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![]() Erinnerungen an Blockhaus AhlhornH. Helms Im Sommer 1948 kam ich zuerst ins Blockhaus Ahlhorn - mit Klassen der Hindenburgschule Oldenburg. Es war eine schwere, aber fruchtbare Zeit der Neubesinnung. Am Rhein berieten die Führer der neuformierten politischen Parteien über das Grundgesetz der künftigen "Bundesrepublik Deutschland" und arbeitete Ludwig Ehrhardt mit seinem Stabe an der Währungsreform, die dem daniederliegenden Wirtschaftsleben eine neue Grundlage geben sollte. Viele von uns waren überzeugt, daß über den Abgrund, in dem das "Dritte Reich" versunken war, keine Brücke in die Vergangenheit zurückführte. Eine "Rückerziehung" zum Leben und Denken der "Weimarer Republik" konnte nur zu einer Restauration überlebter Formen führen. Zu gründlich war die Zerstörung erfolgt, die in der größten Katastrophe unserer nationalen Geschichte geendet hatte. Ihr Wertsystem war innerlich durch Hypertrophie ausgehöhlt und äußerlich verfemt. Aus dem Trümmerfeld ragten als letzte Pfeiler die übernationalen Traditionen der christlichen Kirchen und der Arbeiterbewegung. Es bedurfte einer tiefen Neubesinnung auf die Fundamente für den Neubau unseres Lebens. Die Sieger boten uns an, den "American Way of Life" zu beschreiten. Die Übermacht dieser Zivilisation überschwemmte den Westen unseres Volksraumes, der Osten gehorchte der Ideologie der sowjetischen Weltmacht. Würde dazwischen ein Raum für eine eigenständige deutsche Kultur gesichert werden können? Auch wenn die politische Souveränität verloren war, so regten sich doch in unserem Volk Millionen fleißiger Hände, um das Wirtschaftsleben wieder aufzubauen. Die Flüchtlingsströme aus dem Osten lockerten das Gefüge der deutschen Weststämme fruchtbar auf und führten neue Energien ihrer Volkswirtschaft zu. Eine neue Blutmischung begann den Volkskörper zu verwandeln und bereicherte seine Erbfaktoren. Das mußte auf allen Lebensbereichen zu neuen Formen führen. Der leitende Kopf für die Lehrerbildung im neuen Staat Niedersachsen gab uns zu bedenken, daß das deutsche Volk bislang auf jede große Katastrophe seiner Geschichte mit einer Schulreform geantwortet habe - sollte unsere Generation vor dieser Aufgabe versagen? Als ich nach Ahlhorn kam, war das junge Ehepaar von der Dovenmühle bereits an der Arbeit, für die Oldenburger Landeskirche ein Freizeitzentrum aufzubauen. Rolf v. d. D. brachte aus seiner seemännischen Vergangenheit Tatkraft und Weitblick mit, seine Frau pädagogische und wirtschaftliche Talente. Beide schufen dort eine Atmosphäre, in der sich neue Gedanken entwickeln und Entschlüsse geboren werden konnten. Der Reichtum an Menschen, denen man dort begegnete, war groß und vielseitig. Auf vielen geistigen Gebieten zeigten sich fruchtbare Ansätze: Bischof D. Wilhelm Stählin kam mit seinen engeren Mitarbeitern gern ins Blockhaus. Dort fanden sie den Abstand von der konservativen Strömung in der Landeskirche, den sie brauchten, um eine grundlegende Reform dieser Kirche aus dem Geiste der vom Bischof geführten "liturgischen" Bewegung (Berneuchener) zu planen und einzuleiten. Diese "Ahlhorner Gespräche" liefen durch die Jahre der Amtsführung des Bischofs als lebendiger Nerv kirchlicher Erneuerung. Über diese Zeit weit hinaus kam das theologische Mitglied des Oberkirchenrats Dr. Hans Schmidt regelmäßig mit seinen Vikaren ins Blockhaus, um den jungen Geistlichen zu helfen, die Früchte ihres Studiums für die Praxis ihres künftigen Amtes nutzbar zu machen. Frau Dr. Helene Ramsauer kam mit den Studenten der Pädagogischen Hochschule Oldenburg aus dem Fachbereich evangelische Religion nach Ahlhorn, weil sie dort