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Geschichte des WaldesErdgeschichte - MenschheitsgeschichteZ. [Oberförster Zürcher?] Wenn wir uns einmal etwas tiefer mit der Geschichte unserer Vorfahren beschäftigen, so finden wir zahlreiche Beispiele dafür, daß ihr Leben innig mit dem Walde verbunden war. Wohl bei allen primitiven und auf niederer Kulturstufe stehenden Völkern ist der Glaube an die Macht der Dinge und der ihnen unverständlichen Erscheinungen der Umwelt vorherrschend. Und wo zeigten sich den alten Germanen diese Mächte wohl sinnfälliger als in der unermeßlichen Weite und Erhabenheit ihrer Wälder! Als dann später diese Machtäußerungen mit besonderen Wesen in Verbindung gebracht wurden, die man sich in phantastischer Tier- und Menschengestalt vorstellte, da belebte sich der Wald mit einer Fülle von Fabelwesen wie Waldgeistern, Kobolden und Dämonen, Feen, Elfen und Waldsschraten. Sie hausten dort und trieben ihr Unwesen, erzeugten Krankheiten und Unwetter, und sollten das Leben der Menschen in ihrer Gewalt haben. Aus diesem Dämonenglauben hat sich dann allmählich der germanische Götterglaube entwickelt. Lassen wir die Geschichte des Waldes in einem Herbst des Spättertiärs, vor ungefähr 32 Millionen Jahren beginnen. Der Same der Palmen war nicht reif geworden, weil der Sommer zu regenreich und kühl gewesen war. Aber obwohl auch wieder warme, sogar heiße Sommer folgten, wurde das Klima allmählich doch kühler, ja kälter. Die Eiszeiten begannen! Und dann kam ein Winter, der den letzten Palmen, ein anderer, der den letzten Magnolien und Zedern den Tod brachte. Mit ihnen verschwanden die wärmeliebenden Pflanzen des Tertiärs. Zuerst auf den Bergeshöhen, dann aber auch in den wärmeren Tälern. Die Eisschichten auf den Seen und Flüssen wurden immer dicker und sie hielten sich immer länger. Von Skandinavien her und aus den Tälern der Alpen krochen die Eisströme der Gletscher, und mit ihnen kam der Frost und der kalte Nebel. Die reiche Flora des Tertiärs starb den Kältetod! Zahlreiche Funde in der Nähe von Mainz zeigen uns, wie unvorstellbar viele Arten von Bäumen, wie zum Beispiel Palmen, Mammutbäume, Sumpfzypressen, Zedern, Kampfer- und Zimtbäume es damals in Mitteleuropa gab. Nur in den Gebieten südlich der Alpen und der Pyrenäen konnten sich Reste dieser reichhaltigen Flora erhalten. Wir wissen heute, daß das Klima der Zwischeneiszeiten zum Teil wärmer war als unser heutiges. Selbst bei der stärksten Vereisung lag nicht ganz Deutschland unter einer mächtigen Eisdecke wie heute etwa Grönland. Von den Alpen her stießen die Gletscher bis zur Donau vor, und vom Norden her erreichte das Eis bei seinem größten Vorstoß ungefähr die Mittelgebirge, West- und Südosteuropa blieben eisfrei, ebenso ein Streifen Mitteleuropas. Aber es gab nur kurze Sommer! Das Klima ließ Weiden, Aspen und Zwergbirken das Land schnell erobern, aber jede neue Frostzeit trieb sie wieder zurück. Als das Land vor ungefähr 20 bis 25000 Jahren endlich eisfrei wurde, waren die Weiden, Aspen und Birken wieder die ersten Siedler. Wo aber waren die anderen Baumarten, die wir jetzt in unseren Wäldern finden während der ganzen, langen Zeit geblieben? Nach mühevoller Kleinarbeit fanden die Forscher es heraus. Die Zufluchtstätte der Fichte lag in den Ostalpen bei Laibach, die der Weißtanne auf den drei südlichen Halbinseln Europas. Die Bergkiefer und die Waldkiefer überlebten die Eiszeiten in Ungarn. Die Buche hat in Südosteuropa und im Rhonetal die Kältezeiten überstanden, die Lärche in den Südtälern der Alpen und auf dem Appenin. Daneben konnten im atlantischen