Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1974: Blockhausbrief Nr. 19

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Das Gespräch
Rüstzeit, Tagung oder Freizeit
Religionspädagogische tagung in Ahlhorn
Veranstaltungen der Evang. Schülerarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Musische Woche in Ahlhorn 1974
Die Pflanzenwelt der Ahlhorner Fischteiche
Vögel im Bereich des Blockhauses und das Fischteichgebietes
Neues aus der Fischzucht
Besuch der Mitarbeiter des Walbauinstituts (Universität Göttingen)
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 17.11.1973 bis 10.11.1974
 

Die Pflanzenwelt der Ahlhorner Fischteiche

Peter U. Klinger

Stilleben

Diese Überschrift mag dem unbefangenen Leser ein wenig zu anspruchsvoll erscheinen, zu groß für diesen kleinen Aufsatz. Doch begeben wir uns einmal hinaus, wandern wir auf den schmalen Dämmen zwischen den weiten Teichflächen, am Rande ausgedehnter Gehölze, fernab vom Lärm der Städte und Straßen. Wenn wir uns Zeit lassen, all die vielfältigen Erscheinungsformen der Pflanzen, ihrer gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten in uns aufzunehmen, dann wird uns vielleicht wieder bewußt, wie wenig wir doch von der Natur wissen. Alles was für unsere Urahnen selbstverständlich war, und sie brauchten es nicht mit Worten zu formulieren, müssen wir uns auf dem harten Wege der Wissenschaft und des Lernens wieder mühsam aneignen. Der heutige Mensch ist in der größten Gefahr, sich seinen Planeten unbewohnbar zu machen, wenn er seinen Stellvertreter im Reich der Schöpfung nicht erkennt und bewußt lernt, seine Gaben sinnvoll einzusetzen. Auch die Botanik kann ihm dabei helfen.

Überall wo Pflanzen wachsen, tun sie es nach bestimmten Gesetzen, die wiederum durch die vorhandenen Faktoren von Klima, Boden usw. bestimmt werden. Es bilden sich dabei unter gleichen Voraussetzungen auch immer wieder gleiche Zusammensetzungen von Pflanzenarten in der Vegetation heraus, die als Pflanzengesellschaften bezeichnet werden. Man kann ähnliche Pflanzengesellschaften zu übergeordneten Einheiten vereinen, genauso wie man die Pflanzenarten selbst zu Gattungen, Familien und noch umfassenderen Einheiten zusammenfassen kann. Man kann aber ebensogut in beiden Fällen auch kleinere Einheiten herausarbeiten. Mit den Problemen des Miteinanders der Pflanzen befaßt sich der botanische Wissenschaftszweig Pflanzensoziologie. Eng damit zusammen hängen die Fragen nach dem Standort und den Möglichkeiten der Pflanzen, einen bestimmten Standort zu besiedeln. Jeder Pflanzenbestand aber gibt wiederum zahlreichen Tieren Nahrung und Lebensraum. Hier bedarf es der Mittel der ökologischen Forschung. Das Verflochtensein aller Lebenserscheinungen läßt sich auch an einem so gut abgrenzbaren Material studieren, wie es die Ufervegetation der Fischteiche am Baumweg ist: eine "Welt" im Kleinen.

Als diese Fischteiche um die Jahrhundertwende angelegt worden waren, boten sie eine ganz bestimmte Ausgangssituation für die Ansiedlung von Pflanzen und Tieren: einen sandigen, ziemlich armen Untergrund, einen flachen Wasserstand, eine begrenzte Zufuhr von Sinkstoffen und Schlammteilchen durch die Wasserfüllung aus der Lethe, einen bestimmten Nährstoffgehalt und Säuregrad des Wassers, ein vorgegebenes regionales Klima usw. Hinzu kamen menschliche Einwirkungen wie die Fütterung des Fischbesatzes der Teiche, Kalkung und Düngung der Wasserflächen, periodische Änderungen des Wasserstandes und anderes. Deswegen konnten sich nur die Pflanzen ansiedeln und behaupten, die für alle jeweils vorliegenden Situationen ausgerüstet waren. So haben sich in den entsprechenden Tiefenzonen der Ufer einige ganz bestimmte Pflanzengesellschaften ausgebildet, die ich bei einem kurzen Besuch des gastfreundlichen Blockhauses in diesem Herbst beobachten konnte und im folgenden kurz skizzieren möchte.