die rechte Stätte fand, die Probleme der Religionsdidaktik im Gespräch zu erörtern und persönliche Fühlung zu ihren Hörern zu gewinnen. Das staatliche Studienseminar kam mit Fachleitern und Referendaren; galt es hier doch, nach dem Methodenstreit der Weimarer Zeit um den "Arbeitsunterricht" tradierbare Unterrichtsformen zu gewinnen, die den verschiedenen Fachbereichen der Gymnasien angemessen waren. Auch das Osnabrücker Seminar kam einmal die 90 km zu Rad hierher, um neue Erfahrungen auszutauschen. Hier begegneten wir uns zuweilen mit Dozenten und Studenten der Pädagogischen Hochschule, waren es doch auf beiden Seiten Männer der Frontgeneration, die mit reifer Lebenserfahrung in ihren neuen Beruf einstiegen und mit großem Ernst für eine bessere Zukunft unserer Kinder arbeiten wollten. In steigendem Umfang kamen Schulklassen, meist für 1 Kurzwoche, ins Blockhaus und trieben in der Umgegend ihre Spiele. Dann begannen Militärpfarrer der Bundeswehr aus benachbarten Standorten Rüstzeiten für ihre Soldaten in Ahlhorn zu halten, in denen Themen der Labensgestaltung im Lichte des Evangeliums behandelt wurden. Eine besondere Rolle spielte der Jungendchor, den sein Gründer, Kurt Wiesemann, und dessen Nachfolger, Heinz Kanngießer, regelmäßig zu intensiven Übungszeiten hier versammelten. Die Pfarrer der Landeskirche hielten ihre Konfirmanden-Freizeiten hier ab, Singkreise und Orchestergruppen, Ehepaarkreise und Jugendgruppen erweiterten den Besucherkreis, sogar Wirtschaftsunternehmen schickten ihre Lehrlinge oder auch die Betriebsräte, Behörden ihre Auszubildenden, so daß der Terminkalender des Blockhauses nur selten noch eine freie Stelle hatte. Jeder Leser der "Blockhausbriefe" kennt die immer noch steigende Zahl der Besucher.
Worin liegt nun diese außerordentliche Anziehungskraft dieser Örtlichkeit? Hat sie doch - im Unterschiede zu vielen anderen Jugendheimen nichts Sensationelles an landschaftlichen Eindrücken zu bieten, so daß sie einem im Strom des heutigen Tourismus treibenden Menschen karg erscheinen muß. Der Schriftsteller Ernst Jünger, der viele Länder kennt, sagt: die Menschen des Altertums, die noch der Natur näher lebten, hätten gewußt, daß gewisse Landschaften, Berge oder Täler, einen "genius loci" besäßen, erfüllt seien von der Wirkkraft einer geistigen Macht. Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken! Wir alle wissen, daß das Leben in einer größeren Stadt uns von unserer ursprünglichen Verhaftung in das Leben der Natur allmählich löst und uns unsere Aufgabe, an der geistigen Bewältigung der Naturgegebenheiten mitzuwirken, vergessen macht. "DER GEIST DURCHDRANG DAS ALL UND MACHTE ES ZU EINER SCHÖNEN WELT" Diese Erkenntnis der griechischen Naturphilosophie verpflichtet uns aber noch heute. Nehmen wir als Beispiel einmal unser Verhältnis zum Sternenhimmel. Wer von unsern Stadtmenschen kennt heute noch die tiefsinnigen Bilder, die die alten Menschen aus den Figurationen der Gestirne herauslasen? Vielleicht lernen manche von uns auf der Schule, daß der Astronom Kepler im 17. Jahrhundert die Gesetze der Planetenbewegung und die geheimnisvolle Harmonie und geometrische Regel ihrer Abstände vom Zentralgestirn erkannte. Aber daß dieser tiefblickende Mann auch Beziehungen zwischen den Gestirnen und den Schicksalen der Menschen ahnte und zu berechnen versuchte, wie es uns Golo Mann in seinem "Wallenstein" schildert (S. 86ff ,Das Horoskop'), darüber zuckt man wohl nur die Schulter. Das grelle Licht unserer für den Autofahrer gewiß sehr notwendigen Straßenbeleuchtung überblendet für unsere Augen die nächtlichen Himmelslichter. Die sanften Übergänge zwischen den Tages- und Nachtzeiten bemerken