Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1982: Blockhausbrief Nr. 26

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Vernünftig und menschlich leben lernen
Die Einweihung der Kirche
Die neue Kirche - Meditation zu einem ungewöhnlichen Fenster
Die Spuren Gottes - Predigt über Jesaja 6, 1-13 am 6. Juni 1982 zur Einweihung der Kirche
Zelt und Fenster - Predigt zur Einweihung am 19. Juni 1982
Das Blockhaus wird kirchlich
Die ersten Jahre im Blockhaus
Hamburger Gäste im Jahre 1948
Das Kinderheim im Blockhaus
"Oase" Blockhaus Ahlhorn
Persönliche Erinnerungen
Notizen zur frühen Zeit im Ahlhorner Blockhaus nach 1945
Zum ersten Mal im Blockhaus Ahlhorn
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1981 bis 31.12.1981
Blockhaus-Symphonie
Wiedersehen mit dem Blockhaus
 

Die ersten Jahre im Blockhaus

Hedwig Harbsmeier


Was war vorher?

Als nach dem Ende des Krieges und des Dritten Reiches das Blockhaus Ahlhorn zu einem Evangelischen Jugendheim wurde, gab es so gut wie keine kirchliche Jugendarbeit mehr. Der NS-Staat hatte von den überwiegend in Verbänden zusammengeschlossenen Jugendkreisen (Burckhardthaus, MBK, CVJM) die "Eingliederung" in die HJ erzwungen. Erlaubt waren nur Zusammenkünfte in kirchlichen Räumen und Betätigungen auf "rein religiösem Gebiet" -(also kein Spiel, kein Wandern usw.) Die Geheime Staatspolizei hat die evangelische Jugendarbeit streng überwacht. Wir wurden gerügt, weil bei einer Freizeit einige Mädchen Ball spielten. Es gab Schwierigkeiten mit der "Gestapo" wegen eines Jugendtreffens im Sommer 1940 in der Auferstehungskirche in Oldenburg mit dem späteren Bischof Herntrich, weil Räder ausschließlich für den Sieg zu rollen hatten.

Hinzu kamen die vielerorts verwaisten Gemeinden und die zunehmenden Luftalarme. Zuletzt gab es keine zehn Mädchenkreise in der Oldenburgischen Kirche.

Eine letzte Möglichkeit, Kinder und Jugendliche zu erreichen, war die kirchliche Unterweisung und der Konfirmandenunterricht.

Nicht zu vergessen ist, daß es in jenen Jahren einen Jugendpfarrer der Bekennenden Kirche Oldenburg gegeben hat. Es war Pastor Heinz Lübben in Wiefels, der z.B. bei einem Jugendsonntag in Kirchhatten aktiv war, dann aber Soldat werden mußte und in Rußland gefallen ist. Auch in der offiziellen Kirche gab es einen Jugendpfarrer, dem eine sichtbare Wirksamkeit versagt blieb.

Das Blockhaus Ahlhorn, Stätte des Gauleiters und der Parteigenossen, wird Evangelisches Jugendheim und am 28. August 1946 eingeweiht.

Wichtige Vorraussetzung dafür war, daß es wieder einen Landesjugendpfarrer gab. Götz Maltusch, aus dem Krieg heimgekehrt, übernahm im Herbst 1945 dieses Amt. Es gab einen sichtbaren Neuanfang: Am Tag der Einweihung kamen zu Rad oder in den LKW's der Militärregierung einige hundert Mädchen und Jungen aus dem ganzen Oldenburger Land.

Es war ein köstlicher Sommertag. Wir versammelten uns unter den Bäumen eines Abhangs. Stühle gab es nur für die Gäste. Auf einem Foto sind Bischof Stählin, Oberkirchenrat Kloppenburg und Pastor Maltusch zu sehen, der den Gottesdienst hielt. Es ist dabei die große Freude über das neue und eigene Heim der evangelischen Jugend zum Ausdruck gekommen. "Das ist eine feine Sache, daß wir jetzt ein Jugendheim haben!" Wenn die Erinnerung nicht täuscht, so ist es in der Predigt um jenen Abschnitt des Johannesevangeliums gegangen, der von den ersten Jüngern Jesu berichtet. Die Frage "Meister, wo bist du zur Herberge?" mag der Bezugspunkt gewesen sein zu der gewonnenen Herberge. die junge Menschen zum Hören, Fragen und Reden brauchen.

