Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1969: Blockhausbrief Nr. 14

Inhalt:

Titel
An den Mond
Das Geschenk
Bilder um den Lebenslauf der Lethe
Geschichte des Waldes - Erdgeschichte - Menschheitsgeschichte
Ruhe und Arbeit
Aus der Chorchronik des Oldenburger Jugendchores vom 12 Juli 1947
Der Kompaß
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 11.11.1968 bis 15.11.1969
 

Aus der Chorchronik
des Oldenburger Jugendchores
vom 12. Juli 1947

Fünf englische Lastkraftwagen, beladen mit 90 Mädchen und Jungen des Oldenburger Jugendchores, rollten mit Südkurs vom Pferdemarktplatz. - Endlich war einer unserer großen Wünsche in Erfüllung gegangen: die Chorwoche im Blockhaus Ahlhorn wurde Wirklichkeit. -

Nach einer schnellen Fahrt von 40 Minuten waren wir schon am Ziel. Alles stand erwartungsvoll in einem wilden Durcheinander von Koffern, Taschen, Bündeln, Musikinstrumenten usw., begrüßte die Blockhäuser als alter Bekannter oder bestaunte sie als einer, der sie zum ersten Male sah, und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Sie kamen zunächst in der Gestalt von Herbert Mohnike, der dafür sorgte, daß alle Schlafdecken erhielten und im großen Haus, in der Jungenburg oder im Zeltlager untergebracht wurden. Dann hatte jeder Zeit, sich in seinem Quartier heimisch einzurichten.

Das Evangelische Jugendheim "Blockhaus Ahlhorn" liegt zweifellos in einer der schönsten Gegenden unseres Oldenburger Landes. Fast gänzlich abgeschnitten von der aufgeregten geschäftigen Welt sind die Blockhäuser in der großen Einsamkeit der Kiefernwälder, die dem Städter so wohltut und deren Stille sich ihm fast spürbar auf die Ohren legt.

Inmitten von Bäumen und Rasenflächen liegt das Zentrum des Heimes, die zwei größeren Blockhäuser, in denen sich viele große und helle Räume, Gastzimmer, die Räume der Heimleitung und die Küche befinden. Etwas abseits im Walde steht auf einem kleinen Hügel das dritte Blockhaus, die sogenannte Jungenburg.

Trompete

Auf einem großen freien Platz ist zwischen den beiden Fischteichen, die das ganze Gebiet des Heimes begrenzen, das Zeltlager aufgeschlagen. -

In dieser herrlichen Waldeinsamkeit sollten wir nun ad libitum mit unserer Zeit verfahren, uns eine Woche lang ausschließlich unserer Arbeit widmen können, ohne von irgendwelchen Dingen abgelenkt oder gehindert zu werden. Eine Woche lang durften wir ganz unter uns sein. Diese Erkenntnis bewirkte begreiflicherweise, daß uns der ohnehin schon strahlende Julihimmel ganz voller Geigen hing.

In der ersten Nacht hatten wir noch nicht die nötige Bettschwere und Erfahrung in Bezug auf den Kampf gegen Mücken und Morgenkühle. Doch das war in den folgenden Nächten schon wesentlich anders. Während die Weckchorgruppe am Sonntagmorgen mit dem Lied "Es tagt, der Sonne Morgenstrahl weckt alle Kreatur" kaum noch jemanden aus dem Schlaf schreckte, weil schon fast alle munter oder aufgestanden waren, kam es an den folgenden Tagen öfter vor, daß einige noch immer fast in Morpheus Armen lagen, sich von den Anstrengungen des Vortages ausschliefen und mit dem unschuldigen Gesicht eines Schläfers das harmonische Wecken (welch ein angenehmer Unterschied zur Trillerpfeife in den ehemaligen HJ-Lagern!) glatt überhörten. Zur Morgentoilette ging es an oder in die Teiche. Nur die Bewohner des großen Hauses waren in der glücklichen Lage, in den Zimmern fließendes, wenn auch nicht trinkbares Wasser zu haben.

Um 8 Uhr rief uns die Glocke zum gemeinsamen Frühstück, das wir, ebenso wie die übrigen Mahlzeiten, wegen des herrlichen Wetters, draußen am Ufer eines der Teiche einnahmen.

Wenn man einmal in der Mittagspause nichts vorhatte und spazierengehenderweise durch das Lager und die Umgebung bummelte, dann konnte man von überall her geheimnisvolle Geräusche vernehmen, die sich vor dem Ohr zu einem richtigen "Klangbrei" vereinigten. Vom Helenenteich her tönte das Lachen derer, die die Theorie des Madrigals "Fahren wir froh im Nachen" in die Praxis umsetzten. Irgendwo im Gebüsch übte jemand Geige, etwas weiter abseits blies einer Flöte, ganz von fern tönte Harmonikamusik herüber, dann hörte man deklamierende Stimmen einer Gruppe, die heimlich ein kleines Laienspiel einübte, daneben fand eine Scharadenprobe statt. Nur im Lager selbst war es still, denn es war untersagt, die wirklich Ruhenden zu stören. Mit geräuschvollen Beschäftigungen hatte man sich in die Wälder zu verziehen.

Guitarre

Unser Tagesplan mit Chorsingen, Tanzen, Instrumental- und Laienspiel ging bis 22 Uhr, doch war es meist noch später wenn wir uns zum Tagesausklang zur Abendrunde draußen auf dem Rasen im Kreise aufstellten. Abendlieder. sangen, einige Abendgedichte sprachen und uns eine gute Nacht wünschten.

Zu Beginn der Woche hatten wir gemeint, wie lang doch eine Woche sei, aber als die Wochenmitte vorüber war, rückte der letzte Tag mit unheimlicher Schnelligkeit heran. Am Schlußtag erfaßte uns richtige Abschiedsstimmung. Sogar der Himmel, der die ganze Woche in vorbildlicher Weise gestrahlt hatte, weinte ein paar Tränen.

Kurze Zeit später kündete ein großes Gebrumm die Ankunft der Autos.

Obwohl es uns allen sehr leid tat, daß die schöne Zeit in diesem Paradies so rasch verstrichen war, verlief die Rückfahrt in der üblichen frohen Jugendchorstimmung. Wovon sprach man doch in der Hauptsache? - Von der nächsten Chorwoche im Blockhaus Ahlhorn! Es war ja bis dahin nur ein einziges Jahr!


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