Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1973: Blockhausbrief Nummer 18

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Geborgenheit
Ahlhorner Gespräche
Wächtersteine und Menhire: Steine verkörpern die Gottheit
13. November 1972
"Die Jugend von heute" - viele einzelne
Schülerarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Konfirmandenrüstzeit
Der Sturm
Was sollen Rüstzeiten heute?
Singrüstzeiten im Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 11.11.1972 bis 16.11.1973
 

Ahlhorner Gespräche

Versuch einer Deutung theologischer Gespräche, die von 1948 an im Blockhaus stattgefunden haben.

Von Hans Schmidt

Am Seeufer

Jeder Blockhausbrief versucht ein wenig bewußt zu machen, wozu dieser Ort zwischen Wald und Wasser im Laufe der Jahre gedient hat und wozu er weiter dienen kann. Daß das Blockhaus in erster Linie ein Ort sein soll, in dem unsere Jugend in ernster Arbeit und fröhlichem Spiel die Werte finden kann, die sie für ihr Leben braucht, bleibt für uns alle ausgemacht. Aber von Anfang an hat dieses Haus auch der Begegnung gedient zwischen den Generationen, und außerdem haben die Theologen unserer Kirche sich gern hierher zurückgezogen, wenn es galt, schwierige theologische Fragen zu beantworten.

In diesem Heft soll einmal berichtet werden von den sogenannten Ahlhorner Gesprächen, die eine zeitlang eine Anzahl von Theologen unserer Kirche zu einem aufregenden und hoffentlich auch ein wenig klärenden Gespräch zusammengeführt haben. Wenn ich auf die Programme jener Tage und die Verhandlungsniederschriften zurückblicke, dann geht es mir nicht um eine historische Begebenheit, die nur damals ihren bestimmten Stellenwert hatte. Ich meine vielmehr, daß an dem, was damals geschah, auch heute noch vieles abgelesen und gelernt werden könnte. Um was ging es eigentlich?

Wir hatten uns in unserer Oldenburgischen Kirche nach dem zweiten Weltkrieg in einer völlig anderen Besetzung wiedergefunden als wir 1939 auseinandergegangen waren. Es waren nicht nur eine Reihe von Brüdern gefallen und eine Anzahl von Pastoren aus den Ostprovinzen, die der Krieg hierher verschlagen hatte, bei uns geblieben; es war auch eine ganz andere Kirchenleitung entstanden, in der kein einziger aus der vergangenen Zeit mehr vorhanden war. Nachdem die Kirche sich äußerlich konsolidiert und durch eine neue Synode eine gesetzgebende Körperschaft gebildet hatte, ging es um die Frage, was soll in dieser Kirche geschehen, was soll gepredigt werden, wie wollen wir miteinander Gottesdienst halten? Hat sich durch die Herausforderung vom Nationalsozialismus her und durch die Katastrophe im Jahre 1945 nicht alles geändert, so daß man nicht mehr anknüpfen kann an das, was vorher war? Die Besatzung, die den ersten Oberkirchenrat nach dem Kriege bildete und die durch die erste Synode im Herbst 1945 installiert war, war durch Qualität und Entschlossenheit wohl geeignet, neue Wege für die Predigt des Evangeliums aufzuzeigen. Heinz Kloppenburg, der entscheidende Mann im Landesbruderrat der Bekennenden Kirche, hat damals zwei ungewöhnlich tüchtige und begabte Leute herangeholt, die sich bereitfanden, an der Neubildung unserer kirchlichen Arbeit mitzuwirken. Das waren Wilhelm Stählin und Hermann Ehlers. Der eine wurde Bischof, der andere juristisches Mitglied im Oberkirchenrat.

Mit Heinz Kloppenburg zusammen bildeten sie ein bedeutsames Triumvirat. Als dann noch etwas später Edo Osterloh, zuletzt Kultusminister von Schleswig-Holstein, hinzukam, war die Zusammenballung geistiger Kräfte fast zu stark für unsere kleine Landeskirche. Aber ich möchte an dieser Stelle einmal dankbar aussprechen, was hier unter der Initiative dieser vier nach 1945 bei uns geschehen ist, kann man mit dem besten Willen nicht als Restauration bezeichnen. Hier ist ein Aufbruch geschehen, der unmittelbar anknüpfte an die Antworten, die die Bekennende Kirche im Kampf mit dem Nationalsozialismus gegeben hatte, und der in großer Wachheit versucht hat, das Evangelium von Jesus Christus für die Menschen, die sich nach 1945 aus der Katastrophe zusammenfanden, in theologischer Begreiflichkeit, im gottesdienstlichen Geschehen und im Unterricht neu erkennen zu lassen.

