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![]() GeborgenheitHans Schmidt Eine Erinnerung möge dazu dienen, deutlich zu machen, um was es mir geht. Als ich vor Jahren - wie so oft - eines Wintertages aus dem Blockhaus zurückfahren wollte, war ein Schneesturm aufgekommen und ich blieb mit meinem Wagen auf dem freien Feld zwischen Wald und Straße in einer Schneewehe stecken. Es war schon dunkel geworden und die jungen Menschen, denen ich einen Vortrag gehalten hatte, hatten mich gewarnt und vorgeschlagen, ich möchte lieber die Nacht im Blockhaus bleiben. Der Wagen ließ sich weder vorwärts noch rückwärts bewegen. Ich mußte aussteigen und den Weg ins Blocklaufen. Dort traf ich die Gruppe versammelt mit Frau Professor Ramsauer am Kaminfeuer sitzen - ein Bild der Geborgenheit. Gewiß, dies war keine lebensgefährliche Situation, die jungen Menschen halfen mir, ich konnte an diesem Abend noch weiterfahren. Dies sollte auch nur ein Bild sein für die Ausgesetztheit, in die wir immer wieder kommen können - nicht nur durch Naturgewalten, nicht nur durch den Krieg und durch Unglücksfälle, sondern auch durch Einsamkeit, durch schwere Krankheit, durch ein Flüchtlingsdasein, in der Gastarbeiterexistenz. Vielleicht weiß man auch nur von dieser Ausgesetztheit her etwas von der wohltuenden Wärme, von der Geborgenheit. Dabei wissen wir, daß diese Geborgenheit immer nur eine vorübergehende ist, aus der wir jeden Tag neu heraus müssen in all die Gefahren, von denen unser Leben umstellt ist. Geborgenheit, wie ich sie mir denke, gibt es sicher nicht ohne Glauben an Gott. Da fällt mir das Wort ein: "Es kann mir nichts geschehen, als was Er hat ersehen und was mir selig ist." Oder ich denke an das Wort aus dem Propheten Jesaja: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Ohne dieses Aufgehobensein durch eine alle Verlassenheit und zugleich alle Versuche des Heimischwerdens übergreifende große göttliche Liebe scheint mir eine Geborgenheit nicht möglich zu sein. Auch Heimat ist ja nicht nur durch die Gestalt der Landschaft, des Hauses oder durch die Eltern und Geschwistern, die uns umgeben, der Ort, an dem wir uns wohlfühlen. Auch ohne Schwärmerei und ohne, daß man sich die Heimat zum Götzen werden läßt, muß sie gesehen werden im Lichte des himmlischen Vaters. Was in dem Auferstehungslied "Christ ist erstanden von der Marter alle" steht, halte ich für real richtig: "Wär' er nicht erstanden, so wär' die Welt vergangen". Und wenn ich irgendwo eine Heimat habe, wird sie mir dadurch Geborgenheit geben, daß ich immer wieder beten darf: "Du wertes Licht, gib uns deinen Schein". Aber Geborgenheit gewinnen wir nicht für uns und andere, indem wir ein Gotteswort nur ausrufen wie etwa zur Weihnachtszeit: "Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude". In dieser selben Geschichte lesen wir von Maria, daß sie die Worte der Hirten und das Geschehen der Geburt "zusammendenkt", im Luthertext heißt das: "im Herzen bewegt". Dieses Zusammendenkenkönnen von Gottes tröstlichem Wort und unserer Bemühung um Heimat und Geborgenheit ist doch wohl nötig, um jemanden aus der schrecklichen Ausgesetztheit des Lebens zu befreien. Mir sagte einmal jemand, der in eine andere Wohnung gezogen war, als ich ihn fragte, ob er sich darin heimisch fühlte: "Wir müssen erst darin Weihnachten feiern". Damit meinte er doch wohl nicht nur das Fest mit seinen Gaben und dem Festessen, sondern: wir müssen darin erst die Zusagen Gottes an uns recht gehört haben. Man könnte es auch so sagen: wir müssen immer aufbrechen aus der Wohnung, um ins Gotteshaus zu gehen, und ich meine das jetzt ganz wörtlich; denn wir Menschen kommen ohne das Räumliche, das zugleich Wirkliche und Bildhafte nicht aus, und wir müssen vom Gottesdienst zurückkommen in unser Heim, in diese immer neue Geborgenheit. Aber nun muß es im Haus auch Menschen geben, die alle Kräfte anspannen, um es dem anderen gemütlich und freundlich zu machen, so daß man sich wohlfühlen kann. Alle Beteiligten müssen sich mühen, daß aus der zufälligen Wohnung, aus der augenblicklichen Behaglichkeit eine Geborgenheit wird. In dieser Geborgenheit sind wir nicht geschützt gegen Krankheit und Tod. Es kann morgen einer von uns aus einer Gemeinschaft, aus einem geborgenen Leben herausgeholt werden. Daher muß man um der Geborgenheit willen den Satz aus dem Hebräerbrief hinzunehmen: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir". Ohne diese kühne Einbeziehung des Todes in unser Leben, die uns nur möglich ist in der Nachfolge des auferstandenen Herrn, könnten wir die "Geborgenheit" nicht durchhalten, wenn uns der Tod einen lieben Menschen nimmt, an dessen Seite wir uns gerade geborgen fühlten. Aber Gott will, daß wir uns hier auf Erden in aller Gelassenheit und im großen Vertrauen seiner Geborgenheit überantworten. Sonst könnten wir auch nicht einen Tag leben, und sonst dürften wir das Leben nicht weitergeben. |
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