|
||
|
|
Haben wir es in 4000 Jahren weit gebracht?K. MichaelsenUnser heimatliches Gebiet um Soeste, Lethe und Aue auf der Cloppenburger Geestplatte war sicher schon vor 3000 v. Chr. ein bevorzugtes Siedlungsland der Menschen der Jüngeren Steinzeit. Als Zeugen finden wir hier noch in "berühmter vorgeschichtlicher Gegend", in größerer Zahl seine aus eiszeitlichen Findlingsblöcken erbauten Großsteingräber. Ihre Ausgrabungen haben unseren Museen schon einen so großen Schatz an kennzeichnenden Grabbeigaben geliefert, daß für weitere Erkenntnisse nur bei drohender Zerstörung Untersuchungen notwendig sind, Ihre Verbreitung über ganz Süd- und Westeuropa in mehreren Sonderformen hat den weiten Begriff der Megalithkultur geprägt. Anhand der ähnlichen Bauformen und des reichen Grabinventars an Tongefäßen, Feuerstein- u. Felsgesteingeräten, Waffen und Bernsteinschmuck, lassen sich über Bestattungssitten, Totenehre und religiöse Anschauungen sichere Schlüsse ziehen. Wir wissen auch, daß schon in dieser Zeit die eifrige Beobachtung der Bewegungen der Himmelskörper, Sonne, Mond und Sterne, zu einem fortgeschrittenen astronomischen Wissen geführt hatte, das eine Einteilung des Jahreslaufs in Jahreszeiten und vielleicht auch schon eine Zeitrechnung nach Sonnenjahren erlaubte. Nur die Aufdeckung der jungsteinzeitlichen Siedlungen, sei es als Einzel- oder Dorfsiedlung, die nach Zahl der Gräber zu urteilen sicher in größerer Zahl vorhanden waren, ist noch verhältnismäßig spärlich gelungen. Bestenfalls finden sich Steingeräte oder Keramikreste, weniger aber solche aus vergänglichem organischen Material, wie Holz, Knochen und Geweih, sicherlich einstmals die Hauptträger der Kulturerzeugnisse. So ist es verständlich, daß unser Wissen über Geräte der Haus- und Feldwirtschaft, der Haustierhaltung, der Technik der verschiedenen Zweige des Handwerks (Weberei, Töpferei u. a.) noch recht lückenhaft sind. Aber schon die erhaltenen Funde zeugen von zweckmäßiger Schönheit und Erfindungsgabe. Für alle seine Tätigkeiten als Jäger, Fischer und seßhafter Bauer, war der Neolithiker Selbstversorger. Bei den körbeweise z. B. aus den Gräbern bei Hatten, Großen- und Kleinenkneten geborgenen Tonscherben läßt sich durch Vergleich eine handwerksmäßige Herstellung und ein Handelsaustausch feststellen. Die Güte des Materials und die künstlerische Ausführung sorgten schon damals für Liebhaber und überörtliche Verbreitung. Nun wurden gelegentlich der Ausgrabung einiger Grabhügel in Bergfeine in der Nähe von Dümmerlohausen 1934 das Interesse der Umwohner des Sees geweckt und, nach einem Hinweis vom Verfasser und unter der orts- kundigen Führung des jungen Wirtssohnes Hannes Schomaker, 800 m vom Ufer, im seichten Wasser zwischen den Schilfinseln mehrere vorgeschichtliche Fundstellen entdeckt. Aus ihnen wurden in wenigen Tagen in großer Zahl Geräte aus Feuer- und Felsgestein, Knochen und Hirschgeweihstücken, Scherben und ganze Teile von zerbrochenen Tongefäßen, durch Abtasten mit den Füßen, aus Schlamm und Sand geborgen. Sie wurden nach Form und Verzierung einwandfrei als zur Großsteingräberkultur gehörig erkannt. Ein systematisches Absuchen jener Steilen mit über 50 Arbeitsdienstleuten des Lagers Damme, die voller Begeisterung mitmachten, förderte auch bald mit Steinbeilen behauene und zugespitzte Rundpfähle zutage. Sie waren in den Boden eingerammt, mußten also wohl zu Bauten von Siedlungen gehört