Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1980: Blockhausbrief Nummer 24

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Wer kennt sie noch?
Gott will, daß allen Menschen geholfen wird
Predigt im Blockhaus Ahlhorn
Erinnerungen an Ahlhorner Begegnungen - Gespräche der Sozialpartner im Rahmen der Ev. Akademie
Heiter-besinnliche Erinnerungen an Studenten und Vikarsrüstzeiten von 1949 - 1955
Erinnerungen an Blockhaus Ahlhorn
Blockhaus-Pädagogik...
Vikare und Studenten im Blockhaus
Zauberwort Ahlhorn
Dank an Herrn Forstmeister W. Hulverscheidt
Blockhaus-Lied
Sind die Wachen aufgestellt . . .
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1979 bis 16.12.1979
 

Heiter - besinnliche Erinnerungen
an Studenten- und Vikarsrüstzeiten
von 1949 - 1955

H. Grotrian

"Schreib doch mal für den Blockhausbrief einiges auf aus dem Schatz Deiner Erinnerungen von den Rüstzeiten der Theologiestunden und Vikare!" Das schrieb mir Rolf von der Dovenmühle. Mehrfach!

Die Erfüllung dieser Bitte habe ich immer wieder vor mir hergeschoben. Nicht, weil es mir an Erinnerungen fehlte, im Gegenteil: es gibt zu viele davon. Ich habe an etwa 25 solcher Rüstzeiten teilgenommen. Da ist das Sortieren schwierig.

Begonnen hat dieses Unternehmen vor gut 30 Jahren. Das Ziel war, - als Ersatz für ein Predigerseminar - uns die praktische Seite der Pfarramtszeit zu vermitteln. Das ist wohl auch zum großen Teil erreicht worden, und die Rüstzeiten haben uns allen von vornherein zu einem guten Verhältnis zu unserer Kirchenleitung verholfen.

Es ist nicht Aufgabe dieser Erinnerungen, die vielseitige und unterschiedliche Thematik dieser Treffen aufzuzeigen, ich möchte vielmehr zur Freude der damaligen Teilnehmer einiges von dem in Erinnerung rufen, was uns seinerzeit besonders fröhlich gestimmt hat.

Angefangen hat es in der Baracke am Quellenweg. Edo Osterloh war für das Ausbildungsreferat zuständig. Er war ein wissenschaftlich versierter und fundierter Theologe, deshalb forderte er Wissen! Seine Brille flog oder seine Faust schlug auf den Tisch, und er wurde böse - fragt mich nicht wie (!) - , wenn wir erst-, zweit- oder auch viert-semestrige Theologen nicht das wußten, was für ihn selbstverständlich war. Aber wir haben viel bei ihm gelernt, viel von ihm profitiert. - Manchmal gab es auch kuriose Schwierigkeiten:

Pfarrer Lothar A. stand als Referent vor uns. Was er sagte, war gut und verständlich, selbst für uns Studenten, doch: War er zu spät aufgestanden? Mit Verspätung losgefahren? Seine Hose jedenfalls hatte er nicht mehr zugekriegt. Und daß da was offenstand, verdeutlichte er nachdrücklich dadurch, daß er fast ständig beide Hände in den Hosentaschen hatte. Dieser Blickfang beeinträchtigte das konzentrierte Zuhören nicht unbeträchtlich. In der anschließenden Pause gab es deshalb neben dem Gespräch über das Referat auch das Thema: "Offengestanden ist mir nicht offengestanden lieber als offengestanden." Es stellte sich die Frage: Kann man ihm das sagen? Wir hatten damals noch einen unwahrscheinlichen Respekt - nicht nur vor Edo Osterloh -, auch vor den Referenten. Es wurde entschieden: " Man muß es ihm sagen - und zwar du machst das." - Die anschließende Aussprache verlief dann ohne Ablenkung wie gewohnt: hart und geschliffen.

