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Erinnerungen an Ahlhorner BegegnungenGespräche der Sozialpartner im Rahmen der Ev. AkademieHelmut Kiausch Das Ev. Jugendheim "Blockhaus Ahlhorn" ist seit seiner Gründung 1946 zu einer viel besuchten Tagungsstätte geworden. Wohl am bekanntesten ist Ahlhorn durch die Konfirmandenrüstzeiten geworden. Männer und Frauen. die heute etwa vierzig Jahre alt sind, können noch begeistert von diesen ersten Rüstzeiten erzählen. Hier ist unsere Kirche ihren jungen Gemeindegliedern in einer Weise begegnet, die sie in ihrem Leben nicht missen möchten. Nach meiner Erfahrung mit vielen Berufsschülern, gab es nur noch ein Erlebnis, das bei ihnen einen ähnlichen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Das war in noch jüngerem Alter die Mitwirkung bei Krippenspielen. Aber es sind nicht nur die "Jugendlichen", die gern an die Blockhaustage zurückdenken. In Ahlhorn hat auch die Ev. Akademie seit ihrem Bestehen 1954 eine Reihe von Tagungen durchgeführt, mit denen sie für diese schöne Stätte der Begegnung neue Freunde gewonnen hat. Die Akademie besaß zunächst kein eigenes Haus; sie wanderte. So haben unsere "Sozialtagungen" beispielsweise auch in Wilhelmshaven, Nordenham-Einswarden und Delmenhorst stattgefunden. In der Zeit von 1955 - 1961, an die hier besonders gedacht werden soll, sind wir dennoch immer wieder gern nach Ahlhorn zurückgekehrt. Unsere oldenburgischen Tagungen beschränken sich - zum Unterschied von anderen Akademien - auf das Wochenende. Nur in Ahlhorn - die Heimvolkshochschule Rastede ist erst später gründlich erneuert und ausgebaut worden - konnten wir die Teilnehmer auch in genügender Zahl für die Nacht beherbergen. Einzelzimmer standen damals freilich für unsere Tagungen noch nicht zur Verfügung. Es gab drei Zweibettzimmer. Wer darin unterkam, war bevorzugt aufgenommen worden. In der Regel ging es um Viererzimmer. Dem Heimleiter hat diese Zimmerverteilung am Anfang der Tagung regelmäßig Sorge bereitet. Er konnte nicht mehr bieten, als ihm zur Verfügung stand. Froh und befreit fühlte er sich erst immer, wenn er seine neuen Gäste fröhlich bei der ersten Mahlzeit beieinander sah. Manche, die schon öfter an Tagungen teilgenommen hatten, freuten sich besonders auf den selbstgebackenen "Ahlhorner Kuchen". Nach dem Abendsegen pflegte man noch lange in fröhlichen Gesprächsgruppen beieinander zu sein. In den Tagungspausen waren Spaziergänge im Wald und um die Fischteiche sehr beliebt. Ahlhorn hatte immer seine eigene Atmosphäre. Es gehörte zu dem Geist solcher Tagungen, daß man sich offen und freundlich entgegenkam und dem anderen gegenüber nicht eingebildet war. Zur Vorgeschichte solcher Gespräche
Die allgemeine Not in unserem deutschen Volk hatte im August 1945 zur Gründung des Ev. Hilfswerks in allen Kirchengemeinden geführt. Gewiß ging es dabei zunächst um äußerliche Hilfe. Aber nicht weniger groß waren die seelischen Nöte. