Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1972: Blockhausbrief Nr. 17

Inhalt:

Titel
Die Nacht ist vorgedrungen, ...
Wahrheit und Toleranz
Es begann vor 26 Jahren
Pilze rings um das Blockhaus
Gedanken eines Militärpfarrers nach einer Soldaten-Rüstzeit im Blockhaus Ahlhorn
Über die Schellenten an den Ahlhorner Fischteichen
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 27.11.1971 bis 10.11.1972
Erlebte Landschaft
 

Erlebte Landschaft

Friedel Meibert

Die Oberprima des Städt. Gymnasiums Neheim-Hüsten war 1951 14 Tage in Ahlhorn

Fern vom Lärm der Landstraße schlugen wir unsere Zelte auf.

An der Reichsstraße 213 von Nordhorn nach Bremen steht hinter Cloppenburg ein Schild - "Zum Blockhaus". Dieser Wegweiser zeigt einen schnurgeraden Pfad entlang, der einige Kilometer in die Heide hineinführt. Unter Kiefern und Birken her, an kleinen Heidekrautflächen vorbei gelangt der Wanderer an sein Ziel.

Umgeben von Teichen liegen zwei große Blockhäuser, das Jugendheim Ahlhorn. Ein wenig seitab erwartete uns ein kleineres Blockhaus "Die Jungenburg".

Hier - fern vom Treiben unserer Stadt und den Pflichten unserer Schultage entrückt - sollten wir einige Zeit verbringen. Unsere Umgebung war die Heide, der Kiefernwald und die Teiche, weite, ahnungsvolle Landschaft, Wasser.

Von der Veranda des Heimes sahen wir zwischen den Bäumen hindurch den Helenenleich leuchten. Er wirkte durchaus nicht wie eine künstliche Anlage, sondern er schmiegte sich wie alle anderen Teiche gleich einem natürlichen See in seine Umgebung ein.

Die 42 Teiche mit einer Oberfläche von 150 Hektar haben die Landschaft völlig verändert. Ihre weite Wasserfläche brachte fruchtbare Feuchte in die sandige Heide und das Gebiet konnte aufgeforstet werden. Es entstanden ausgedehnte Kiefernwaldungen.

Auf der anderen Seite der Teiche blieb die Heide unberührt, sie ist seit Jahrtausenden Wohnstätte der Menschen. Die Megalithiker, Leute der jüngeren Steinzeit, hinterließen ihre Spuren - die Hünengräber. Wer denkt daran, daß ein Grab der Visbeker Steine ein so gewaltiges Ausmaß von 108 m Länge und 10 m Breite hat? - Zehn Meter Breite, das bedeutet: Der Deckstein, das Dach, muß diese Weite überspannen.

Welch eine Ehrung den Toten zukam, zeigen solche Bauten, solche Häuser. Ja, Häuser sollten die Ahnen bewohnen mit Geräten und Waffen. Überragten die Grabhäuser die Wohnstätten an Größe und Umfang, so waren die Geräte und Waffen der Toten kostbarer als die der Lebenden.

Daß die Gräber wirklich Wohnungen waren, zeigt ein Vergleich mit den Häusern des Freilicht-Museums in Cloppenburg. Hier sind die Wohnkulturen Norddeutschlands gesammelt und in natürlichem Zustand aufgestellt und eingerichtet.

An jedem dieser Denkmale sahen wir, wie unsere Vorfahren planten und bauten für Generationen, und nicht, wie wir heute, nur für ein Lebensalter oder für einen Tag. Ihre Arbeit galt dem Werk und nicht nur einer "garantierten Dauer", in welcher der Erbauer für seine Sache verantwortlich ist.

Natürlich finden sich in diesem Museumsdorf auch die für das jetzige Landschaftsbild so wichtigen niedersächsischen und friesischen Hauser, die in der weiten Ebene meistens hinter Eichen versteckt liegen. Auffallender noch als die Häuser sind die Windmühlen, deren Flügel wie Kämme in die Luft ragen.

Wo die Dünen aufhören, beginnt das Moor, links an den Birken und Weiden vorbei ist der Weg noch fest; rechts winkt zwischen Wollgras, Ginster und Schilf das braune Moorwasser. Kleine Kanäle führen es ab. Verfolgt man sie aufwärts, dann gelangt man an einen Torfstich. Braunen Ziegelsteinen ähnlich liegt der Torf zum Trocknen in der Sonne. Mühsam ist die Arbeit des Torfbauern und gefährlich; denn nirgends steht der Fuß fest, unsicher ist der Grund und ein nichtbedachter Schritt führt in ungewisse Tiefe.

Wer hier den Nebel erlebt hat, der alle Umrisse verschwommen und verzerrt erscheinen läßt, glaubt im Ernst an die Geschichten aus Moor und Heide; denn er erlebt sie mit der Fantasie schaudernd nach.

Alle diese Bilder charakterisieren die Landschaft, prägen ihr Gesicht, doch am eindrucksvollsten und erlebnisreichsten ist der Abend, er entsprach dieser Landschaft besonders.

Wenn sich die Sterne im See spiegeln, der unbewegt daliegt und wenn das Kiefernband, wie ein dunkler, weicher Schatten das Ufer säumt, wenn dann die Weite des Himmels sich mit dem Rand der Heide am Horizont vereinigt, dann überkommt einen das Gefühl tiefster Einsamkeit und Sehnsucht; aber einer Sehnsucht, die in die Ferne geht, bis an den Horizont.

Wir folgten diesem Drange, dem Fernweh; einmal in die Weite des Raumes, ein andermal in die Tiefe des Geistes.

Die Nordsee war unsere Grenze. Gewaltig ist der Eindruck des wogenden Wassers, das noch mächtiger hinauszieht, dorthin, wo das Wasser und der Himmel zusammenfließen.


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