Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1977: Blockhausbrief Nr. 21

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Vom Danken
Einweihung des Neubaus des Blockhauses Ahlhorn am 20.4.1976
Die Gemeinschaft der Christen erfahren
Lieber Rolf...
Das Hüttenlager
Die Bibel erzählt eine Schöpfungsgeschichte
Lappentaucher im Ahlhorner Teichgebiet
Politische Bildung in der Bundeswehr
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.1.1976 bis 31.12.1976
 

Politische Bildung in der Bundeswehr

Günther Wohlers

Die politische Bildung stellt nach wie vor ein Stiefkind unserer Gesellschaft dar. Leider, muß man sagen! Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein. Ganz sicher liegt es aber sowohl an den Produzenten (den Schulen) als auch an den Konsumenten (insbesondere den Jugendlichen). Die Rede von der politisierten Jugend klang sowieso nie recht glaubhaft; zumal dann, wenn man die Ergebnisse einiger Umfragen zur Kenntnis genommen hat, die eindeutig dokumentieren, daß das Interesse für die private Konsumsphäre eindeutig vor sozialen, politischen und religiösen Fragen rangiert. Man mag diese Dinge schlicht als menschlich abtun und argumentieren, daß in unserer technisierten, von Informationen überfluteten Welt der einzelne einfach überfordert sei, um sich neben den beruflichen und privaten Sorgen auch noch mit so fernen Dingen wie Ostpolitik oder Entwicklungshilfe zu beschäftigen. Doch sollte man auf der anderen Seite nicht vergessen, daß unsere Demokratie, deren Wert viele noch gar nicht begriffen haben, nur dann Überlebungschancen besitzt, wenn sie wirklich auf den mündigen Staatsbürger zurückgreifen kann. Und dieser mündige Staatsbürger setzt nun einmal ein Mindestmaß an Information voraus.

Was damit gemeint ist, mag ein Beispiel aus Großbritannien illustrieren, das man eigentlich nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen kann. Eine Umfrage der BBC führte dort nämlich zu dem Ergebnis, daß knapp 25 Prozent der Erstwähler der Meinung waren, die Konservative Partei sei diejenige, die sich in ihrem Programm für die Verstaatlichung einiger Großindustrien engagiere. Man mag sich zwar damit trösten, daß diese Zahlen eben jenseits unserer Grenzen ermittelt wurden, doch ein Trost ist das kaum, wenn das Mutterland der Demokratie eine solche Distanz zur Politik verkraften muß.

Wer praktisch in der außerschulischen Bildungsarbeit tätig ist, wird schnell erkennen, daß es auch bei uns vielfach an den grundlegendsten Kenntnissen im politischen Bereich mangelt. Die Schule, das zeigt sich bei jeder Gruppe von neuem, läßt erhebliche Lücken offen. Gerade von daher ist es zu begrüßen, daß sich die Bundeswehr zunehmend mit diesem Problem beschäftigt. Nicht nur die Mannschaftsdienstgrade, sondern auch die Unteroffiziere, sobald sie zur Feldwebel-Prüfung anstehen, erhalten im Rahmen ihrer Dienstzeit Gelegenheit, an einem politischen Seminar teilzunehmen. Daß allerdings die Teilnahme in der Regel noch befohlen werden muß, spricht schon für sich.

Diese Seminare werden seit Jahren in Zusammenarbeit mit dem Gesamtdeutschen Institut in Bonn durchgeführt. Dieses Institut, eine dem Innerdeutschen Ministerium zugeordnete Behörde, hat es sich vor allem zur Aufgabe gemacht, neben der Behandlung speziell der ungelösten deutschen Frage der westdeutschen Bevölkerung Einblicke in Theorie und Praxis der DDR zu ermöglichen. Zu diesem Zweck gibt es Broschüren heraus, die dort kostenlos angefordert werden können, veranstaltet Ausstellungen, verleiht Filme mit entsprechender Thematik und bietet nicht zuletzt allen Bildungsträgern - ebenfalls kostenlos oder mit geringer Selbstbeteiligung - Referenten an, die über eine breite Thematik referieren. Neben vielen Schulen, die bereits seit Jahren von diesem Angebot Gebrauch machen, gehört die Bundeswehr zu den besten Kunden des Instituts.

Diese Wochenseminare finden seit geraumer Zeit regelmäßig im Blockhaus statt: und zwar mit guten Erfolgen, wie die Teilnehmer immer wieder bestätigen. Tagungsort und Thematik ergänzen sich dabei offenbar hervorragend, was der Unterzeichnende nach drei Seminaren im Blockhaus bestätigen kann. Die Erfahrungen, die mit entsprechenden Seminaren innerhalb des Kasernenbereiches gemacht wurden, lassen dagegen zu wünschen übrig. Politische Bildung kann nämlich nur dann mündige Staatsbürger hervorbringen, wenn diese überzeugt werden, wenn sie nicht den Eindruck gewinnen, manipuliert zu werden. Gespräche mit teilnehmenden Soldaten haben immer wieder ergeben, daß gerade die ungezwungene Atmosphäre des Blockhauses viel dazu beiträgt, ein offenes Gespräch zu ermöglichen. Wer das oben Gesagte über das politische Desinteresse bedenkt, der wird den Tagungsort Blockhaus Ahlhorn sehr bald schätzen lernen.


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