Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1976: Blockhausbrief Nr. 20

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
"Gottes sind Wogen und Wind..." - Versuch einer theologischen Interpretation des Ahlhorner Blockhausspruches
Nach dem Sturm
Erdgeschichtliches
Aus der Chronik des Staatlichen Teichwirtschaft
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 11.11.1974 bis 17.12.1975
 

"Gottes sind Wogen und Wind,
Segel aber und Steuer,
daß ihr den Hafen gewinnt,
sind euer".

Versuch einer theologischen Interpretation des Ahlhorner Blockhausspruches

von Hans Schmidt

Blockhausspruch

Wer oft an den Ahlhorner Teichen gewandert ist und es sich dabei im Blockhaus bei guter Pflege hat wohlgehen lassen, wird nicht gleich auf den Gedanken kommen, daß die Bilderrede von "Wogen und Wind", "Segel und Steuer" aus den Wald- und Fischteicheindrücken stammen könne. Eher ist zu vermuten, daß dieser Spruch von Will Vesper den Seefahrtsempfindungen und -erlebnissen des langjährigen Heimleiters Rolf von der Dovenmühle entsprechend von der Singwochengemeinschaft aufgenommen und von E. Ruppel vertont ist. Wasser gibt es schließlich genug, Wogen nur mit einiger Phantasie. "Segel" sind wohl höchst selten zu sehen, aber ein "bergender Hafen" ist sicherlich das Blockhaus mit all' seinen Räumen. Wie auch immer die Geschichte der Einbürgerung dieses Spruches verlaufen sein mag, und ob seine Bildersprache in die Landschaft paßt oder nicht, eines ist sicher: Das, worauf diese Bilder verweisen sollen, ist für alle wichtig, die im Blockhaus wohnen oder dort aus- und eingehen.

Was soll nun aber eine Interpretation eines solchen eingängigen, dazu noch als Kanon zu singenden Spruches? Genügt es nicht, daß er ein bestimmtes gemeinsames Lebensgefühl vermittelt? Und nun soll es sich auch noch um eine "theologische Interpretation" handeln! Kann man nicht allzu leicht bei negativem Ergebnis Gefahr laufen, der Singgemeinschaft und allen, die die eingängige Weise von Ruppel nachsingen, dieses Wort zu vermiesen oder gar sie gegen alle Theologie einnehmen? Oder soll das Ganze nur ein Spiel sein? Nehmen wir das einmal an. Aber bei einem Spiel kann man u. U. eine Menge lernen.

Also spielen wir einmal ein theologisches Bedenken dieses Wortes durch, wohl wissend, daß Spiel etwas sehr Ernsthaftes sein kann.

Es fällt zunächst auf, daß das Wort dichterisch so gebaut ist, daß alle Aussagen in die Mitte genommen werden zwischen "Gottes" und "euer". Wir lassen einmal die Frage unbeantwortet, warum da "euer" steht und nicht "unser". Soll uns das ein "Engel" zusprechen oder ein "Prophet"?

Oder sagt es nur ein Vater seinen Kindern? Nehmen wir das einmal an. Auf jeden Fall ist das Ganze ausgespannt zwischen Gott und Mensch. Von Gottes Kraft, zu schaffen und den Menschen elementare Kräfte zur Verfügung zu stellen, ist die Rede und dann von des Menschen technischer Begabung und Kunst, Gottes Elemente zu gebrauchen.

Aber klingt das alles nicht doch etwas aufklärerisch, um nicht zu sagen "aufmüpfig"? Ich las gerade ein Wort, das von einem Ostfriesen stolz zitiert wurde: "Gott schuf das Meer, aber der Friese die Deiche". Hier ist die "Aufmüpfigkeit" deutlich zu spüren. Auf jeden Fall soll nicht der Schöpfer gepriesen werden, sondern die Geschicklichkeit und Zähigkeit des über die Gewalt des Meeres triumphierenden Menschen. Also ist auch unser Spruch so zu deuten? Formale Ähnlichkeiten bestehen schon, obwohl sich das stolze Ostfriesenwort schwerlich singen läßt. Und dann ist von Gott und den Menschen gleichermaßen gesagt.: "er schuf", was nun freilich aller Schöpfungstheologie zuwider ist. Nur ein Wort ist beiden Sätzen auffällig gemeinsam, nämlich das Wörtchen "aber". Und diese Verwendung des "aber" entspricht sogar biblischer Redeweise. Freilich steht in der Bibel das "aber" nicht auf Seiten des Menschen, der auch etwas Großes vermag, sondern leitet die Aussage ein, die von der wunderbaren Möglichkeit Gottes redet, wenn alle Menschenkraft versagt. "Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt . . . . Ja, Gras ist das Volk. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich" heißt es Jes. 40, 6 - 8. Oder Jes. 54, 10 wird dem Volk tröstend verkündigt: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr dein Erbarmer." Aus dem Neuen Testament sei noch erinnert an das "ich aber sage euch" (Mt. 5, 29, 44) aus der Bergpredigt und an das Pauluswort aus 1. Kor. 15: "Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten..."

