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Der KompassAnnegret Cordes (Abiturientin des Kippenberg-Gymnasiums) Wenige Wochen vor unserem Abitur hatten wir wieder Gelegenheit, mit der Klasse für einige Tage nach Ahlhorn zu fahren. Die Ruhe und Abgeschiedenheit dort gab uns noch einmal die Möglichkeit, auszuspannen und neue Kräfte für die kommende Prüfung zu sammeln. Manchmal braucht man Ruhe, nicht nur zum Entspannen, sondern auch, um zu erkennen, welchen Weg man einschlagen muß. Für uns war das zunächst der Weg ins Abitur und dann, darüber hinaus, der Weg in den Beruf. Ja, den Weg erkennen! Will ein Seemann den Weg wissen, den sein Schiff einschlagen muß, so zieht er den Kompaß zu Rate. Der Kompaß - seine magnetische Nadel weist immer zum Nordpol und zeigt auf der Kompaßrose die Abweichung von der Nordrichtung an - ist in der Seefahrt das wichtigste Instrument, um Standort und einzuschlagenden Kurs zu bestimmen. Im zwölften Jahrhundert wurde er im Abendland bekannt, die Chinesen bedienten sich seiner schon früher. Noch heute hat der Kompaß nicht von seiner Bedeutung eingebüßt. Ähnlich wie der Steuermann zur Führung eines Schiffes dieses Gerät braucht, so bedarf jeder Mensch eines Kompasses, um seinen Standort festzustellen und den Kurs seines Lebens zu setzen. Ein solcher Kompaß ist jedem Menschen angeboren, er verlangt nur, daß der Mensch sich nach ihm richtet. Der eingeborene Kompaß, dieser Richtungsweiser im Leben des Menschen, zeigt immer zum Guten. Die Dichtung Shakespeares gibt uns mit Hamlet und Macbeth die Bilder zweier Männer, die beide diese Richtung zum Guten erkennen; aber nur einer, Hamlet, folgt. Hamlet, der Sohn des ermordeten Königs von Dänemark, weiß um den Mord, den sein Onkel an seinem Vater beging, und verfolgt unbeirrbar sein Ziel, das Verbrechen aufzuklären und die Wahrheit dem ganzen Volke kundzutun. Sein Vorhaben gelingt ihm nicht, aber immer ist er voller Bemühen. Er ist kein Rächer, der die Gesetze der Blutrache erfüllen will, sondern er will, daß der Gerechtigkeit Genüge geschieht. Er kennt genau den Weg, der vor ihm liegt und den er gehen muß. Anders Macbeth! Er, ein treuer Gefolgsmann des Königs Duncan von Schottland, erfährt durch Weissagung, daß er einmal König von Schottland sein wird. Er ist entschlossen, sich dem Geschick zu unterwerfen, und solange er bei diesem Entschluß bleibt, verfolgt auch er den richtigen Weg. Dann aber beginnt er, diesen Weg zu verlassen: er tötet König Duncan meuchlings, um selbst König zu werden. Später wird er von Duncans Sohn Malcolm geschlagen. Obgleich auch er den richtigen Weg erkannt hatte, verließ er ihn, um das Ziel durch Gewalt zu erreichen. Was aber ist dieser innere Kompaß, den Hamlet achtete und den Macbeth mißachtete? Vielleicht zeigt sich am deutlichsten in Adalbert Stifters "Bunte Steine", wie man einen Menschen erkennt, der dem Kompaß folgt: es ist derjenige, der das sanfte Gesetz anerkennt. Das sanfte Gesetz der Sitte und der Gerechtigkeit ist ein "menschenerhaltendes Gesetz"; erst der, der es wertschätzt, zeigt sich seines Menschseins würdig. Hamlet folgt diesem Gesetz; er kämpft um Sitte und Gerechtigkeit, drängt bedingungslos zur Wahrheit, während Macbeth sich dagegenstellt. Dieser Drang zur Wahrheit, den Hamlet zeigt, ist in jedem Menschen. Die Wahrheit aber ruht in Gott. Sein Gesetz, das die Bibel uns gibt, schließt das sanfte Gesetz, von dem Adalbert Stifter uns spricht, mit ein. Die Wahrheit in Gott zu erkennen, ist das letzte Ziel menschlichen Strebens, auch wenn wir selbst dies nicht erkennen. Gott ist der Pol, auf den der Kompaß ausgerichtet ist, und alle menschlichen Wege, die zum richtigen Ziel führen, führen zu Gott. Wohl ist das Ziel eines jeden menschlichen Lebens ein anderes, aber wichtig ist letztlich, daß dies Ziel erreicht wird, daß der Mensch den Platz erkennt, an den Gott ihn stellen will, und daß er diesen Platz mit allem Bemühen auszufüllen sucht. Zu diesem Pol, zu Gott, zieht den Menschen sein Gewissen, das ihm aufzeigt, wie er sich verhalten soll. Der Glaube an Gott gibt dem Gewissen die Richtung. Das vom Glauben bestimmte Gewissen also ist der innere Kompaß, der uns zum Ziele führt. Folgen wir unserem Gewissen, auch ohne die Wirkung des Glaubens zu spüren, so ist die Nadel des inneren Kompasses in Ruhe, sie schwankt nicht mehr hin und her, und wir wissen, daß der eingeschlagene Weg der richtige ist. Der Mensch ist also der Steuermann seines Lebens, er muß den Kompaß beachten und ihm folgen. Hamlet und Macbeth hatten beide den gesetzten Kurs ihres inneren Kompasses erkannt, doch nur Hamlet war bereit, ihm zu folgen. Beide gehen unter, doch der eine auf dem Platz, auf den er gestellt war, der andere, Macbeth, weit davon entfernt. Nur ein Mensch, der den inneren Kompaß achtet, wie Hamlet es tat, ist seines Menschseins würdig. Er strebt der Wahrheit, dem Göttlichen entgegen, sein Gewissen, sein Glaube leiten ihn, und er nähert sich der Vollkommenheit, er nähert sich Gott. Der Kompaß des Seemannes kann nur dann genau die Richtung anzeigen, wenn er ruhig und frei von Ablenkung gehalten wird. Genauso braucht das Gewissen, braucht der Glaube die Ruhe, denn nur wenn der Mensch Muße hat, ist er fähig, auf diesen inneren Kompaß zu sehen. - Gerade vor einem neuen Lebensabschnitt sind Tage der Besinnung nötig, um die Richtung zu erkennen, die man einschlagen muß. So waren wir Abiturientinnen alle dankbar für die Mußestunden, die wir in Ahlhorn erleben durften. Wir hielten das Ruder; wir sahen den Kompaß, der beim Ruder stand; wir suchten den Pol, dem der Kompaß gehorcht. |
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