Westfrankreich andere Holzarten die Eiszeiten überleben. Als dann Mitteleuropa und damit unsere Heimat langsam wieder eisfrei wurde, siedelten zuerst Flechten und Moose. Die Inbesitznahme des wieder siedlungsfähig gewordenen Landes durch andere Pflanzen, Bäume und Sträucher aber nahm wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Wieder waren es zuerst die anspruchslosen, frostgewohnten Birken, Aspen und Weiden, die Fuß faßten. Aber wie geht das vor sich? Ein fest verankerter Baum oder gar ein ganzer Wald kann doch nicht wandern? Auf Grund sehr sorgfältiger Pollenuntersuchungen in konservierenden Moorschichten ist nicht nur die Rückwanderung der Pflanzenwelt, soweit ihr das veränderte Klima zusagte, genau bekannt, sondern auch die Dauer dieser Rückkehr bei den einzelnen Arten. Die Geschwindigkeit, mit der eine Pflanze "wandern" kann, wird durch verschiedene Umstände bestimmt. Am wichtigsten war vorerst natürlich die Fähigkeit, Fröste überstehen zu können. Wichtig war ferner die Menge der erzeugten Samen und ihre Verbreitungsfähigkeit. Es ist einleuchtend, daß leichte Samen wie zum Beispiel von Birke, Aspe und Weide leichter und schneller für eine Verbreitung ihrer Arten sorgen konnten als beispielsweise die schweren Früchte von Buche, Eiche oder gar Kastanie, die kaum aus dem Kronenbereich der Mutterbäume gelangen konnten. Die frühe oder späte Geschlechtsreife begünstigt, beziehungsweise verzögert natürlich ebenfalls die Verbreitungsgeschwindigkeit einer Pflanzenart. Verhältnismäßig einfach vollzieht sich die Pflanzenwanderung auch an Wasserläufen, die manche Sämereien, hier auch wieder in erster Linie die leichten, über große Entfernungen hinwegtragen. Als erster Nadelbaum eroberte sich die Kiefer, und zwar die Bergkiefer als die härtere Form, die eisfrei gewordenen Gebiete. Allerdings bildete sie damals noch keine Wälder. Es waren einzelne Bäume und Gehölzgruppen, die die weite Steppenlandschaft unterbrachen. Die Mittelgebirge trugen noch jahrtausendelang kahle Gipfel, weil diese über die damalige, klimabedingte Baumgrenze hinausragten. In der Kampfzone zwischen Pflanzen und Frost kann man noch heute dieses Geschehen miterleben. In Sibirien, Alaska, Kanada, Finnland und den Hochgebirgen vollzieht sich das Vordrängen der Pflanzen und das harte Zurückschlagen des Frostes als eindringliches Beispiel. Nach den Birken und Kiefern drängte sich die Hasel so sehr vor, daß ihr Vorkommen beinahe 60% des vorhandenen Strauch- und Baumbestandes ausmachte. Mit der Hasel drängte auch die Erle vorwärts, und gleich nach ihr eroberten sich auch Eichen, Eschen und Ahorne weite Gebiete. Mit dieser Mischung war eine Lebensgemeinschaft Wald erreicht, die eine gewisse Dauer versprach. Aber welche Zeitspannen brauchten die Baumarten für ihre Wanderungen und welche zur weiten Verbreitung? Warum gab es damals weder Fichte noch Tanne, die Hauptholzarten unserer heutigen Zeit? Für die Buche, die ja, wie bereits erwähnt, im Rhonetal und in den Südostalpen die Eiszeiten überdauerte, ging die Rückwanderung in die eisfrei gewordenen Gebiete wie folgt vor sich: Nach einem ersten Vorstoß bis zum Rande der Alpen wanderte sie weiter nach Norden. Der westliche Zweig der Buchenwanderung hatte etwa um 7000 vor Christus die Gegend von Zug (Schweiz) erreicht, etwa um 2000 vor Christus war er bis in die Höhe von Ulm vorangekommen. Sobald aber die Buche den Rhein erreicht hatte, wurde ihr Same vom Wasser nach Holland geschwemmt. In ähnlicher Weise schob sich dann auch der östliche Zweig vorwärts und erreichte Schleswig im frühen Mittelalter. So oder so ähnlich war es auch