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Predigt zum 25jährigen Jubiläum des Blockhauses Ahlhorn(gehalten von Oberkirchenrat Dr. H. Schmidt)Ich lese noch einmal den Text, den wir eben schon gehört haben, aus Lukas 12 nach der Obersetzung der revidierten Lutherausgabe: "Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, als es brennete schon! Aber ich muß mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde! Meinet ihr, daß ich hergekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei und zwei wider drei. Es wird sein der Vater wider den Sohn und der Sohn wider den Vater, die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter, die Schwiegermutter wider die Schwiegertochter und die Schwiegertochter wider die Schwiegermutter. Er sprach aber zu dem Volk: Wenn ihr eine Wolke sehet aufgehen vom Westen, so sprecht ihr alsbald: Es kommt ein Regen. Und es geschieht also. Und wenn ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht also. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels versteht ihr zu prüfen; wie prüfet ihr aber diese Zeit nicht? Liebe Gemeinde! Ich hatte einige von Euch gebeten, zwischen zwei Texten zu wählen, die an diesem Sonntag vorgeschlagen sind, dieser eigentlich nur in Württemberg, der andere aus Jesaja 43, der anfängt: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein", der für das ganze evangelische Deutschland an diesem Tage, an dem der Taufe besonders gedacht wird, vorgeschlagen ist. Diejenigen, die gefragt sind, haben sich für diesen Text entschieden. Ich hoffe, daß sie wissen, was sie damit getan haben, und ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, diesen Text so zu interpretieren, wie es ihm angemessen ist, nicht so, wie wir es uns wünschen. Zunächst eine Vorbemerkung: Es scheint mir wenig auf die Frage anzukommen, ob es sich hier um ein sogenanntes echtes Jesuswort handelt, was sehr viele Forscher annehmen, weil dieses Wort so ungewöhnlich ist und weil es sich so gar nicht einfügt in unsere Vorstellungen, die wir von einer Weltanschauung, von einem Glauben haben. Aber man wird das schwerlich historisch ermitteln können. Und wer von uns wollte etwa Worte aus dem Johannesevangelium, die mit Sicherheit nicht so von dem historischen Jesus formuliert sind, wie: "Ich bin das Licht der Welt" oder "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" nicht als Christusworte hören und verstehen! Es ist das eine seltsame Einheit, das, was dieser historische Jesus einmal seinem kleinen Jüngerkreis und vielleicht noch einer zufälligen Volksmenge gesagt hat und das, was im Namen dieses Herren und unter dem Begreifen dessen, was er gewollt hat, nun von der Gemeinde weitergesagt, formuliert und bis in unsere Tage überliefert ist. Es ist schon überraschend, wie dieses Wort beginnt: "Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden". Wir würden sagen: Das paßt ja doch gar nicht zu unseren humanen Vorstellungen, die wir in der Regel mit Christentum verbinden, oder auf die wir die Kirche Jesu Christi immer wieder festzulegen gedenken. Das paßt nicht zu den Vorstellungen, die wir haben, daß nämlich die Kirche Jesu Christi, wenn sie überhaupt noch gebraucht wird, ein wenig mitwirken könnte an den humanitären Einrichtungen dieser Weit, die dazu dienen sollen, daß es der Mensch ein wenig besser hat. Es ist zweifellos an unserem Christentum etwas nicht in Ordnung, wenn wir nicht an diesen Dingen in der Welt mitwirken. Und man könnte fast entgegen diesem Liede, (... laß die kleinen Dinge...) das wir eben gesungen haben, sagen: daß sich der Christ gerade darin ausweist, daß er sich um die kleinen Dinge kümmert. "Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden". Dieses ,Feuer auf Erden' ist ja wahrscheinlich ursprünglich gemeint von dem letzten Geschehen, wie man es sich damals