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Vogelflug über den FischteichenVom DankenHans Schmidt, Oldenburg In diesem Jahr können wir auf eine 30jährige Geschichte des Blockhauses Ahlhorn als Jugendheim und Begegnungsstätte zurückblicken. Wer in diesen drei Jahrzehnten öfter Gast im Blockhaus gewesen ist, weiß, wie weit und schwierig der Weg war von der Primitivität des ausgeplünderten Hauses mit all' den Sorgen um ausreichende hygienische Einrichtungen usw. bis hin zu dem stattlichen Häuserkomplex mit all' der Behaglichkeit, die wir heute dort finden. Es hat vieler Investitionen seitens der Landeskirche bedurft, aber noch mehr der dauernden Initiative des Heimleiters, der seit 30 Jahren Rolf v. d. Dovenmühle heißt, um bei der ständigen Geldknappheit diese vielen Schritte zur besseren Bewohnbarkeit und größeren Kapazität oft mit geringsten Mitteln tun zu können. Diese Einleitung, die in diesem Heft von anderen fortgesetzt wird, soll nur erklären, warum ich in diesem Jahr über die Dankbarkeit etwas sagen möchte. Vielleicht gewinnen die geneigten Leser dabei Erkenntnisse, die ihnen dazu verhelfen, solche Möglichkeiten gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen Lebens und gemeinsamer Freude - wie sie durch die Einrichtungen eines solchen Hauses geschaffen sind - und vieles andere nicht ohne Dank hinzunehmen. Der Verfasser dieser Zeilen hat jedenfalls bei dem Nachdenken darüber viel gelernt und hat hinfort das Bedürfnis, jedem zu danken, der etwas für ihn tut: dem Arzt etwa, der ihn gut betreut; dem Handwerker, der einen Schaden in der Wohnung oder am Auto beseitigt; aber auch der Verkäuferin, die ihm zu einem guten Kauf verholfen hat. Mancher wird sagen: Warum tust du das, zumal du doch in all' den Fällen nichts geschenkt bekommst, sondern alles auf Heller und Pfennig bezahlen mußt? Muß man sich nicht nur bei Geschenken bedanken? Aber gerade bei diesen Gaben wird deutlich, wohin wir mit unseren "mitmenschlichen" Beziehungen geraten sind. Denn es ist doch ein ziemlich gewohnter Gedanke, daß man in demselben Wert - möglichst ein bißchen mehr - wiederschenken müsse, womit natürlich nichts gegen das Widerschenken an sich gesagt werden soll. Aber an dieser Stelle ist offenbar bei uns Menschen etwas heillos geworden oder soll man sagen: geblieben? Wer so wiederschenken will, wie oben beschrieben, denkt offenbar nur an seine eigene Reputation. Und wer bei einer Hilfeleistung dem anderen nicht danken möchte, weil er ja doch dafür bezahlt, denkt nur an sich und sein eigenes Wohlergehen. Denn "erkaufen" kann ich keine menschliche Dienstleistung, weder das Wissen und die Kunst des Arztes, noch die Geschicklichkeit und freundliche Zuwendung des Verkäufers bzw. die Findigkeit des Handwerkers und seine Bereitschaft, schnell und gründlich zu helfen. Das Geld gehört sozusagen in einen anderen Bereich. Es dient zur wirtschaftlichen Sicherung des Lebens und muß entsprechend zwischen den Menschen ausgetauscht werden. In den Diensten aber, die wir uns untereinander leisten und durch die wir ja unsere irdische Existenz haben, kommen Menschen miteinander in Beziehung - und sei es auch nur beim Kauf von Briefmarken am Postschalter. Was heißt eigentlich "danken", zunächst einmal nur vom Wort her? Im Deutschen werden wir den Zusammenhang mit "denken an" beachten müssen, denken an die Wohltat und den Wohltäter. Im Griechischen und Lateinischen (Eucharistia und gratia) steckt darin außer Gunst, Huld, Wohlwollen der Begriff "Gnade". Mit dem