|
||
|
|
Dieter Qualmann, VikarPredigt im Blockhaus am 5.April 1970Text: Hebräer 4, 9-13.Liebe Gemeinde, die derzeitige Lage in Theologie und Kirche hat ein namhafter Theologe mit einem Partisanen- und Heckenschützenkrieg verglichen, in dem sich jeder einigeln muß in der Erwartung, von allen Seiten beschossen zu werden. Obwohl ich nichts von einer militärischen Sprache auf der Kanzel halte, glaube ich doch, daß dieses Bild recht zutreffend ist. Die derzeitigen Kampfmittel sind Füllhalter und Schreibmaschinen, Zeitungsartikel und Erklärungen, Kampagnen und Polemiken. Das Schlachtfeld sind unsere Gemeinden und die geschädigten sind wir alle - ausnahmslos. Gibt es da ein Wort, das viele dringlicher ersehnten und das doch wie aus einer anderen Welt in unsere kirchliche Wirklichkeit hineinspricht als dieses: es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Die Verheißung der Ruhe gilt den Gemeinden, der Kirche, deren Existenz in der Welt der Verfasser des Hebräerbriefes als eine Wanderung in der Wüste versteht, wo keine Stätte ist, an der man verweilen könnte, wo Gefahren drohen, wo man keine Festungen errichten kann. Hier ergeht fortwährend der Ruf zum Aufbruch, weitergehen und nicht müde werden, dies ist die Aufgabe. Es ist eine Kirche des Auszuges im Namen ihres Herrn, verzeichnet von den Leiden ihres Herrn, aber auf dem Wege zur vollkommenen Gemeinschaft mit ihrem Herrn. Das ist die Verheißung, die über dieser Kirche steht: die Ruhe. Gottes Ruhe auf die hin die Schöpfung angelegt ist und an der sie Anteil bekommen soll, weil Gott nichts für sich behalten will. Sie wird den müden, zerbröckelnden Gemeinden vor Auge gestellt, trägen Gemeinden, die des Wanderns müde geworden sind und die Entdeckung gemacht haben: ohne Christus lebt es sich leichter. Darum fehlt es nicht an der Ermahnung: Befleißigt euch in diese Ruhe einzugehen, verfehlt sie nicht, sie ist vorhanden. Aber wo finden wir sie in unserer heillosen, unruhigen Situation - und, ist sie überhaupt erstrebenswert? Wir wissen doch in allem Klagen über die Ruhelosigkeit in allen Bereichen, daß völlige Ruhe Bewegungsstillstand bedeutet - und das ist der Tod. Und wir wissen, daß nur äußerliche Ruhe uns zurückwirft in die Unruhe der Herzen, von der Augustinus in seinen Bekenntnissen im Gebet sagt: "Du hast uns auf Dich hin geschaffen und unser Herz ist unruhig, bis es in Dir ruht". Nun ist aber die dem Volke Gottes werheißene Ruhe nicht zuerst der Seelenfrieden des Einzelnen, sondern das Ziel der Wanderschaft, in der die Kirche unter dem Zeichen des Kreuzes steht, und es ist darum kein Mangel an Unruhe, sondern die Vollendung dessen, was im Kreuz und in der Auferstehung Jesu Christi angebrochen ist, die Ruhe der Gemeinde liegt beschlossen in der endgültigen Herrschaft ihres Herrn. Deshalb verweist uns der Hebräerbrief mit der Frage: Wo finden wir denn diese Ruhe?, auf das Wort Gottes. Die Verheißung für die Kirche hängt ganz allein am Worte Gottes. Angeblich ist ja für die Kirche das Zutrauen zum Wort selbstverständlich, aber wie oft ist es ersetzt worden durch das Selbstvertrauen der Kirche, die aber - und das soll in aller Schärfe gesagt werden - ohne Zutrauen zum Wort selbst "faules Fleisch" ist. Die Folgen solches Selbstvertrauens der Kirche sehen wir täglich und immer deutlicher vor uns. Wer sein Zutrauen auf die Autorität der Kirche und ihrer Repräsentanten setzt, wird enttäuscht von ihrer 'Menschlichkeit', fühlt sich verlassen. Wenn die Sache nicht für sich spricht, hilft die Anrufung aller Autoritäten gar nichts und gerade dieser Text sagt es ganz deutlich, das die Kirche nur Kirche ist, wenn sie Dienerin dieses Wortes ist, dann aber braucht sie sich auch nicht täglich um ihre Zukunft zu sorgen. Was aber ist denn das: Wort Gottes. Kaum ein Begriff wird wohl besonders von evangelischen Christen so unüberlegt und so verharmlosend gebraucht, als käme es hinsichtlich dieses Wortes Gottes nicht vielmehr darauf an, es verstehbar zu bezeugen, als es nur häufig genug im Munde zu führen. Ohne diese Bezeugung aber steht dieses Wort in der Gefahr zur Ideologie zu werden, als die von der Wiege bis zur Bahre je nach Gelegenheit tröstende und mahnende religiöse Verbrämung bürgerlichen Lebens. "Es ist lebendig und schärfer als ein zweischneidig