haben, die einmal hier ganz in der Nähe des Nordostausflusses der Hunte aus dem See gestanden hatten. Es war eine Entdeckung von sensationeller Bedeutung für die Aufklärung der Wohnweise der Großsteingräberzeit. Der Fund in solcher Entfernung vom Ufer war nur so zu deuten, daß die Wasserfläche des Sees damals wesentlich kleiner gewesen sein mußte, was bei der geringen Tiefe und des für jene Zeit nachgewiesenen trockenen und warmen Klimas, durchaus möglich gewesen ist. Niveauschwankungen unserer Seen sind aus dem gleichen Grunde überall nachgewiesen, so daß die alte Pfahlbautheorie, besonders auch bei den süddeutschen und schweizerischen Seen aufgegeben werden mußte. Es waren Uferrandsiedlungen auf trockenem Boden. Leider befand sich die Fundstelle nicht auf oldenburgischem, sondern auf preußischem Hoheitsgebiet und infolgedessen außerhalb der Befugnisse des Oldenburger Naturkundemuseums. So kam es, daß die 1934 angesetzten eingehenden Untersuchungen mit Hilfe von 4 x 4 m Senkkästen aus starkem Eisenblechrahmen auch wegen der großen Kosten von der Reichstelle für Deutsche Vorgeschichte übernommen wurden. Sie wurden mit Motorpumpen leergepumpt, und die 16 qm mit den Funden fotografiert und vermessen. Durch Versetzung der Rahmen wurde Quadrat für Quadrat, eine größere Fläche untersucht, Doch nun war das Interesse in der ganzen Dümmer Umgebung, auch durch die Berichte der Presse, wachgerufen. Ein weiterer Hinweis eines Bauern auf ähnliche Funde bei vorhergehenden Notstandsarbeiten zur Begradigung der Hunte 1932, dicht nördlich der Straße Dümmerlohausen-Lembruch führten dann zu noch wertvolleren Entdeckungen und einer großangelegten Grabung. Dicht am steinzeitlichen Hunteufer, in 1 ½ -1 ¾ m Tiefe unter Wiesenmoor und weiteren Schichten von Erlenbruchtorf, Kalk- und Lebermudde und Diatomeenerde (Seeablagerungen), auf einer abgedeckten Fläche von 110 x 40 m, fand sich 1938 eine ganze Dorfsiedlung. Eingerammte Pfähle, an der alten Oberfläche abgefault, aber im feuchten Sanduntergrund vorzüglich erhalten, von 8-20 cm Durchmesser in Reihen gesetzt und als Wand- und Türpfosten zu unterscheiden, ließen am Ende 13 Hausgrundrisse, fast rechteckig, erkennen. Obendrein waren sie noch durch Sand- und Holzfußböden aus gespaltenen Rundhölzern, oft mehrschichtig, in ihren Ausmaßen völlig gesichert. Es waren meist kleinere rechteckige, einräumige Pfostenhäuser von 3 x 3 m oder 4 x 4 m, mit einer offenen Vorhalle und Feuerstelle. Aber auch einige größere von 7 x 4,8 m fanden sich mehr in der Mitte, mit zwei Räumen, Innenkochraum und dahinter der Wohn-Schlafraum, ebenfalls mit Vorhalle und Türeingang. Eine erhaltene, umgestürzte Flechtwand mit Lehmbewurf und einige Dachsparren in ganzer Länge erhalten, ließen gesicherte Rückschlüsse auf Form und Höhe des Daches zu. Es müssen technisch schon einigermaßen gut gebaute rechteckige Pfostenhäuser gewesen sein, mit senkrechter lehmverstrichener Flechtwand und hohen schilfgedeckten Satteldächern, mit geschützter Vorhalle für eine Außenfeuerstelle und Feuersteinwerkplatz. Zeitlich sind diese Häuser etwa um 3000 v. Chr. anzusetzen. Mit den obigen Befunden ist natürlich auch für unsere ganze Gegend die Leitform des Wohnhauses der Großsteingräberleute gefunden, eine Grundform, die in erweiterter und verbesserter Art über die Bronze- und Eisenzeit bis in die Neuzeit erhalten blieb. Sie schließt bemerkenswerterweise auch an das Vorhallenhaus (gr. megaron) der klassischen Mittelmeerkulturen an. Wir dürfen darum sicher sein, daß in solchen Häusern auch die Steinzeitleute an Aue und Lethe gewohnt haben. Bei Erdbewegungen aller Art, besonders an vermoorten Ufern der Bäche und des Sager Meeres, muß auf verdächtige Spuren geachtet werden. Bei ähnlich reichen Lebensmöglichkeiten müssen die Bauern, Jäger und Fischer auch hier gesiedelt haben. Ihre Acker sind dagegen auf den trockeneren fruchtbareren Diluvialböden heute kaum noch auffindbar. An der Westfront des Huntedorfes am Flußufer hatten sich die Abfallreste aus langjähriger Wohnzeit abgelagert und in selten günstiger Weise konserviert. In Mengen lagen hier Nahrungsreste von Pflanzen und Tieren, Geräte aus Stein, Knochen und Horn, Tongefäße in Scherben oder seltener ganz erhalten, und, besonders wertvoll: Holzgeräte, wie Löffel, Griffe, Beilschäftungen, Hohlschalen aus Wurzelknollen, Teile von Ruderblättern u.a.m. Auch ein vollständig erhaltener Einbaum aus Pappelholz wurde entdeckt mit einem abgeschnittenen Stück Hirschgeweih als Datierung darin. Er lag aber leider quer zu der hier starken Strömung und wurde bei der versuchten Bergung mit untergeschobenen Blechplatten, weil butterweich durchtränkt, in viele kleine Teile zerdrückt und im Nu fortgerissen. Als eindrucksvolle Zeugnisse der Töpferkunst der dortigen steinzeitlichen Hausfrauen hob sich die Fülle der Zweckformen der vorgefundenen Tongefäße hervor, ein Beweis der vielfältigen häuslichen Kulturansprüche schon in damaliger Zeit. Große Vorratsbehälter von 40 -60 cm Höhe, mit Fingertupfenverzierungen am Rand, dann Gefäße für den verschiedensten Bedarf: Kochtöpfe, Schalen, Teller, Näpfe, Keilen, Trichterbecher, Tassen u. v. a. mehr. Einige Meisterwerke an Trichterbechern und Schalen zeigen dieselbe kunstvolle Tiefstichverzierung wie die schönsten Beigeben aus den Großsteingräbern und beweisen damit die Identität der Hersteller. Auch schnurverzierte geschweifte Becher und sog. Zonenbecher als Beweisstücke fremder Kultureinflüsse aus Mitteldeutschland kommen vor. Hohen Seltenheitswert, wegen der schwierigen Erhaltungsmöglichkeit im sauren Boden, haben auch die Horn-, Knochen- und Geweihgeräte, wie Breit- und Spitzhacken aus Hirschgeweih, in der Hauptsache wohl als Feldgeräte gebraucht, dann Meißel und Pfriemen, mit und ohne Griffe, Nadeln mit Öhr in verschiedener Länge, Knochenmesser aus Rippen u.a.m. In naturgemäß guter Erhaltung fanden sich Geräte aus Feuer - und Felsgestein aller Art, Arbeitsbeile und Hämmer, Streitäxte in z. T. hervorragender Bearbeitung, Feuersteinmeißel und Sägen, Hunderte von Kleingeräten aus Flint, Sandsteinschleifsteine und Getreidemühlen aus Granit; kurzum das gesamte Beigaben-Inventar, wie es aus den Gräbern schon lange bekannt ist. Die bäuerliche Wirtschaftsform dieser seßhaft gewordenen Menschen läßt sich aber mit aller Sicherheit aus den Dümmerfunden erschließen, eine in der Entwicklung befindliche Ackerkultur mit beginnender Spezialisierung auf einige Handwerke. In wochenlanger Kleinarbeit mit Lupe und Mikroskop hat man aus dem Uferschlamm die Pflanzenreste der Küchenabfälle untersucht und bestimmt. An Getreide wurden 3 Weizenarten: Emmer, Einkorn, Zwergweizen und daneben mehrere Gerstensorten gefunden. Unter den Sammelfrüchten fand sich Haselnuß, Wildapfel, Himbeere, Brombeere Waldbeeren, Hollunder u. a. In Haufen von Jagd- und Wildtierknochen war zahlreich