wir kaum und spüren nicht mehr den "Ruhewink des Untergangs" (Rilke) Andererseits sprechen wir oft vom "Zauber", den eine Landschaft auf uns ausübt, ohne dies Wort ernstzunehmen. Vielleicht vermögen wir diese Berührung kaum noch zu verspüren, wenn wir mit Bahn oder Kraftwagen das Land durcheilen, an unserem Ziele uns ins Wasser stürzen oder mit der Seilbahn auf den Gipfel eines Berges emporfahren. Wer diesen uns verwandelnden Zauber erleben will, muß sich begnügen, mit Bus oder Bahn dem Bannkreis der städtischen Zivilisation zu entfliehen, und sich dann auf seine Füße verlassen. Dem Wanderer, der, vom Bahnhof Ahlhorn kommend, den Weg zum Blockhaus einschlägt, schiebt sich bald ein versumpftes Flußbett in die Quere, dem der Weg nun nordwärts abbiegend folgt. Dann erweitert sich das Flüßchen zu einer kleinen Talsperre, vor der der Weg vorüberführt. An den Häusern der Fischmeisterei vorüber wandert er westwärts, überschreitet das Flüßchen Lethe nach rechts zum zweiten Mal und betritt nun das Gebiet der Fischteiche, an dessen Südrand er sich dem Blockhaus nähert. Auf dieser eineinhalbstündigen Wanderung wird ihm vielleicht ein Radfahrer begegnen, der vom Blockhaus nach Ahlhorn fährt, sonst tritt er in immer größere Stille ein. Hier gibt es in weitem Umkreis kein Dorf, nur einzelne verstreute Höfe, dafür kann er auf Geschöpfe des Waldes und Feldes treffen, die die Nähe des Menschen meiden. Vielleicht erfreut ihn das Flugbild eines Fischreihers, der - dem Teichmeister zum Verdruß, der für seine jungen Karpfen und Schleie fürchtet - auch heute noch vereinzelt hier auftaucht; vielleicht sieht er sogar den Fischadler hoch über den Wassern kreisen und sich plötzlich herabstürzen; auf jeden Fall vernimmt er den Gesang der Rohrsänger und Finken. Auf den Teichen kann er im Frühjahr Schwäne und Enten aus nördlichen Ländern beobachten, die hier überwintern, zuweilen auch die großen dunklen Kormorane in schnellem Fluge vorüberstreichen sehen. Am Wegrand findet er die Steinsetzung der "Zwölf Apostel", deren astronomischen Sinn unser früherer Museumsdirektor Dr. Michaelsen untersucht hat. Hat der Wanderer im Blockhaus sein Quartier bezogen, befindet er sich hier wie in einem magischen Kreis, dem er im Rahmen der hier geltenden Tageseinteilung zu Fuß nicht entrinnen kann. Stundenweit ist er rings von Wald und Feld, Sand und Moor umgeben. Er befindet sich hier auf der Abdachung eines breiten, west-östlich streichenden Geestrückens, der im Norden an die Ausläufer des Vehnemoors grenzt. Seit über tausend Jahren hat die Hand des Menschen an dieser Naturlandschaft gearbeitet und sie allmählich zu einer Kulturlandschaft umgestaltet. Wandert er von der Halbinsel des Blockhauses zwischen den Teichen hindurch nach Osten über die Sandflächen der Heide, trifft er auf ein Dorf, das schon in den Urkunden der Karolinger erwähnt wird, Sage, in dem heute Fernstraßen aus allen Himmelsrichtungen zusammenlaufen. Das durchwanderte Gebiet war das gemeinsame Weideland für die Schafe der Sager Bauern. Diese brachten den Dünger für das östlich vom Dorf sich aufwölbende Ackerland, den "Esch", dessen Fruchtboden sich im Laufe .der Jahrhunderte auf gehöht hat. Als die Dorfbevölkerung im Mittelalter wuchs, entstand eine Viertelstunde westlich des alten Dorfes eine neue Siedlung Haast, deren Ackerkämpe sich allmählich bis zum Rande des Moores ausdehnten. Im vorigen Jahrhundert brachte dann der Kunstdünger den siedlungsfreudigen Jungbauern die Möglichkeit, weitere Heideflächen zu kultivieren und das Moor zu Wiesen und Weiden umzuwandeln: die Streusiedlung Bissel. In den frühen Jahren des Blockhauses wirkte hier als Lehrer Dr. Wilhelm