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Wächtersteine und Menhire: Steine verkörpern die GottheitWalter Michaelsen Mit der zunehmenden Erkenntnis des ewigen Wechsels in der Natur zwischen Tod und Leben und dem Bewußtsein seiner eigenen Schwäche und Vergänglichkeit, suchte der Vormensch nach einem Material, das sich demgegenüber durch Haltbarkeit und Beständigkeit auszeichnete. Sehr früh wurden deshalb in allen alten Kulturen Fels und Stein zum Wahrzeichen des Ewigen, ja zum Verkünder überirdischer Kräfte und schließlich selbst zu ihrem Sitz und Symbol. Er, der für die damaligen Menschen noch schlechthin Unvergängliche, mußte insbesondere für die Verstorbenen und bei dem ihnen geweihten Totenkult ein Wahrzeichen ihres Weiterlebens im Jenseits sein, In den erbauten steinernen Grabräumen befanden sich die Toten im Reich der Erdmutter, der Herrin über Tod und Leben und erwarteten ihre Auferstehung. Totenverehrung und Totenopfer, am Gedenkstein dargebracht, brachten den Hinterbliebenen Glück, Gesundheit und Fruchtbarkeit. Die steingebauten Gräber der Ahnen wurden damit zur Weihestätte und Ort eines religiösen Kultes. Ihre Vernachlässigung konnte aber auch Unheil aller Art heraufbeschwören. Diese Entwicklung kann auch zu einer einleuchtenden Erklärung der besonderen Rolle der großen Wächtersteine im Bauplan unserer hiesigen Hünenbetten führen. An ihren Schmalseiten ragen sie als sog."Fassaden" aus der Masse der übrigen Steine heraus, als Wahrzeichen einer einstmals in ganz Westeuropa wirkenden Religion. Die Kraft ihrer Überzeugung gab den Anstoß zum Bau der Großsteingräber (Megalithgräber), wie sie noch heute, nach 4000 Jahren, in den Küstenländern unseres Kontinents erhalten sind. Diese Weltanschauung rechtfertigte die für die damalige Zeit höchste technische Kraftentfaltung bis zum Kolossalen.
Abbildung 1: Visbeker Braut - Steinstich von Ludwig StrackVerglichen mit dem Lichtbild aus der heutigen Zeit, (Abbildung 2) handelt es sich um eine naturgetreue Nachbildung etwa aus dem Jahre 1827, nur daß in damaliger romantischer Übertreibung Mensch und Tier im Vergleich zu den Steinen etwas zu klein gezeichnet sind, um die Mächtigkeit der ganzen Anlage um so stärker hervortreten zu lassen. Unter den vier verschiedenen Formen der Großsteingräber des Oldenburger Landes aus der Jüngeren Steinzeit um 4000 - 2000 v. Chr. haben die Riesensteingräber oder Hünenbetten um ihre eigentlichen Grabkammern langgestreckte rechteckige Einfassungen von großen aufrechtgestellten Findlingen aus Granit und Gneis. Allbekannte Beispiele sind die Hünenbetten "Visbeker Braut" (80 m) und "Visbeker Bräutigam" (105 m). Daneben gibt es noch große Formen mit enganliegender ovaler Einfassung und weiter kleinere Kammern mit oder ohne vorgebauten Eingang. Diese Bauarten sind bei uns wahrscheinlich jünger, (um 2000 v. Chr.). Bespiele: "Hohe Steine" von Wildeshausen (oval eingefaßt) und "Heidenopfertisch" bei Ahlhorn (Kammer ohne Eingang und Einfassung). Zu den eigentlichen Hünenbetten zählen bei uns noch sieben weitere: die "Großen Steine" von Kleinenkneten (zwei nebeneinanderliegende Betten von 50 m und 30 m Länge, 1934 - 1939 ausgegraben), die "Glaner Braut" (zwei Betten, 50 m und 30 m), eins an der Landwehrbäke (Ahlhorner Südsiedlung) und eins bei Bakenhus, einige km nördlich von Ahlhorn. Die beiden letzten sind schon sehr zerstört. Alle sechs finden sich im nördlichen Winkel zwischen der Hunte und ihrem kleinen Nebenfluß, der Aue, offenbar in einem Zentrum der damaligen Besiedlung. Als Letztes sind die "Teufelssteine" von Bischofsbrück (40 m) an der Marka, südlich von Neumarkhausen, zu nennen. Sie sind noch gut erhalten, mit mächtigen Grabkammersteinen, aber von allerlei Gestrüpp überwachsen und wenig gepflegt. Die hier wohl alle noch vorhandenen Einfassungssteine sind z. T. umgefallen oder umgestürzt. Ohne der späteren Erforschung zu schaden, würde sich hier die Wiederaufrichtung lohnen. Damit würde man der dortigen landschaftlich sehr schönen Gegend ein zusätzliches Wanderziel verschaffen, zumal sich in der Nachbarschaft noch mehrere kleinere Ganggräber befinden. Hünenbetten dieser Art kommen verstreut im ganzen weiteren Bereich der Megalithkultur in Westeuropa vor, insbesondere in den Küstengebieten von Holland, Dänemark, Südschweden, Norwegen, England, Schottland, Irland, Frankreich, Portugal und Spanien. Wegen ihrer verhältnismäßig guten Erhaltung haben die Oldenburger Denkmäler europäische Berühmtheit.