Bekunden des Dankes für eine Gabe wird also von Mensch zu Mensch etwas Gnadenvolles in Bewegung gebracht. "Gratias agere" heißt im Lateinischen "Dank abstatten", wörtlich: Dank - und nun müssen wir die Bedeutungsbreite von gratia bedenken - Gnade, Liebe, Wohlwollen "in Bewegung setzen", so daß dadurch Menschen verbunden werden. Der lateinische Ausdruck gratiam referre bedeutet etwas Ähnliches: Dank zurückbringen; damit also auch Liebe und Gnade, zu dem, der an uns freundlich gehandelt hat. Daß dieser Vorgang nicht nur eine spielerische Freundlichkeit und Höflichkeit ist, sondern ein Geschehen, in dem in umfassender Weise das Wesen des Menschen betroffen ist, wird uns erst deutlich durch eine Geschichte aus dem Neuen Testament. In Luk. 17 wird uns von 10 aussätzigen Männern erzählt, deren sich Jesus Christus erbarmt, so daß sie von ihrem Aussatz befreit werden. Neun von ihnen nehmen diese Heilung offenbar als einen Glücksfall. Nur einer, dazu noch ein für ungläubig gehaltener Samariter, kehrt zu dem Urheber der Heilung zurück "lobte Gott mit lauter Stimme und fiel auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm (euchariston)." Jesus erregt sich zunächst darüber, daß die andern neun nicht zurückgekehrt sind, um Gott die Ehre zu geben, sondern dieser "Fremdling". Dann sagt er zu ihm: "Stehe auf, gehe hin, dein Glaube hat dich gerettet." Was ist das? Dieses Dank abstatten, gleichsam empfangene Gnade zurückbringen (gratiam referre), diese Bewegung, die die empfangene Gabe auslöst, dieses darüber Gott loben, dem Wohltäter zu Füßen fallen und danken wird so hoch bewertet, daß die Vokabel für "Auferstehung" ("stehe auf und gehe hin)" gebraucht und dazu gesagt wird: dieses sein Verhalten - das sogar "Glaube" genannt wird - habe ihn "gerettet". Ja, von "Rettung" ist die Rede, und das heißt doch: Du bist nicht nur von unheilbarer körperlicher Krankheit geheilt - das sind die anderen neun auch -, sondern du bist heil geworden an Leib und Seele; du bist hinein genommen in Gottes Freiheit, in seinen Frieden, umgeben von seiner Liebe. Soviel geschieht also unter dem "Danken".Danken ist ein Geschehen zwischen Gott und dem Menschen, nicht nur zwischen Menschen unter sich. Das bedeutet aber, daß im Danken über den Menschen von Gott her ein Urteil fällt und so seine Existenz göttliche Perspektive bekommt. Das wird endgültig deutlich, wenn wir überlegen, daß es keinen Gottesdienst gibt, in dem nicht "der Dank für leibliche und seelische Wohltat laut wird" (Stählin). Man kann sogar das Gotteshaus als den Ort ansehen, an den man von den Straßen der Welt immer wieder zurückkehrt, um Gott zu loben und zu danken. Können wir dabei nicht auch jedesmal die Sendung vernehmen: "Stehe auf und gehe hin?" Unsere katholischen Brüder haben besser als wir die Bezeichnung "Feier der Eucharistie" bewahrt. Sie halten damit die Erinnerung daran lebendig, daß die Gabe des heiligen Mahles nicht ohne Dank und ohne das Denken an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn genossen werden kann. So hoch ist also das Danken in unserer christlichen Überlieferung angesehen. Wir sollten in dieser Zeit neuer Grundlegungen und Denkvorgänge unser Teil dazu beitragen, daß der Umgang mit all' den Menschen, die uns den Tag über begegnen, nicht völlig unter den Sachzwang täglicher Erledigungen gerät. Denn es geht für uns alle um eine Existenz, die ihre Begründung nicht allein von dem uns Verfügbaren her finden kann. |
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