Zu einer weiteren Kuriosität im Quellenweg trug einer von uns bei: - Walter -. Er kam selten pünktlich und meistens mit seinem Ponygespann. So dorthin zu kommen, war für ihn schon deshalb lebensnotwendig, weil er für den Fall einer Übernachtung grundsätzlich zum Zudecken sein eigenes Oberbett mitbringen mußte. (Das hat er auch im Blockhaus beibehalten.) Ein Auto hatte damals natürlich noch keiner von uns, und auf den Gepäckhalter eines Fahrrads paßte dieses Monstrum wahrhaftig nicht. Eines Tages, als er seine Verspätung selber wohl nicht mehr verantworten konnte, platzte er - mitsamt seinem Zugtier - mitten in die theologische Aussprache hinein. Da wußte selbst Edo Osterloh nicht mehr, ob er lachen oder schimpfen sollte.

Inzwischen war die Pacht für die Baracke am Quellenweg abgelaufen, und unsere Tagungen wurden nach Bad Zwischenahn in das Hotel "Haus am Meer" verlegt. Wir schliefen in komfortablen Einzel- und Doppelzimmern. Zu den Mahlzeiten wurden wir von Kellnern im Frack bedient. Einige empfanden das als angemessen, die meisten fühlten sich als überbewertet. Diese vornehme Atmosphäre war der eigentlichen Arbeit nicht gerade dienlich. Zur richtigen Zeit kam dann die Einladung vom Blockhaus Ahlhorn, auch Rüstzeiten für Theologen und Pädagogen in eben diesem Blockhaus zu veranstalten. Diese Einladung beinhaltete natürlich auch einen Hintergedanken: Studenten und Vikare sollten schon in der Ausbildungszeit diese Einrichtung kennenlernen, um sie dann als spätere Pastoren für Konfirmanden- und andere Freizeiten kräftig zu nutzen. Dieser Einfall des Heimleiters hat sich gelohnt: 1. Unsere Rüstzeiten fanden fortan dort statt und 2. müssen wir, als Folge dieser Idee, Konfirmandenfreizeiten heutzutage schon ein Jahr und länger im voraus anmelden. Ein gutes Zeichen für das Ansehen des Blockhauses und für die Einsicht der damaligen theologischen und pädagogischen Rüstzeitteilnehmer.

Helenensee im Herbs

So kamen wir aus der vornehmen Bad-Zwischenahner-Phase in das einfache Leben des Blockhauses Ahlhorn. Das sah so aus: Fußmarsch zum Blockhaus, 7 km. Große Vergünstigung: Das Gepäck wurde gefahren. - Die Unterkunftsmöglichkeiten waren damals noch sehr begrenzt: Es existierten nur die Jungenburg, das Haupthaus (wesentlich kleiner als heute), die Küche mit "Festsaal" und das Kinderheim (heute "Gartenhaus"). Die springenden, luftschnappenden Karpfen in den Teichen waren bei unserer Arbeit keine Behinderung. Lediglich der in der Nähe des Blockhauses gelegene "Karpfen" führte manch einen in den Pausen in "Versuchung". Aber in dieser Umgebung konnte wieder, nun - wie schon seit einiger Zeit unter der Leitung von Oberkirchenrat Dr. Hans Schmidt - in aller Ruhe gearbeitet werden. Und das sogar, als der Heimleiter - parallel zu unserem Treffen - etliche Damen vom "Frauenbund für alkoholfreie Kultur" zu einer Tagung eingeladen hatte. Diese Damen blockierten die wenigen Doppel- und Mehrbettzimmer im Haupthaus, deshalb mußten wir im großen Blockhaussaal und in den kleinen Holzkabinen, die die Saalnischen ausfüllten, schlafen. Die Älteren unter uns wurden dadurch stark an ihre Soldatenzeit erinnert. - Während die erwähnten Damen gegen den Alkohol wetterten, jedoch umso mehr Kaffee verkonsumierten, blieben wir unseren Getränkegewohnheiten treu.

Eine große Besonderheit in der Ruhe des Blockhauses war die Zeit, die Hans Schmidt für uns zu Einzelgesprächen hatte und die auch wir untereinander führen konnten. Aber es gab auch viel Zeit für Frohsinn und Unsinn.