Grotelüschen, später Professor für Erdkunde an der Hochschule Oldenburg, in dessen gastfreiem Hause der Wanderer von dem vielseitigen Wissen dieses Heimatforschers die wertvollsten Einblicke in Natur und Geschichte dieser Landschaft erhielt. Der Winkel, den die Lethe in ihrem Weg über den Geestrücken bildet, ist von Dünenfeldern erfüllt, die der Westwind vor sich hergetrieben hat. Seine innerste Spitze wurde vom Staat aufgeforstet, und zwischen den Hügeln wurden nach 1900 die über 40 Fischteiche angelegt. Durch diese karge Landschaft gelangt der Wanderer zu der blauen Tiefe der beiden Sager Meere, vielleicht ein Überrest aus der Zeit, wo Eismassen dieses Land bedeckten, oder daß auf seinem über 30 m tiefen Grund ein ausgelaugter unterirdischer Salzstock liegt. Im Süden lockt der "Baumweg" den Wanderer, durch den vom großen Sturm im November 1972 verwüsteten Nadelholzbestand zum alten Buchenwald-Kern vorzudringen und weiter zu den bizarren Hainbuchengestalten des "Gespensterwaldes" vor der Landstraße Ahlhorn-Cloppenburg, oder vom Westrand des Waldes in die grüne Weidelandschaft des Richtmoors zu blicken. Immer wieder muß er umkehren' um die Stunde der Mahlzeiten nicht zu versäumen. Ich habe es mir in diesen Besinnungstagen stets auferlegt, auf Zeitungslektüre, Radioempfang und Fernsehen zu verzichten und dafür abends das Gespräch mit vielen interessanten Menschen zu suchen, denen man hier begegnen kann - oder ich ging an hellen Abenden allein zwischen den Teichen umher und betrachtete den Heraufzug der Sternbilder, die hier ihre Lichterpracht entfalten können. Dazu ist freilich eine kleine Sternkarte nützlich, um am Nachthimmel sich zurechtzufinden. Hat man erst einige markante Bilder erkannt - wie im Frühling den Großen Wagen (=Großer Bär) oder das Himmels -W der Cassiopeia, im Herbst den Orion oder das Kreuz des fliegenden Schwanes, so ist es nicht schwer, von ihnen aus auch zu den benachbarten Bildern weiterzufinden. Zwischen dem flimmernden Licht der fernen Sonnen hebt sich dann der ruhige Glanz unserer Nachbarplaneten ab, die - wie der Mond - durch den Gürtel der Tierkreisbilder wandern. Vielleicht wird dieser Anblick auch uns den Gedanken einer geistigen Welt nahezubringen wie einst unserm Philosophen Immanuel Kant. Für Stunden der Meditation nahm ich mir stets einen kleinen Gedichtband mit. Sehr geeignet dafür erwiesen sich Hölderlins Gedichte - oder mehrmals auch Goethes "Gespräche mit Eckermann", Bücher, für die man viel Ruhe um sich braucht. Sehr begrüßen würde ich es, wenn die Blockhausleitung eine kleine Kapelle beim Blockhaus einrichten könnte, vielleicht eine der freigewordenen Barackenkirchen aus Südoldenburg. Sind wir hier doch hart an der Grenze, die die beiden christlichen Konfessionen scheidet, deren Bekenner sich hier oft im Blockhaus begegnen und die große Aufgabe der Wiederzusammenführung der Kirchen besprechen können. Aus unzähligen solcher Gespräche kann sich wohl allmählich eine breite Basis für den langwierigen Prozeß einer Wiederannäherung ergeben. Gesunde, nicht hektische Bewegung weist stets einen Rhythmus auf, einen dem Ziel der Bewegung angemessenen Rhythmus von Tätigkeit und Ruhe. Unser Arbeitsleben hat weitgehend diese Gesetzlichkeit vernachlässigt. Darum sollte die Höhe des Tages stets eine wirksame Ruhepause bringen - die "Stunde des Pan" nannten sie die Alten, wo die Erscheinungswelt transparent wird für die Ahnung der hinter ihr wirkenden Geistkräfte. Leider drängt die heutige Berufswelt die Arbeitszeit so zusammen, daß nur eine kurze Mittagspause bleibt, zum Schaden für die danach noch zu leistende Arbeit wie für den Arbeitenden, der gegen die natürliche Ermüdung ankämpfen