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, daß sich in jenen Jahren auch die "Ev. Männerarbeit" unserer Kirche vor ein großes Aufgabengebiet gestellt sah. Neben den Flüchtlingen kümmerte sie sich besonders um die Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft. Die Leitung dieses Dienstes lag zunächst in den Händen von Oberkirchenrat Edo Osterloh. Wegen Arbeitsüberlastung bat er mich 1947, ihm diese Arbeit abzunehmen. Ich war damals als Gemeindepfarrer in Burhave im Kirchenkreis Butjadingen tätig. Sehr bald wußten wir in der Männerarbeit den Wert von Rüst- und Freizeiten zu schätzen. Aber durfte man als Gemeindepfarrer so oft abwesend sein, um in Ahlhorn, Oldenburg oder Immer Tagungen zu halten? Da bot sich 1950 in Burhave die Möglichkeit, eine ehemalige Kriegsversehrtenwerkstatt des örtlichen Hilfswerkes in ein Jugendheim umzuwandeln. Da uns die vorhandene Baracke für diesen Zweck nicht ausreichte, nahmen wir den leerstehenden Wirtschaftstrakt der alten Pastorei dazu. Ein kleines "ökumenisches Aufbaulager"' von acht Männern, darunter ein amerikanischer Theologiestudent, leistete die Vorarbeit für den Umbau. Oberkirchenrat Heinz Kloppenburg konnte uns zusätzlich einen finanziellen Zuschuß vom "Weltrat der Kirchen" in Genf beschaffen. Die Ausstattung blieb bescheiden. Bettgestelle und Liegen haben wir mit dem uns wohlgesonnenen Heimleiter in Ahlhorn, Rolf von der Dovenmühle, beispielsweise auf dem Boden des dortigen Schweinestalles zusammengesucht und waren froh darüber, daß wir uns ein eigenes Tagungsheim hatten beschaffen können. Vom September 1950 bis November 1953 sind dann in Burhave 16 Tagungen durchgeführt worden, die sich zunehmend mit berufsständischen Fragen beschäftigten. Dabei bemühten wir uns auch besonders um Kontakte zu Arbeitern, die in der Industrie in Nordenham oder in Wilhelmshaven tätig waren oder als Arbeitslose noch auf ihren Arbeitsplatz warteten. Der erste Arbeiterkursus wurde im September 1950. in Verbindung mit der Sozialakademie Friedewald durchgeführt. Diese Tagung ist mir unter anderem auch deshalb in Erinnerung geblieben, weil der "Arbeitersekretär" Hartmann aus Friedewald für alle Teilnehmer einschließlich des Tagungsleiters das "kameradschaftliche Du" einführte. Dadurch entstanden während des Kursus einige recht spaßige Situationen. Die ersten Tagungen gingen über eine Woche. Von Friedewald her übernahmen wir für unsere Tagungen die Bezeichnung "Sozialkursus". Einige der Teilnehmer sind später zu weiterführenden Kursen nach Friedewald entsandt worden. Für zwei Männer entwickelte sich daraus eine hauptberufliche Tätigkeit im Dienst der Kirche. Auch etliche oldenburgische Pastoren haben in jener Zeit an den Friedewalder Tagungen teilgenommen. Später ergaben sich auch Kontakte zu dem "Seminar für kirchlichen Dienst in der Industrie" in Mainz-Kastell, das von dem Pfarrer Horst Symanowsky geleitet wurde. Dem Wunsch der Teilnehmer entsprechend haben wir in Burhave von Anfang an die Kontakte immer sehr bewußt zu beiden Seiten gesucht, zu den Betriebsleitungen und Betriebsräten, zu der Gewerkschaft und zum Arbeitgeberverband. Nachdem einmal die Verbindung zu den Sozialpartnern bestand, gab es auf beiden Seiten eine Reihe von Männern, die unsere Bemühungen unterstützten. Unsere Arbeit ließ sich mit folgendem Satz beschreiben: Wir wollen dazu beitragen, daß evangelische Männer urteilsfähiger, verantwortungsfreudiger und glaubensgewisser werden. Den Ort für die Bewährung unseres "Christenstandens" sahen wir im Bereich der Familie, im Beruf und in der Öffentlichkeit. Erfreulich war die Aufgeschlossenheit für diesen Dienst auch innerhalb der oldenburgischen Kirche. Immer mehr setzte sich in jenen Jahren der Begriff der "Industriegesellschaft" durch. Diese Bezeichnung bringt zum Ausdruck, daß das wesentliche Kennzeichen