Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1972: Blockhausbrief Nr. 17

Inhalt:

Titel
Die Nacht ist vorgedrungen, ...
Wahrheit und Toleranz
Es begann vor 26 Jahren
Pilze rings um das Blockhaus
Gedanken eines Militärpfarrers nach einer Soldaten-Rüstzeit im Blockhaus Ahlhorn
Über die Schellenten an den Ahlhorner Fischteichen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 27.11.1971 bis 10.11.1972
Erlebte Landschaft
 

Pilze rings um das Blockhaus

Von Werner Forkel

Fischteich mit Mönch

Ein Wald ohne Pilze ist ein Gestrüppwald, ein dürrer Wald der niedergebrochenen Äste, ein Wald der Beeren und der Heide, ein Sumpfwald, ein lebloser Wald ohne Schönheit. Die Pilze sind es, die wie märchenhafte Gestalten als Schwämme, Schwammerln oder Pülstlinge dem Wald den Glanz geben. Gestalten, die mit dickem Leib und rundem Hut am Waldboden stehen, rasch entstanden, schnell verschwunden, immer von einem Geheimnis umwittert. Ich sage: Die Pilze sind die Aquarellfarben, die die Götter von Anbeginn in das eintönige Dunkel der Wälder gesetzt haben wie Lampions.

Und doch ist diese Romantik von einer Angst bedrängt und bedrückt: "Es starben an Pilzvergiftung. . ." Was ist das für eine Schönheit? Was sind das für Pastellfarben? "Es starben an Pilzvergiftung. . ."

Gerade daraus entspringt unsere erste pädagogische Aufgabe: Wenn wir diese Angst kleiner machen wollen, müssen wir die Verantwortung für das Leben, d. h. das Wissen um die Gefährlichkeit dieser Romantik, vergrößern. Aber wie?

Rund um das Blockhaus wachsen so viele Arten von Pilzen (eine erste Untersuchung im Sommer 1971 ergab auf Anhieb in 8 Tagen 214 verschiedene Namen), daß wohl kein Pädagoge oder Jugendgruppenführer sich trotz intensivsten Unterrichts je bestätigen könnte, daß er mit "Pilzkennern" in den Wald ginge. Das Gegenteil ist der Fall: Je mehr in den Zuhörern das Selbstbewußtsein steigt, zu den Wissenden zu gehören, desto größer wird die Lebensgefahr, der sie sich aussetzen. Der Glaube, nun alles zu wissen, macht leichtsinnig. Eine Unterweisung (auch eine intensive) als Vorbereitung für den Pilzgang in den Wald, um genießbare von giftigen Pilzen unterscheiden zu können, ist in jedem Falle zum Scheitern verurteilt. Es wäre moralische und juristische Fahrlässigkeit, deren wir uns schuldig machten, wollten wir auf so dünnem Eis Schlittschuh laufen.

Sicherheit, exakte Bestimmung der Pilzart, richtige Entscheidung, daß dieser oder jener Pilz "ins Körbchen" gehört, ohne das geringste Risiko einzugehen für alle, die am Mahl teilnehmen, dazu gehört mehr als ein Vorbereitungskursus, dazu sind jahrzehntelange Vorbereitungen im Pilzwaid und ein einwandfreies Wissen nötig. Wer deshalb die ihm anvertrauten Jugendlichen in acht Tagen Heimaufenthalt oder vierzehn Tagen Schulvorbereitung auf "Pilzkenntnisse" getrimmt hat und glaubt, sie nun in den Wald gehen und Pilze sammeln lassen zu können, der macht sich mit allen Folgen einer solchen Sammelei der Fahrlässigkeit schuldig. Das sollte keiner in seiner Naturbegeisterung und Menschenfreundlichkeit je eine Minute vergessen.

Wo liegt nun der Ausweg? Auf keinen Fall dort, wo ein wirklicher Pilzkenner "mit von der Partie ist" und deshalb jeder Sammler im Vertrauen auf diesen Boss, einer blauen Ameise gleich, ohne Sachverstand und Verantwortung, abschneidet, was ihm vor das Messer kommt, und zur "Kontrolle" abliefert, in dem Glauben, daß der andere doch entscheidet, was "ins Körbchen" kommt und was nicht. Eine solche Lösung des Probleim; ein solcher Gang in den Wald, eine solche Pilzsammelei ohne Grips und Verstand wäre schlimmer als Steineklopfen.

