Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1969: Blockhausbrief Nr. 14

Inhalt:

Titel
An den Mond
Das Geschenk
Bilder um den Lebenslauf der Lethe
Geschichte des Waldes - Erdgeschichte - Menschheitsgeschichte
Ruhe und Arbeit
Aus der Chorchronik des Oldenburger Jugendchores vom 12 Juli 1947
Der Kompaß
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 11.11.1968 bis 15.11.1969
 

Das Geschenk

Oberkirchenrat Dr. Hans Schmidt

Wenn wir einmal den neuen Brockhaus aufschlagen und uns dort über "Geschenk" informieren wollen, finden wir: "Ursprünglich handelt es sich um das ,zum Trinken Eingeschenkte'; seit dem 14. Jahrhundert ist es die ohne Entgelt dargereichte Sache ohne Absicht auf Gegenleistung'". Es lohnt sich immer, bei solchen Begriffen auf den ursprünglichen Sinn zurückzugehen, auch wenn ein Wort einen großen Bedeutungswandel erfahren hat. Hier ist offensichtlich der Bedeutungswandel gar nicht einmal so sehr groß, denn das Wesen des Geschenkes scheint mir gerade vom Eingeschenkten her, das dem Gast zur Erquickung angeboten wird, sehr gut verdeutlicht zu sein. Geschenk ist von dort her etwas Hingegebenes, das gleichzeitig den Empfänger erfreuen soll. Mit dem Eingeschenkten soll etwas von der Gastfreundschaft und der freundlichen Gesinnung dem Gast gegenüber in das Glas mit eingefüllt werden. Und wenn ich richtig die Gastfreundschaft gebrauche, nehme ich den Trunk auch in diesem Sinne.

Der Schenkende will den, dem er schenkt, nicht an sich binden, so daß er ihn sich verpflichtet, zum Wiederschenken herausfordert oder gar seine Partei ergreifen läßt. Dann ist das Geschenk mißbraucht. Auf der anderen Seite: Der Beschenkte soll diese Gabe in köstlicher Freiheit annehmen und sich nicht so gebunden wissen, daß er vom ersten Augenblick an zu überlegen hat: wie kann ich das wieder gutmachen und was muß ich wiederschenken. Bei dem Beschenkten aber wird - je weniger der Geber es will und je mehr er hinter dem Geschenk zurücktritt - das Bild des Schenkenden dauernd mit dem Geschenk verbunden bleiben, und es wird sich ein Verhältnis der Zuneigung, vielleicht sogar der Gemeinschaft ergeben können.

Blick auf's Gästehaus von der Küche

Ich glaube, daß in unserem Leben ungeheuer viel davon abhängt, ob wir recht schenken und uns recht beschenken lassen können. Unser Leben würde unendlich reich werden, wenn wir lernten, in Freiheit ohne Bindungsabsicht und in Liebe zu schenken, und wenn wir gleichzeitig uns so beschenken lassen könnten, daß wir noch etwas von der großen Freude des Kindes spüren, das eine herrliche Gabe bekommt.

Unsere Väter im Glauben haben ihr Leben, auch wenn es schwer war, als ein Geschenk aus Gottes Hand empfangen. So heißt es in einem Liede (EKG 247, Vers 2): "Es ist ja, Herr, dein G'schenk und Gab / mein Leib und Seel und was ich hab / in diesem armen Leben". Vor allem aber haben sie den Glauben an den dreieinigen Gott mit allem, was damit zusammenhängt, als die köstliche Gabe, "seine süße Wundertat" empfunden. Und ich meine, hier wären wir erst bei dem tiefsten Geheimnis des Geschenkes. Und wer das ein wenig verstanden hat, was ihm zuteil geworden ist durch Jesus Christus, seine Menschwerdung, seine Kreuzigung und Auferstehung, der wird hinfort besser darum wissen, was es mit einem Geschenk - und sei es auch das geringste - auf sich hat, wie sehr Schenken in Freiheit geschehen muß und wie stark es mit Liebe verbunden ist. Wie könnte unser Leben reich sein, wenn wir so recht schenken und uns beschenken lassen könnten!


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