dieser Gesellschaft die Veränderung der menschlichen Arbeit ist. Es handelt sich dabei um einen Vorgang, der stetig im Vordringen ist und in abgewandelter Form alle Bereiche unseres Daseins ergreift. So behandelte die "Rasteder Konferenz", eine langjährige Arbeitsgemeinschaft von Theologen, auf einer ihrer Tagungen das Thema "Mitbestimmung". Die gleiche Konferenz besuchte ein anderes Mal einen Sozialkurs in Burhave, um mit den Arbeitern über aktuelle Sozialprobleme zu diskutieren. Einen Höhepunkt in der Burhavener Arbeit gab es am 15./16. Sept. 1951 im Anschluß an den 6. Sozialkursus. Zu diesem Wochenende waren alle bisherigen Teilnehmer an den Sozialkursen eingeladen worden. Bischof D.Dr. Wilhelm Stählin hielt einen "Abendvortrag" in der Burhavener Kirche über das Thema "Und morgen ist wieder Sonntag". Oberkirchenrat Heinz Kloppenburg hielt am Sonntag einen Gottesdienst mit Feier des Heiligen Abendmahls. Am Nachmittag sprach Bundestagspräsident Dr. Hermann Ehlers im Beisein einiger ökumenischer Gäste aus den Niederlanden und Dänemark im großen Saal eines Gasthauses über das Leitwort des Berliner Kirchentages "Wir sind doch Brüder". Wirtschaft als GemeinschaftsaufgabeEs mag sich heute mancher wundern, daß in jenen Jahren wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen auch im Raum der Kirche so viel Interesse fanden. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an Erfahrungen und Beobachtungen, die über Oldenburg hinausgehen. Dafür gab es unterschiedliche Gründe. Ich erinnere mich an den Leiter des bremischen Arbeitsamtes, der 1950 auf einem Sozialkursus in Burhave seinen Vortrag mit folgendem Satz begann: "Die Arbeitslosigkeit ist ein Unglück für den Menschen." Dieser Feststellung konnte ich von meinem seelsorgerlichen Erfahrungen in der Gemeinde und den Tagungen nur zustimmen. Im Jahre 1948 beging die Ev. Kirche in Deutschland das hundertjährige Jubiläum der "Inneren Mission". Ihre Gründung im Jahre 1848 war die Antwort auf eine spontane Rede von Johann Hinrich Wichern gewesen, in welcher er den Kirchentag in Wittenberg vor die sozialen Nöte unseres deutschen Volkes gestellt hatte. Die Kirche soll sprechen: "Die Liebe ist mein wie der Glaube." Wie tief die sozialen Spannungen damals in Westeuropa reichten, signalisierte beispielsweise auch das kommunistische Manifest, das 1847 von Marx und Engels in London verfaßt worden war. Bei den Jubiläumsfeiern 1948 zeigte sich sehr bald, daß es nur wenig Sinn hatte im Rückblick auf das 19. Jahrhundert ganz allgemein von einem Versagen der Kirche gegenüber der Arbeiterfrage zu sprechen und sich in nachträglichen Selbstanklagen zu ergehen. Das dritte Reich, der Krieg und die Nachkriegszeit hatten in Deutschland eine Lage geschaffen, in der man über alte Gräben hinweg zu einem neuen Anfang zu kommen versuchte. Aus dieser Absicht heraus entstand in manchen Kirchen ein Industriepraktikum, in dem Vikare und Theologiestudenten die Möglichkeit hatten, die Arbeitsverhältnisse in einem Industriebetrieb kennenzulernen. Zur Thematik des Deutschen Evangelischen Kirchentags gehörten immer wieder aktuelle Themen aus der Welt der Arbeit. Führenden Männer der Kirche überbrachten in diesem Zusammenhang in die Betriebe Grüße von diesen bedeutsamen christlichen Versammlungen. Kirchenleitende Gremien und Einzelpersonen wie Bischof Dr. Hans Lilje unterstützen in der