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13. November 1972Dr. Suhling I.Der Abend war ruhig gewesen, pastellener Himmel. Einige hatten im Hüttenlager im Leiterzimmer gesessen und diskutiert und einen Grog getrunken, andere in der Scheune am Kamin und am Feuer geschwiegen. Rolf von der Dovenmühle war gekommen und hatte gebeten, ordentlich aufzuräumen, bevor wir abreisten, wie er das immer tut. Unversehens war er am Erzählen; in Helgoland war alles nicht mehr so wie früher, außer auf der Düne, wo man noch - und wie er auf dem Hansadampfer im Indischen Ozean in einem Orkan war. Ganz klein wird man, sagte er, wißt ihr, da fragt man sich, was der Mensch ist, sagte er, und die jungen Leute nickten und dachten, na, der Alte, natürlich so'n Alter, und Erzählen kann er, sagte Jens, aber ob's stimmt? So was müßte man mal erleben, sagte Bernhard, aber immer nur Schule - Dann noch mit einigen einen Gang um den See. Morgen würden wir nicht durchregnen wie am Freitag auf dem Weg vom Bahnhof zum Blockhaus, meinte Petra. Schade, daß wir nicht wirklich mal einschneien oder so was, sagte Jochen, es ist doch ihr Traum, sie haben es gesagt auf dem Herweg, aber nun müssen wir morgen wieder zurück, schade. Ja, sagte ich, schade, kein Vorwand. Können wir nicht einfach einen Tag länger bleiben? Na, die Aufregung, sagte ich, stell dir das mal vor, die Eltern, und überhaupt. II. Aufwachen, als Regen ins Gesicht schlägt. Das Fenster ist aufgesprungen. Ein Blick auf die Uhr: halb sieben. Noch viel Zeit bis zum Frühstück. Im Halbschlaf aufstehen und das Fenster zumachen. Im Nachbarhaus ist alles so ruhig. Ganz schön kalt, so am Morgen. Plötzlich das Gefühl, daß das Dach weggetragen wird. Erst ein leises Pfeifen, dann ein breites Rauschen. Ächzen und Stöhnen im Holz. Vorbei, bis die nächste Welle kommt, unter der sich das Haus wieder zu ducken scheint. Die Birken biegen sich unter dem Druck. Lieber mal nach dem Rechten schauen. Sich anziehen. Rasieren. Kein Strom. Die Nachtlampe draußen ist erloschen. Nebenan ist Ole aufgewacht, als einziger. Haben Sie die Birke gesehen, die eben durch die Luft gesegelt ist? sagte er. Waagerecht. Komm mit, sage ich. Gehn wir mal gucken. Sehn Sie mal da drüben, sagt Ole. Die schöne klare Linie der Bäume jenseits der Teiche ist unterbrochen. Ole, sage ich. Das ist 'n Kuhsturm, sagt Ole. Merken Sie das? Das ist alles kaputt da drüben. Alles weg. Abgeknickt. Hätten Sie das gedacht? Da haben wir ganz schön Glück, daß das Personalhaus den Druck abfängt, sage ich. Sonst wären wir längst weggeflogen. Das ist 'n Orkan, das hier, sagt Ole. Vor dem Gästehaus steht eines von den Küchenmädchen. Eine von den großen Fichten auf dem Weg zum Haupthaus ist umgeknickt. Kann man sich so was vorstellen? Gucken Sie sich das mal an! Im selben Augenblick wird eine Fichte ein paar Meter vor uns zur Hälfte abgedreht und fällt aufs Dach. Gehen Sie ins Haus rein, um Gottes willen, ruft Rolf von der Dovenmühle. Und halten Sie Ihre Jungs drinnen. Draußen hat keiner was zu suchen. Die pennen noch alle, sage ich. Um so besser. Wir laufen rüber zum Haupthaus. Ob die Dächer noch heil sind, frage ich. Ich zeige Ihnen was, sagt Rolf von der Dovenmühle. Kommen Sie. Wir gehen ins Büro. Die Nadel des Barometers zeigt senkrecht nach unten. Haben Sie sowas schon mal gesehen? sagt er. Wir sind mitten drin. Genauso, wie Sie uns das gestern abend erzählt haben, vom Indischen Ozean, sagt Ole. Und dann meinen die Bengels, das gibt's gar nicht und man ist 'n alter Spinner, sagt Rolf von der Dovenmühle. III. Als wir zu den Hütten zurückkehren, sind immerhin einige wach. Die geben dauernd Sturmwarnungen durch, sagt