Ein weiteres Foto zeigt einen Vertreter der britischen Militärregierung bei einer Ansprache.

Einweihung 1946: Rede eines engl. Offiziers
Bilder von der Einweihung am 28.8.1946
Einweihung 1946: Die Gäste beim Gespräch

Schließlich ist an diesem Tag viel gesungen worden. Dafür spricht die Aufnahme eines Singens mit Kurt Wiesemann, dem Leiter des von ihm bald nach dem Kriegsende gegründeten Oldenburger Jugendchors.

Kurt Wiesemann und der Oldenburger Jugendchor
Kurt Wiesemann singt
mit dem Oldenburger Jugendchor
vor dem Kaminzimmer

Wie, wo, was wir damals gegessen haben, ist nicht mehr auszumachen. Die Umstände der Anfangssituation sprechen dafür, daß wir uns selbst verproviantiert haben.


Der Anfang

Mit dem Einweihungstag wurde das Blockhaus Ahlhorn mit seinem großen Fassungsvermögen für die Gruppen der Mädchen und Jungen, für Konfirmanden und Kinderkreise, für Helferinnen und Helfer und für Mitarbeiter der Evangelischen Jugendarbeit "Unser Haus".

Es war zunächst nicht problemlos, dahin zu kommen: Die Militärregierung Oldenburg stellte LKW's bereit, mit oder ohne Bänke. In jedem Fall wurde man tüchtig durchgeschüttelt auf der letzten Wegstrecke mit den tiefen Schlaglöchern. Dann aber beförderte uns die Bundesbahn zum Bahnhof Ahlhorn, um den letzten Teil des Weges unter die eigenen Füße zu nehmen mit unserem Handgepäck.

Mit den eingesessenen Oldenburgern kamen auch die jungen Heimatvertriebenen. Die unterschiedliche Herkunft nach Sprechweise, Kulturkreis, Schicksal, Temperament ergab eine denkbar glückliche Zusammensetzung. Oldenburger freundeten sich mit Schlesiern, Pommern oder Ostpreußen an und verstanden sich ausgezeichnet. Sie alle aber waren die Überlebenden dieses Krieges und des Zusammenbruchs, und sie wollten vor allem eins: leben! Das hieß: frei sein von jeglichen Zwängen, aber doch auch geliebt und ernstgenommen werden. Sie brauchten Nahrung für ihre ausgehungerten Mägen, sie brauchten Freundschaft und Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, sie brauchten das Erlebnis weiten, unversehrten Raumes zum Wohnen wie auch die Weite und Schönheit der Landschaft. Sie brauchten das Lachen und das Trauern um Verlorenes, und sie brauchten das Nachdenken über sich selbst und über das Leben. Es durfte uns nicht verwundern, daß sie, denen es an christliche Unterweisung gefehlt hatte, die Begegnung mit der Bibel als einen Verlust von Lebensqualität empfanden. "Ich will doch etwas von meinem Leben haben!" war ein immer wieder ausgesprochener Satz.


Wie sah es damals im Blockhaus aus?

Auch als es die im Laufe der letzten Jahrzehnte entstandenen Neubauten nicht gab, bestand ein ansehnliches Fassungsvermögen. In dem unteren Saal des Haupthauses waren an den Wänden entlang mindestens 40 Betten aufgestellt: zusammenklappbare Holzgestelle, häufig nicht ganz intakt, so daß es "Zusammenbrüche" gab, die mit Heiterkeit, aber mitunter auch mit Schadenfreude von den Nichtbetroffenen aufgenommen wurden. An dem primitiven, meist überfluteten Waschraum und den übrigen sanitären Anlagen nahm keiner ernstlich Anstoß. Im ersten Stock befanden sich die "besseren" Schlafgelegenheiten im Jugendherbergsstil, in der Regel den Mitarbeitern von Freizeiten und Tagungen zugedacht.