Die Uferstreifen der Teiche ließen eine deutliche Zonierung der verschiedenen Pflanzenvereine erkennen. Am weitesten draußen im flachen Wasser bis zu 20 cm Tiefe war der Goldampfer-Ufersaum ausgebildet, der zum Teil große Flächen durch die schon abgestorbenen Stengel des Goldampfers dunkelbraunrot färbte - ein auffälliger Farbgegensatz zu den gelblichen bis grünen Tönen der näher dem Ufer zu wachsenden Pflanzengesellschaften. Dazwischen waren nur die kräftigen, frischgrünen Blätter des Wasserschwadens zu finden. Im flacheren Wasser bis zu 20 cm Tiefe kamen dann mehrere andere Arten wie die Glieder-Binse, die Kleine Wasserlinse, der Gemeine Froschlöffel, die Wasser-Minze und der Wolfstrapp hinzu.

An anderer Stelle hatte sich im flach überfluteten Bereich ein sehr schöner Nadelsimsen-Zwergrasen angesiedelt, in dem neben den schon genannten Arten das Sumpfmoos Drepanocladus mit seinen feinen flutenden Trieben recht häufig war.

Unmittelbar über dem Wasserspiegel schloß sich vielfach eine andere artenreiche Pflanzengesellschaft an, die durch ihre zahlreichen noch blühenden Kräuter einen recht bunten Anblick bot, die Wasserpfeffer-Zweizahn-Gesellschaft. Hier wuchsen neben den im Namen enthaltenen Arten noch viele weitere wie die Spitzblütige Binse, die Gemeine Sumpfsimse, der Wasserdost, das Sumpf-Ruhrkraut, das Gemeine Helmkraut und das Rasen-Vergißmeinnicht.

Noch weiter dem Teichrand zu waren dann verschiedene Süßwasser-Röhrichte zu beobachten, zum Beispiel das Wasserschwaden-Röhricht, das hier relativ viele Arten enthielt, die charakteristischen Teichröhrichte mit Schilf-, Rohrkolben- und Teichsimsen-Beständen, zwischen denen nicht selten die Sumpfschwertlilie anzutreffen war, schließlich ein reichhaltiger Waldbinsen-Sumpf mit Anklängen an nasse Wiesengesellschaften, der schon einen ausgeprägten Anteil an Sumpfmoosarten zeigte und dadurch schon andeutete, daß hier bereits ein Übergang zur Boderversauerung und Vermoorungen stattgefunden hatte.

Einen kleinen Einblick in den Artenbestand der angetroffenen Teichrand-Gesellschaften mag die folgende kurze Liste geben (1 = Goldampfer-Ufersaum, 2 = Nadelsimsen-Zwergrasen, 3 = Wasserpfeffer-Zweizahn-Gesellschaft, 4 = Süßwasser-Röhrichte, 5 = Waldbinsen-Sumpf):


Achillea ptarmica, Bertram-Schafgarbe

     

4

 

Amblystegium riparium, Ufermoos

     

4

 

Alisma plantago-aquatica, Gemeiner Froschlöffel

1

2

3

4

 

Alopecurus aequalis, Rotgelber Fuchschschwanz

1

2

3

   

Berula erecta, Aufrechte Berle

     

4

 

Bidens cernua, Nickender Zweizahn

   

3

4

 

Bidens frondosa, Schwarzfrüchtiger Zweizahn

     

4

 

Bidens tripartita, Dreiteiliger Zweizahn

   

3

4

 

Callitriche spec., Wasserstern-Arten

1

 

3

   

Cicuta virosa, Wasser-Schierling

     

4

 

Cirsium arvense, Acker-Kratzdistel

   

3

4

5

Cirsium palustre, Sumpf-Kratzdistel

     

4

 

Drepanocladus exannulatus, Sichelmoos

 

2

 

4

5

Eleocharis acicularis, Nadel-Sumpfsimse

 

2

     

Eleocharis palustris, Gemeine Sumpfsimse

 

2

3

   

Epilobium hirsutum, Behaartes Weidenröschen

     

4

 

Epiloblum parviflorum, Kleinblütiges Weidenröschen

   

3

4

5

Eupatorium cannabinum, Wasserdost

1

2

3

   

Galium palustre, Sumpf-Labkraut

     

4

5

Glyceria maxima, Wasser-Schwaden

1

2

3

4

 

Gnaphalium uliginosum, Sumpf-Ruhrkraut

   

3

4

5

Holeus lanatus, Wolliges Honiggras

     

4

5

Iris pseudacorus, Sumpf-Schwertlilie

     

4

 

Juneus acutiflorus, Spitzblütige Binse

   

3

4

5

Juncus articulatus, Glieder-Binse

1

       

Juncus bulbosus, Zwiebel-Binse

 

2

     

Juncus effusus, Flatter-Binse

   