Bundesrepublik den Gedanken einer Einheitsgewerkschaft und traten damit der Möglichkeit der Zersplitterung der Arbeitnehmerschaft entgegen. Aus der Männerarbeit der Ev. Kirche in Deutschland entwickelte sich in manchen Landeskirchen das sogenannte "Arbeiterwerk". Seine hauptamtlichen Mitarbeiter erhielten die Berufsbezeichnung "Sozialsekretäre". In der Regel sind es frühere Arbeiter, welche in der Ev. Sozialakademie in Friedewald ausgebildet worden sind und ihre Aufgabe durch Kontakte zu der Arbeiterschaft, den Betriebsräten und Betriebsleitungen im Rahmen von Veranstaltungen und Gesprächen wahrzunehmen versuchen. Im Rahmen dieser Hinwendung der Kirche zu der besonderen Entwicklung in der heutigen "Welt der Arbeit" entstanden auch die Industrie - Pfarrämter. Diese Aufzählung der verschiedensten Dienste mag zeigen, wie ernst die Kirche bemüht war, auch dem Arbeiter gegenüber ihre seelsorgerliche Verantwortung wahrzunehmen. In den oldenburgischen Sozialkursen war von Arbeitgeber - und Arbeitnehmerseite wiederholt gemeinsam betont worden, daß die Wirtschaft unseres Volkes als eine große Gemeinschaftsaufgabe anzusehen sei. In diese Richtung gingen auch die Gedanken von Prof. Dr. Siegfried Wendt, der von der Sozialakademie Friedewald an die Hochschule für Wirtschaft, Arbeit und Politik in Wilhelmshaven berufen wurde und unserer Sozialarbeit von Beginn an verbunden war. Ihm stellte sich die Wirtschaft als eine besondere Art menschlichen Zusammenwirkens dar. Angebot und Nachfrage spielen dabei eine wichtige Rolle. Dieses Wirtschaften läuft deshalb nicht nach naturwissenschaftlichen Gesetzen ab. Wirtschaften ist ein geschichtliches Tun, das jeweils immer wieder neu die bewußte und verantwortungsvolle Zusammenarbeit fordert. Wenn die Wirtschaft eine Gemeinschaftsaufgabe ist, dann dürfen bei allen Entscheidungen nicht die begrenzten, egoistischen Wünsche und Pläne bestimmend sein, sondern es müsse immer das Ganze gesehen werden. Das sind einige Gedanken aus seinem Vortrag aus einer Akademietagung in Nordenham-Einswarden, wie sie in der Kreiszeitung Wesermarsch in der Ausgabe vom 13. November 1956 ausführlich wiedergegeben werden. Wer damals an diesen Sozialtagungen teilgenommen hat, der weiß, daß Professor Siegfried Wendt früh gestorben ist. Mit ihm haben wir auch an einige andere Männer zu denken, die uns inzwischen durch den Tod genommen sind und deren Mitarbeit uns einmal viel bedeutet hat. Nachzutragen ist bei dieser Rückschau, daß die früheren Sozialkurse der Männerarbeit seit 1955 unter dem Dach der inzwischen gegründeten Ev. Akademie weitergeführt wurden. An die Stelle der Kurse traten Sozialtagungen, zu denen Vertreter des Arbeitgeberverbandes und der Gewerkschaft, der Betriebsleitung und Betriebsräte gemeinsam eingeladen wurden. Als 1956 Pastor Dr. Günther Schultz die Leitung der Ev. Akademie hauptamtlich übernahm, konnte durch die Zusammenarbeit mit ihm besonders diese Art der Sozialarbeit vertieft und erweitert werden. Es entwickelte sich eine fast freundschaftliche Verbundenheit zu einigen Vertretern der Sozialpartner, der Betriebsleitungen und der Betriebe. An dieser Stelle muß auch der Name von Bischof Dr. Gerhard Jacobi genannt werden, der verständnisvoll und engagiert auf jede Weise die Gespräche mit den Sozialpartnern zu fördern versuchte. Die Ev. Akademie als "dritter Ort"