Gernot. Der Morgenunterhalter von Radio Bremen macht seine Witze. Eben ist ein Dackel durch die Luft geflogen. Aufpassen, daß einen die Ascheneimer nicht überrollen. Der sollte mal hier sein, sagt Schmitze. Du warst ja noch gar nicht draußen, sagt Ole. Geh erst mal nach draußen. Das sieht aus da! Seh ich doch aus dem Fenster, sagt Schmitze. Die dicken Fichten, abgeknickt wie nichts, rausgerissen aus'm Erdreich hältst du gar nicht für möglich, sagt Ole. Kriegen wir noch was zu essen? fragt Stefan. Ist doch kein Strom da. Kakao hatten sie schon gekocht, sage ich. Glauben Sie, daß wir heute noch nach Hause können? fragt Jochen. Nein, sage ich. Unmöglich. Bei diesem Wetter können wir nicht durch den Wald. Der Wald ist gar nicht mehr da, sagt Ole. Du mußt mal rausgehen. Und unsere Eltern? fragt Stefan. Da muß ich erst mal anrufen und Bescheid sagen. Die hören doch auch Radio, sagt Gernot. Trotzdem, sagt Stefan. Ist nichts mit anrufen, sagt Ole. Das Telefon geht nicht. Sag bloß, wir sind abgeschnitten, sagt Stefan. Heute kommen wir hier jedenfalls nicht raus, sage ich. IV. Mittags gibt es Ravioll, gekocht auf einer notdürftig hergerichteten Feuerstelle im Kamin des Haupthauses. Die Jungen haben den ganzen Vormittag versucht, wenigstens die Dächer von den daraufgestürzten Bäumen zu befreien und die Hauptwege freizulegen. Schmitze und Stefan haben oben auf dem Dach des Gästehauses gesägt, was das Zeug hielt. Frank und Jens haben eine Fuhre nach der anderen zu dem Hundezwinger gekarrt. Bernhard und Jochen und Gernot und Ole haben mit Ernst August versucht, den Weg um den See herum frei zu sägen. Über uns kreist ein Hubschrauber der Luftwaffe. Ein paar Waldarbeiter erzählen von achtzehn Toten im Landkreis. Rolf von der Dovenmühle fragt, ob wir nicht doch lieber versuchen wollten, nach Bremen zu kommen. Der Sturm sei vorbei und ohne Wasser, Licht, Heizung, warmes Essen - Martina und Thomas, ausgeschickt in Richtung "Karpfen", kehren nach zwanzig Minuten zurück. Unmöglich, sagt Martina. Da kommen wir nie durch. Die Bäume liegen drei, vier Meter hoch, quer. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Na, sage ich. Sind Sie mal dagewesen? sagt Thomas. Man weiß überhaupt nicht mehr, wo der Weg ist. Man kommt nicht mal bis zum "Karpfen", sagt Martina. Wir sind doch nicht das erste Mal hier, sagt Thomas. Wir kennen doch jeden Weg. Aber jetzt -? Diese dicken Fichten da, gleich hinterm Hüttenlager, links, Sie müssen sich das mal angucken, was die für Wurzeln haben. Die liegen da einfach so rum, sagt Martina. Als ob da Bomben reingegangen wären, sagt Thomas. So was gibt's überhaupt gar nicht. So was hab ich noch nie gesehen. Das ist, als ob man gegen 'ne Wand aus Bäumen läuft, sagt Martina, so sieht das aus. Am anderen Ende des Sees erstirbt das Kreischen der Säge. Es ist sinnlos, sagt Ernst August. Mit diesem Ding können wir uns nicht freisägen. Langsam begreifen wir das Ausmaß der Katastrophe. V. Was wir da erlebt haben, sagt Stefan einen Tag später, abends, im Zug zwischen Oldenburg und Bremen, der Sturm, die Arbeit den ganzen Tag, der Weg vom Blockhaus zum Bahnhof nach Ahlhorn, drei Stunden, und nur geklettert und vom Weg keine Spur, das glaubt uns kein Mensch. Und der ganze Wald zerfetzt, sagt Ole. So wie in Vietnam, sagt Schmitze. Den sehen wir nie so wieder, wie er war, sagt Ole. Das dauert - ich möchte wissen, wie lange das dauert, bis sie das alles weggeräumt haben. Und aufgeforstet. Da glaubt man, daß einem gar nichts passieren kann, sechzig Kilometer von Bremen, sagt Stefan, und auf einmal - Da wird man doch ziemlich klein, sagt Ole. |
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