Nein, der Sammler (auch wenn er ein Schüler oder Jugendlicher ist) muß wissen, was er sammelt, muß entscheiden, was er nehmen kann oder im Walde stehen lassen muß, was gut ist oder schlecht, was "in den Korb" gehört oder von ihm ferngehalten werden muß. Der Sammler selbst (so jung er auch sein mag) muß in jedem Fall, soll das ganze Unternehmen einen Sinn haben, eine echte und ganz persönliche Entscheidung treffen.

Im Hinblick auf das Giftangebot aus dem so romantischen Wald scheint diese Forderung mehr als unrealistisch. Trotzdem mache ich, gestützt auf meine pädagogische Erfahrung, einen verblüffend einfachen, fast primitiven Vorschlag.

Jeder Pilzkenner weiß, daß die wirklichen Giftpilze, d. h. diejenigen, die das Leben eines Menschen gefährden, die als "Mörder" und "Menschenfresser" ganze Familien ausrotten, die ab und zu die Zeitungsnachricht "Es starben an Pilzvergiftung . . ." auslösen, zu einer Gruppe von Pilzen gehören, die "Blätterfutter" (Lamellenfutter) haben (Amanito phalloides, Amanita virosa, Amanita pantherina, Amanita muscaria etc.) und daß unter den Pilzen mit "Röhrenfutter", den sog. Röhrlingen, kein lebensgefährlicher Giftling anzutreffen ist. Kann man diesen Tatbestand nicht pädagogisch nutzen und damit die Grenze zwischen Gift und Speise sogar Jugendlichen und Kindern begreifbar machen?

Sammle, wenn du im Walde nach Pilzen Ausschau hältst, nur Röhrlinge.
Es gibt keine Röhrlinge, die dein Leben in Gefahr bringen können!
Oder:
Die lebensgefährdenden Giftpilze, an denen die Menschen sterben, haben ausnahmslos Blätterfutter.
Nur wer Pilze mit Blätterfutter im Korb hat, riskiert sein Leben!

Der ganze schwierige Erkennungsdienst zwischen giftig und eßbar mit all seinen Risiken und Schwierigkeiten schrumpft damit zu der simplen pädagogischen Aufgabe zusammen, Röhrenfutterpilze von Blätterfutterpilzen unterscheiden zu lehren. 10 Minuten Unterricht und 15 Minuten Praxis, mehr nicht! Auch der Langsamste begreift diesen Unterschied an Hand von Lehrbeispielen. Fünfundzwanzig Minuten für die Sicherheit im Pilzsammeln. Ist das kein Vorschlag?

Gewiß, ich weiß, daß wir bei einer solchen Gruppierung duftige und köstliche, schmackhafte und unersetzbare, wirklich gute Speisepilze im Walde stehen lassen, die nun mal kein Röhrenfutter, sondern Blätterfutter haben (Ritterlinge, Waldchampignons, Perlpilze, Pfifferlinge, Kremplinge, Speisetäublinge, Schirmpilze, Reizker etc.), aber "Safety first", liebe Mitmenschen. Lieber einige Pfund eßbarer Pilze im Walde stehen lassen, als einen einzigen "Falschen" ins Körbchen legen, an dem am nächsten Tag eine ganze Familie zugrunde geht. Safety first! Jugendliche und Kinder allein in den Wald gehen zu lassen, um Pilze zu sammeln, ist nur möglich, wenn die Quantität zugunsten der Qualität eingeschränkt wird. Lieber zwei Pfund Pilze ohne Risiko als fünf Pfund mit Todesdrohung!

