Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1974: Blockhausbrief Nr. 19

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Das Gespräch
Rüstzeit, Tagung oder Freizeit
Religionspädagogische tagung in Ahlhorn
Veranstaltungen der Evang. Schülerarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Musische Woche in Ahlhorn 1974
Die Pflanzenwelt der Ahlhorner Fischteiche
Vögel im Bereich des Blockhauses und das Fischteichgebietes
Neues aus der Fischzucht
Besuch der Mitarbeiter des Walbauinstituts (Universität Göttingen)
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 17.11.1973 bis 10.11.1974
 

Rüstzeit, Tagung oder Freizeit?

Volker Henning Landig

Will man im Blockhausbrief über die regelmäßig stattfindenden Zusammenkünfte der Oldenburger Theologiestudenten und Vikare mit ihrem Ausbildungsreferenten des Oberkirchenrats berichten, gerät man alsbald in Verlegenheit: Wie soll man das eigentlich nennen, was da seit vielen Jahren im Frühjahr und im Herbst stattfindet?

Vor Jahren trafen wir uns zu "Rüstzeiten" im Blockhaus und verwendeten damit eine Bezeichnung, die nie stimmte. Rüstzeiten sind die geistlichen Wochen in Diakonissen-Mutterhäusern in denen die jungen Schwestern auf die Einsegnung zu ihrem schweren Amt "zugerüstet" werden. Hier wird die geistliche Zurüstung durch Gott gesucht. Sicherlich ist diese Suche auch ein Aspekt der Begegnungen in Ahlhorn. Morgengebet, Bibelarbeit und Gottesdienst sind oder waren stets das "rüstzeitliche Element" der gemeinsamen Tage, doch sollten es nie "ausgesonderte Tage" sein, wie Bischof Stählin die Rüstzeiten genannt hat. An den drei Frühjahrs- und Herbsttagen sollte keine Einübung in das geistliche Leben einer Gemeinschaft stattfinden, sondern schlichte menschliche Begegnung zwischen denen, die studieren und denen, die zwar noch in der Ausbildung stehen, aber schon als Vikare ihre ersten Erfahrungen mit der kirchlichen Wirklichkeit machen. Drei Tage lang besteht die Gelegenheit, Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen, bei Morgenandacht und Mittagessen, bei Diskussion und Doppelkopf. Weil das Spektrum vom Element des Liturgischen bis zum höchst alltäglichen gemeinsamen Bier reicht, kann man nicht recht von einer Rüstzeit sprechen. Ausgesonderte Tage sollen es gerade nicht sein, sondern gemeinsame Arbeits- und Freizeittage mit einem guten Maß an vernünftiger Diskussion und ausgleichenden Spaziergängen. Daß es sich hierbei auch immer um besondere Tage handelt, an denen man zuweilen vergißt, die Zeitung zu lesen, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern der Leitung des Hauses zu verdanken, die den natürlichen Vorteil der abgeschiedenen Lage mit einer menschenfreundlichen Atmosphäre zu einem harmonischen Ganzen verbindet.