vorstellte am Ende der Welt: daß die Weit in Feuer verschlungen und durch Feuer geläutert wird und daß durch dieses Feuer alles umgeschmolzen wird in etwas, was gilt und was vor Gott Bestand hat. Aber gleichzeitig bedeutet ja das Wort auch, daß dieses Feuer auf Erden wirkt und daß es sich zeigt in vielen Erscheinungen hier auf der Erde. Karl Barth, der über diesen Text einmal eine unvergeßliche Predigt gehalten hat, sagte: Es ist ja sicherlich so, daß dieses Feuer, das Jesus auf die Erde werfen wollte, damit dieser Umschmelzungsprozeß an uns Menschen vor allem geschähe, sich nur vorläufig zeigt in einem Rauch, in einem Rauch, in dem die Dinge diffus, ununterscheidbar werden. In diesem Rauch, da wird es vieles an guten Werken geben; da wird es vieles an wirklicher Liebe geben; da wird es manches geben an reinen Herzen, an wirklicher Glut des Wollens und des Vollbringens. Aber in diesem Rauch wird auch alles das sein, was wir in der Kirchengeschichte so beklagen und dessen wir uns wahrhaftig als Kirche Jesu Christi nicht rühmen können. Es wird alles das, was von den Kreuzzügen an bis in unsere Tage in dieser Richtung geschehen ist, auch zu dem Rauch gehören, der irgendwie von diesem Feuer herkommt, der aber nun doch nicht die Glut ist, durch die die Erde und die Menschen geläutert werden. Dieses Feuer auf Erden, das da brennen soll und das von Gott her das eigentliche Ziel der Gottesgeschichte ist, die wir von den ersten Blättern des AT an abzulesen vermögen, dieses Feuer auf Erden, das ist es, was als Ziel, nicht von uns gesetztes Ziel, der Weltgeschichte gedacht ist. Diese Umschmelzung und Verwandlung, dieses Neuwerden des Menschen und der Weltgeschichte, das ist das göttliche Ziel, das ist das, worauf es für uns als Christenmenschen hinausläuft, aber so hinausläuft, daß wir es wahrlich nicht ins Werk setzen können. Damit hängt zusammen, daß es dann weiter heißen kann: "Aber ich muß mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde". Wir Menschen meinen immer, man könne christliche Grundsätze verwirklichen, wenn man nur genügend Idealismus besitze, und wir schelten deshalb auf unsere Kirche, weil sie nach unserer Meinung in der Aufgabe versagt, mitzuwirken an klaren sozialen Verhältnissen, an gerechten politischen Entscheidungen, an richtigen Grundsätzen im Blick auf Völkerverständigung. Ich will nicht sagen, daß solche Initiativen gar nicht von der Kirche ausgehen dürften. Aber wer der Meinung ist, daß durch solche menschlichen Initiativen die Welt und die Menschen grundlegend verändert und gebessert werden, der sagt damit, daß Christus nicht am Kreuz habe zu sterben brauchen. Wer ein wenig tiefer sieht, wird es den Menschen im üblichen Sinne nicht übelnehmen, wenn sie in ihrem Idealismus und in der Meinung, man könnte die Welt verbessern und bekehren, das Kreuz Christi nicht verstehen. Lesen wir doch von den ersten und treuesten Zeugen Jesu Christi, von Petrus, daß er im Blick auf das Kreuz gesagt hat: "Das widerfahre dir nur nicht". Und in der Geschichte der Jünger von Emmaus steht der bezeichnende Satz: "Wir aber hofften, er würde Israel erlösen" (und nicht am Kreuz sterben). Wie sollte sich das, was im Neuen Testament von den Jüngern Christi gesagt wird, nicht auch in der Kirche zeigen. Kirche umschließt eben notwendig diejenigen, die Christus als Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrte gegenüberstanden, und die er Heuchler nannte und diejenigen, die wirklich etwas von seiner Botschaft verstanden haben. Wer die Kirche anders haben möchte, der weiß gar nicht, daß ein reines Bekenntnis zum Herrn im nächsten Augenblick durch eine Verleugnung abgelöst werden kann. Eitelkeit und Machtwillen wird es in der Kirche neben demütigem Dienst und aufrichtiger Hingabe geben, und man wird gar nicht immer feststellen können, wo das eine