Die gegenwärtige Weltlage macht deutlich, wie labil unter den Völkern die Ordnung ihres Zusammenlebens geblieben ist. Die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion hat viele Menschen in der Welt um den Frieden bangen lassen. Nur eine stabile, tragende Ordnung wird auf die Dauer einen erneuten Weltbrand verhindern können. Die Katastrophe, die durch einen dritten Weltkrieg entstehen könnte, ist für uns alle unvorstellbar. Wie aber können wir glaubhaft für den Frieden in der Welt eintreten, wenn wir ihn nicht bis in unsere engsten Lebensverhältnisse hinein zu gestalten versuchen? Unsere Gesellschaft hat sich erfreulicher Weise einige Einrichtungen geschaffen, in denen gegensätzliche Auffassungen öffentlich diskutiert werden, um gegen alle Vorurteile zu einer sachgemäßen Meinungsbildung zu gelangen. Ich denke an Pro- und Kontra-Sendungen im Fernsehen, oder auch an Anhörtermine von unterschiedlich denkenden Fachleuten von sozialen und politischen Entscheidungen. Seit es die Ev. Akademien gibt, haben auch sie sich bemüht, ein solcher "dritter Ort" zu sein, an dem Gegensätze in einem offenem und freien Gespräch diskutiert werden. Es geht dabei um mehr als Rede und Gegenrede. Schon von der Atmosphäre, der Thematik und der Dauer der Tagung her kann ein solches Zusammensein zu guten menschlichen Begegnungen führen, in denen einer dem andern sich erschließt und eine ganz neue Hörbereitschaft geweckt wird. In dieser Richtung haben wir mit unsern Sozialtagungen in Ahlhorn und anderenorts einige Erfahrungen gemacht, die mir auch heute noch wichtig zu sein scheinen. Da unternimmt in der Mittagspause eine Gruppe von Männern und Frauen einen Spaziergang um die Fischteiche. Interessiert unterhält man sich über die Ahlhorner Teichwirtschaft, über die Lebensbedingungen der Fische und die Aufgaben eines Fischzuchtbetriebes. Plötzlich fliegt ein "Schoof von Enten" über die Köpfe hinweg, um auf der großen Wasserfläche ohne jede gegenseitige Störung weich zu landen. Zunächst folgt ein nachdenkliches Schweigen. Dann sagt jemand laut vor sich her, was auch andere in diesem Augenblick empfinden: "Im Grunde nur der Einflug von Enten. Und dennoch, wie hat in der Natur nur alles sein Maß und seine Ordnung. Wir Menschen dünken uns manchmal so groß und mächtig und sind vor dem letzten Geheimnis allen Lebens doch nur ganz kleine Leute." Auch das ist Ahlhorn. Mitten in unserer technisierten Welt plötzlich dieses Staunen und Fragen. Ein andermal trafen Teilnehmer an einer Ahlhorner Akademietagung wenige Stunden danach wieder zusammen im Rahmen einer Tarifverhandlung. Vertreter beider Sozialpartner haben uns später berichtet, daß man sich im Gang der Gespräche gegenseitig auf den "Geist von Ahlhorn" angesprochen habe. Wie immer auch der "Geist des Evangeliums" in unserem Leben wirksam werden kann, er beeinflußt unser Miteinander. Er läßt mich auch in dem schwierigen Mitmenschen nicht mehr den Feind sondern den Partner sehen. Eine solche veränderte Einstellung macht hörbereiter, selbstkritischer und versachlicht den Gang der Gespräche. Das wird jeder bestätigen, der einmal Gelegenheit hatte, mit zerstrittenen Eheleuten seelsorgerlich zu sprechen. Aber nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Menschengruppen können einander in Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit gegenübertreten. Es kann dann für alle Beteiligten geradezu befreiend wirken, wenn