Ich glaube, es war 1954. Für Bischof Jacobi wurde im Zuge der beginnenden Weltraumfahrt die Marsmission zu einem ernsten Anliegen. Für uns weniger. Es existiert eine Fotographie, auf der alle Rüstzeitteilnehmer zu sehen sind mit Tellern oder Geweihen vor dem Kopf unter dem großen Damhirschgeweih, damals draußen am Haupthaus; alle als Mars-Missionare durchaus erkennbar. Für dieses Unternehmen hatten wir ein großes Spezialfernrohr angefertigt; beim Hindurchschauen war, neben anderen Gestirnen, der Mars eindeutig zu sehen. Die Frage war: "Wer würde der erste Missionar auf diesem Planeten sein?" - "Wie wird er dorthin kommen?" Unsere Vorstellung: auf jeden Fall einer von uns! Und dann so: Auf dem Pferdemarkt der Stadt Oldenburg (damals noch eine weiträumige Fläche z.B. für den Kramermarkt) stehen alle Posaunenchöre der ev. -luth. Kirche von Oldenburg und warten auf den bischöflichen Einsatz, um mit Trompeten und Posaunen den ersten Missionar auf den Mars zu blasen.

Apropos Musik: Erinnert Ihr Euch noch an unser derzeitiges ,Kampflied': "Die Kragen hoch, den Lutherrock geschlossen! Die VELKD marschiert mit festgelegtem Schritt. . ."?

Eine sehr harte Rüstzeit fand vor dem Amtseintritt von Bischof Jacobi statt. Studenten wie Vikare hatten sich in jugendlichem Übereifer in die Frage der Nachfolge von Bischof Stählin eingemischt. Diese Tatsache führte erst- und einmalig bei diesen Rüstzeiten zu Parteienbildung und scharfer Auseinandersetzung unter diesen und Hans Schmidt. Daran war der Verfasser dieses Berichtes nicht unbeteiligt. Doch Hans Schmidt war nicht der Mann, der nachtragen konnte, und nachdem wir den neuen Bischof inthronisiert hatten, lief alles wieder in den gewohnten Bahnen.

Zu diesen gewohnten Bahnen gehörten auch die Abschlußabende jeder Rüstzeit, die oft durch themenbezogene, heitere Darbietungen gekennzeichnet waren. In besonderer Erinnerung ist mir nach einer Rüstzeit über "Gottesdienst und Liturgie" eine Pantomime von Wilfried Ferchland und mir geblieben. Götz Harbsmeier und Herbert Goltzen hatten diese Rüstzeit als Referenten vorwiegend bestritten. Ihre Ansichten waren sehr konträr. Auch am Abschlußabend waren die beiden noch dabei. Wilfried entlieh sich von Goltzen einen Kugelschreiber und ich mir von Harbsmeier die Pfeife. Dann nahmen wir deren Plätze ein und imitierten deren Streitgespräche in der Form, daß Wilfried das "1 x 1" und ich das "A,b,c" aufsagten: verbindlich im Ton, aber unbeirrbar im Text. Hans Schmidt und Teilnehmer hatten ihre helle Freude. Die Referenten haben hinterher gefragt: "Waren wir wirklich so?"

Bei diesem Abschlußabend konnte auch Alkohol getrunken werden, vorwiegend Bier. Blaukreuzler war keiner. Einmal hatte einer von uns für seine Verhältnisse und für seine kleine Konstitution zu viel dieses Gerstensaftes genossen. Sein Bett stand oben, die Treppe war steil und schmal. Hilfestellung lehnte er selbstbewußt ab. Auf allen Vieren erklomm er die Stufen. Oben angekommen, drehte er sich wie ein Hündchen auf allen Vieren um und fragte uns, die wir gespannt zuschauend unten stehengeblieben waren: "Soll ich das nochmal machen?" Ohne unsere Antwort abzuwarten, begann er auf allen Vieren die Treppe vorwärts wieder herunterzukommen. Er begann. . . Zwei Drittel der Treppe erledigte er purzelbaumschlagend. Er kam heil unten an und dann auch heil ins Bett - und lebt auch heute noch.

