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Wahrheit und ToleranzDr. Hans Schmidt Es lohnt sich wohl, am Anfang dieses Rechenschaftsberichtes, den der Blockhausbrief darstellt, eine Frage zu erörtern, die nicht nur für das Gesamtleben im Volk und unter den Völkern von Wichtigkeit ist, sondern auch für den Kreis von Menschen, die in unserem Blockhaus ein- und ausgehen. Für alle Gruppen, die sich hier um ein Thema mühen, mag es noch so weit abliegen von letzten Menschheitsfragen, geht es ja irgendwie um die Wahrheit, um den rechten Weg. Die Leitung des Blockhauses legt Wert darauf, daß sich in diesem Heim junge und auch ältere Menschen sehr verschiedener geistiger und weltanschaulicher Herkunft versammeln. Damit wäre die Frage nach Wahrheit und Toleranz für dieses Haus scheinbar schon beantwortet. Denn was kann man mehr wünschen, als daß Menschen nach der Wahrheit suchen, sie in ihrer Weise entdecken und danach zu leben trachten? Die Gesellschaft und auch die Kirche müßte dieses Suchen mit jeweils unbekanntem Ziel freigeben und sich dadurch als tolerant erweisen. Aber so einfach ist es nicht. Sonst dürfte man ja allenfalls von "Wahrheiten" reden oder wenigstens von vielen Wegen, die zu der Wahrheit führen und auf denen man von ganz verschiedenen Seiten dieser Wahrheit ansichtig wird. So wollen wir es ja auch in unserer demokratischen Gesellschaft; denn wir möchten ja in Frieden miteinander leben. Und deshalb darf keiner den Anspruch erheben, er habe die Wahrheit gepachtet, keine Gruppe, keine Kirche, nicht einmal die Christenheit. Denn es gibt ja ,Nichtchristen' unter uns, nicht nur wenige. Und es gibt in der Welt auch andere Religionen, die Wege zeigen zum rechten Leben und die Wahrheit vermitteln wollen. Wer hat denn nun recht? Wer will das entscheiden? Und außerdem: Wo eine Wahrheit als allein verbindlich angesehen wird, da muß man ja den anderen ihre Wahrheit bestreiten. Und wer als Verfechter der Wahrheit mächtig geworden ist, erliegt sehr leicht der Versuchung, seine Wahrheit mit Gewalt durchzusetzen. Das können wir aus der Welt- und Kirchengeschichte vielfältig lernen. Aber wir fragen nun doch nach der Wahrheit, ob es nur eine gibt, geben darf und ob diese eine Wahrheit überhaupt Toleranz ermöglicht. In der Bibel gibt es nur die Wahrheit. Sie gehört wie "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Liebe" zu den großen Worten der Schrift, die eigentlich nur andere Bezeichnungen für Gott sind. "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater; denn durch mich" (Joh. 14,6) "Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme" (Joh. 18,37) Wir spüren, daß hier Wahrheit nicht ein Wert ist, dem man sich wie einem Bild als Betrachter gegenüberstehen kann. Wahrheit ist nicht etwas, was ich abwägend meinem Urteil unterwerfen, oder ein Lehrsatz, den ich für richtig halten kann. Wahrheit wird vielmehr erfahren, so wie ein Weg beschritten und ein Leben gelebt werden muß. Und auf diesem Wege - so meint es das Johannes-Evangelium - ist jemand mit dabei, wie es uns in der Geschichte von den Emmausjüngern berichtet ist, daß Christus mit den Jüngern geht als der zunächst unbekannte Wanderer, ihnen gültiges Wort sagt und Wegzehrung gibt. Christus gibt sich gleichsam selbst in die Wahrheit hinein, indem er um der Wahrheit und um der Liebe willen stirbt. Wer hier begreifen will, muß sich von dieser Wahrheit umfangen, sich in sie hineinnehmen fassen. So kommt er nicht auf den Gedanken, sich wie viele Religionstheoretiker unserer Tage zu fragen, ob nicht der Islam, der Buddhismus und andere Religionen auch Wahrheit haben; und ob man nicht intolerant ist, wenn man nur die Wahrheit in Christus gelten läßt. Und nun sage ich: Wahrheit und Toleranz schließen sich nicht aus. Ausschließen würden sie sich dort, wo man Wahrheit zur menschlichen Kampfparole gegen andere macht. "Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme" Das heißt doch auch: der hat keine Zeit und Möglichkeit, darüber zu theoretisieren, ob es noch eine andere Wahrheit gibt; denn er hat ja gerade aus Gebundenheit und Ungewißheit zu der Wahrheit gefunden, die ihn frei