Abbildung 2: Visbeker Braut heute, mit mächtiger FassadenreiheFassaden und Wächter.Als Besonderheit fallen bei allen diesen Langbetten die riesigen aufrecht-stehenden Steinblöcke an den Schmalseiten der Einfassungen auf. Hier zu vier oder fünf in sogenannten Fassaden zusammengefaßt, überragen sie die Blöcke der Langseiten oft bedeutend. Seit altersher nennt man sie "Wächter". Bei uns kennt jeder die vier fast gleichgroßen aufrecht stehenden Blöcke an der Westseite der Visbeker Braut. (Abbildung 2), jeder von ca. 3 m sichtbarer Höhe und schätzungsweise 11 t Gewicht. Der Visbeker Bräutigam hatte ursprünglich wohl fünf Wächter von je 2,6 m Höhe, davon sind heute drei umgefallen, zwei stehen noch, darunter der größte, der sog. Bräutigam der Sage. Nach meiner Kenntnis des Vorkommens dieser Geschiebeblöcke im Moränenschutt des abgeschmolzenen Inlandeises, kommen Findlinge von dieser Größe bei uns auf der Erdoberfläche freiliegend nur selten vor. Im Eis eingefroren, wurden sie aus Südschweden, Bornholm und Finnland bis zu uns hertransportiert und blieben verstreut liegen, wie es der Zufall wollte. Ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem tiefer anstehenden Gestein werden sie deshalb auch Irrblöcke - erratische Blöcke - genannt. Nach den Grabbauüberlieferungen der aus Südeuropa einwandernden Steinzeitleute mußten diese Findlinge bei uns das einzige Baumaterial für die großen Gemeinschaftsgräber abgeben und deren Vorkommen begrenzen, wenn an Ort und Stelle kein brauchbarer Fels anstand. Nach langwieriger Suche in weiter Umgebung und Planung wurden die passenden Blöcke ausgewählt und mußten dann wohl oft aus weiter Ferne herangeschleift werden. Man stelle sich vor, man wollte heute aus dem vorhandenen Blockmaterial ein Steingrab von der Größe des Bräutigams bauen! Das wäre mit den damals gegebenen technischen Möglichkeiten selbst für uns heute eine kaum vorstellbare schwierige Leistung. Zum Vergleich: Bei unserer Bergung des großen Gedenksteines für die Gefallenen der Hindenburgschule mußten nacheinander drei schwere Bergungsfahrzeuge der Bundeswehr mit Motorwinden eingesetzt werden, um ihn aus einem Garten der Rauhehorst aus 1 m Tiefe über weiches Gelände etwa 100 m weit zur nächsten Straße zu ziehen. - Der Vatikanische Obelisk auf dem Petersplatz in Rom, Ende des 16. Jh. aufgestellt, erforderte nach Bericht den Einsatz von 800 Mann und 70 Pferden. Die Erbauer der Hünengräber mußten bei ihrer Wanderung von Südwesten her die überlieferten Bauformen dem örtlichen Materialangebot anpassen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ist es deshalb wohl nicht abwegig, von nur einer architektonischen Möglichkeit zu sprechen. Dasselbe gilt auch von dem Bau des Visbeker Bräutigams und entsprechend auch für die andern Oldenburger Langbetten. Ihr Bautyp blieb dabei stets derselbe, wenn sie auch bei abnehmenden Materialvorräten nicht mehr die Größe der beiden ersten Bauten erreichen konnten. Immer ist bei den Steinen der Einfassungen die beim Gletschertransport über den vereisten Untergrund flachgeschliffene Unterseite nach außen gesetzt, bei den Trägern der Kammer aber nach innen, je nach dem Zweck. Zu einer eindrucksvollen Mauer rings um den künstlichen Erddamm gefügt, sollte die Einfassung nach außen