Sehr bemerkenswert war im Haus gegenüber der "Tagesraum" im NS-Stil mit dem großen Kamin, an dem noch die Embleme des Dritten Reiches sichtbar waren. Ein stark mitgenommener Flügel schien stehengeblieben zu sein, während die Bilder an den Wänden ausgeräumt, bzw. ausgeraubt waren.

Besonderer Beliebtheit hat sich von Anfang an das kleine Blockhaus erfreut, von dem Gauleiter Karl Röver auf einem Hügel bei dem Helenensee eigenhändig gebaut. Für die Jungen wurde es die "Jungenburg", die Mädchen nannten es "Dornröschenschloß". Hier war man abseits von dem großen Betrieb und in besonderer Weise von Romantik umgeben. Zu ihr gehörten auch die silber-grauen Wasserratten, die sich träge am Abhang sonnten. Ein Abendbrot auf dem "Altan" dieses Märchenschlosses wurde jedesmal zu einem Fest.

An dem Bootssteg des Sees befand sich ein ramponiertes, aber trotzdem heißumkämpftes Boot. Mir ist so, als hätte es zuerst nur ein einziges abgebrochenes Ruder gehabt.


Was gab es zu essen?

Sie sind jetzt 50 Jahre und älter, die nach 1946 dabei waren. Sie haben inzwischen unseren Wohlstand kennengelernt. Ob sie sich noch daran erinnern, wie hungrig sie damals waren? Über das Evangelische Hilfswerk Oldenburg gelangten die Lebensmittelspenden aus den USA zum Blockhaus: Milchpulver, Kakao, konservierte Butter, Kunsthonig, Käse, Trockengemüse sind mir in Erinnerung geblieben. Wenn die gute Milchsuppe auf den Tisch kam, wurden regelrechte Wettessen veranstaltet. Eines gab es noch: das "Windgemüse", eine Flockenspeise als Zugabe zum Abendessen. Diese Flocken waren so leicht, daß man nicht lachen durfte, sonst flogen sie vom Tisch.

Nach den Mahlzeiten war der Abwasch zu leisten. Zerbrochenes Geschirr war ein großes Unglück, und die Verursacher wurden jeweils zur Kasse gebeten.


Freizeiten

Die Freizeiten für neukonfirmierte Mädchen wurden am stärksten besucht. Meistens waren es 70 bis 80 Teilnehmerinnen. Da wurde die Aufteilung in Gruppen eine praktische Notwendigkeit. Zwei Gemeindehelferinnen, eine Lehrerin, die auch das Singen leitete, waren die vortrefflichen und beliebten Mitarbeiterinnen. Daneben gab es die Helferinnen, die den praktischen "Dienst am Nächsten" ausübten und sei es auch nur das Aufsammeln von Papier. Das Singen wurde zu einer beachtlichen Leistung und formte die Gemeinschaft. Der Humor blühte auf, Scherze und bon mots machten die Runde. Die ganz übermütigen dachten sich eine Gespensternacht aus und fanden zahlreiche Bundesgenossen. Natürlich hat es auch Grenzüberschreitungen gegeben, zum Beispiel als eine einzelne in der Nacht ein rhythmisches Klopfen gegen die Holzwand veranstaltete, das echt unheimlich klang und den ganzen Schlafsaal in helle Aufregung versetzte.

Wir, die Verantwortlichen, haben in diesen ersten Jahren manches für den Umgang mit den Lebenshungrigen und nicht an Ordnung Gewöhnten lernen müssen, so z.B. auch die Klugheit, über einen Streich mitzulachen oder aber mit Ernst zu tadeln, wenn etwas zum eigenen oder zum Schaden anderer geriet. Dieser Ernst hat in manchen Fällen durch Vergebung und Versöhnung zu einem guten Ende geführt.

In den Sommerferien kamen die Kinder in großen Zahlen. Ferienreisen der Familien gab es damals noch nicht. Hier bedurfte es erst recht der Helferinnen. Es waren die 16- bis 20jährigen aus den Mädchenkreisen ihrer Kirchengemeinden. Sie ermöglichten außer der täglichen Fürsorge für die Kinderein intensives Leben in der kleinen Gruppe. Der Text einer biblischen Geschichte, einem bestimmten Thema zugeordnet, wurde mit den Helferinnen für das Weitergeben vorbereitet. Diese Arbeit in den Gruppen wurde von der Leiterin in der Stille meditierend und betend begleitet, bis es Zeit wurde für die Zusammenfassung im Tagesraum.

