Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1980: Blockhausbrief Nummer 24

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Wer kennt sie noch?
Gott will, daß allen Menschen geholfen wird
Predigt im Blockhaus Ahlhorn
Erinnerungen an Ahlhorner Begegnungen - Gespräche der Sozialpartner im Rahmen der Ev. Akademie
Heiter / besinnliche Erinnerungen an Studenten und Vikarsrüstzeiten von 1949 - 1955
Erinnerungen an Blockhaus Ahlhorn
Blockhaus-Pädagogik...
Vikare und Studenten im Blockhaus
Zauberwort Ahlhorn
Dank an Herrn Forstmeister W. Hulverscheidt
Blockhaus-Lied
Sind die Wachen aufgestellt . . .
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1979 bis 16.12.1979
 

BLOCKHAUS PÄDAGOGIK...

U. Plote

Wer pädagogisch tätig ist, er sei Lehrer, Pfarrer, Sozialpädagoge oder ehrenamtlicher Mitarbeiter, der hat zum Altwerden ein besonderes Verhältnis. Er - oder sie - ist nämlich von vornherein alt, weil eben die Schüler, die Konfirmanden oder die Mitglieder seiner Jugendgruppe jünger sind. Seit etwa 18 Jahren fahre ich mit Gruppen ins Blockhaus Ahlhorn und mit schöner Regelmäßigkeit halten mir meine Gruppen vor: "Na ja, Sie! Sie wissen eben nicht, was die heutige Jugend braucht." Und dabei hat sich in dieser langen Zeit so vieles verändert - ich selber eingeschlossen - und wie mir scheint: zum Guten!

Denn was waren wir damals autoritär, mißtrauisch und ungeduldig, wir Pädagogikstudenten, die wir Anfang der 60er Jahre das Jugenderholungslager des Diakonischen Werkes leiteten. Wettbewerbe für das am besten aufgeräumte Zelt haben wir täglich veranstaltet, die konnten mit jedem Stubenappell in einer Kaserne Schritt halten. Mittagsschlaf von 1 bis 3 war ehernes Gesetz. Das Verlassen des Lagerplatzes (auf dem heutigen Hüttengelände) war verboten, und zur "Kantine" durfte nur, wer brav gewesen oder wenigstens nicht aufgefallen war. Wer am Abend nicht gleich einschlief und womöglich noch eine Kissenschlacht organisierte, der mußte doch tatsächlich drei Runden um den Sportplatz laufen. Und wer sich gar vom Küchendienst drückte, der war sich des gesammelten Zornes aller Betreuer sicher. Nur eines durfte jedes Kind, nein, es sollte es: viel essen. Denn der Erfolg der "Erholung" wurde nach Pfunden gemessen.

Die Kehrseite der Medaille bildeten die kleinen und großen Racheakte der Unterdrückten. Mit Schrecken denke ich heute noch an die berühmten "letzte Nacht", die irgendwann ja für jedes Lager heranbrach. Da schlief dann kein Kind, da wurden Zelte verwüstet, Mülltonnen ausgeschüttet und es wurde auch wohl mal ein Betreuer in den Helenensee geschmissen. Für eine beachtenswerte pädagogische Tat haben wir den "Tag der Demokratie" gehalten. An diesem Tag gegen Ende der Lagerzeit wurden die Betreuer "abgesetzt" und die Kinder selbst übernahm die Regie. Und doch: Pseudodemokratie war das natürlich, ein Ventil für die Unzufriedenheit und mehr nicht.

Um wievieles netter, für Kinder und Leiter angenehmer, und vernünftiger geht es dagegen heute auf meinen Freizeiten zu! Der Mittagsschlaf ist abgeschafft, Ruhe um die Blockhäuser wird erbeten - nach dem Motto: laßt uns das Blockhauspersonal schonen, das zahlt sich aus - wer schreien will, soll in den Wald gehen! Die (notwendige) Nachtruhe wird nicht mehr erzwungen: wer partout nicht einschlafen kann, darf noch ein bißchen im Tagesraum sitzen - aber leise und ohne Fernsehen. Die "Kantine" ist freigegeben: im Zeitalter des schrankenlosen Konsums muß jeder selbst die Erfahrung machen, wieviel Flaschen Cola und wieviel Schokoladenriegel er verträgt. Jeder darf in der Freizeit in den Wald gehen: verirrt hat sich bis heute noch niemand. Niemand muß essen - hier gilt freilich die Einschränkung: jeder muß aufessen, was er sich auf den Teller gepackt hat. Das mag altmodisch sein, aber in diesem Punkte lasse ich auch heute noch nicht mit mir handeln.

Immerhin: die Bilanz ist positiv. Übrigens auch, was den Küchendienst anbelangt. Wer sich drückt, muß zweimal antreten. Wer sich dann noch drückt, wird gefragt, - aber das kommt heutzutage gar nicht mehr vor.

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