Ein anderes Erlebnis: 9.30 Uhr: alle sitzen zu ihrer theologischen Arbeit auf ihrem Platz. Aller Blicke sind auf W. gerichtet. Da, wo sonst Zigaretten und Streichholzer lagen, stehen jetzt zwei Tüten. Zwei "nach Tante-Emma-Laden-Manier" sauber gefüllte weiße Ein-Pfund-Tüten. "Was guckt ihr so? Ich will mir das Rauchen abgewöhnen! Hier drin sind "Hustelinchen"! - Die Tüten werden im Laufe des Tages ziemlich leer; abends aber ist dem W. ziemlich elend. - Nach meiner Erinnerung ist er auf Pfeife umgestiegen. Was er wohl heute macht: qualmt oder lutscht? -

Ja, und dann ist wohl noch eine Abschlußepisode erwähnenswert. Das muß 1955 gewesen sein. Alle saßen im Linoléum, jetzigen Blockhaussaal, vier oder fünf von uns an einem besonders beseite gestellten Tisch. Hans Schmidt saß fröhlich mitten unter uns. Plötzlich stand ein "Doppelgänger" von ihm in der Tür, bekleidet mit seinem Mantel, Schal und Hut. Diese Requisiten hatte ich mir erlaubt, aus seinem Zimmer zu holen und mich damit zu gewanden.

Zusätzlich bediente ich mich eines Handstockes, auf den ich mich stützen mußte. Die erste Beklommenheit der Anwesenden löste sich auf in fröhliches Lachen, als ich, eine Schachtel "Senoussi" aus der Tasche ziehend, an jenen Extratisch trat und - die auf etwas älter getrimmte Sprechweise von Hans Schmidt nachahmend - zu denen sagte: "Schön, daß ich nach 30 Jahren vieler gemeinsamer Rüstzeiten hier mal wieder mit Ihnen zusammen sein darf." Er bedankte sich auch dafür, daß dieses Treffen im Wartesaal in Oldenburg stattfand und ihm dadurch eine Anreise erspart geblieben sei. Sonst hätte er womöglich gar nicht kommen können. Und dann wurde palavert. Einer war inzwischen Oberkirchenrat geworden (ist er das?), einer Kreispfarrer (ist er das?). Die übrigen waren "nur" Gemeindepfarrer geworden. Denen sagte er das, was bis an sein Lebensende wirklich seine Meinung geblieben ist: "Es gibt nichts Schöneres und Wertvolleres, als Pastor in einer Gemeinde zu sein." - Einen aber fragte er: "Wissen Sie noch, was für dummes Zeug Sie damals geredet haben, als Sie meinten, so ein Buch wie "Das Ei und Ich" dürfte ein Pastorenkind und auch ein Pastor nicht lesen? Zum Lesen hätten wir allein die Bibel!" Es erfolgten noch manche andere - allen ergötzliche - Fragen und Antworten.

Hans Schmidt hat sich über diese Zukunftsschau nicht nur köstlich amüsiert, sondern abschließend gesagt: "Hoffentlich wird davon mal etwas."

Zu seinem Geburtstag, am 31. Juli 1977, habe ich ihn an diese "Wartesaalparodie" erinnert und ihn gefragt, ob er an solch einem Treffen teilnehmen würde. Er hat diesem Vorschlag spontan zugestimmt. Leider ist daraus dann doch nichts mehr geworden.

Mein Erinnerungsbeitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schon gar nicht auf eine chronologische Sortierung. Ich kann mir gut vorstellen, daß manchen von denen, die damals dabei gewesen sind, beim Lesen noch viele andere erzählenswerte, heitere und besinnliche Erinnerungen aus jener Zeit einfallen. Bitte aufschreiben und als Ergänzung für den nächsten "Blockhausbrief" an Rolf von der Dovenmühle schicken.

Bei einem persönlichen Treffen von uns wäre sicherlich vieles mehr von dem, was wir gemeinsam im Blockhaus erlebt haben, wach geworden. Solch ein Treffen war geplant (s.o.!) Sollten wir das nicht nachholen? - Im Blockhaus? -

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