Literarisch am stärksten hat bei diesem Neubau Bischof Stählin gewirkt. Er hat nicht nur Predigthilfen gegeben. Ein großer Teil der in vier Bänden vorliegenden Texterklärungen ist hier Woche für Woche entstanden. Er hat auch Vorschläge gemacht für die Gestaltung des Gottesdienstes, die dann später in langen Verhandlungen und Synodalsitzungen als verbindliche Ordnungen herausgegeben wurden. Er hat auch Entwürfe gemacht für den Unterricht in der Schule und für die Konfirmanden. Wie es nicht anders sein konnte, hat er seine theologische Überzeugung ausgesprochen innerhalb der genannten Arbeiten, aber auch in Gesprächen. Daß dieser kirchlich so besonders geprägte Mann nicht nur dankbare Abnehmer, sondern auch erheblichen Widerstand gefunden hat, ist eigentlich selbstverständlich. Seine theologischen und kirchlichen Überzeugungen waren in einer imponierenden Weise das Ergebnis seiner eigenen intensiven Arbeit, die sich ganz besonders im Kreis der Berneuchener interessierte und leidenschaftliche Hörer geschaffen hatte. Hermann Ehlers sowohl als auch Heinz Kloppenburg und Edo Osterloh kamen unmittelbar aus den Traditionen der Bekennenden Kirche, zu der Stählin anfangs auch gehört hatte. So mußte es notwendigerweise zu Befragungen kommen, zu unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und dann auch dazu, daß bezweifelt wurde, ob Stählin bei seinem theologischen Konzept wohl in Übereinstimmung sei mit den Reformatoren. Diese Übereinstimmung war uns damals so wichtig, weil wir im Kirchenkampf erfahren hatten, welche Hilfe die Antworten aus Luthers Schriften, aber auch aus den Bekenntnissen der Reformation denen erwuchs, die im Bekenntniskampf gegen deutschgläubige Irrlehre und ihre Mischformen standen. So kam es damals Anfang des Jahres 1948 zu einem Brief an Bischof Stählin, den ich im Namen des Landesbruderrates, den es damals noch gab, an ihn richtete. In diesem Brief, der deswegen aus einer großen Not geschrieben war, weil der Verfasser mit großer Dankbarkeit die starken Anregungen durch Wilhelm Stählin miterlebt hatte, wurde dem Bischof vorgeworfen, daß er sich "unmerklich den articulus stantis et cadentis (den Artikel, mit dem die Kirche "steht und fällt") habe aus der Mitte verrücken lassen". Dieser articulus ist nichts anderes als die reformatorische Rechtfertigungslehre. Und es wurde gesagt, daß, wenn diese Lehre nicht mehr Mitte und Grenze geistlicher Verkündigung sei, alles falsch werden müsse. Und so ergaben sich aus diesem Vorwurf verschiedene Themen, die bei den Ahlhorner Gesprächen behandelt werden mußten. Es war das erstens die Frage, was "Rechtfertigung und Heiligung" bedeuten, zweitens, was wir unter dem "Wort Gottes" zu verstehen haben und ob es außer dem Hören des Wortes Gottes noch andere Möglichkeiten des Innewerden göttlichen Willens gibt. Und drittens tauchte die Frage auf, ob man die Kirche hier auf Erden als ein Abbild der triumphierenden himmlischen Kirche ansehen könne oder ob diese Kirche der sehr schlichte menschlich gestaltete Raum in der Welt sei, in der Menschen zum Hören, Beten und Lobpreis Gottes zusammenkommen. Viertens sollte die "Lehre vom Amt" untersucht werden und endlich tauchte die Frage auf, was denn eigentlich "Bekennende Kirche" mit ihrer Geschichte und ihren gegebenen Antworten, z. B. die Barmer Erklärung von 1934, für unser weiteres kirchliches Handeln bedeuten könnte.