Biber und Fischotter vertreten, häufiger auch der Braunbär und seltener Wolf, Dachs, Fuchs und Wildkatze. Von den Huftieren zeigte sich der Ur (Auerochs), das größte damalige Landtier und Stammform unseres Hausrindes, auch gezähmt als Torfrind, dazu Elch, Rothirsch, Reh, und mit erheblichem Anteil das Wildschwein in besonderer Größe, auch gezähmt als sog. Torfschwein (wichtigster Fettspender). Dasselbe darf auch wohl vom Wildpferd angenommen werden, das in einer leichteren und schwereren Rasse vorliegt. Schaf und Ziege sind seltener. Dazu lieferten See und Fluß reichlich Fische , besonders Hecht und Barsch, und Wildgeflügel aller Art. So war der Dümmer für eine noch nicht zu zahlreiche Bevölkerung ein ideales Wohngebiet mit Nahrung in Hülle und Fülle. Welche Menschenrasse war nun Träger dieser Lebensgemeinschaft und Kultur? Schon 1934 war ein gut erhaltener Schädel eines Mannes, und 1938 in der Kulturschicht und zu einem Menschen gehörig, in geringer Entfernung voneinander, ein Unter-, ein Oberschenkelknochen, der Unterkiefer und der Schädel eines jugendlichen Menschen, wahrscheinlich eines 17-18 jährigen Mädchens von 1,45-1,50 m Größe gefunden worden. Alle Teile lagen mit Hirschhornhacken und Feuersteingeräten in gleicher Schicht. Später kam noch der Oberschenkelknochen eines erwachsenen Mannes hinzu. Alle diese Funde stammen nicht von Bestatteten her, sondern sind Skelettteile Verunglückter, die von der Strömung auseinander geschwemmt wurden. Die eigentlichen Begräbnisstätten dieser Bevölkerung liegen rings um den Südhang der Dammer Berge verteilt als Steingräber. Drei von ihnen sind noch einigermaßen erhalten, zwei bei Neuenwalde, und, die größte Grabkammer Nordwestdeutschlands von 30 m Länge, auf dem Stappenberge zwischen Steinfeld und Damme. Aber über die wissenschaftliche Auswertung dieser einmaligen Aufdeckung eines ganzen jungsteinzeitlichen Dorfes liegt ein tragisches Geschick. Ein Teil der Funde ist im Krieg durch Brand vernichtet und das noch vorhandene Fundgut mit den wissenschaftlichen Unterlagen der Bearbeitung beklagenswerterweise entzogen, obwohl die Vorgeschichts-Forschung die Ergebnisse dringend braucht. Doch unter den zahlreichen Mooren hunteabwärts und -aufwärts bis zum Wiehengebirge dürften wohl noch ähnliche Siedlungen vorgeschichtlicher Zeiten verborgen und konserviert sein. Schon ist seit mehreren Jahren weiter südlich am Einfluß der Hunte in den Dümmer eine neue große Grabung von jungsteinzeitlichen Funden vom Landesamt für Bodenforschung in Hannover im Gange. Sie hat mit größeren Mitteln und verbesserten Grabungs- und Konservierungsmethoden schon ähnlich großartige Erkenntnisse geliefert und wird sie, noch nicht beendet, hoffentlich wohl noch weiter liefern. Auch unter den Wiesenmooren um den Lauf der Lethe und der Umgebung des Sager Meeres ist wohl noch mancher Vorzeitschatz verborgen, und darum auch hier größte Aufmerksamkeit geboten. Für die Vorzeitmenschen waren hier ebenfalls, wie am Dümmer, beste Lebensmöglichkeiten gegeben. Schon wer die bisher geborgenen Kulturgutschätze in unseren Museen mit Interesse und Phantasie betrachtet, dem erwacht das Leben der frühen Vorzeit unserer Heimat in plastischer Lebendigkeit. Es hatte jedenfalls schon um 3000 v. Chr. eine weit höhere Kulturstufe erreicht, als die der nomadischen Indianerstämme der frühen Pionierzeit Amerikas. |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||