oder das andere ist. Darum kann es auch in der Kirche so sein, daß sie Christus widerstrebt und daß sie der schlimmste Gegner ihres Herrn wird. Liebe Freunde, wogegen ich mich so wehre in unserer Zeit, ist, daß wir uns die Sache zu einfach machen, daß wir sie unseren menschlichen Gedanken anpassen, uns gleichsam die Stellen der Schrift nur noch als Exempel nehmen für das, was wir gedacht haben. Darum geht es eben nicht, sondern es geht darum, daß wir uns beugen unter dieses Wort. Um dieses Wortes willen geraten die Menschen in Streit. "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen auf Erden, sondern Zwietracht", in Matthäus heißt es sogar "das Schwert". Liebe Freunde, das ist nun freilich keine Rechtfertigung des Krieges, das ist nicht eine Rechtfertigung der Zwietracht der Menschen, wie wir sie untereinander haben und wie wir sie untereinander immer wieder ausfechten und wie sie in Kriegen in der Weit ausgefochten wird. Und es ist auch nicht eine Rechtfertigung unserer Pluralität, auf die wir ja gelegentlich ein bißchen stolz sind. Sondern wenn hier die Rede ist von Uneinigkeit, dann gibt es immer nur zwei Parteien: Es gibt die eine, die Christus selber ist, und die andere, das sind alle anderen, die in sich noch völlig uneins sind und die untereinander völlig andere Meinungen vertreten. Dieses Uneinssein ist nun wahrlich nicht etwas, dessen sich die Christenheit und die Welt zu freuen hat, sondern dieses Uneinssein von Christus her geschieht, um deutlich zu machen, um welche Entscheidung es hier geht, wie wichtig, wie notwendig diese Entscheidung ist. Es ist gesagt, damit deutlich wird: hier an diesem Punkte entscheidet sich überhaupt, ob die Menschen das annehmen: dieses Menschsein von Gott her, dieses Geschöpfsein vom Schöpfer her, dieses Kind Gottes sein vom Erlöser her, dieses Gemeindesein vom Heiligen Geist her, um es einmal so trinitarisch zu sagen. Es ist ja eigentümlich, daß das Uneinssein gerade exemplifiziert wird an der Familie, an dieser engsten Gemeinschaft, von der wir doch sagen möchten: diese Gemeinschaft muß unter allen Umständen gewahrt werden. Wer noch im Dritten Reich einige Erfahrungen gesammelt hat, wird das wissen, daß gerade dieses den Christen zum Vorwurf gemacht wurde, daß sie u. U. die Familie auseinanderrissen; und daß dagegen gesagt wurde: Wichtig ist nicht, was wir über unseren Glauben zu sagen haben, sondern wichtig ist zunächst einmal, daß wir ein Volk sind. Dort wurde also das Volksein, die Nationalität, die Familie, diese biologisch gewachsenen Größen als das Entscheidende hingestellt. Man hat damals durchaus begriffen, daß Christus in seiner Verkündigung, in dem "Feuer auf Erden", etwas anderes will, daß er nämlich sagen will: nicht diese gewachsenen Gemeinschaften sind an sich heilig, sie werden vielmehr erst möglich, sie werden erst menschlich, sie werden erst zu einer Gemeinschaft, die wirklich trägt und die Menschen hinaussenden kann in die Weit, die etwas helfen und nützen, die Liebe bringen, wenn in die Familien, in die Nationen hinein, in die Gesellschaft hinein dieses Wort gesagt wird und dieser Christus da ist als das entscheidende Element. Und noch ein Letztes: Es ist die Rede davon, daß die Menschen die Welt beurteilen. Hier wird das gesagt vom Wetter. Wir sind immer noch nicht so ganz zufrieden mit unseren Wetterfröschen, die ja auch für heute keinen Regen angesagt haben (es regnete während der Predigt; der Gottesdienst fand im Freien statt). Aber es ist völlig klar, daß man an der Konstellation, die man als Meteorologe festzustellen vermag, etwas ablesen kann von der Entwicklung des Wetters, wie es sich in den nächsten Tagen zeigen wird. Aber wir werden das ja wahrscheinlich noch anders übersetzen müssen. Wir werden etwa hören müssen: Ihr sagt, ihr wißt so genau darüber Bescheid, wie es politisch