Es ist der EKiD vorgeworfen worden, sie habe sich als ganze und in ihren Gliedkirchen nach den neuen Erkenntnissen im Kirchenkampf und nach bestimmten damals notwendigen Ordnungen wieder der Restauration ergeben und habe hoffnungsvolle Ansätze nicht ausgebaut. Dieser Vorwurf wird sicher nicht ganz unberechtigt sein; denn es bedarf schon einer starken Motivation, um die Last einer jahrhundertelangen Tradition zu überwinden. Auf der anderen Seite hatte der Kirchenkampf dazu geführt, Tradition nicht nur als Last zu empfinden. Es war der Bekennenden Kirche von den Bekenntnissen der Reformation und von einem eifrigen Studium Luthers und Calvins eine Fülle von Erkenntnissen zugewachsen, ohne die sie den Kampf gar nicht hätten durchstehen können.

Was den Ahlhorner Gesprächen thematisch zugrundelag und in ihnen notvoll genug verhandelt wurde, ist ohne Frage die Mitte der christlichen Botschaft, wonach zu fragen jederzeit neu aufgegeben ist. Die Durchsicht der Protokolle, ja schon die Themenbezeichnungen in den Einladungen zu den einzelnen Sitzungen zeigt etwas von der tastenden Unsicherheit, mit der man sich auf diesem Felde bewegte. Ich meine aber, daß an diesen Ahlhorner Gesprächen, die allmählich auch von Vertretern der Synode mitgeführt wurden, nicht eine restaurative Tendenz abgelesen werden kann. Restaurativ wäre es gewesen, wenn man sich einer bestimmten Form liberaler Theologie oder auch einer Orthodoxie des 19. Jahrhunderts oder einer bestimmten Kirchenform der lutherischen oder reformatorischen Geschichte verschrieben hätte. Es ging aber ja darum, die Mitte der Verkündigung wiederzuentdecken. Darum ist vom Wort Gottes, vom Amt der Kirche, von der Gestalt der Kirche selber, vor allem aber von Rechtfertigung und Heiligung die Rede. Überall, wo so gefragt wird, streckt man sich nach dem aus, was in der Bibel "neu" genannt wird. ("Siehe, es ist alles neu geworden") An dieser Stelle (2. Kor. 5,17) ist die Thematik genannt, um die es jeder Generation gehen muß, wenn sie nicht alte vergangene Kirche den Menschen ihrer Zeit anbieten will. Der ganze Vers lautet: "Darum ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden."-