Schwert, ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens". Es ist von einer doch furchterregenden Sache die Rede. Ein Schwert ist es und kein Schutzschild, hinter dem wir unsere persönlichen oder kirchenpolitischen Interessen verstecken könnten. Ein Schwert, das in Bewegung ist, nicht ein sicherer unangreifbarer Hort oder eine unveränderte Position. Und es ist kein Schwert, das wir führen könnten nach dem Motto: Pharisäer und Schriftgelehrte, das sind immer die anderen. Der Kritik dieses Wortes sind wir immer zuerst selbst ausgesetzt. Der Platz aller in der Kirche ist eben unter dem Wort und nichts ist peinilcher als ein selbstgerechter und anmaßender Gebrauch dieses Schwertes durch die Kirche. Die Kirche des Wortes hat darum auch kein Gebäude eines Welterlösungsprogramms anzubieten, in dem man sicher wohnen könnte und von dem aus man eine Antwort von Ewigkeitswert auf alles und jedes hätte. Denn dieses Wort treibt jeden, der es hört, immer wieder aus der Selbstsicherheit hinaus und macht ihn unruhig. Wer dieses Wort ist?: Jesus von Nazareth, der Christus Gottes, im Gehorsam gegen ihn soll die Gemeinde Ruhe finden. Für dieses "eine Wort Gottes" ist sie aber auch verantwortlich, über ihren Umgang und Gebrauch mit diesem Wort wird sie Rechenschaft abzulegen haben. Nun weiß ich wohl, daß viele sagen werden: aber liegt nicht gerade ein Grund unserer Unruhe darin, daß der Streit darüber ausgebrochen ist, wie dieses Wort, wie eben Jesus zu verstehen sei? Gewiß, aber von der leidenschaftlichen Auseinandersetzung genau darum lebt die Kirche - hier muß sie an der Sache bleiben. Nur, geht unser Streit nicht um so viele Dinge und wird er nicht in einer Art ausgetragen, die eben dieser Sache unwürdig sind? Kehren wir zu den Ausgangsüberlegungen über die Lage unserer Kirche zurück: Ist sie, von vielen als eine Stätte der Zuflucht ersehnt nun doch eine Arena, in die man gut gerüstet eintreten muß? Sind aber die Geme,inden dieses Streites nicht müde geworden und schmerzt es nicht auch viele von uns, nicht mehr das sein zu können, was wir sein sollten, Zeugen einer freimachenden, einer frohen Botschaft? Ruhe ist nicht Mangel an Unruhe, sondern beginnt wohl mit dem nachdenklichen Betrachten. Die Ruhe, die der Kirche verheißen ist, beginnt mit dem Betrachten dessen, was Gott für uns getan hat. Und dann stellt sich die Frage ein, ob uns das Wort Gottes begegnet als Menschen, die nicht träge und selbstsicher geworden sind, sondern bereit zur Bewegung, zur Veränderung ihrer Positionen. Der Positionen, die wir Tradition und Fort schritt nennen, an denen wir kleben und denen wir uns verpflichtet haben' als wüßten wir nicht, daß unsere Vergangenheit und Zukunft verbunden sind durch die dauernde Verantwortung vor dem uns richtenden Wort Gottes. Den verzagenden Menschen davor zu bewahren, daß er die Gnade möglicherweise vergebens empfangen haben könnte, dem Einführen zur Erkenntnis Jesu Christi hat unser Reden und Tun in wechselseitiger Entsprechung zu dienen - nicht unserer Rechthaberei. Und vergessen wir nur das eine nicht: wenn die Kirche in vielfacher Hinsicht zum Skandal geworden ist - wer kann heute daran vorbeisehen?-, dann verdeckt sie, daß Jesus Christus das "Skandalon" ist, das Ärgernis, das jeden Menschen in sich unruhig macht und auf den Weg setzt zu einer Ruhe, die im Gehorsam gegen diesen Herrn verheißen ist. Kann die Kirche ihm dabei im Wege stehen? Diese bange Frage treibt uns zum Aufbruch aus den sicheren Positionen, die Kirche auf der Wanderschaft darf nicht müde werden, einzuladen zu der Ruhe, die uns allen verheißen ist. Amen Gebet:Herr,wir sind schuldig, denn wir schweigen, wo unser Wort Befreiung bringen könnte, wir sind schuldig, denn wir reden, wo Worte unnütz und schädlich sind. Herr, wir sind schuldig, denn wir fragen viel in Überheblichkeit und mühen uns wenig um Verstehen, wir sind schuldig, denn wir fragen nicht bohrend und inständig genug, wir haben aufgegeben, wir sind schuldig, denn wir sind müde und träge geworden. Herr, laß uns erkennen, daß wir dieser Welt etwas schuldig sind: zu leben als Menschen, die von Dir wissen - indem sie um Dich ringen - und dies in vielfältigster Weise bezeugen in der Nachfolge Jesu Christi. Amen |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||