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Ahlhorns WasserRolf AmlingAls der Bus in scharfer Kurve auf den Saumweg einbiegt, erfassen die Blicke die weite Fläche des Sees mit den Blockhäusern am jenseitigen Ufer. Ein überraschtes Raunen geht durch die Reihen der jungen Männer, die zur Rüstzeit hierherkommen. "Und führet mich zum frischen Wasser" - davon mag bei manchem innerlich etwas anklingen. Wasser, "das am meisten gebrauchte Lösungsmittel" (Brockhaus), hat offenbar auch für das Innenleben des Menschen eine lösende Bedeutung. Diese Beobachtung mache ich bei vielen Rüstzeitteilnehmern. Als Soldaten stehen sie tagaus tagein in einem anstrengenden Dienst, der wenig Zeit läßt, um zu sich selbst zu kommen. Bald nach ihrer Ankunft im Blockhaus beginnt wie ein unsichtbares Kraftfeld das Wasser seine Faszination auszuüben. Frohe und verspannte Gemüter fühlen sich gleicherweise angezogen. Die Lage des Heimes mit dem unvermeidlichen Blick auf Wasser begünstigt dessen unwiderstehliches Locken: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin" (Goethe). So bildet in den Veranstaltungspausen der Bootsanleger einen heimlichen zweiten Mittelpunkt des Geschehens. Was verleiht dem nassen Element eine solche Anziehungskraft? Vielleicht ist es in unbewußter Tiefe der Drang zum Wasser als Lebenselement: in ihm hat sich erstes Leben gebildet, aus ihm hat sich alles spätere Leben erhoben, zu 68% besteht der Mensch aus Wasser. Es ist Grundstoff seines Lebens. Anderes Flüssiges verursacht in seinen Eingeweiden Brand, nur Wasser löscht seinen Durst. Darum wehe, wir verschmutzen und verseuchen unser Wasser - das Leben wird darunter leiden. Mitunter weckt der Anblick des Wassers die Erinnerungen uralte, schreckliche Menschheitserfahrungen, etwa die der alles verschlingenden Fluten. Angesichts der friedlichen Seen von Ahlhorn vergehen aber solche Gedanken an das bedrohliche Wesen des Wassers schnell wieder, und nur ab und zu läßt ein Sturz aus schwankem Boot etwas davon ahnen. Stärker als dieses Sinnbildhafte wirken lebensnahe Eindrücke. Der gestreßte Zeitgenosse erlebt die heilsame Ruhe, die über dem Wasser liegt. "Und der Geist Gottes brütet über den Wassern," - von dieser schöpferischen Ruhe springt etwas über auf uns, die wir Kinder dieses Geistes sind: wir kommen ins Brüten, ins Nachsinnen, ins Meditieren und fühlen uns dabei wohl. Weitere Erlebnisfelder tun sich auf. Dem Menschen aus städtischer Umwelt und technisierter Arbeitswelt erscheinen die Seen als ein Pflug natürlicher Lebendigkeit. Ringsherum ein üppiger Pflanzenwuchs, Mückenschwärme, Froschkonzert, schnappende Fische, behende Wasserhühnchen, rastlos tauchende Wildenten, stolzierende Reiher und gelegentlich eine kleine Flotte von Schwänen. Das Wasser lebt, und dieses wimmelnde krimmelnde Leben gibt das Bewußtsein, selbst lebendig zu sein. Manchen ergreift die Weite der Wasserflächen. Er öffnet sich, erzählt von seinen Gedanken und Hoffnungen und sucht Antwort auf Fragen. Die Gespräche am See sind immer friedliche Gespräche. Jedesmal sind auch Kameraden mit Machernaturell dabei. Ich meine die, die sich ständig vom Wasser herausgefordert fühlen und Aktivitäten entfalten. Seine Bedeutung besteht für sie vor allem in Ruderschlag, Bootsgerangel und Wasserschlachten. Ein Vergnügen, ihnen zuzuschauen. Schließlich liegen in den Ahlhorner Fischteichen auch ein paar Inselchen, damit der alte Traum vom "Leben wie Robinson" nicht sterbe: Allein und ohne Konflikte, versehen mit allem Lebensnotwendigen, auf einem abgeschirmten, überschaubaren Fleckchen Erde sein können!? Ich denke, es sind gute Bilder, die da in uns aufsteigen, denn sie trösten unerfüllte Seiten unseres Lebens und verhelfen uns dadurch zu innerem Ausgleich. Mit der Errichtung einer kleinen Holzkirche direkt an einem der Seen wird Ahlhorns Wasser um eine sinnbildliche Beziehung reicher: es rückt als Element der Taufe und damit als Zeichen des neuen Lebens ins Blickfeld. So wird die Fülle des natürlichen Wassers ringsrum an die Ströme lebendigen Wassers erinnern, die Christus denen verheißen hat, die mit offenem Herzen kommen. Wir sehen, Ahlhorns Wasser sind lebendig, auch wenn manchmal menschliches Machen das Gleichgewicht zu stören scheint. Mögen sie lebendig bleiben! Daß sich diese Hoffnung erfüllt, bedarf es unseres bewußten Nachdenkens und eines pflegsamen Umgangs mit dem Urelement der Schöpfung. Vielleicht so, wie es ein Indianerhäuptling um 1850 empfohlen hat: "Die Flüsse sind Eure Brüder, und Ihr müßt von nun an den Flüssen Eure Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch." |
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