie als jüngerer Jugendpastor wohl als "älter". Einer davon fiel bei dieser Schnitzeljagd ganz elend ins Wasser. Er hatte einen Anzug, wie das damals mit allen möglichen Kunststoffen so war. Der Anzug schrumpfte elend ein. Und eine der Nachwirkungen des Ahlhorner Erlebnisses war die Tatsache, daß ich mich dann immer noch beim Hilfswerk wieder bemühen mußte, um für unseren guten Bruder X einen vernünftigen Anzug zu bekommen. Vielleicht ist das ein Indiz für die Bescheidenheit, in der wir lebten. Die Ansprüche waren gering. Man war froh, wenn man Lebensmittel aus dem Ausland bekam, Eipulver u.ä. und wenn es überhaupt gelang, eine Freizeit von dieser Seite her durchzuführen. Man schlief oft in Räumen mit sechs und acht Leuten. Aber das machte alles gar nichts. Wenn ich mich heute erinnere, so war das Ganze eine außerordentlich konstruktive Stimmung und Grundeinstellung. Es war doch so, daß wir den schrecklichen Krieg hinter uns haften und daß wir immer noch vor Augen hatten, was dies bedeutete, jedenfalls in dieser zertrümmerten Stadt Hamburg. Die Fahrt in ein solches Stück Landschaft, wie es um Ahlhorn herum gegeben ist, und der große innere Konsens, der in uns allen herrschte, machte das Erleben immer konstruktiv und gut und ließ uns alle mit viel Sympathie erfüllt sein. Es war eine selbstverständliche und herzliche Gemeinschaft.

Was die Zukunft angeht, so dachten wir eigentlich nicht so weit ausgreifend, wie das heute geschieht. Die äußere Lage hatte es über Jahre hinweg mit sich gebracht, daß man zu eigener Lebensbewältigung immer froh war, wenn man die allernächste Zeit erreichte. Hinzu kam dann die Wiederaufbaumentalität. Es ging in jenen Jahren ja, man möchte sagen, von Tag zu Tag immer irgendwie einen Schritt weiter. Dies galt sowohl für den rein äußeren Wiederaufbau, dies galt aber auch für unser Gemeinwesen. Es entstand ein Grundgesetz. Wir hatten die erste eigene Regierung. Die Kirche selbst war im Grunde enorm anerkannt, weil sie - jedenfalls in Teilen - als eine Einrichtung galt, die im Dritten Reich Widerstand geleistet hatte. So war sie bei allen dabei und bei allem gefragt. Anders gesagt: Die Perspektive war trotz der Mühsal der Umstände im einzelnen eine ganz großartige. Man nannte das ja früher die Gnade des Nullpunktes. Das ist aber auch rein mentalitätsmäßig so gewesen. Wir waren letztlich in unserer Arbeit beflügelt, gerade weil wie die sog. Überlebenstrage hautnah erlebt hatten.


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