Und kommen Sie mir nicht und sagen, daß es auch unter den Röhrlingen giftige gibt! Die Hexen- und Satanspilze haben noch keinen Menschen ins Grab gebracht, höchstens auf das Klosett oder für zwei Stunden ins Bett. Boletus junquilleus ist nicht giftig, nur ungenießbar, Boletus calopus ist ebenfalls nicht giftig, nur nicht schmackhaft, Boletus luridus ist "verträglich", Boletus fechtneri ist eßbar, Boletus erythropus ist "recht wohlschmeckend", und nur der eigentliche Satansröhrling (Boletus satanas) bewirkt für kurze Zeit "Darmstörungen", wirft aber niemanden aufs Krankenbett. Was soll also das Gerede um die Giftigkeit der Hexen- und Satanspilze? Ist hier vielleicht der Name die psychologische Störungsursache? Und außerdem sind alle Röhrlinge dieser Gruppe auch für den Jugendlichen leicht erkennbar an dem auffälligen Rot, das ihr Stiel oder Futter vorweist. ("Laßt alle Röhrlinge mit Feuer am Stiel oder im Futter stehen. Sie sind nicht giftig, aber ungenießbar!") Was soll also das Gerede um die Hexen und Satane? Ich habe außerdem in vielen Jahren der Nachprüfung noch keinen einzigen dieser Familie in Ahlhorns Wäldern entdecken können. Und wenn schon, ein Durchfall ist noch kein klinischer Tod. Zu den Giftpilzen im Sinne unserer Warnung gehört der Satanspilz nicht. Es bleibt bei der Anweisung: Sammelt Röhrlinge, und ihr könnt euch niemals vergiften!

Bleiben die "Röhrlinge" rund um das Blockhaus. Ich möchte sie nicht ihrer Qualität nach, sondern ihrer Häufigkeit nach ordnen.

Da finden wir ohne besonderen Standort fast überall den wohlschmeckenden und nur im Alter oft unansehnlichen Maronenröhrling (Xerocomus badius). Grüngelbes Maronenfutter, wird er gedrückt, läuft die Druckstelle tintenblau an. Oder den grau aussehenden, ärmlich wirkenden Birkenröhrling (Leccinum scabrum), dessen Stiel wie ein Birkenstamm gemasert ist. Er versteckt sich im wahrsten Sinne des Wortes rechts am Wegrand der Straße nach der Sager Heide und präsentiert ab und zu (in der Umgebung des Blockhauses nicht allzu oft) seine apfelsinenschöne Cousine, die Rotkappe (Leccinum aurantiacum), den ergiebigsten Speisepilz, den ich neben dem Steinpilz kenne. Da gibt es die anderen Röhrlinge in der Nähe des Blockhauses, die den Korb füllen, z. B. den Sandröhrling (Suillus variegatus) mit seinen sandfarbigen Spritzern auf der Huthaut und seinem dunklen, olivgrünen Futter. Er liebt die Dunkelheit mehr als das Licht. Sucht ihn zwischen den Büschen bei den "Zwölf Aposteln". Dort fühlt er sich meiner Erfahrung nach wohl. Da gibt es die Ziegenlippe (Xerocomus subtomentosus), auch Mooshäuptchen oder Gänsemaul genannt, mit ihrem leuchtend zitronen- bis goldgelben Futter, am Hute braunoliv bis braun, oft antreffbar an den mosigen Rändern längs der Straße nach dem Dianasee. Da "kleckert" uns der so ausländisch anmutende Rotfußröhrling (Xerocomus chrysenteron) am Übergang in die Heide fast giftig an, ein naher Verwandter der Ziegenlippe, in den Farben äußerst veränderlich, feinflockig filzig und grünlich graubraun bis dunkeloliv, fast schwarzgrün, oder auch gelblich ockergrau, von Anfang an würfelig-felderig zerrissen, immer rötlich bis purpurrot anlaufend, wenn sein Fleisch verletzt wird. Sein Stiel sieht aus, als trüge er noch einen roten Schein des Fegefeuers, in dem er einmal (wohl unschuldig wie die meisten) gestanden hat. Und lichtet sich der Wald, und Heide kommt zum Vorschein (entwicklungsgeschichtl. stand die Heide überall dort, wo heute Wald ist), dann bieten sich unserem Körbchen die eigentlichen "Heidepilze" an. Sie stehen nicht so hoch im Kurs wie die Waldpilze, weil sie wässerig und unbeständig sind, haben aber nicht minder einen Geschmack, der sie unserem Körbchen begehrenswert erscheinen läßt. Butterröhrling (Suillus luteus), Goldröhrling (Suillus grevillei) und Lärchenröhrling (Suillus tridentinus) greifen sich zwar wässerig an und lassen sich auch nicht gern "drücken", sind aber schmackhafte Heidepilze, die zu jedem Pilzgericht à la Ahlhorn gehören.

