Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1970: Blockhausbrief Nr. 15

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Einige Gedanken zu dem Glauben an den Dreieinigen Gott
Neuer Anfang in Ahlhorn
Und was war vorher?
Predigt im Blockhaus am 5. April 1970
Aus der Chorchronik des Oldenburger Jugendchores vom Juli 1948
Gottvertrauen
Architektonische Bauleistungen in der Jungsteinzeit
Rüstzeit im Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 16.11.1969 bis 11.11.1970
 

Architektonische Bauleistungen in der Jungsteinzeit

Karl Michaelsen


Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?
Wer führt die Sonn aus ihrem Zelt?
Sie kommt und leuchtet und lacht nur von Ferne
Und läuft den Tag gleich als ein Held.

"Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre"


Überall im Verbreitungsgebiet jungsteinzeitlicher Völker entstanden im Mittelmeerraum und von dort aus ausstrahlend an den Küsten West- und Nordeuropas Tausende steinzeitlicher Denkmäler: architektonische Sacralbauten für den Totenkult und für die himmelskundliche Beobachtung der Gestirne. Durch absichtliche Zerstörung und Ausbeutung ist die ehemals sehr große Anzahl heute leider weitgehend herabgesetzt. Ein Grund mehr, die heute, noch erhaltenen Reste durch eine sorgfältige Denkmalspflege zu schützen.

Die langjährigen, sorgfältigen Untersuchungen der Archäologen und Astronomen enträtselten in den Megalithgrabbauten (Großsteingräber) den Ausdruck eines hochentwickelten Ahnen- und Totenkultes und in den Steinreihen und Steinkreisen aus ebensolchen Findlingen genau ausgerichtete Visieranlagen für die jahreszeitliche Bewegung der großen Himmels-körper. Das Beobachten und Wissen um diese Erscheinungen lieferte den Priester-Beobachtern die überzeugenden Unterlagen für den verbreiteten Himmelsgottglauben.

Die Steine sprechen eine untrügliche Sprache, auch dort, wo es aus diesen frühen Zeiten noch keine schriftliche Überliefarung gibt. Der Mensch der Jüngeren Steinzeit war Ackerbauer und Viehhalter, und seine Priesterastronomen mußten aus den sich regelmäßig wiederholenden Himmelserscheinungen den Ablauf der Monate und Jahre, weiter die Zeit für Saat und Ernte und, wie es der religiöse Kult verlangte, die Hauptfeste festlegen.

In der Forschung besteht schon seit langem der wohlbegründete Verdacht, daß der Ausrichtung der Denkmale der Megalithkultur vielfach eine durch himmelskundliches Wissen geforderte Zweckbestimmung zugrunde liegt. In den Jahrzehnten nach dem Kriege haben neue Untersuchungen vor allem englischer, amerikanischer, aber auch deutscher Astronomen Tatsachen erschlossen, die uns ein überraschendes Bild von der Höhe der himmelskundlichen Beobachtungskunst der Großsteingräberleute offenbaren.

Die Datierung (Chronologie) der in Frage kommenden Zeitspanne ist mit Hilfe der neuen Methoden der Zeitbestimmung durch die Halbwertszeiten strahlender Elemente Radiokarbonmethode u. a.) verhältnismäßig sicher festgelegt und ist mit dem Ausgang der Jungsteinzeit und der beginnenden Bronzezeit anzusetzen, etwa 2000-1600 v. Chr. Das ist vergleichsweise die Zeit der Einwanderung der indogermanischen Dorer und Jonier nach Griechenland. In diese Zeitspanne fällt auch die Errichtung der meisten der in neuerer Zeit in Nordwesteuropa vermessenen Steinsetzungen. Da der Lauf der Gestirne sich durch die Jahrtausende auch rückwärts astronomisch genau berechnen läßt, kann man eine nur mit archäologischen Methoden erfolgte Datierung auch aus dieser Sicht überprüfen.

Schon wenn man die im Oldenburger Lande vorkommenden vorgeschichtlichen Denkmäler vergleicht, taucht immer wieder die Frage auf, ob den Erbauern bei der Konstruktion ihrer Anlagen nicht bestimmte Pläne nach Maß und Fläche vorgelegen haben und ob sie nicht vielleicht sogar ein Einheitsmaß (wie heute das Meter) verwendet haben. Immer wieder finden wir Formen wie große und kleine Rechtecke (z. B. Visbeker Brau, Visbeker Bräutigam, Glaner Braut), Ovale (Hohe Steine von Wildeshausen, Ganggräber von Stenum und Steinkimmen), kreisförmige Einfassungen der Hügelgräber aus Stein-, Bronze- und Eisenzeit (Ringwälle aus Findlingen, Ringmauern aus Kopfsteinen, Kreisgräben, Pallisadenringe aus eingegrabenen Pfählen u. a. m.) und schließlich die beiden Findlingskreise der Apostelsteine. Diese Formen verraten uns ein vorgeschrittenes meßtechnisches Können. Es ist doch wohl kaum anzunehmen, daß die mächtigen, oft mehrere Tonnen schweren Steinblöcke, ohne Vorplanung nach Ortlichkeit und Form einfach irgendwo ins Gelände gesetzt wurden. "Die Megalithbauten sind die letzten großen Manifestationen der Jungsteinzeit" (Keßler).