macht (Joh. 8,32) Deswegen wird er geduldig (tolerant) sein können mit denen, die ihm mit ganz anderen Vorstellungen und Bindungen begegnen. Im Blick auf die Wahrheit, in der er lebt und in der er bleibt, wenn er unter dem Wort Christi bleibt, kennt er keine andere Anschauung, die für ihn auch Wahrheit wäre, weder in den östlichen Religionen noch in irgendwelchen europäischen Humanismen. Er mißt alles an der einen Wahrheit. Aber gerade so kann er den Menschen gegenüber tolerant sein; denn seine Wahrheit ist ja nicht "seine" im Sinne eines Parteidogmas, das es unter allen Umständen zu verteidigen gilt. Die Wahrheit ist ja die Macht, der er gehört, nicht eine Sache, die nur von seinem Eifer her ihr Leben hat. Wie soll sich nun der Staat zu dieser Frage verhalten? Wir denken etwa an die Schulen und an den Religionsunterricht. Hier gibt es wieder eine schnelle Antwort: Der Staat ist natürlich weltanschaulich neutral und deswegen läßt er alle Überzeugungen zu, ohne sich selber festzulegen. Aber so einfach ist es auch hier nicht. Pilatus wollte neutral sein. Er wusch sich die Hände zum Zeichen seines Nichtbeteiligtseins. Aber er ließ die Christusbotschaft nicht zu, indem er Christus kreuzigen ließ. Daß diese Botschaft gerade durch diese Verneinung Macht gewann, sollte uns auf ihre Eigenart aufmerksam machen. Seit Constantin dem Großen wurde christlicher Glaube nicht nur zugelassen, sondern privilegiert, und unter Theodosius zur Staatsreligion erhoben. Damit beschritt man den anderen verhängnisvollen Weg. Aus der göttlichen Wahrheit, in der man leben und frei sein kann, wurde die "Staatswahrheit", die Menschen - bildlich und wörtlich - in den Kerker klerikaler und staatlicher Bevormundung werfen sollte. Es ist kein Zweifel, daß viele unter diesem Zwang glücklich gelebt haben und ihn sich bis in unsere Tage geradezu wünschen. Wie viele möchten wohl, sie brauchten nicht zwischen politischen Parteien zu wählen, und wie viele sind wohl so begeistert von einer möglichen Zusammenlegung von verschiedenen Kirchen und Bekenntnissen, weil sie dann nicht mehr zu begründen brauchen, warum sie, evangelisch, katholisch oder völlig uninteressiert sind. Diese Unmündigkeit gibt es nur dort, wo Menschen nicht "aus der Wahrheit" sind. Diesem Satz werden sicher viele widersprechen und werden sagen: Mündigkeit bedeutet doch, zwischen mehreren Werten wählen bzw. Anschauungen kritisch beurteilen können. Man überlegt sich aber nicht, daß wir nur dann urteilen können, wenn wir selber in der Mitte unseres Wesens aufgehoben sind. Aber wie soll sich nun der Staat verhalten angesichts dieser Wahrheit, von der wir sprechen? Er kann ihre Verkündigung nur zulassen. Und mit dieser Zulassung trifft er eine wichtige Entscheidung; denn er verzichtet damit auf eine Verdammung und Bekämpfung ebenso wie auf eine Identifizierung mit dieser Wahrheit, die ja dann wieder eine "Staatswahrheit" würde. Wenn er die Verkündigung der Wahrheit, die Christus ist, zuläßt, setzt er sich selbst mit seinen Organen, Parteien und Einrichtungen dem kritischen Urteil dieser Verkündigung aus. Zugleich ermöglicht er es, daß Menschen in seinem Bereich mit dieser Botschaft konfrontiert werden. Mehr kann, mehr darf er nicht tun. Mit dieser Zulassung tut er schon sehr viel. Denn er riskiert damit, daß die sozialistischen oder kapitalistischen den Staat tragenden Ideen kritisch befragt werden und für den Menschen im Bereich der Wahrheit Christi nicht mehr letzte Werte sind. Aber gerade so kann es auch geschehen, daß unheimliche Polarisierungen vermieden werden und daß Parteien und einzelne Menschen sich zusammenfinden in der Bewältigung des für uns immer schwieriger werdenden Lebens. Diese Überlegung hat deshalb für einen Blockhausbrief nicht geringe Bedeutung, weil dieses Haus mit seiner Umgebung für viele der Ort sein könnte, an dem ein solcher Denkprozeß in Gang kommt. In der Verbundenheit mit der Natur, auch der Kreatur und der Geschichte müßten sich eigentlich die vorstehenden Gedanken immer wieder konkret nachvollziehen lassen. Oldenburg, am 27. September 1972 |
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