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Soldaten und Familien - Gäste im Blockhaus AhlhornRüstzeiten und Seminare des evangelischen Standortpfarrers Hartwig Gerken aus Ahlhorn 1977Angefangen hat es mit einer Fabel: Es war einmal ein Seepferdchen, das eines Tages seine sieben Taler nahm und in die Ferne galoppierte, sein Glück zu suchen. Es war noch gar nicht weit gekommen, da traf es einen Aal, der zu ihm sagte: "Psst! Hallo, Kumpel. Wo willst du hin?" "Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen," antwortete das Seepferdchen stolz. "Da hast du's ja gut getroffen," sagte der Aal, "für vier Taler kannst du diese schnelle Flosse haben, damit kannst du viel schneller vorwärtskommen." "Ei, das ist ja prima," sagte das Seepferdchen' - bezahlte, zog die Flosse an und glitt in doppelter Geschwindigkeit von dannen. Bald kam es zu einem Schwamm, der es ansprach: "Psst, hallo, Kumpel! Wo willst du hin?" "Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen," antwortete das Seepferdchen. "Da hast du es ja gut getroffen," sagte der Schwamm, "für ein kleines Trinkgeld überlasse ich dir dieses Boot mit Düsenantrieb; damit könntest du viel schneller reisen." Da kaufte das Seepferdchen das Boot mit seinem letzten Geld und sauste mit fünffacher Geschwindigkeit durch das Meer. Bald traf es auf einen Haifisch, der zu ihm sagte: "Psst, Hallo, Kumpel! Wo willst du hin?" "Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen," antwortete das Seepferdchen. "Da hast du es ja gut getroffen. Wenn du diese kleine Abkürzung machen willst"' sagte der Haifisch und zeigte auf seinen geöffneten Rachen' "sparst du eine Menge Zeit." "Ei, vielen Dank," sagte das Seepferdchen' und sauste in das Innerste des Haifisches, um dort verschlungen zu werden. Die Moral dieser Geschichte: wenn man nicht genau weiß, wohin man will, landet man leicht da, wo man gar nicht hin wollte. Diese Fabel habe ich gefunden bei Mager: Lernziele und programmierter Unterricht, 1968, 5. XVII. Die Frage nach der Zukunft der Welt, des Menschen und der Kirche hat uns auf manchen Rüstzeiten beschäftigt. Wissen wir genau, wohin wir wollen? Gleichen wir dem Seepferdchen, das eilend unterwegs war, sein Glück zu suchen und dabei im Maul des Haifisches verschwand? Oder befinden wir uns noch vor dem Maul und könnten unseren Kurs noch ändern? Techniker, Naturwissenschaftler, Soziologen und Theologen sind es, die die Forderung aufstellen, daß neue Lebensziele entdeckt werden müssen, wenn wir, um im Bild der Fabel zu bleiben, nicht im Maul des Haifisches enden wollen. Die technische Entwicklung mit ihren soziologischen Begleiterscheinungen für Menschen und Gesellschaft dürfe nicht als ein Naturprozeß betrachtet werden, der sozusagen automatisch ohne das Dazutun des Menschen abläuft. Denn, ob die Entwicklung der Menschheit - ihr Fortschreiten - zum Guten oder Bösen führen wird, hängt weder von Naturgesetzen noch von gut- oder bösartigen Dämonen ab, sondern allein von menschlichen Entscheidungen. Wir können dieses machtvolle Instrument der Technik nicht ohne Kursbestimmung steuerlos sich selbst überlassen. Nicht die Lösung der technischen Probleme allein (Pro und contra Kernenergie etc.), sondern die der ethischen Probleme werden unsere Zukunft bestimmen. Der Mensch soll leben und an seinem Leben keinen Schaden nehmen, weder von anderen noch durch sich selbst. Dies