Folgen wir dem kürzlich erschienenen Buch von Prof. Dr. Rolf Müller: "Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit", (Springer Verlag), so läßt sich hierzu aus England berichten: Nach Vorarbeiten von Sir Norman Lokyer (Stonehenge 1909) und Admiral Sommerville (1922/23) hat neuerdings Prof. A. Thom ca. 450 Steinbauten vom Norden Schottlands bis Wales und den Süden Englands gründlich mathematisch-astronomisch untersucht. Neben der Tatsache der oft bestätigten himmeiskundlichen Ortung, gehört zu den beachtenswertesten Ergebnissen seiner Untersuchungen die erstaunliche Entdeckung, daß es im ganzen einschlägigen britischen Kulturkreis schon in der Jungsteinzeit ein gültiges Einheitsmaß gegeben hat, und daß dieses sogar im ganzen westeuropäischen Kreis in Anwendung war. Er nennt es das "Megalithische Yard" wobei Yard ursprünglich einen Stab, einen Meßstock bedeutete. Aus der Vermessung von 145 Steinkreisen berechnete er den sehr genauen Wert mit 0,829 m (2,92 engl. Fuß). Müller vergleicht es mit der deutschen Elle und tauft es um in "megalithische Elle". In der französischen Verge und der spanischen Vare findet sich diese noch heute. Überhaupt hat sie sich im spanischen Siedlungsbereich am längsten erhalten (Burgos 0,843 m, Madrid 0,836 m). Von dort wurde sie nach Texas, Kalifornien, Peru eingeführt (Mittel 0,84 m). Es bleibt noch zu untersuchen, ob dieser oder ein ähnlicher Maßstab auch schon im mutmaßlichen Entstehungsgebiet der Megalithkultur, im östlichen Mittelmeerraum, vorhanden war (Griechenland, Kreta, Malta, Minoische Kultur).

Machen wir die Probe aufs Exempel nur bei einigen unserer oldenburger großen Steinsetzungen, Visbeker Bräutigam 105 m, Visbeker Braut 84 m, Kleinenkneten I und II mit 50 und 34 m, so würde der Visbeker Bräutigam mit 125 megal. Ellen, die Visbeker Braut mit 100 m. E., Kleinenkneten I mit 60 und II mit 40 m. E. fast genau ganzzahlige Werte enthalten und damit umgekehrt für die tatsächliche Existenz jener Maßeinheit sprechen.

Da wir nun in den Apostelsteinen an der Lethe (bei den Fischteichen) mit großer Wahrscheinlichkeit eine auf den Sonnenlauf geortete (Sommer- und Winter-Sonnenwende)Kalenderanlage mit einem großen und einem kleinen Findlingskreis besitzen, wäre auch hier ein maßgerechter Aufbau nach meg. E. interessant. Der große Kreis hat einen Radius von 13,1 m und der kleine einen solchen von r2=10,3 m, wobei aber betont werden muß, daß die Radien bei den liegenden Findlingen nicht exakt zu bestimmen sind. Der Abstand vom großen Kreis zum Visierstein beträgt a=34 m. Das ergäbe für r1=15,6 meg. E., für r2=12,4 meg. E. und für a=40 meg. E. Die genauen Unterlagen liegen Prof. R. Müller zur Nachprüfung vor. Unterliegt unsere "Sonnenwarte" aber in der Konstruktion dem megalithischen Maßstab, so hätten wir damit einen weiteren Beweispunkt für unsere obige Deutung gewonnen. Neben den weit besser erhaltenen und sicher astronomisch ausgerichteten 10 Steinkreisen von Odry (ehemal Westpreußen) und dem sog. Steintanz von Boltin (Mecklenburg), 4 Kreise, wären dann unsere Apostelsteine die dritte noch in Norddeutschland vorhandene jungsteinzeitliche Kalenderanlage. Auch die beiden ersteren lassen nach R. Müller die meg. Eile als Baumaß erkennen.

Obwohl die Zahl der astronomisch ausgerichteten Steinkreise und geraden Steinpfeilerreihen in der Steinzeit ehemals sicher um ein Vielfaches größer gewesen ist, lassen sich heute, fast 4000 Jahre später, nur noch einige Hundert nachweisen, mit dem Schwerpunkt in Großbritannien. Aus Unwissenheit, Absicht oder auch Gleichgültigkeit wurden sie systematisch vernichtet, die aufrecht stehenden Steine umgestürzt, verschleppt und gesprengt. Unter den erhaltenen lassen sich neben nahezu kreisförmigen Ringen noch drei weitere Bauformen erkennen: einseitig abgeflachte, elliptische und eiförmige. Nach den eingehenden Untersuchungen durch Thoms in Großbritannien und Müller in Deutschland verrieten sie in Dutzenden von Beispielen über die Maßeinheit der meg. Eile hinaus noch erstaunliche geometrische Kenntnisse. Bei ihrer Grundkonstruktion ging man "nahezu besessen" von zwei rechtwinkligen pythagoräischen Dreiecken aus (Hypothenusenquadrat der Summe der Kathetenquadrate, c2=a2+b2) oder doch von rechtwinkligen Dreiecken, die in verblüffender Näherung als pythagoräische Dreiecke angesprochen werden können. Prof. Müller meint sogar, man sei versucht, daraus den Schluß zu ziehen, der Megalithiker habe den Satz des Pythagoras schon gekannt, wenn nicht als allgemeingültigen Lehrsatz, so doch in der praktischen Anwendung. Das sind sensationelle Erkenntnisse. Geometrische Hilfskonstruktionen an sacralen Grabbauten und astronomischen Anlagen schon 1500 Jahre vor Pythagoras (ca. 582-507 v. Chr.), da müssen selbst die Skeptiker unter den heutigen Archäologen aufhorchen.


    zurück zum Seitenanfang