Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1973: Blockhausbrief Nummer 18

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Geborgenheit
Ahlhorner Gespräche
Wächtersteine und Menhire: Steine verkörpern die Gottheit
13. November 1972
"Die Jugend von heute" - viele einzelne
Schülerarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Konfirmandenrüstzeit
Der Sturm
Was sollen Rüstzeiten heute?
Singrüstzeiten im Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 11.11.1972 bis 16.11.1973
 

Der Sturm

K. Bode

Ein Teil des Blockhauses ist seine Umgebung. Die aus einem öden, unbewohnten und von Sandstürmen heimgesuchten Heidegebiet von Menschenhand geschaffene Seen- und Waldlandschaft trägt zu der "besonderen Note" des Hauses bei. Sie gehört gewissermaßen dazu und hat vielen Gästen bei ausgedehnten Spaziergängen zur Erholung und Entspannung verholfen. Um so enttäuschter mag mancher Blockhausbesucher heute sein, wenn er den Wald von Naturgewalt zerstört findet. Mancher besonders reizvoller Platz ist in ein Chaos von geworfenen und gebrochenen Bäumen verwandelt, und stellenweise sind viele Hektare Wald völlig vernichtet.

Was ist geschehen? In der Nacht vom 12. auf den 13. November 1972 traf über dem Atlantik ein mit warmer Luft aufgefülltes Tiefdruckgebiet mit einer Kaltluftfront zusammen, aus dem ein Tief von 955 MB entstand, ein Wert, der überhaupt erstmalig gemessen wurde, solange es eine Wetterbeobachtung gibt. Dabei entwickelten sich Windgeschwindigkeiten von über 160 km/h. Über der Nordwestdeutschen Geest wurden folgende Windstärken gemessen:

6.00 Uhr Windstärke 8 75 km/h
7.00 Uhr Windstärke 11 117 km/h
9.00 Uhr Windstärke 14 166 km/h
11.00 Uhr Windstärke 13 149 km/h

(Stärkere Herbststürme, die ebenfalls schon Windwurfschäden geringeren Ausmaßes verursachen, erreichen Windstärke 9 = 88 km/h). Zwar waren die Wälder bis zu einem gewissen Grade an Wind und Sturm gewöhnt, jedoch konnten sie einer derartigen Belastung über einen Zeitraum von mehreren Stunden nicht standhalten. Etwa gegen 9.00 Uhr begannen die ersten Einbrüche, die sich dann zu riesigen Flächenwürfen entwickelten. Allein in der Revierförsterei Lethetal - dazu gehören die Waldteile, die das Blockhaus in einem Radius von 1,5 bis 2 km umgeben - sind etwa 500 ha Waldfläche total zerstört, d. s. 65 % der Holzbodenfläche. Weitere 100 ha zeigen so starke Teilschäden, daß ihre Erhaltung fraglich ist. 59.000 fm Holz lagen am Boden, davon 20.000 fm Fichte, 37.000 fm Kiefer und 1.000 fm andere Holzarten.

Damit stand die Forstverwaltung vor einer Aufgabe, die zu meistern fast unmöglich schien. Um diese Holzmassen aufzuarbeiten, brauchte man Menschen und Maschinen. Das Holz mußte verkauft werden. Die Wiederaufforstung mußte geplant, vorbereitet und in Angriff genommen werden. Aber was unmöglich schien, konnte gemeistert werden. Waldarbeiter aus anderen Bundesländern kamen zu Hilfe, Maschinen wurden eingesetzt, die früher in der Waldarbeit fremd waren, und neue Märkte für das Holz konnten erschlossen werden. Bis zu 20 Waldarbeiter waren mit 5 großen Baggern bei der Arbeit und arbeiteten oft 500 fm und mehr am Tage auf. Pferde und Schlepper aller Größenordnungen bewegten das Holz an die Wege und Straßen und Lkws transportierten es auf die Lagerplätze. Große Aufarbeitungsmaschinen aus Schweden werden auch in diesem Revier zum Einsatz kommen. Das Holz wurde nach Süddeutschland, nach Schweden, Dänemark, England und sogar nach Japan verkauft. Für die Versorgung der örtlichen Industrie wurden Lagerplätze eingerichtet, auf denen das Holz für mehrere Jahre durch ständige Berieselung mit Wasser konserviert wird.

Für die Wiederaufforstung sind die Vorbereitungen angelaufen. Wenn man bedenkt, daß jetzt das Bild der Landschaft und die Bewirtschaftung der Wälder für die nächsten 100 Jahre bestimmt werden, wird man verstehen, daß eine sehr sorgfältige Planung unabdingbar ist. Zunächst werden die Bodenverhältnisse untersucht, um festzustellen, welche Holzarten überhaupt gepflanzt werden können. Danach wird eine Auswahl getroffen werden, die noch Erhaltenes mit dem Neuen sinnvoll vereinigt. Es wird versucht werden, möglichst abwechslungsreiche Waldbilder zu schaffen. Aber auch das wirtschaftliche Moment darf nicht übersehen werden. Den Bedarf an Holz kann die Bundesrepublik Deutschland aus eigener Erzeugung nicht decken und die bisherigen Holzüberschußländer schränken ihren Export ein, nachdem sie ihre eigenen Waldgebiete weit übernutzt haben. Deshalb müssen auch wir alle Anstrengungen machen, um möglichst viel Holz im eigenen Lande zu erzeugen.

Der 13. November 1972 hat vieles vernichtet, was unsere Eltern und Großeltern in schwerer Arbeit aufgebaut haben. Wir werden versuchen, die Wunden zu heilen und einen vielgestaltigen Wald zum Wohle und zur Freude aller wieder aufzubauen.

    zurück zum Seitenanfang