Spätestens an dieser Stelle höre ich immer die Protestrufe meiner Fachkollegen: Wo bleibt der "König der Pilze", der so bekannte Steinpilz ? Meine Antwort auf diese berechtigte Frage: Finde erst mal einen! - Was immer in der Umgebung des Blockhauses für einen Steinpilz gehalten wird, ist gar keiner! Der Steinpilz (Boletus pinicola und Boletus edulis, diese beiden Arten habe ich in der Umgebung des Blockhauses höchstens fünf Mal gefunden) hat eine einwandfreie Visitenkarte: Weder die Hutfarbe noch die Farbe des Futters oder die Keulenform seines Stieles machen einen Steinpilz aus, sondern einzig und allein das sog. Stielnetz. Dieses Netz über dem Stielgrund ist weißlich hell (im Gegensatz zum dunklen Netz beim Gallenröhrling) und bis in jede Einzelheit deutlich sichtbar. Ich habe schon manchen "Steinpilz" als "Maronenröhrling" oder "Gallenröhrling" zurückweisen müssen, weil diese Tatsache nicht beachtet wurde. Der in der Umgebung des Blockhauses nicht allzu oft vorkommende Steinpilz wird oft (besonders bei Anfängern) mit dem so schön aussehenden Gallenröhrling (Tylopilus felleus) verwechselt, der häufig die Pilzsucher narrt. Gleich hinter dem Blockhaus in Richtung Sager Heide liegt ein Waldstück, das meine Schüler "Gallenröhrlingswald" getauft haben, weil sie an einem Nachmittag nicht weniger als 28 Gallenröhrlinge dort antrafen. Das Futter, so erzählen die Pilzbücher, hat beim Gallenröhrling einen lila Schein. Ich habe das oft, besonders bei älteren Pilzen, bestätigen können, aber diesen Schein bei jüngeren Exemplaren auch ebensooft vermißt. Da hilft gar nichts als "Kostprobe" an Ort und Stelle bei verdächtigen Subjekten. Stiel durchschneiden und ,lecken". Im Bruchteil einer Sekunde weiß jeder Bescheid. Der gallenbittere Geschmack liegt einem noch beim Abendbrot auf der Zunge. Aber keine Angst, der Gallenröhrling ist nicht giftig, nur ungenießbar, wie man selbst feststellt.

Ich wiederhole: Pilze kennenlernen, heißt im Schnellkurs für unsere Jugendlichen, Röhrenpilze von Blätterpilzen unterscheiden können. Auch wenn eine Menge guter Speisepilze dabei im Walde bleiben, weil sie zu den Blätterpilzen gehören. Safety first! Dieser Verzicht bedeutet Garantie der Ungefährlichkeit, der Verzicht auf diesen Verzicht bedeutet Risiko und damit Angst und damit Verzicht auf die Pilze überhaupt.

Dieses ist ein absoluter Vorschlag für alle "Pilzsammler", die vom Blockhaus aus den Wald begehen, um zu sammeln. Wer ihn absolut und ohne die geringste Ausnahme befolgt, wird nie an einer Pilzvergiftung sterben, auch wenn er nur 2 Stunden über die Pilze unterrichtet wurde. Wer dagegen die "leckeren Sachen" aus der Gruppe der Blätterpilze nicht stehen lassen will, der muß sein persönliches Risiko tragen, von dem ihn keiner entbinden kann. Ich bin Pädagoge, ich weiß, wie unmöglich es ist, jemanden in kurzer Zeit zum "Pilzkenner" zu trimmen, Ich bin Mykologe, ich weiß, wie schwer es ist, oft bestimmte Formen ungefährlicher Arten mit giftigen nicht zu verwechseln. Ich bin Biologe, ich weiß, wie schnell man an gewissen Pilzgiften stirbt, auch wenn ein Arzt zur Stelle ist. Ich kann nur empfehlen, was manchem zu wenig erscheint: Wer nur Röhrlinge sammelt und ißt, wird nie an einer Pilzvergiftung sterben. Dafür verpfände ich mein Wort.


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