Thema muß in der "Kirche unter den Soldaten" immer wieder neu zu Gehör kommen. Und Rüstzeiten: Mit Konflikten leben! Macht und Gewalt - dem Frieden verpflichtet! Gewalt und Gewaltanwendung! haben das Thema aufgegriffen. Die Geschichte der Menschheit war vielfach eine Geschichte von Kriegen (wer von den älteren erinnert sich nicht an seinen Geschichtsunterricht in der Schule!); wieweit sie einen Wert für die Entwicklung der Menschheit hatten, bleibt zu untersuchen. Auf jeden Fall lassen sich gegenwärtige und zukünftige Probleme nicht mit Denkkategorien einer vergangenen Zeit meistern. Es tauchen Fragen auf: Hat das labile Gleichgewicht des Schreckens noch einen Sinn? Ist es ein denkbarer und wirksamer Garant des Friedens auch weiterhin, wie bisher? Oder soll das Modell der sozialen Verteidigung gelten; oder überhaupt das Ideal der Gewaltlosigkeit als der Weg zum Frieden? Bleibt Gewaltlosigkeit zumutbar angesichts der ausweglosen Not vieler Menschen in der Welt? Wo liegt die Grenze erlaubter Gewalt? Diese und ähnliche Fragen haben wir auf den Rüstzeiten gestellt. Im Mittelpunkt der Bemühungen des Erziehens steht der Mensch. Seine "Aggressionslust" und deren Kanalisierung sind vor allem seit der Veröffentlichung der Ergebnisse von Verhaltensforschern in der Diskussion (Lorenz, Eibl-Eibesfeldt, Freud, Arno Plack etc, "gekonnte Aggression"). Weiter ist zu fragen, wie Konflikte zu regeln sind: früher wurde das "Harmoniemodell" vertreten, heute "Umgang mit den Konflikten" als Kern der Friedenserziehung. Bei Familien-Rüstzeiten kamen diese Fragen auf ("Jugendkriminalität heute" - "Familienrüstzeiten" - "Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind"). Aber es ist zu fragen, ob es genügt, in der Friedenspädagogik wie der Erziehung überhaupt daran interessiert zu sein, Formen geregelter Konfliktaustragung zu finden und damit kritisch gesprochen eine Abrichtung zur Zufriedenheit? Auf Grund der Terrorakte in der Bundesrepublik bleibt die Frage nach Ursachen des Terrorismus unausbleiblich und wir suchten an Rüstzeittagen nach Antwort. Im Mittelpunkt von acht Familienwochenenden stand das "Recht der Kinder." Unsere Kinder - unsere Neger? so fragt Hayo Matthiessen (Die Zeit Nr. 30 - 18.7.1975, S. 29). Mit Recht, so haben wir gefunden. Kinder sind oft eine Minderheit, der elementare Rechte vorenthalten werden. Es ist eine Probe auf die Menschlichkeit einer Gesellschaftsordnung, ob in ihr diejenigen zu ihrem Recht kommen, die es selber noch nicht fordern können (Gutachten des dt. Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen von 1957). Hat unsere Gesellschaftsordnung nun diese Probe auf ihre Menschlichkeit bestanden? Die Familienrüstzeiten in der Militärseelsorge sind ein Versuch, die Kinder mit in unsere Arbeit hineinzunehmen und ihnen das Gefühl der Annahme zu vermitteln. Auf allen Rüstzeiten wurde immer wieder neu nach Gott gefragt. Viele Soldaten und deren Angehörige hatten von dem sog. "Ketzerprozeß" des Pastors Dr. Schulz aus Hamburg gehört und seine Fragen zu ihren Fragen gemacht: Hat das Reden von Gott heute noch eine Grundlage? Ist nicht - angesichts der Atomphysik, der Astrophysik, der Evolutionstheorie, der Biochemie, der Kybernetischen Anthropologie, der Futorologie, Gesellschaftstheorie - jedes Reden von Gott sinnlos? Wir haben versucht, verstehen zu lernen, daß jeder Mensch sein eigenes Verhältnis