Bei diesem biblischen Befund, für den es ja ungezählte Belege gibt, hat es auch unser schöner Ahlhorner Blockhausspruch schwer, sich auszuweisen, daß er recht von Gott und den Menschen redet. Dem Dichter gestehen wir zwar allerhand Freiheit zu, sich nicht immer theologisch richtig ausdrücken zu dürfen. Und von unserm Gott glauben wir, daß er Humor habe im Blick auf die Äußerungen seiner Menschenkinder. Nur darf Gott nicht zu einer Chiffre werden für etwas uns Vorgegebenes, wie "Meer", "Wogen und Wind', also für die Elemente, für das Material, das uns zur Verfügung steht, um daraus etwas Brauchbares zu machen. Das biblische "aber" leitet ein Widerfahrnis ein von Gottes wunderbar lebendigem Handeln an uns, das unser Leben immer neu zurechtrücken will. Wir sollen sowohl aus der Lebens- und Todesangst als auch aus der übermütigen Sicherheit herausgeholt werden. Wir sollen Gottes vertrauensvolle Kinder sein.

Und da scheint mir unser Blockhausspruch wieder eine Chance zu bekommen, vor allem, wenn er gesungen wird. Denn "Gottes sind Wogen und Wind" bleibt auch musikalisch der Obersatz, der nicht kanonmäßig aufgelöst wird, er bleibt der cantus firmus, auf den alles bezogen bleibt, was die Menschen tun zur Gestaltung ihres Lebens. "Segel aber und Steuer, daß ihr den Hafen gewinnt, sind euer": Dieser zweite Satz kann nun zur Aufforderung werden, fröhlich die Kräfte zu gebrauchen, die durch "Wogen" und "Wind" herausgefordert werden und die Gott uns gegeben hat, damit wir sie üben und stählen. Dabei läßt sich nicht vergessen, daß "Wogen und Wind" uns übermächtig bedrängen, so daß uns das Segel zerreißt und daß unser Fahrzeug dem Steuerruder nicht mehr gehorcht. Wir sind dann trotz all' unserer Technik den Elementen hilflos ausgeliefert. Diese Grenzsituation' die jeder von uns erlebt, kann uns dann unmittelbar einsichtig machen, warum in der Bibel wohl dieses Wörtchen "aber" auf der Seite göttlicher Möglichkeiten steht, die es auch dann noch gibt, wenn wir in Schuld und Angst zu versinken drohen. "Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen". (1. Kur. 13, 13).

Bleibt nun noch ein Letztes. Wir haben noch gar nicht von dem Hafen gesprochen, der doch in unserem Spruch eine wichtige Rolle spielt. Denn dazu sind ja "Segel und Steuer" den Menschen zum Gebrauch in die Hand gegeben, daß dies das Schifflein in den Hafen steuern. Offensichtlich denkt der Verfasser nicht an die vielen Häfen, die ein Schiff - Geborgenheit suchend - anlaufen kann. Wie oft haben wir dieses Gefühl der Geborgenheit gehabt, wenn es uns vergönnt wurde, einen Ort der Stille, des Aufgehobenseins, des liebevoll Betreutwerdens zu finden. Manchmal waren es wohl auch nur kurze Stunden inmitten der Unrast und der von uns zu leistenden Arbeit. Solche "Hafenstunden", in denen man sich fallen lassen, sich einem Ort und den Menschen anvertrauen kann, haben wir immer wieder nötig. Hier aber ist von dem Hafen die Rede, dem Ziel also unserer Lebensreise. Der Verfasser und der Komponist, aber auch alle, die diesen Kanon singen, meinen offenbar nicht den Tod als das Ziel, das jedem sicher ist. Sie meinen doch wohl eine letzte Bestimmung des Menschen, ein Aufgehobensein in einem Vaterhaus, das unser wartet und von dem unser Unterwegssein, unser "Wogen und Wind Ausgesetztsein" einen letzten göttlichen Sinn bekommt.

Damit diese letzte Geborgenheit erreicht wird, soll der Mensch seine Kräfte fröhlich einsetzen. Er kann sein Leben steuern, er kann den Odem Gottes gebrauchen. Er kann aber auch sich treiben lassen, in böse Strömungen geraten und "den Hafen" verfehlen. Und gerade derjenige, der fröhlich seine Kräfte gebraucht, wird wissen, daß alles an dem liegt, der Herr ist von Wogen und Wind. Er wird, wenn er das Ziel erreicht, nicht auf seine Leistung stolz sein, sondern dankbar den preisen, der uns Wogen und Wind gibt, damit wir uns zu ihm auf die Reise begeben können. So also können wir den Ahlhorner Blockhausspruch besinnlich und frohgemut weiter singen: "Gottes sind Wogen und Wind. Segel aber und Steuer, daß ihr den Hafen gewinnt, sind euer".


Oldenburg, am 5. Dezember 1975


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