Bei der Neubesinnung auf den Inhalt der Verkündigung nach 1945 war die Aufgabe gestellt, einer in ihrem Zutrauen auf verläßliche Lebensgrundlagen zutiefst erschütterten Menschheit etwas an die Hand zu geben, womit sie sich als die Überlebenden ein neues Dasein einrichten könnten. Es galt außerdem, die in der Evangelischen Kirche zerstrittenen Gruppen der deutschen Christen, der Neutralen und Bekennenden Kirche zusammenzuführen. Wir hatten in Oldenburg die Chance zu einem guten Neubeginn, weil Bischof Stählin, abgesehen von seiner großen Fähigkeit des Ausdrucks und der Vermittlung von Erkenntnissen, in der Berneuchener Bewegung Erfahrungen bruderschaftlichen Lebens in Gottesdienst, Verkündigung und Seelsorge gesammelt hatte. Er war zwar aus lokalen Gründen in Münster aus der Bekennenden Kirche ausgeschieden, war aber wahrscheinlich gerade deshalb ein unentbehrlicher Gesprächspartner. Ich hatte in dem Anschreiben zu dem ersten Ahlhorner Gespräch das am 1.11.1948 stattfand, Bonhoeffers Satz zitiert: "Wer sich von der Bekennenden Kirche trennt, trennt sich vom Heil". Das stand im Zusammenhang mit dem gegen Stählin erhobenen und oben erwähnten Vorwurf, er habe sich die reformatorische Rechtfertigungslehre aus der Mitte verrücken lassen. Es ist hier jetzt nicht wichtig, diesen Vorwurf aus der umfangreichen Literatur, die Stählin selbst zur Verfügung stellt, zu begründen. Es geht mir auch nicht darum, mit diesem Satz Recht zu behalten. Wir haben in den mühsamen Gesprächen gemerkt, wie schwierig ein wirklicher Dialog um diese Dinge ist. Es geht mir auch nicht um reine Historie, d. h. um Nachzeichnung dessen, was damals durch Jahre hindurch in diesen Gesprächen an gemeinsamer Erkenntnis oder an Gegensätzlichkeiten zu Tage gefördert wurde. Es ist mir vielmehr die Tatsache wichtig, daß es heute nach ca. einem viertel Jahrhundert in unserer Kirche im Grunde um dieselbe Frage geht, und zwar um dieselbe Frage in Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche, aber auch mit verschiedenen Gruppen im evangelischen Bereich. In einer Disputation sagt Luther: "Der Artikel von der Rechtfertigung ist Meister und Fürst, Herr, Lenker und Richter über jegliche Art von Lehre, er bewahrt und lenkt alle kirchliche Lehre und richtet unser Gewissen vor Gott auf. Ohne diesen Artikel ist die Welt schlechthin Tod und Finsternis". So ähnlich hat sich Luther häufig geäußert, und es ist doch wohl ein Verhängnis für unsere Kirche gewesen bis auf den heutigen Tag, daß wir ihm diese Aussage im Grunde nicht geglaubt haben. Um uns schnell in Erinnerung zu rufen, um was es eigentlich geht: In den Schmalkaldischen Artikeln, die ja Luther selber zum Verfasser haben, ist an zwei Stellen von der Rechtfertigungslehre die Rede. Einmal unmittelbar im Anschluß an das Bekenntnis zu dem Dreieinigen Gott und ganz am Schluß nach der Bestimmung des Wesens der Kirche und vor einer letzten Abweisung besonderer mönchischer Heiligkeit und der Möglichkeit, durch Erfüllung von Menschensatzungen selig zu werden. Hier handelt es sich um die Rechtfertigungslehre im engeren Sinne, daß nämlich Gottes Barmherzigkeit um Christi willen, daß "der Mensch ganz, beide nach der Person und seinen Werken gerecht und heilig heißen". "Werke" bewirken nicht die Rettung, sondern sind - freilig notwendige - Folge des Glaubens.

Zu Beginn der Schmalkaldischen Artikel dagegen wird die Rechtfertigung als "der erste und Hauptartikel" unter dem Stichwort "Christus allein" behandelt. Und hier tauchen die bekannten Äußerungen auf: "Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will .... auf diesem Artikel steht alles, was wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben. Darum müssen wir des gar gewiß sein und nicht zweifeln. Sonst ist's alles verloren und behält Papst und Teufel und alles wider uns den Sieg und Recht". Warum hat Luther mit solcher Ausschließlichkeit und Leidenschaft dieses "Christus allein" ausgerufen, so sehr, daß der Papst als das Haupt seiner bisherigen Kirche an die Seite des Teufels geriet? Weil er aus der heiligen Schrift ("die Schrift allein") und durch den vom verkündigten Wort bewirkten Glauben ("Glaube allein") alles nur als Gnade in Christus ("Gnade allein") erfassen konnte. Darum wird auch für ihn der Mensch erst zum "Bilde Gottes" durch die göttliche Rechtfertigung.

Ich habe von dem Thema der Rechtfertigung, gerade wie sie in den Schmalkaldischen Artikeln in Erscheinung tritt, so ausführlich gehandelt, weil ich meine, daß dies der eigentliche Inhalt der Ahlhorner Gespräche und aller folgenden Diskussionen gewesen ist. Daß Gottes Gerechtigkeit, die seine bleibt, auch wenn er sie uns zuspricht, daß Gottes heiliger Geist seiner bleibt, auch wenn er uns mitgeteilt wird, ist die wesentliche Erkenntnis. Christus selbst ist die Person des neuen Menschen. Und darum wird Kirche nie eine Anstalt, die die Menschen in die Hand bekommen und mit der sie sakramental umgehen können. Darum gibt es kein Amt in dieser Kirche, das nicht beständig von Christus her neu empfangen werden müßte. Es gibt aber auch keinen Gottesdienst, in dem die feiernde Gemeinde nicht buchstäblich abhängig wäre davon, daß Gott sein Wort in seiner Gemeinde wirksam werden lassen will. Und zugleich gibt es keine rechte Wahrnehmung der Aufgaben in der Welt und der Pflichten gegenüber dem Nächsten, wo nicht "Rechtfertigung" geglaubt und angenommen wird. Daß es hier nicht um ein theologisches "Glasperlenspiel" geht, das den Theologen in einer gewissen Narrenfreiheit erlaubt wird, weil sie ohnedies nichts Vernünftiges für das Leben ausrichten, mag erkannt werden an der furchtbaren Rolle, die die Selbstrechtfertigung für den "homo religiosus" im Christentum und den von dorther negativ oder positiv beeinflußten Ideologien gespielt hat. Von der Tragödie des sich beständig selbst rechtfertigenden Menschen braucht nicht einmal gesprochen werden.