zu Gott suchen und finden muß und daß dies ein lebenslanger Lernprozeß ist. Weil wir als Christen an Gott den Schöpfer glauben und uns als Geschöpfe und Ebenbilder eines "Kreativen" Gottes empfinden, haben wir eine Rüstzeit "Schöpferisches Tun und Kreativität und Lebensfreude" genannt und versucht, kreativ zu sein im Spiel, im Malen, im Werken und im Töpfern. Angesichts vielfacher passiver Konsumhaltung und strenger Leistungsforderungen kam es in der Gruppe zu ganz neuen Erlebnis-, Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Da diese Rüstzeiten wie auch die Familienrüstzeiten in der vorweihnachtlichen Zeit stattfanden, konnte auch die Freude am Selbstgemachten als Geschenk zum Weihnachtsfest neu gefunden werden. All diese Aktivitäten im Blockhaus Ahlhorn wären nicht möglich gewesen ohne die Freundschaft und die Bereitschaft des Heimleiterehepaares von der Dovenmühle und ihrer Mitarbeiter, ohne das Mittun von den Referenten wie Sozialpädagogin Lolling aus Oldenburg, Kunsterzieherin Inste Mack aus Vechta, Bildhauer Lehmann aus Bissel, Herr Eggers von BEB Hannover, PolizeiOberRat Krenz aus Hamburg, den Lehrern Rode, Siebert u. Wengel aus Ahlhorn, Gärtnermeister G. Schröder aus Ahlhorn, den Pastoren Joh. Töllner und Puntigam, den Militärpfarrern Krüger, Müller-Haye, Uwe Müller und ohne die Assistenz meines Pfarrhelfer Timp. Wenn Pfarrer einen Rückblick auf ein vergangenes Jahr halten, dann können sie kaum auf meßbare Ergebnisse ihrer Arbeit verweisen. Statistisch ließen sich Rüstzeiten, Seminare, Amtshandlungen, Konvente und Konferenzen erfassen; aber Überprüfungen wie bei den uns zu betreuenden Soldaten erfahren wir nicht; doch dafür Prüfungen im Glauben und im Amt der Seelsorge. Wir haben mit Menschen zu tun gehabt. Sie standen im Zentrum unserer Arbeit. Ich denke an Gespräche mit Eheleuten, die nicht mehr miteinander leben konnten oder wollten. Je länger ich Pastor bei den Soldaten bin, desto wichtiger scheint mir die Einzelseelsorge, das Gespräch zu zweit oder zu dritt - eine Arbeit, die im Verborgenen geschieht, aber etwas bewegen kann. Ich denke an Gespräche mit Soldaten, die ihre Probleme im dienstlichen Bereich hatten, mit Vorgesetzten, mit Untergebenen, an Einzelgänger, an Sensible, die mit dem Dienst des Soldaten nicht zurecht kamen, denke an die, die sich mit den Eltern nicht mehr verstanden, an die, denen die Trennung von Zuhause schwerfiel; denke an die jungen Männer, die sich durch den Wehrdienst im Gewissen belastet fühlen. Ich erinnere mich an Gespräche mit Zeitsoldaten, die nach Jahren in der Bundeswehr auf der Suche nach Neuem sind, die Furcht oder Angst haben, neu anzufangen. Ich denke an ältere Soldaten, die aus dem Dienst scheiden, zu einer Zeit, wo andere Menschen noch im Beruf stehen. Ich denke an Gespräche mit denen, die gegen ihren Willen in einen anderen Standort versetzt wurden, die nicht so beurteilt wurden, wie sie es erhofft hatten. Mit Freude denke ich an die vielen Rüstzeiten des vergangenen Jahres. Diese Arbeit scheint mir neben der Seelsorge das Wichtigste. Kirche und Pfarrer werden konkret erfahrbar. In all unserem Tun geht es immer wieder darum aufzuzeigen, wie sich christliche Botschaft in unserem Leben widerspiegeln kann und diese Botschaft vom Frieden und von der Liebe Wirklichkeit werden zu lassen. Hartwig Gerken |
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