Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1978: Blockhausbrief Nr. 22

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Gedanken über Freundschaft
Aus der "Jungsteinzeit" der Studentenfreizeiten
Bücher und Bilder im Blockhaus
Milchsuppe und Maltuschkäse
Boote auf dem Helenensee
Von der Siedlungsgeschichte des Gebietes um das Blockhaus
Wasservoegel als Wintergäste
Besondere Beobachtungen... (Ornithologie)
Vorkommen der Schell- und Reiherenten...
Vikare und Theologiestudenten im Blockhaus Ahlhorn
Mehr theologische Erwachsenenbildung
Soldatenrüstzeiten Delmenhorst und Diepholz 1977
Soldaten und Familien - Gäste im Blockhaus Ahlhorn
Posaunenfreizeiten im Blockhaus Ahlhorn!
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1977 bis 15.12.1977
 

Gedanken über Freundschaft
Welchen Sinn hat ein Freundeskreis?

Dr. Hans Schmidt

In Aristoteles "Nikomachischer Ethik" finden sich die bemerkenswerten Sätze: "Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle andern Güter . . . Den Jünglingen erwächst aus der Freundschaft Bewahrung vor Fehltritten . . . Freundschaft ist es auch, die die Staaten erhält und den Gesetzgebern mehr am Herzen liegt als die Gerechtigkeit . . . "

Fast möchte man meinen, diese Sätze seien nicht vor mehr als 2000 Jahren, sondern heute geschrieben. Denn unter "Freundschaft" ist hier offenbar das verstanden, was wir uns im Umgang mit Menschen an Verläßlichkeit wünschen. Im Blick auf unseren Staat aber scheint es genau die Vokabel zu sein, die das kennzeichnet, was jeder Staat braucht, um leben und die Rechte der Bürger verwalten zu können. Denn das erleben wir z. Z. in erheblichem Maße, wie alle peinliche Sorgfalt in Bezug auf Rechtssprechung und Gewaltanwendung gegenüber einem noch so kleinen Kreis einsatzbereiter Verneiner unseres Staatswesens nicht verhindern kann, daß dieses unser Gemeinwesen an Autorität und Anerkennung verliert. Der Bundespräsident hat in seiner Rede zum 500jährigen Bestehen der Tübinger Universität eindrucksvoll aufgezeigt, wie den Menschen unserer Zeit die Bezüge zu ihrer Umwelt, zur Natur, zu den Tieren, zu der Familie, zu den Menschen, mit denen wir leben, lernen und arbeiten, verlorengegangen sind. Es bleibt dann nur ein nie zufriedenstellendes Erraffen der materiellen Werte, die nur jeden selbst nützen können.

Ein solcher Bezug ist eben die Freundschaft, sei es zu einem oder mehreren Menschen, sei es zu übergeordneten Sach- und Funktionszusammenhängen.

Das griechische Wort für Freundschaft hat neben sich das Verbum "lieben". Im Neuen Testament steht es im Wechsel mit dem Wort für selbstloses "Lieben", wie es von Christus den Menschen gegenüber ausgesagt wird (philein und agapan). Daß nicht nur in der griechischen Tradition, sondern auch der Bibel alten und neuen Testamentes die Freundschaft eine wesentliche Rolle spielt, wollen wir uns noch an einer Stelle aus dem Joh.-Evangelium deutlich machen. Er heißt Joh. 15, 12 ff: "Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Niemand hat größere Liebe, als die, daß er sein Lehen läßt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch wissen lassen."

Zweierlei scheint mir aus diesem Wort hervorzugehen:

1. Freundschaft kann niemals Komplizenschaft sein, wie wir sie schrecklich genug in dem gegenseitigen Verhaftetsein der Terroristen unserer Tage vor Augen haben, auch wenn die Beteiligten ihre verschworene Gemeinschaft für eine Kampfgemeinschaft zur Erreichung eines hohen, idealen Zieles halten. Ein Ziel, das Freunde verbündet, kann auf seinem Wege nicht Terror, Mord und Erpressung haben.