weitergehen wird, was geschieht, wenn Amerika sich mit China verbindet, und ihr meint, daß ihr da allerhand sagen könnt, wohl auch sagen müßt; denn dazu sind ja unsere politisch bewanderten Leute da, daß sie ihre Gedanken weitersagen. Und ihr seid so klug und wißt von der Zukunft allerhand. Ihr habt sogar eine Wissenschaft entwickelt - die Futurologie. Ich würde wiederum sagen, das ist notwendig um unserer komplizierten Welt willen, daß man sich darum kümmert, was im Jahre 80 sein wird, wie es dann mit der Zahl der Menschen ist und wie mit den Arbeitsverhältnissen usw. usw. Aber wir verstehen, was im Schriftwort gemeint ist. Christus sagt: Ihr seid so klug und könnt die Dinge der Weit so gut beurteilen, ihr habt es ja auch wirklich weit gebracht. Aber eins könnt ihr offenbar nicht. Und nun kommt ein ganz merkwürdiges Wort, das im Deutschen gar nicht wiederzugeben ist: "Wie prüfet ihr aber diese Zeit nicht?" Es müßte eigentlich heißen: Wie kommt es, daß ihr gar kein Urteil darüber habt, weiches der ,entscheidende Augenblick' ist, welches die Stunde Gottes ist. Das, was Luther gemeint hat, wenn er damals sagte: Ich bin besorgt, daß mein Volk diesen ,Augenblick Gottes' nicht wahrnimmt. Er hat von dem fahrenden Platzregen gesprochen, in dem das Wort Gottes so mächtig zu den Menschen kommt; und nachher ist es alles wieder weg und keine Spur ist davon hinterlassen. So haben ja die Propheten im Alten Bunde gemeint, daß Menschen diese Stunde Gottes nicht erfahren könnten, weil sie dafür keinen Blick haben, weil sie dafür kein Gespür, kein Ohr, kein Sensorium haben. Und dasselbe ist hier auch gemeint: Ihr wißt so viel, aber ihr wißt nicht, was dazu gehört, damit ihr in dem allem, was ihr betreiben müßt, Menschen bleibt. Oder soll ich es anders sagen: Damit ihr in dem teuflischen Geschehen unserer Welt - und davon kann man ja wohl wirklich gelegentlich reden - Kinder Gottes sein und bleiben könnt, Ihr müßt ein Urteil darüber haben, was eigentlich der Mensch braucht, damit er das wird, was ihm zu sein aufgetragen ist. Und man könnte von unserer Zeit wiederum sagen, obwohl sie vielleicht nicht schlechter ist als andere Zeiten: Ich besorge, daß wir das wiederum verpassen; ich besorge, daß heute in aller Welt die Kirche schlecht gemacht, aber nicht wahrgenommen wird, welche Wahrheit sie zu verkünden hat. Man muß diese Kirche sehen als die arme Magd, die man gerade mit Runzeln lieb hat, die man mit Schmerzen lieben muß, weil sie die Kirche ist, die unter sehr viel Schutt und Asche etwas weiterträgt von der Glut, von dem Feuer auf Erden. Und weil nirgendwo sonst die Tradition, diese Überlieferung von dem Gottessohn so weitergegeben wird, wie in dieser Kirche, die wahrlich nicht eine Institution ist, auf die man weisen kann und sagen kann: so muß es sein, so hat Jesus Christus es gewollt. In dieser Kirche wird sich dann auch abzeichnen, daß Christus für sie gestorben ist. Und es wird sich hier deutlich erweisen, daß das Kreuz, das in den Kirchen überall zu sehen ist, nicht etwa nur ein Siegeszeichen ist für die Kirche, die diesen Raum benutzt, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, daß sie unter diesem Kreuz lebt, weil sie auch zu den Menschen gehört, die den Herren ans Kreuz gebracht haben. Aber nun doch auch ein Zeichen des Sieges: Karl Barth, den ich vorhin zitiert habe, weil er eine so großartige Predigt über dieses Wort von dem "Feuer auf Erden" gehalten hat, schließt seine Predigt mit einem eigentümlichen Satz: "Und das ist sicher, daß wir, wenn wir still werden vor Gott, hören werden die Botschaft, die von der anderen Seite beständig auf unsere Seite herübertönt und die auf unserer Seite beständig. vernommen werden könnte. ,Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird'. Amen |
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