mit den anderen Holzarten. Wann hat nun der Mensch erstmals in die Entwicklung des Waldes eingegriffen? Wir dürfen wohl annehmen, daß er bis zum Gebrauch der Metalle mit seinen einfachen Werkzeugen keine großen Eingriffe machen konnte, und sich vorläufig auf das Sammeln von Früchten, die Entnahme von Feuerholz, später auch Holz für Wohn- und Wehrbauten, beschränkte. Die Rodung und der Eintrieb von Vieh waren höchstens von örtlicher Bedeutung. Die Bevölkerungsdichte war so gering, daß ein Kampf mit dem Walde zur Ausweitung des Lebensraumes gar nicht notwendig war. Der Urwald bestimmte den Lebensraum des Menschen, nicht der Mensch die Fläche des Waldes. In der Jungsteinzeit nahm man erstmals das Land in Bearbeitung, aber es wurde anfangs nur auf den Flächen gesiedelt, die der Wald noch nicht erreicht hatte. Zweifellos wurden schon damals Rodungen vorgenommen, aber erst mit der Erfindung des Pfluges in der Bronzezeit konnte zu einem feldmäßigen Fruchtanbau übergegangen werden. Die Siedlungsgebiete waren nicht etwa große, waldlose Flächen, sondern es waren kleine Äcker und Grasfluren, die mit Wäldern und Mooren wechselten. Für die Menschen der Bronzezeit war es lebensnotwendig, ihren Siedlungsraum durch Rodungen und Brandkulturen zu erweitern, denn die Buche hatte inzwischen, begünstigt durch das Klima, große Flächen erobert. Die Steppentiere, wie Wildpferde und Rentiere, wurden durch die zunehmende Bewaldung und durch die ständige Bejagung zurückgedrängt, und fielen weitgehend für die Fleischversorgung der Bevölkerung aus. Jetzt sorgte wieder der Wald für Ersatz. Den Steppentieren folgten mit der noch laufend zunehmenden Bewaldung die Waldtiere. Rothirsche, Rehe, Eiche, Wildschweine und Bären stopften die entstandene Versorgungslücke. Bald reichten aber auch diese Waldtiere zur Ernährung der Bevölkerung nicht mehr aus. Auch sonst gab der Urwald nur wenig Nahrung her. Zwar gab es Bucheckern, aber Buchelmasten sind nicht häufig, und die Buchecker läßt sich nicht lange aufbewahren. Die Eiche fruchtet zwar häufiger, aber ihre Früchte sind wegen des hohen Gehaltes an Gerbsäure fast ungenießbar. Das Schwein ist leicht zu zähmen und als Allesfresser einfach durchzubringen. Daher war es auch neben dem Hund eines der ersten Haustiere. Um der Schweinehaltung willen wurde daher im Mittelalter die Eiche zu Lasten der Buche begünstigt, ja, bis vor ca. 200 Jahren wurde der Wald durch die Zahl der Schweine, die er ernährte, bewertet. Der Wildbestand im Urwald wird meistens überschätzt. J. Fröhlich berichtet über "Wald und Wild im Urzustand" in der Allgemeinen Forstzeitung: "In den ehemaligen Urwäldern der Ost- und Südkarpaten, Bosniens und Anatoliens kann auf Grund jahrzehntelanger Beobachtungen und Erfahrungen der ursprüngliche Hochwildbestand auf 2-4 Stück je 1000 h angenommen werden. Dieser verhältnismäßig geringe Nutzwildbestand war in den europäischen Urwäldern nicht durch Nahrungsmangel, sondern durch das den vorhandenen Wildbestand stark dezimierende große Raubwild (Wolf, Bär, Luchs) bedingt. Seit der Römerzeit gibt es schriftliche Überlieferungen. Aber das Interesse der Schriftsteller galt hauptsächlich den Menschen und den Kriegen. Nur aus knappen Hinweisen kann man auf den Zustand des Landes schließen. Tacitus schrieb zwar in seiner "Germania", Deutschland sei entweder ein schrecklicher Wald oder ein öder Sumpf gewesen. Aber das ist sicher nicht zutreffend. Denn wovon sollten die damals schon recht volkreichen Stämme ernährt werden, wenn es nicht schon weite Ackerflächen und Weideland gegeben hätte? Man muß bei diesen römischen Schilderungen