freistehend, das mit Erde hochaufgefüllte Rechteck mit der eingeschlossenen Grabkammer und dem vorgebauten Eingang schützen. Die Kammer aber, mit ihrem 1,50 m hohen Grabraum von ca. 9 x 3 m brauchte für ihre glatten Innenwände die flachen Steinseiten. Die verbleibenden Lücken zwischen den rundlichen Blöcken wurden bis oben hin mit einer fest-gestopften Trockenmauerung aus plattig geschlagenen Steinen ausgefüllt, aber nur nach außen sorgfältig. - Man beachte einmal die schnurgerade gesetzte Einfassungsmauer bei dem ausgegrabenen und wiederhergestellten größeren Grab von Kleinenkneten! Ein schmaler Eingang in der Mitte der Südseite mit einem passenden Verschlußstein, führte durch einen kurzen gedeckten Gang über einen zugehauenen Schwellenstein in die etwas tiefer liegende Grabkammer. Diese war mit ihren meist besonders großen Deckplatten ursprünglich wohl ganz oder doch bis an die Oberfläche im Erddamm verborgen. Würden die fünf großen Wächter des Visbeker Bräutigams noch heute in geschlossener Reihe stehen, so würden sie eine ähnlich eindrucksvolle Fassade bilden, wie die vier der Braut. Ohne Schaden für eine spätere Erforschung sollte man, um des richtigen Eindrucks willen, hier die drei umgefallenen Steine wieder aufrichten. Diese mit langen Hebebäumen nicht schwierige Arbeit haben wir bei den Wiederherstellungsarbeiten in Kleinenkneten mit ein paar Leuten des öfteren ausgeführt. Die beiden Fassadenreihen von Braut und Bräutigam ragten aus den Reihen der übrigen Einfassungsblöcke sowohl nach Form und Größe deutlich heraus, sie waren deshalb für den sicher beabsichtigten Eindruck, als neuartige und achtunggebietende Kultbauten, bei den religiös zu gewinnenden Einheimischen besonders geeignet. Die damit erstmalig geschaffenen Weihe- und Totengedenkstätten waren bei dem begrenzten Steinvorrat baulich nur einmal möglich und darum später in gleichwertiger Großartigkeit nicht zu wiederholen. Aus diesem Grunde dürfen wir auch folgern, daß sie in unserem Raum mit zu den ältesten Denkmälern der Megalithkultur gehören. Das sollte unseren Denkmalschutz besonders verpflichten.
Abbildung 3: Kirche in HuntlosenDie Christianisierung des europäischen Westens um 3 Jahrtausende später zeigt in ihrem ursprünglichen Kirchenbau verblüffende Ähnlichkeit der Grundform: Wächterfassade, - Turm, Langbett-Kirchenschiff, Grabkammer-Krypta. Möglicherweise wurden von der neuen Religion die überlieferten Formen bewußt übernommen und überhöht, um die Überlegenheit und Macht des Christentums auszudrücken. (Abbildung 3) Noch jahrtausendelang hafteten "heidnische" Sitten und Gebräuche an den alten Totenkultstätten der Vorzeit. Sie wurden, um die Ohnmacht der alten Götter zu beweisen, hier und da für christliche Verehrung umgebaut, so besonders häufig in der Bretagne, wie es z. B. der Menhir christianisé von St. Duzec (Abbildung 4) zeigt. Auch die bekannten Rundkirchen von Bornholm wurden nachweislich auf dem Fundament großer Rundgräber der Bronzezeit aus Findlingen (roeser) erbaut noch um 1100 n. Chr. und haben deren runde Form übernommen. ![]() Abbildung 4: Menhir von St. Duzec, Bretagne - mit dem Gekreuzigten über heidnischen Gottheiten, Sonne und Mond. Darunter die Folterwerkzeuge. |
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