Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1974: Blockhausbrief Nr. 19

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Das Gespräch
Rüstzeit, Tagung oder Freizeit
Religionspädagogische tagung in Ahlhorn
Veranstaltungen der Evang. Schülerarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Musische Woche in Ahlhorn 1974
Die Pflanzenwelt der Ahlhorner Fischteiche
Vögel im Bereich des Blockhauses und das Fischteichgebietes
Neues aus der Fischzucht
Besuch der Mitarbeiter des Walbauinstituts (Universität Göttingen)
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 17.11.1973 bis 10.11.1974
 

Das Gespräch

Dr. Hans Schmidt

Nach dem 2. Weltkrieg und seinem erschütternden Ende suchten die Überlebenden in steigendem Maße das Gespräch mit anderen, zunächst mit denen aus dem eigenen Volk, dann auch mit Angehörigen anderer, bisher feindlicher Völker. Der Wegfall der dauernden Kontrolle durch Organe der N.-S.-Partei ermöglichte zum ersten Male wieder eine freie Meinungsäußerung, wenigstens in Westdeutschland. Und die ehrliche Aussage ist die Voraussetzung für ein echtes Gespräch, das die Standpunkte feststellen, die Möglichkeiten des Zusammengehens oder die Notwendigkeit des Auseinandergehens erkunden soll.

Zum Gespräch muß man erst einmal zusammenkommen, um sich womöglich auseinandersetzen zu können.

Es ist interessant, sich einmal die Begriffe vor Augen zu führen, die den Vorgang eines Gesprächs beschreiben und zugleich charakterisieren. Das Wort Gespräch hat es mit "Sprache" zu tun, ebenso das Wort "Besprechung". Man kann darüber nachdenken, was die Vorsilben "Ge-" und "Be-" bedeuten. Wichtig ist hier, daß in beiden Fällen die "Sprache", also das "Wort-werden", auch das "Artikulieren" Grundlage einer Bemühung ist, die man in Gemeinschaft - das weisen die Vorsilben Ge und Be jedenfalls aus - mindestens mit einem Partner anstellt. Das griechische Wort "Dialog" würde diesen Vorgang beschreiben, wobei nicht von vornherein ausgemacht ist, ob zwei Einzelne oder zwei Gruppen nur ihre Standpunkte profilieren oder ob in dem Dialog eine Einigkeit, eine Comunio erzielt wird.

Die verschiedenen Worte, vor allem Fremdworte, zeigen ganz deutlich in ihrem Wortsinn den oben angedeuteten verschiedenen Ausgang des Mit-ein-ander-sprechens. Diskussion und Disputation drücken deutlich das Sich-auseinander-setzen aus, während "Besprechung" und am allerstärksten das zu Unrecht abgewertete Wort "Konversation" mehr das Zusammenkommen, das sich im Gespräch Finden aussagen. Konversation würde bedeuten, daß man sich zu einander wendet, besser noch, daß man sich zusammen einer gemeinsamen Mitte zuwendet.

Und nun würde ich sagen: Dazu ist unser Blockhaus Ahlhorn im Grunde da, daß wir unsere Gespräche auf eine gemeinsame Mitte ausrichten.

Wir kommen ja jeweils hierher mit den verschiedenen Lebens- und Gesprächsvoraussetzungen. Es ist von einem einzigen Menschen her gar nicht zu ermessen, wie groß die Unterschiede sind der verschiedenen Traditionen, in denen wir stehen, der politischen Standpunkte, die wir von den Eltern übernommen oder uns selbst gebildet haben. Es gibt Menschen, die innerlich weiter oder enger organisiert sind und die deshalb die Überzeugung einmal drangeben können oder aber unbedingt festhalten müssen, weil ihnen sonst das Geländer fehlt, an dem sie sich im Leben festzuhalten pflegen.

Oft sind wir auch durch Zugehörigkeit zu einer Partei oder einer gesellschaftlichen Gruppe oder durch eine bestimmte christliche Konfession so festgelegt oder meinen wenigstens, eng verbunden zu sein, daß für uns der Sinn eines Gesprächs nur darin bestehen kann, den anderen von der Richtigkeit unseres Standpunktes zu überzeugen oder diesen Standort wenigstens deutlich gegen den oder die anderen abzugrenzen.