Deshalb hat Luther damals so heftig gegen die Gesetzlichkeit der römischen Kirche und gegen das Schwärmertum mit seinen sozialen Begleiterscheinungen gestritten, weil hier wie dort unter Anrufung Gottes seine Gnadentat verachtet wurde. Damit wird der Ernst auch unserer Situation deutlich, damals zur Zeit des Nationalsozialismus und des Wiederaufbaus nach 1945 und in unserer gegenwärtigen notvollen theologisch-kirchlichen Lage. Bei den Ahlhorner Gesprächen von 1949 bis etwa 1953 ist viel guter Wille auf allen Seiten gewesen, und es ist auch viel Richtiges ausgesprochen. Nur zu einem Durchbruch evangelischer Wahrheit und einem durch diese Wahrheit Geeintwerden ist es nicht gekommen. Darum sind auch in unserer Oldenburgischen Kirche die Spuren der Restauration unverkennbar, und es wundert mich nicht, daß unsere theologische Jugend das Wesen des "Neuen", einfach Verbindlichen, nicht zu sehen bekommt. Auf dem Wege der liberalen Theologie, in der Jesus als sittliches Ideal oder Vorbild erscheint, wird allerdings der Durchbruch nicht gelingen. Auch der "revolutionäre" Jesus von Nazareth, der uns angeblich auffordert, umstürzend die Gesellschaft im Sinne eines noch so guten Sozialismus zu verändern, hat nichts zu tun mit dem "gepredigten Christus", dem "Christus für uns", den die Reformatoren meinten. Freilich hilft auch nicht eine neue Orthodoxie mit starren dogmatischen Festlegungen; denn das Wesen der Rechtfertigung ist ja gerade, daß von dieser Christus-Mitte her alle dogmatischen Aussagen neu befragt werden. Es hilft uns auch kein Ausweichen auf eine allgemeine Gottesfrage oder gar die Frage nach wissenschaftlich belegbaren religiösen Möglichkeiten. Die christliche Welt wird nur wirksam bleiben, wenn sie das "Christus allein" neu und lebendig versteht.

Ich habe damals die Ahlhorner Gespräche durch meinen Brief an Bischof Stählin verursacht, ich habe mir davon ein neues Begreifen der "Mitte und Grenze reformatorischer Theologie" (E. Wolf) erhofft. Diese Hoffnung hat sich ebensowenig erfüllt wie die Hoffnung der gesamten lutherischen Welt auf eine gültige Aussage der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Helsinki 1963 hinsichtlich der zentralen Formel lutherischen Glaubens, eben der Rechtfertigung.

Nach meiner Überzeugung wird keine der Kirchen der Welt noch Wesentliches zu sagen haben, wenn es ihnen miteinander nicht gelingt, den Artikel von der Rechtfertigung für sich selber Mitte sein zu lassen und in seinem Sinne zu den Menschen von heute verstehbar zu reden. Ich sehe junge, begabte Theologen in redlichem Bemühen so viel tun, um die auch von ihnen geliebte Kirche und ihren Auftrag den Menschen nahezubringen. Sie sollten ihre ganze Kraft wenden an das Verstehen und Verständlichmachen dessen, was in den Schmalkaldischen Artikeln als der "erste und Hauptartikel" genannt wird. Dann braucht man nämlich über alles andere, was Amt, Kirche, Gottesdienst, Seelsorge, Sozialarbeit betrifft, nicht mehr so hoffnungslos zu streiten, wie es in den Ökumenischen Gesprächen, aber auch in der eigenen Kirche geschieht.

Ich meine, ich hätte auf diese Weise besser über die damaligen theologischen Gespräche im Blockhaus Ahlhorn berichtet, als wenn ich eine Zusammenfassung der sehr fleißigen Sitzungsprotokolle gegeben hätte.

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