3

4

5

Lemna minor, Kleine Wasserlinse

1

       

Lotus uliginosus, Sumpf-Hornklee

     

4

5

Lycopus europaeus, Wolfstrapp

1

 

3

4

 

Lysimachia vulgaris, Gemeiner Gilbweiderich

     

4

5

Marchantia polymorpha, Brunnen-Lebermoos

     

4

 

Matricaria linodora, Geruchlose Kamille

       

5

Mentha aquatica, Wasser-Minze

1

 

3

4

 

Mentha arvensis, Acker-Minze

     

4

5

Myosotis caespitosa, Rasen-Vergißmeinnicht

 

2

3

4

5

Peplis portula, Sumpfquendel

 

2

3

   

Peucedanum palustre, Sumpf-Haarstrang

     

4

5

Phalaris arundinacea, Rohr-Glanzgras

1

       

Phragmites communis, Gemeines Schilf

     

4

 

Plantago major, Breit-Wegerich

   

3

4

5

Polygonum hydropiper, Wasserpfeffer

   

3

4

 

Polygonum tomentosum, Filziger Knöterich

     

4

 

Polytrichum commune, Gemeines Frauenhaar (Moos)

     

4

5

Ranuneulus acris, Scharfer Hahnenfuß

     

4

5

Ranuneulus auricomus, Goldhaar-Hahnenfuß

       

5

Ranuneulus flammula, Brennender Hahnenfuß

     

4

 

Riccia fluitans, Wasser-Sternlebermoos

 

2

     

Rorippa palustris, Gemeine Sumpfkresse

 

2

3

   

Rumex hydrolapathum, Fluß-Ampfer

     

4

 

Rumex maritimus, Gold-Ampfer

1

2

     

Salix aurita, Öhrchen-Weide

   

3

4

5

Schoenoplectus lacustris, Gemeine Teichsimse

     

4

 

Scutellaria galericulata, Gemeines Helmkraut

   

3

4

 

Stachys palustris, Sumpf-Ziest

     

4

 

Taraxacum officinale, Gebräuchlicher Löwenzahn

     

4

5

Typha angustifolia, Schmalblättiger Rohrkolben

     

4

 

Typha latifolia, Breitblättriger Rohrkolben

     

4

 

Veronica scutellata, Schild-Ehrenpreis

     

4

 

Alle diese Pflanzengesellschaften stehen in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander. Die Natur findet sehr schnell heraus, ob irgendwo ein Lebensraum verfügbar ist. Wird z. B. der Wasserspiegel eines Teiches gesenkt, so bietet der bisher kaum bewachsene Teichboden jetzt zahlreichen neuen Pflanzenarten Gelegenheit, sich anzusiedeln. Davon machen sie auch sofort Gebrauch. Ein- und zweijährige Arten stellen den größten Teil der "Pionierpflanzen", die dann dort bald anzutreffen sind. Bleibt der Wasserspiegel niedrig, so rücken auf dem inzwischen gefestigten und durch Bodenlebewesen aufbereiteten Substrat andere Pflanzenarten nach, die meist ausdauernd sind und dadurch den Konkurrenzkampf besser bestehen können. Hier sind die ersten Pflanzengesellschaften und ihre Ausprägung durch die mehr oder weniger zahlreiche Gegenwart einzelner Pflanzenarten noch recht zufällig und stabilisieren sich erst nach einiger Zeit, wenn nicht wieder Eingriffe in ihre Umwelt vorgenommen werden, wie es die als Beispiel genannten Wasserstandsänderungen sind. Bleiben dagegen die von außen einwirkenden Faktoren konstant, so folgen die Pflanzengesellschaften in gesetzmäßiger Weise aufeinander. Das kann bei gewissen Stadien recht schnell gehen, etwa in den ersten Phasen der Verlandung eines Gewässers, oft aber bedarf es langer Zeiträume, bis auf einen Entwicklungsschritt der nächste folgt. Am Ende steht dann eine stabile Vegetationsform, das sogenannte "Klimaxstadium"' in dem ein vollständig geschlossener Kreislauf aller Lebenserscheinungen vorliegt.

Beide Entwicklungsmöglichkeiten zusammen finden wir in der Pflanzenwelt der Fischteiche. Die natürliche Verlandung ist immer wirksam, wenn auch oft nur unmerklich. Der Mensch aber schafft durch sein Eingreifen immer neue Bedingungen für die Entfaltung seiner belebten Umwelt. An ihm liegt es, sein Wissen über die Zusammenhänge alles Lebendigen zu seinem Nutzen so einzusetzen, daß er sich selbst nicht aus der Harmonie der Schöpfung ausschließt.


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