Ohne solche Abgrenzungen und ohne verschiedene Standpunkte wird es in unserer Welt nicht gehen. Als Lohnabhängiger werde ich nicht sehr leicht die gleiche Lebensmelodie mit einem wohlhabenden und der privatwirtschaftlichen Möglichkeiten kundigen Unternehmer haben können, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber nun kommt ja alles darauf an, ob beide noch einen gemeinsamen Bezugspunkt oder auch gemeinsame Mitte haben, auf die sie blicken, durch die sie sich bestimmen und ordnen lassen. Was kann das sein? Gibt es z. B. diese gemeinsame Mitte noch zwischen Unternehmern, Gewerkschaftlern und staatlichen Belangen, bzw. staatlicher Verwaltung? Bei dem Fluglotsenstreit, bei dem noch die Frage nach der Beamtenpflicht hinzukam, ist das der Öffentlichkeit ebenso zweifelhaft geworden wie bei der ÖTV-Lohnerhöhungsforderung über 10 % hinaus inmitten der Ölkrise. Man hat das Gefühl, daß selbst gutwillige Beauftragte Sklaven ihrer Auftraggeber werden und darum auf keine gemeinsame Mitte mehr ausgerichtet werden können. Da wird jedes Gespräch zu einer Farce, da gilt nur das Recht des Stärkeren.

Aber auch im Gespräch um den Glauben gibt es diese Verhärtung, bei der die Bezugsmitte nicht mehr gesehen wird.

Der Anhänger von "Kein anderes Evangelium" glaubt wirklich das "Wort des lebendigen Gottes" gegen den der Forschung Aufgeschlossenen verteidigen zu müssen. Und wer Jesus wesentlich als Sozialrevolutionär sieht und sich von dort her aufgerufen fühlt, die Welt in ihren wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zu verändern, hält persönliche Frömmigkeit, das Geschehen göttlicher Rechtfertigung an dem einzelnen Menschen und die Versammlung der Christen zum Hören des Wortes, zu Gebet und Lobgesang für völlig unzureichend, vielleicht sogar für schädlich. Es sind sicher nicht immer theologische Entscheidungen, die so oder so Stellung beziehen lassen. Oft handelt es sich dabei ganz robust um politische oder patriotische Vorentscheidungen, ohne daß der Betreffende das immer weiß.

Wir haben gesehen, ein echtes Gespräch braucht nicht nur Menschen die möglichst unvoreingenommen hören können und die bereit sind, ihre Anschauung an diesem oder jenem Punkt zu Gunsten einer besseren Einsicht zu verändern. Das Gespräch bedarf in allen Bereichen einer Mitte, auf die man sich bezieht, die gleichsam die kritische Funktion bei jedem Partner wahrnimmt.

Nun wird man sagen: Bei den kirchlich-theologischen Problemen ist diese Mitte natürlich der "lebendige Gott", der "heilige Geist", der unter dem Hören des Wortes der Schrift wirksam werden will. Aber was ist diese Mitte nun bei Tarifgesprächen, bei Fragen der Ostpolitik oder bei Auseinandersetzungen der Parteien über bestimmte Streitfragen, wie sie im Bundestag tägliches Brot sind? Darauf antworte ich! Genauso der lebendige Gott, das Wort der Wahrheit, ja ich könnte auch sagen: Gottes heiliger Geist. Ich höre jetzt einen Chor von Stimmen, die rufen: solche religiösen Dinge gehören nicht in ernste Sachfragen, weil sie z. B. im Bundestag diskutiert werden . Das ließe schon die Neutralität des Staates in Glaubensfragen nicht zu. Außerdem muß ja doch die Meinungsäußerung auch des dezidierten Nichtchristen, der diese Bezugsmöglichkeit nicht hat, ernstgenommen werden. Es bedarf ja doch auch nur einer begründeten Sachkenntnis und einer schlichten Wahrhaftigkeit, um in all' solchen weltlichen Fragen entscheiden zu können.

Jawohl, Sachkenntnis ist dringend nötig und wo es um Steuern geht, kann man nicht eine religiöse Rede halten. Und doch behaupte ich: Ob es sich um Steuerfragen oder Glaubensaussagen handelt: Die Mitte, auf die man sich hier wie da im Gespräch zu beziehen hat, die also diese eigentümlich kritische Funktion ausübt, die uns zur Ordnung und zur Abkehr von Eitelkeit usw. ruft, ist die gleiche bei Glaubens-, Kirchen- oder Steuerfragen. Darum ist es ja auch mit dem neutralen Staat so schwierig. Wenn diese Mitte nicht hier und da dieselbe ist, wird das politische Gespräch zu einem verantwortungslosen Gerede und das Glaubensgespräch zu einem "frommen" Geschwätz. Es gibt eben nicht einen religiösen Bereich im Menschen oder im Staat, der dann durch die Kirchen dargestellt wird, sondern die Kirchen haben daran zu erinnern, daß es nur ein ganzes, ungeteiltes Leben gibt, das wir in Familie, Gesellschaft und Staat zu erfüllen haben. Und für dieses Leben gibt es nur eine orientierende Mitte, die immer stärker zu erkennen und deren Funktion immer deutlicher wahrzunehmen Aufgabe jedes Einzelnen ist. Möchten die Gespräche im Blockhaus dazu beitragen.

Hinter dem Kaminzimmer

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