bedenken, daß die Feldherren und Soldaten ihre Niederlage durch Schwierigkeiten zu entschuldigen suchten. Die Römer rodeten im Verlauf ihrer Besetzung relativ große Waldgebiete zur Gründung von Städten und zur Anlage von Gutshöfen. Sie brachten auch den Weinbau mit, und dieser verlangte nicht nur Rodungen von Waldgebieten, sondern auch eine völlige Umgestaltung der Landschaft. Unter den "Karolingern", insbesondere unter "Karl dem Großen" setzten große Waldrodungen ein. Seit damals wurde das Land fortlaufend entwaldet. Aber der Mensch verschwendet die Güter der Natur nicht ungestraft. Ursprünglich war das Holz der hauptsächliche Baustoff des Landmannes, sein einziges Brennmaterial, weil die noch fehlenden Transportmittel eine Ausnutzung der Torfmoore auf engen Umkreis beschränkte. Der gelichtete Wald diente als Weide für das Vieh, welches ständig die aufkommenden Jungwüche vernichtete. So folgte im Raume unserer engeren Heimat auf den Wald die Heide, und mit der Heide kam die Armut. An die Stelle der Rinder traten die Heidschnucken, die sich mit kargem Futter begnügten. Mit der Entwicklung des Verkehrswesens wurde die Notlage zunächst noch verschärft, weil die in Massen eingeführte australische Wolle die Schnuckenhaltung unrentabel machte. Die Rettung kam durch die Entwicklung des Kunstdüngers, der nun auf den armseligen, ausgelaugten Heideböden eine ertragreiche Landwirtschaft ermöglichte. Mit dieser Entwicklung kam auch die große Umkehr, die Wiederbewaldung unserer Heimat. Unter dem Einfluß der oldenburgischen Herzöge wurden seit etwa 1870 große Aufforstungen durchgeführt, und diese Wälder boten dann auch die Rettung aus den Nöten der Kriegsfolgen. Seitdem ist eine fortschreitend höhere Wertschätzung des Waldes und seiner Sozialfunktionen zu beobachten und es ist zu erwarten, daß diese Entwicklung weiter fortschreitet. Die Weltwirtschaft zwingt die Landwirtschaft, den Ackerbau auf Grenzertragsböden aufzugeben und die arbeitsextensive Waldwirtschaft einzuführen. Schon immer war Waldbesitz eine Sparkasse der Höfe, aus der die weichenden Erben und die Ausstattungen heiratender Töchter bestritten werden konnten, wenn er vorhanden war. So manches Mal hat der Wald den Hof in Krisenzeiten gerettet. Es sind aber nicht nur die in Geld ausdrückbaren Segenswirkungen, die den Wald für unser Leben so wichtig machen. Die fortschreitende Zusammenballung der Menschenmassen in Großstädten und Industriegebieten erfordert einen Ausgleich für die unnatürliche Lebensweise. Man spricht nicht ohne Grund von der grünen Lunge der Städte. Es ist aber nicht nur die rein gesundheitliche Auswirkung, die wir als einen Segen des Waldes betrachten müssen. Wohl ebenso wichtig sind die seelischen Einflüsse. Der Wert der klimatischen Auswirkungen der Wälder kann gar nicht hoch genug bewertet werden, obgleich sie sich in unserer gemäßigten Zone nicht so deutlich zeigen wie in klimatisch extremen Gebieten. Radikale Abholzungen würden zweifellos eine gefährliche Veränderung der gesamten Wasserhaushaltung nach sich ziehen. Der Balkan ist ein sehr eindrucksvolles Beispiel, denn die Entwaldung während der Türkenherrschaft hat in Macedonien, die Waldvernichtung durch Venedig in Istrien, zur vollständigen Verkarstung geführt. Der Lebensrhythmus geht mit seinen langen Zeiträumen weit über die menschliche Lebensdauer hinaus, und deshalb treffen Sünden am Wald die Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied. Umgekehrt wirkt sich der Segen des Waldes aus an denen, die nach uns kommen. "E w i g s e i d e r W a l d". |
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