Was aus der Arbeitsgemeinschaft mit den Helferinnen in die Gruppen hinein vermittelt wurde, war mehr als nur Erlerntes. Es war gehörtes und aufgenommenes Wort, und es kann früher oder später erkannt worden sein, daß es hier um Lebensquantität und Qualität gegangen ist. Das kann zum Vorschein kommen wenn man nach vielen Jahren so einem Freizeitmädchen wieder begegnet. Jedenfalls war hier das Herzstück unserer Arbeit, und sie hat etwas zu tun mit dem zur Vorbereitung einer großen Jugendtagung des Burckhardthauses entstandenen "Rüstkreis". Bald gab es im Blockhaus Gottesdienste für die Jugend und auch für Erwachsene aus der Umgebung. Bald kam auch der Kindergottesdienst dazu. Mir ist die Erinnerung daran geblieben, wie Pastor Maltusch einmal den Kindern das Wunder der Schöpfung am Beispiel der Fliege veranschaulicht hat. Ihr Auge nämlich besteht aus vielen kleinen Augen, den Facettenaugen, mit denen die Fliegen nach allen Seiten zugleich sehen können. Das Kleinste in der Natur ist das größte Wunder! Diese lebendige Anschaulichkeit hat die Kinder so beeindruckt, daß eines von ihnen beim Nachmittagskaffee dies als kleine Szene gespielt hat.


Mitarbeitertagungen

Bei einem ersten Treffen war es nur ein kleiner Kreis: hauptamtliche Mitarbeiter aus den Kirchengemeinden, d.h. Gemeindehelferinnen, Diakone, Kindergärtnerinnen, Gemeindeschwestern; unter ihnen nun auch Heimatvertriebene und Heimkehrer aus dem Krieg. Es ist zunächst um eine Bestandsaufnahme des Vorhandenen gegangen, aber da war nicht viel. Mancher unter den Teilnehmern konnte nicht verstehen, daß die Verhältnisse - NS-Staat und Krieg - gerade der kirchlichen Jugendarbeit arg zugesetzt hatten.

Der Kreis der Mitarbeiter ist danach schnell gewachsen. Außer den Hauptamtlichen waren es sehr bald die Freiwilligen aus den Kreisen der Schüler und Schülerinnen. So wurden aus dem kleinen Anfang große und vom Inhalt her lebendige Tagungen der Mitarbeiter.

Ein Problem war freilich noch ungelöst: Die evangelische Jugendarbeit nach 1945 war ja keine Neuschöpfung. Es hat davor, wie gesagt, auch schon Gruppen evangelischer Mädchen und Jungen gegeben, und einige von ihnen haben tapfer und zäh das Dritte Reich und den Krieg durchgehalten. Aber diese Jugend war in Verbänden zusammengeschlossen, und das wurde jetzt kritisch zur Kenntnis genommen. Man wollte keine "Verbandsjugend"! Die Jugend sollte und wollte ausschließlich auf dem Boden ihrer Kirchengemeinde und damit ihre Landeskirche ihre Existenz führen, aber nicht von einer Verbandszentrale ihre Weisungen empfangen. Daraus ergaben sich Spannungen, und es ist manche harte Wort gesprochen worden. Aber das hat sich schnell wieder geändert. Im Ernst wollte niemand eine Aufspaltung in Verbandsjugend und Gemeindejugend. Das Einigende war doch stärker als das Trennende, und dieses Einigende fand seinen sichtbaren Ausdruck in dem Kreuz auf der Weltkugel, das alle als Zeichen trugen und noch tragen. So hat sich das Mädchenwerk Oldenburg unter das Dach des Landesjugendpfarramtes eingeordnet und ist von dieser Stelle, wie alle andern auch, gefördert worden. Die Gemeinsamkeit ist bei den Mitarbeitertagungen immer wieder persönlich erfahren worden.


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