Aber es geht nicht nur um diese mörderische Verachtung des Lebens der anderen und des eigenen, was Freundschaft ausschließt. Es geht auch um das Versklavtsein von Menschen unter einer Idee von Leben, wie es nach gedanklicher Konstruktion und Logik sein müßte. Wir haben da immer die großen geschichtlichen Beispiele vor Augen, die ungezählte Menschen fasziniert und in ihren Dienst gezogen haben: Die Reinheit des Blutes und der Rasse und der kommunistische Versuch einer antiimperialistischen, klassenlosen Gesellschaft. Beides läßt dem Einzelnen keinen Entscheidungsspielraum, er ist versklavt an die Ideologie. "Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut" heißt es in Joh. 15, 15. Er darf es gar nicht wissen, er soll ja nur funktionieren. Darum bekommt er immer nur das völlig irreale Ziel vor Augen gerückt: das nordische Idealvolk, das stark und unverletzlich ist; oder den sozialistisch durchstrukturierten, von allen imperialistisch-kapitalistischen Egoismen befreiten Staat der Arbeiter und Bauern, die um ihre Sklaverei freilich nicht wissen dürfen.

Solche knechtischen Lebensformen gibt es nicht nur in den großen Entwürfen, sondern täglich auch bei uns. Ich brauche nur zu erinnern an unser Pharisäerturn in politischer, geistiger und moralischer Beziehung, wieviel Trennung, ja Ablehnung und gar Feindschaft gibt es auf diesem Feld, wieviel Knechtschaft in dem Allen!

2. Im Gegensatz zum "Knecht" steht der "Freund". "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete." (Joh. 15, 14) Achten wir einmal auf die Präsenzformen: "wenn ihr tut, was ich euch gebiete." Es muß immer neu gehört, wahrgenommen werden, was im Augenblick zu tun ist. Es gibt kein menschlicherseits festgelegtes Ziel, weder von Mohamed, noch von Hitler oder Lenin oder auch irgendeinen Theologen der Vergangenheit wie z. B. Thomas von Aquino oder Martin Luther. Das Ziel ist das vorgegebene "Reich Gottes", das kein Mensch sich ausdenken oder herbeiführen kann, das aber denen verheißen ist, die an der "Rede Jesu" bleiben und von Stunde zu Stunde das tun, was sie in dauernd neuer "Verantwortung" tun müssen. In dieser Zielgerichtetheit auf das Gottesreich leben diejenigen, die Jesus seine Freunde nennt. Sie leben in dieser durch menschliche Wahnvorstellungen gefährdeten Welt und inmitten des Hasses, der dort fürchterlich wirksam ist, wo man mit ideologischen Waffen gegeneinander kämpft. Diese Freunde Jesu brauchen nicht zu hassen, ja sie haben ihr Leben darin, daß sie Ablehnung und Haß mit Liebe erwidern. Sie suchen Feinde zu Gottes Freunden zurückzulieben eingedenk dessen, daß Jesus der Freund der Zöllner und Sünder, d. h. der gesellschaftlich und ethisch Unterwertigen genannt wird, ohne freilich ihr Komplize zu sein (Mt. 11, 19).

Aus dem allen folgt, daß Freundschaft dort, wo sie diesen Namen verdient, nur das Beste für die Welt und die Menschen wollen kann.

Gerade auch dies sich "freundlich" um eine Aufgabe sammeln gibt dieser Aufgabe schon Maß und Ziel.

Wenn unser Blockhaus schon seit 1956 einen "Kreis der Freunde" um sich sammelt, dann will es "Freunde" in der oben beschriebenen Art haben. Denn es möchte in all' ihren mannigfaltigen Angeboten und inmitten vielfältiger Information das eine in die verschiedenen Bezüge unserer Gesellschaft hineingeben: diese Freundschaft, ohne die kein Staat leben und keine Gemeinschaft existieren kann, dieses sich ganz zur Verfügung stellen. Gleichzeitig wird dieses Freundesverhältnis immer neu dafür sorgen müssen, daß wir unsere Verantwortung wahrnehmen als solche, die Jesus Christus seine Freunde genannt hat. So möge die Aufgabe dieses Hauses unter deiii Gebetswort stehen: "Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände, ja das Werk unserer Hände wolle er fördern." (Ps. 90, 17).


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