sich die harte Konfrontation langsam auflöst und an die Stelle von gegenseitigen Vorwürfen das Verstehenwollen des anderen tritt. "Die Kirche" tut gut daran, in solchen Gegensätzen nicht Richter sein zu wollen. Die Einsicht und Lösung müssen die beteiligten Partner selber finden. Ich denke hier etwa an das harte Ringen der Sozialpartner um die rechte Fassung des Rechts auf Mitbestimmung. Aber die Kirche kann solche bedeutsamen Probleme aufgreifen und durch Vorträge und Gespräche dazu beitragen, daß Grundfragen sachgerecht geklärt und Lösungen gefunden werden. Wir haben in unseren Tagungen in jener Zeit gemerkt, wie Kontakt und Distanz zugleich erforderlich sind, wenn die Ev. Akademie der "dritte Ort" sein soll. So konnten wir damals etwa von Unternehmern gefragt werden: "Hat diese Sozialarbeit nicht einen offenkundigen Linksdrall?" Gleichzeitig haben auch Gewerkschaftler besorgt fragen können: "Ist eure Arbeit nicht zu unternehmerfreundlich?" Wenn beide Seiten so fragten, dann war uns das ein Zeichen, daß unsere Bemühungen in die rechte Richtung zielten. Mancher Leser wird sich noch an den opferfreudigen Versuch der Arbeiterpriester in Frankreich erinnern. Um Christi willen gingen sie in die Betriebe und versuchten in allen Belangen das Leben eines Fabrikarbeiters zu teilen. Sie gewannen weithin die Freundschaft der Arbeiter und verloren die Kraft für den angestrebten eigenen Weg im Dienst der Liebe Gottes. "Die Identifikation französischer Priester mit der Arbeiterschaft war zwar ein beträchtlicher Fortschritt gegenüber einer distanzierten Kirche. Der Verlust an gleichzeitiger Distanz zur Arbeiterschaft führte die Seelsorger aber zu einer einseitigen Identifikation mit ihrer Interessengruppe und zu einer unkritischen Übernahme ihrer ideologischen Programme. Christliche Verkündigung muß zwar konkret sein. Aber sie darf niemals Partei im Sinne einer distanzlosen, dauernden Identifikation mit einer bestimmten Interessengruppe sein." (Dr. Eberhard Müller in einem Vortrag vor Sozialpfarrern in Ratzeburg, 1968.) Meine eigentliche Sorge bei solchen Tagungen war deshalb immer die Frage, werden wir den Punkt entdecken, in dem deutlich wird, daß alle Lebensfragen "letzten Endes" "Glaubenfragen" sind? Wird es gelingen, daß wir vom Hören aufeinander zu der Frage kommen, gibt es hier noch ein ganz anderes Wort zu hören. das uns entweder neu bindet oder befreit. Unvergeßlich ist mir in Ahlhorn ein Gespräch geblieben über die Bedeutung des Glaubens für das menschliche Miteinander. Im Raum stand folgende Behauptung: Das Miteinander von Mensch, Mitmensch und Gott gleicht einem elektrischen Stromkreis. Gibt es einen Kurzschluß auf der Verbindung "Mensch und Gott", so geht auch das Licht aus auf der Verbindung "Mensch und Mitmensch". Dann hört die Nächstenliebe auf. Es wird kalt und finster. Aber ebenso kann es geschehen, daß eine Unterbrechung auf der Verbindung von "Mensch und Mitmensch" auch einen Kurzschluß auf der Linie "Mensch und Gott" zur Folge hat. Das heißt doch, mit einem Menschen, den ich preisgebe, kann ich auch Gott verlieren. Dieses Thema, das durch die ganze Bibel geht, hat bis auf den heutigen Tag nichts an Aktualität verloren: Gott will unser Gott sein. Götzen führen immer in die Knechtschaft. Nur wer unter dem lebendigen Gott steht, erfährt wirkliche Freiheit. |
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