muß. Da sollte wenigstens in der Urlaubszeit der Segen der natürlichen Tageseinteilung erfahren werden und einen Maßstab abgeben für die Gestaltung des regelmäßigen Wochenendes. Dazu gehört eine vernünftige Einrichtung der Mahlzeiten. Der Tag sollte beginnen mit einer kräftigen Frühmahlzeit, die in Ruhe verzehrt werden muß. Die Hauptmahlzeit am Mittag sollte ihren Sinn der Seinserhaltung zurückgewinnen und von Bitte und Dank an den Schöpfer und Erhalter unseres Lebens umgrenzt sein, anstatt nur dem animalischen Sättigungsbedürfnis zu dienen! "Guten Hunger!". Der tiefe Verfall unserer Tischsitten ist gewiß mitschuldig an dem Überhandnehmen der Völlerei, die so viele Krankheitszustände verursacht, aber auch an unserer Hartherzigkeit gegenüber dem Hunger in so vielen Teilen der Welt. Wer unsern HERRN Jesus Christus zum Male lädt, kann die Armen nicht vergessen. In diesem Zusammenhang des Nachdenkens wurde mir in Ahlhorn bewußt, daß mir in Gesprächen mit vielen Menschen immer wieder das Streben nach Genuß, ja nach "Lustgewinn" als der eigentliche Sinn des Lebens bezeichnet wurde. Mancher verwies mich auf Goethes Faust, der am Ende seines Lebens sagt: "... genieß ich jetzt den höchsten Augenblick." Ich bestritt dann, daß der Dichter in dieser Gestalt ein menschliches Vorbild habe aufstellen wollen, vielmehr die Selbsttäuschung des Genußmenschen und seine Unfähigkeit zur Selbsterlösung darstellt. Unter den Menschen weltlicher Berufe fand diese Anschauung die meiste Zustimmung noch bei aktiven oder ehemaligen Soldaten. Anscheinend wirkte hier noch die Lebenseinstellung des Feldmarschalls von Moltke nach: "Über seinem Stande wohnen, nach seinem Stande sich kleiden, unter seinem Stande essen." Damit waren der Genußgier wie der Modehörigkeit Schranken gezogen. Die Geschichte vom Hauptmann in Kapernaum bleibt ein nachdenkenswertes Beispiel! Wie schön sind im Winter abends die Gespräche am Kaminfeuer! Das Spiel der Flammen regt die Gespräche an und dämpft sie. In solcher Situation gewinnt das Gespräch seinen echten Sinn zurück und kann sich von Diskussion und Debatte abheben. Dann will man nicht nur die eigene Meinung vertreten oder gar durchsetzen, sondern auch auf die Meinung der Partner ernsthaft hören und sie erwägen. Dazu bedarf es der Pausen, der immer wieder eintretenden Stille, in der Auge und Ohr achtgeben, wie sich im Kamin Materie in Licht und Wärme wandelt, während in uns verfestigte Anschauungen zu neuer Erkenntnis werden. So könnten diese Tage uns helfen, einen neuen Ansatz zur Wiedergewinnung von Lebensrhythmus und Lebensform zu finden, vor allem auch, wenn wir das sogenannte "Wochenende" in unsern Aufenthalt miteinbeziehen. Denn die Heillosigkeit unseres heutigen Lebens liegt doch wesentlich darin begründet, daß der Sonntag nicht mehr als der "Tag des Herrn" gelebt wird. Gott will in seinem "Wort' zu uns kommen. An diesem Tage soll sich für uns wiederholen, was einst an der "Wende der Zeiten" geschah, als das göttliche Wort, der Logos, sein "Zelt unter uns aufschlug". Wie seltsam. ist es doch, daß die gleichen Geistlichen, deren Predigt uns in der Stadt beim Kirchenbesuch nicht mehr erreicht, hier im Blockhaussaal uns nachhaltiger anzusprechen vermögen! Vielleicht mußten auch sie hier aus der gewohnten Situation ihrer Berufsausübung heraustreten? sich neu besinnen auf ihre Aufgabe an diesem besonderen Ort? neu hören auf das, "was der Geist der Gemeinde sagen" will? Das Blockhaus Ahlhorn könnte in der freundlichen Jahreszeit auch dazu auffordern, den Gottesdienst am Sonntag Morgen aus dem Saal ins Freie zu verlegen. Hier würden dann die alten Worte der Evangelien, von denen so viele "unterwegs", "am See" oder "auf dem Berge" gesprochen sind, wieder in einer Umwelt erklingen, die ihrem Ursprungsort verwandt ist. Der Gottesdienst würde hier auf vieles von seiner traditionellen Form verzichten müssen: Der Pfarrer würde die heiligen Worte auswendig sprechen und Gebete sagen, für die er kein Formular gebraucht. Die Gemeinde würde einige Strophen singen, deren Text sie beherrscht. Das Evangelische Jugendheim Blockhaus Ahlhorn hat in den 34 Jahren, die seit seiner Gründung verflossen sind, sich ständig erweitert, dank der unermüdlichen Arbeit seines Leiters seine Einrichtungen vervollkommnet und eine feste Tradition entwickeln können. Dabei ist seine innere Bedeutung erheblich gestiegen. Angesichts der Krise des evangelischen Religionsunterrichts, deren Umfang und Tiefe wohl nur wenigen bewußt ist. bzw. ungern eingestanden wird, kommt dem Heim wachsende Bedeutung für die Arbeit der Kirche an der Jugend sowie den jungen Männern und Frauen zu, um ihnen die Erkenntnis nahezubringen, daß der Umgang mit der Heiligen Schrift wesentlich zur "Lebensqualität" gehört. Leider sind so viele Hoffnungen, mit denen wir vor 35 Jahren an den geistigen Wiederaufbau unseres Volkes herangingen, gescheitert. Nennen wir nur einige Beispiele!: die Hoffnung des Berneuchener Kreises, das Leben der Gemeinden, die Unterweisung der Jugend, die Ausbildung der jungen Pfarrer zu reformieren - der Versuch unseres leitenden Regierungsdirektors Dr. Heinz Brand, der - tief berührt vom "Ahlhorner Geist" - im Zusammenwirken mit der Kirchenleitung ein evangelisches Reformgymnasium im Ort Ahlhorn aufbauen wollte, an dem als einer Ganztagsschule in neuartiger Unterrichtsorganisation und enger Verzahnung von christlicher Unterweisung und Deutschunterricht die christliche Substanz unserer Geistesbildung den Mittelpunkt des Unterrichts bilden sollte - der Versuch des Oldenburger Studienseminars, Martin Wagenscheins Idee des "exemplarischen Unterrichtens" zur Grundlage einer neuen Didaktik der naturwissenschaftlichen, wie auch der geisteswissenschaftlichen Fächer zu machen. Gegner dieser Bestrebungen in Kirche und Schule wurde zunehmend der Einfluß der neomarxistischen Gesellschaftslehre auf die Pädagogik und die Nachwirkung der sensualistischen Psychologie von Freud auf die öffentliche Meinung, wie sie durch die Medien von Presse, Rundfunk und Fernsehen geprägt wurde. Charakteristisch für den Rückgang der christlichen Weltsicht sind ja die Äußerungen vieler Konfirmanden über den Sinn, den sie in ihrer Aufnahme in die Gemeinde und ihrer Zulassung zum Altarsakrament sehen. Anscheinend schrumpft unsere evangelische "Volkskirche" zusehends ein und nähert sich wieder dem Zustand der ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte, in denen weit verstreute, kleine Kerngemeinden inmitten einer heidnischen Umwelt lebten, aber durch kirchenbildende geistige Zentren zusammengehalten wurden. Ein solches übergemeindliches Zentrum könnte das Blockhaus Ahlhorn werden, an dem sich die vom Lärm der Gegenwart betäubten Ohren der Menschen wieder auftun können für den Ruf Jesu: "Ändert Euren Sinn!" An dieser Grenze zwischen evangelischem und katholischem Kirchentum könnte das Blockhaus seine Aufgabe als Stätte der Begegnung und des Gesprächs in der wachsenden ökumenischen Bewegung profilieren. Haben wir doch jetzt eine feste Grundlage gewonnen in der ökumenisch gültigen Übersetzung der Heiligen Schrift. Noch sind die Gräben tief, die uns im Verständnis des Altarsakraments und daher auch des Priesteramtes trennen, aber wir können uns schon im Gebet vereinigen: MARANATHA!: UNSER HERR, KOMM! |
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