Zuweilen hat der Oberkirchenrat zur "Tagung in Ahlhorn" eingeladen. Doch diese Bezeichnung ist ebenso unzureichend wie die einer Rüstzeit, wenn auch durchaus Züge einer "Tagung" vorhanden sind. Jedes Treffen steht unter einem Thema, das jeweils beim Mal zuvor festgelegt wird. Die Gesprächsgegenstände sind entsprechend dem Teilnehmerkreis meist im Blick auf Vermittlung zwischen theologischer Theorie und pfarramtlicher Praxis ausgewählt. Dabei fällt auf, daß als Referenten und Gäste oft Vertreter anderer Disziplinen anwesend sind, deren Gesprächsbeitrag eine wesentliche Bereicherung darstellt. Einige Beispiele aus den letzten 10 Jahren mögen verdeutlichen, worüber in Ahlhorn gesprochen wird: "Die Partnerschaft von Kirche und Staat" (1966) wurde ebenso erörtert wie das verwandte, jedoch mehr theologische Thema "Zwei-Reiche-Lehre und Sozialethik" (1972). "Demokratie in der Kirche" wurde natürlich oft angesprochen, im Frühjahr 1970 war sie das leitende Thema. "Kirche und Werbung" (1968) bot viele Anregungen zur Selbstdarstellung unserer Kirche in der Öffentlichkeit. Das Thema "Rauschmittel - neue Religiosität"? folgte 1971 einem aktuellen Trend und gab wichtige Hilfen für die Jugendarbeit. Auch die jüngste Thematik, die Diskussion über "Tod" im Herbst 1974, hatte ihren aktuellen Bezug und bot den Anlaß, die neuere Literatur zu diesem Problem anzusehen. - Diese etwas zufällige Auswahl aus den verhandelten Themen könnte, so scheint es, auch dem Angebot einer Evangelischen Akademie entnommen sein, doch der Eindruck trügt. Das Ahlhorner Treffen will nicht im Dienst kirchlicher Bildungsarbeit stehen. Es werden keine ausschließlich themengebundene Tagungen mit ständig wechselndem Publikum veranstaltet, sondern es finden regelmäßig wiederkehrende Zusammenkünfte der Studenten und Vikare mit dem Oberkirchenrat statt, deren eigentlicher Zweck eher der menschliche Kontakt zwischen den beteiligten Personen als die akademische Behandlung einer vorgegebenen Fragestellung ist. Menschliche Kontakte freilich umfassen nicht nur freundschaftliche Begegnung und den gemeinsamen Spaziergang um die Fischteiche, sondern auch die ernsthafte Bemühung um ein alle Teilnehmer betreffendes Problem. Die Universität bietet Vorlesungen und Seminare, der Vikarsalltag ist angefüllt mit praktischen Fragen der Seelsorge und der Pfarramtsführung. Eine Vermittlung kann nur selten stattfinden. Das Blockhaus Ahlhorn ist ein Ort, an dem sie möglich ist. Und die geringe Fluktuation unter den Teilnehmern, die meist vom 1. Semester bis zur Ordination dabei sein können, ist eine gute Voraussetzung für die notwendige Verknüpfung von persönlichen und beruflichen Kontakten.

Daß die halbjährlich wiederkehrende Begegnung im Blockhaus Ahlhorn auch mit der Bezeichnung "Freizeit" nicht richtig gekennzeichnet ist, dürfte deutlich geworden sein. "Evangelische Freizeiten sollen dazu dienen, Menschen aus der Verstrickung des Alltags- und Berufslebens für eine bestimmte Zeit herauszulösen und im gemeinsamen christlichen Leben zur geistlichen Sammlung zu führen". Mit diesem Satz, der den einschlägigen Artikel eines theologischen Handwörterbuchs einleitet, ist die vielseitige Möglichkeit christlicher Freizeiten angesprochen, doch zugleich ist damit für die Ahlhorner Studenten- und Vikarstreffen diese Bezeichnung als nicht zutreffend abzulehnen.

Die Unterscheidung zwischen dem grauen Alltag zu Hause und der Freizeitromantik in Ahlhorn trifft seit langem nicht mehr für die Jugend- und Schülerarbeit der Kirchen zu, auf die Studenten- und Vikarstreffen war sie wohl nie anzuwenden. Hier ging es um eine Verknüpfung von sachlichen, auf der Grenze zwischen Fakultät und Pfarramt stehenden Inhalten mit dem elementaren Miteinander von Menschen, deren Gemeinsamkeit in ihrem Ziel der Verkündigung und der Seelsorge besteht. Ob Rüstzeit, Tagung oder Freizeit, ein einheitlicher Sprachgebrauch ist wohl nicht zu erzielen, er ist wohl auch gar nicht anzustreben. Vielleicht wäre "Treffen" richtig, doch klingt es nicht etwas dürftig? Man sollte die Bezeichnung der zufälligen Entscheidung derer überlassen, die dazu einladen, um sicher zu sein, daß hier immer rüstzeitliche mit freizeitlichen Elementen sich um ein Tagungsthema ordnen. Entscheidend für die Studenten- und Vikarstage in Ahlhorn ist nicht deren Bezeichnung, sondern der offene Geist, der hier herrscht.

Blick auf das Haupthaus
Blick auf das Haupthaus

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